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Reisereporter Orlando bietet mehr als nur Disney World
Reisereporter Orlando bietet mehr als nur Disney World
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12:27 04.04.2013
Von Heike Schmidt
Foto: Märchenhafter Küstenstrich: Entlang den Seen in und um Winter Park stehen prachtvolle Bauten, die einst von vermögenden und berühmten Personen als Ferienhäuser errichtet wurden.
Märchenhafter Küstenstrich: Entlang den Seen in und um Winter Park stehen prachtvolle Bauten, die einst von vermögenden und berühmten Personen als Ferienhäuser errichtet wurden. Quelle: Schmidt
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Orlando

Edward Hill Brewer muss seine Frau sehr geliebt haben. Ohne sie wollte er auf keinen Fall nach Winter Park ziehen. Doch Eda wollte nicht weg aus New York. Dort hatte die Industriellenfamilie ein schönes Haus, das Mrs. Brewer auch in den kalten Wintermonaten nicht missen wollte. Doch ihr Mann liebte das Klima im sonnigen Florida mindestens genauso wie seine Frau, und er liebte auch die Landschaft vor den Toren Orlandos, wo sich die High Society und der Geldadel aus New York, Boston oder auch Chicago alljährlich von November bis März in exquisiten Ferienhäusern rund um die Seen wie den Lake Osceola trafen.

Und da Mister Brewer ein eher zupackender Unternehmer und ein Mann mit dem entsprechenden Kleingeld war, überlegte er sich eine für ihn simpel umzusetzende Lösung: Er ließ sein New Yorker Haus in Winter Park exakt nachbauen. Seine Frau musste nicht auf ihre Villa, er nicht auf seine Gattin und beide nicht auf das Klima verzichten. Alle waren zufrieden. Und als seine Tochter am 28. März 1916 Fred Wooley heiratete, flüsterten sich die Damen der Society zu, es sei die schönste Freiluft-Hochzeit gewesen, die Winter Park jemals gesehen habe.

Noch heute sind die Villen der Industriellen zu sehen, die in den Wintermonaten nach Florida kamen, um der Kälte des Nordens zu entfliehen. Sie waren die ersten Touristen, die die Gegend rund um Orlando lieben lernten. Die meisten ließen ihre Häuser an den Seen von Winter Park bauen, einem kleinen Ort mit einer Hauptstraße an der - gemessen an ihrer Länge - inflationär viele Galerien, hübsche kleine Restaurants, Designerläden oder auch exklusive Gewürz- und Teeläden einen Platz gefunden haben. Da viele dieser Villen direkt am Wasser liegen, empfiehlt sich eine Bootstour, um die Winterfrische der Reichen und Schönen, des Geldadels und der Society zu begutachten.

Die Ureinwohner Floridas wohnen in den Seen - Alligatoren

Wendell beispielsweise bietet eine solche Tour an. Der Pensionär weiß nicht nur, dass sich einst ein deutscher Arzt mit Namen Dr. Hinkel am See niederließ und dass eine Behandlung bei ihm 25 Cent oder fünf Hühner kostete, sondern auch, in welchem Haus Tom Hanks seine Ferien verbrachte oder wo Mr. and Mrs. Rich zu logieren bevorzugten, wie der „Pill Hill“, zu Deutsch der „Tablettenhügel“, zu seinem Namen kam („dort wohnten die meisten Ärzte“) und dass es immer noch nicht ganz ungefährlich ist, in den Seen baden zu gehen. Denn hier wohnen noch die Ureinwohner Floridas - die Alligatoren. Doch den meisten Villenbewohnern scheinen die Tiere nichts auszumachen - sie haben gelernt, mit der Angst zu leben, und sie haben eh ihre Swimmingpools am Haus.

Die meisten der prachtvollen Bauten stammen aus der Zeit „bD“ - before Disney, wie die alten Familien in Winter Park sagen -, aus der Zeit, bevor Walt Disney die Gegend rund um die Metropole Orlando für seine Parks, Magic Kingdoms oder Sea-Worlds entdeckt hatte. Es war Ende des 19. Jahrhunderts, Anfang des 20. Jahrhunderts, als es sich noch nicht viele Menschen leisten konnten, in den Süden vor dem Winter zu fliehen.

