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Reisereporter Nasser wird’s nicht mehr
Reisereporter Nasser wird’s nicht mehr
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18:57 31.03.2009
Von Stefan Stosch
Immer wieder taucht das Boot beim Rafting für einige Sekunden im Wasser ab – die besondere Herausforderung: Es geht flussaufwärts. Quelle: Nova Scotia Tourism
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Die Warnung von Kapitän Archie klingt ein wenig übertrieben: „Bekommt keine Panik, wenn euch die erste Welle trifft“, sagt er. „Es dauert nur einen Moment, und dann könnt ihr gleich wieder atmen.“ Welle? Atemnot? Gewiss, der Fluss Shubenacadie fließt recht schnell, ist aber an einigen Stellen nur ein paar Zentimeter tief, dazwischen erheben sich rötlich-schlammige Sandbänke. Über uns kreisen Weißkopfseeadler, alles sieht sehr friedlich aus – wären da nicht die Spuren der Flut hoch oben an den Felswänden.

Und dann kommt das Wasser. Allerdings von der falschen Seite, aus Richtung des Atlantiks. Immer höher baut sich die Welle auf, rollt auf uns zu und schießt schließlich mit gut zweieinhalb Metern über die Gummiwand unseres motorisierten Schlauchboots hinweg.

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Prustend und pitschnass tauchen wir wieder auf. Und das war erst der Anfang unseres Wildwasserraftings flussaufwärts in der kanadischen Provinz Nova Scotia. Immer wieder steuert Archie das Boot in die Wellen hinein, und wir klammern uns an der Bordwand fest. Immer wieder ist das Boot für Momente unter den Wassermassen verschwunden. Am Ende lassen wir uns mit unseren Schwimmwesten rückwärts in den Fluss fallen. Nasser wird’s nicht mehr.

Extravagante Natur

Nur hier in der Bay of Fundy sind diese einzigartigen Wasserspiele möglich. Der Tidenhub misst bis zu 16 Meter, mehr als irgendwo sonst auf der Welt. Bei Flut strömt das Wasser mit Wucht in die Bucht hinein, wenige Stunden später kann man auf dem Meeresgrund schon wieder spazieren gehen.

Die Menschen an der Ostküste Kanadas haben gelernt, mit der extravaganten Natur zu leben. Im Hafen des Städtchens Parrsboro werden die Boote an einem haushohen Pier festgemacht. Nur bei Flut können die Fischer in See stechen oder ihren Fang anlanden. Bei Ebbe liegen die Boote tief unten im Schlick. Wie Fische auf dem Trockenen.

Auf der Anlegestelle stapeln sich Körbe aus Holz. Das sind die Fallen für eine kostbare Meeresbeute – die Hummer. 150.000 kanadische Dollar (gut 100.000 Euro) kostet die Lizenz, um den Krustentieren nachzustellen. Es scheint sich zu lohnen.

Auch für die Besucher: Sie finden bezahlbaren Hummer auf der Speisekarte. Der Umgang mit den Tieren bei Tisch fällt rabiater aus als in deutschen Edelrestaurants. Dem Gast wird eine Schürze umgebunden, er selbst mit einer Zange bewaffnet. Das Essen mit den Händen ist erlaubt. Auch Lutschen, Knabbern, Saugen an Hummerbeinen gehen in Ordnung. Mancherorts wird der Lobster sogar als Fast Food angeboten – als McLobster-Burger.

So etwas gibt es wohl nur in einer Ecke der Welt, die sich damit rühmt, an keinem Punkt weiter als gut 50 Kilometer vom Wasser entfernt zu sein. 7500 Kilometer misst die Küstenlinie. Nova Scotia ist eine Halbinsel, die nur an der Grenze zu New Brunswick mit dem kanadischen Festland verbunden ist. Eine knappe Million Einwohner verliert sich zwischen blauen Buchten und grün bewaldeten Inseln. Wer im Norden den Brückendamm nach Cape Breton Island passiert hat, bestaunt spektakuläre Steilküsten. Der Cape Breton Highlands National Park ist Treffpunkt für Wanderer und Camper – und ein gute Adresse für Whale-Watching-Bootstouren.

Kein Wunder, dass die ersten französischen Siedler dieses liebliche Land Acadia tauften. Auch deutsche Auswanderer – einige davon aus Hannover – ließen sich hier nieder, wie Grabsteine und Straßennamen bezeugen. Doch ein friedliches Paradies war Nova Scotia nie. Mitte des 18. Jahrhunderts wurden die französischen Einwanderer, Acadiens genannt, von den Briten deportiert: Das Land war englische Kolonie geworden.

Vor der Waterfront des Städtchens Pictou dümpelt ein originalgetreuer Nachbau des Schiffes „Hector“. Mit diesem Segler kamen 1773 die ersten schottischen Siedler. Auch ein Dudelsackspieler war an Bord – obwohl der arme Mann die Überfahrt nicht hatte bezahlen können. Doch wollten die anderen nicht auf den musikalischen Glücksbringer verzichten. Geholfen hat es nicht: Schon unterwegs starben 18 Auswanderer an Pocken, zumeist Kinder. Nach beinahe drei Monaten auf stürmischer See erreichten die Überlebenden das gelobte Land und tauften es Nova Scotia.

Die Erinnerung an die schottische Herkunft wird heute nicht allein in Pictou gepflegt. Das Keltische sei wieder im Kommen, sagen Kinnon und Andrea Beaton, die das Celtic Music-Centre auf Cape Breton Island betreiben. Vater und Tochter bringen den Besuchern in acht Minuten das Geigenspielen bei – oder jedenfalls ein Gefühl fürs Instrument. Fürs Stepptanzen brauchen sie fünf.

Friedliebende Menschen

Natürlich lebten vor den Europäern schon andere Menschen auf der Halbinsel. Den ersten Bewohner bekommt man in Truro in imposanter Gestalt zu sehen: Mehr als 13 Meter ist der Riese vor dem Museum groß, Glooscap sein Name – ein indianischer Gott, der nach der Legende per Paddelschlag ganze Inselteile erschaffen haben soll.

Im Glooscap Heritage Center wird der Besucher über das Schicksal der Micmac-Indianer informiert. Sofern sie selbst davon wissen: In einem Fotoalbum sind Kinder und Alte, Männer in Uniformen und Frauen bei Familienfesten abgebildet. Auf jeder Seite ist unten Raum für Notizen: „Bitte tragen Sie Informationen über diese Leute ein“, ist dort zu lesen. Viele Seiten sind jedoch leer. Heute leben etwa 13.000 Micmac in Nova Scotia. Die Suche nach der eigenen Kultur hat erst begonnen. Inzwischen tragen die jungen Leute wieder stolz Tattoos, die sie als Micmac ausweisen.

Viele Ethnien – neben Micmac und Europäern auch Afrikaner – leben heute in Nova Scotia zusammen. Friedlich ist es inzwischen jedenfalls: Kaum jemand schließt seine Haustür oder sein Auto ab. Sogar in der Provinzhauptstadt Halifax können Fußgänger sicher sein, dass Autofahrer ihnen Vortritt lassen. Fürs Extreme ist allein die Natur zuständig – zum Beispiel auf dem Fluss Shubenacadie.

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