In Winter Park scheint die Zeit auch heute noch ein wenig stillzustehen. Wären auf den Seitenstreifen nicht die Nobelkarossen der Marken Porsche, BMW oder auch einmal ein Mini geparkt, man könnte zwischen denen im neuenglischen Stil erbauten Häusern den großen Jay Gatsby - Namensgeber der berühmten Novelle von F. Scott Fitzgerald - vermuten, der mit seiner Daisy dort umherspaziert. Denn auch das ist Orlando: Stille mit Stil. In Orlando müssten die beiden noch nicht einmal auf eine New Yorker Tradition verzichten: Jay und Daisy könnten im Waldorf Astoria logieren. Die Schwester des New Yorker Nobelhotels wurde 2009 eröffnet und bietet alle Annehmlichkeiten, die auch die Luxusherberge im Norden vorhält: Sogar das legendäre Restaurant Bull & Bear mit seiner exquisiten Speisekarte gibt es dort. Zudem ist es zur Walt Disney World nur ein Katzensprung. „Wir haben hier Familien, die beides wollen: Entertainment und Ruhe“, erklärt Suzanne Stephan, Marketingchefin. Tagsüber mit den Kindern zwischen Micky und Minni Maus bei Disney herumtollen, abends im Restaurant entspannen. „Wir bieten auch einen Kids-Klub und einen Babysitterdienst an, damit die Eltern abends einmal entspannen können“, erklärt sie.

Von Orangenplantagen bis zu Disney

Denn natürlich gehört Disney zu Orlando wie die Orangenplantagen, die Florida einst groß gemacht haben. Und auch die gibt es noch zu entdecken - beispielsweise auf der Orangenplantage von John Arnold. Dort wachsen noch heute 50 verschiedene Arten von Orangen, Pomelos oder auch Grapefruit. Einst wurden sie als beliebtes Weihnachtsgeschenk verschickt, heute werden sie zu Biosaft gepresst und landen in den Kühlregalen des Supermarktes. Mit dem Ausbau der Eisenbahnstrecke nach Zentralflorida boomte 1880 die Zitruswirtschaft, die allerdings nur 14 Jahre später ein jähes Ende finden sollte: Der Winter 1894/95 war so kalt, dass die Nachtfröste 95 Prozent der Zitruspflanzen zerstörten. Doch gleichzeitig geschah etwas, womit niemand auf Anhieb gerechnet hatte: Die Touristen kamen. Das Reisen wurde dank Eisenbahnen und Automobilen einfacher, und die Urlauber wollten Abwechslung. Die ersten Themenparks entstanden: 1936 eröffnete Cypress Gardens. 1949 kam das Florida Wildlife Institute hinzu, das 1954 in Gatorland umbenannt wurde und das bis heute existiert.

Tim Williams ist einer der ältesten Mitarbeiter von Gatorland, in dem rund 700 Alligatoren und Krokodile leben. „Krokodile haben 73 Zähne, Alligatoren 82 Zähne“, erklärt er. Da das aber im Zweifelsfall keinen Unterschied macht, warnen überall Schilder, man solle auf gar keinen Fall Kinder über die Brüstungen der Gehege heben. Wer hineinfällt, ist verloren. Allein die Ibisse, die auf ihren Rücken surfen, werden geduldet. In einem der Gehege wohnt ein ganz besonders gewichtiges Exemplar von Krokodil: Chester wiegt an die 1000 Pfund. Einst lebte er in Freiheit. Doch da er am liebsten Hunde aus der Nachbarschaft fraß, hatten seine menschlichen Mitbewohner irgendwann einmal die Nase voll und machten Jagd auf ihn. „Dann kam er zu uns“, erklärt Williams. Gatorland rettet ihm das Leben.

Alligatoren retten? Die beiden älteren Damen sind empört. Nie, aber auch wirklich nie würden sie eines dieser Biester retten. Schließlich wohnten die Familien schon seit Jahrzehnten in Florida, und den gefräßigen Urzeitechsen konnte noch niemand etwas Positives abgewinnen. Nein, nach Gatorland würden sie nie gehen.

Ruhig zieht das kleine Boot von Wendell über den Lake Osceola, gleitet durch den Kanal in den Virgin Lake. Die Villen, die hier einst als Ferienhäuser gebaut wurden, stellen manche hochherrschaftlichen Häuser in Deutschland in den Schatten. Säulen tragen Emporen und hohe Fenster, davor parkähnliche Gärten, mit kleinen Tempeln und Bootshäusern, die zum Verweilen einladen. Krokodile tauchen nicht auf. Dafür dümpeln gepflegte Holzboote am Steg. Nur auf einem, da sonnt sich eine Wasserschlange. Wie ein drapiertes Dekostück für die Wildnis, die hier einmal war, liegt sie auf dem sonnenwarmen Holz. Sie sei ungiftig, versichert Wendell und schlägt einen neuen Kurs ein: „Und hier ist das Haus, das Tom Hanks für die Ferien gemietet hatte.“ Das Haus der Brewers haben wir längst hinter uns gelassen.

Anreise

Zahlreiche Airlines fliegen Orlando von Frankfurt aus täglich an. Lufthansa bietet beispielsweise Flüge ab 800 Euro an (eine Strecke).

Bootstour

Das Unternehmen Scenic Boat Tours bietet täglich von 10 bis 16 Uhr Touren über die Seen bei Winter Park an. Erwachsene zahlen 12 Dollar, Kinder von zwei bis elf Jahren 6 Dollar.

Villen in Winter Park

Wer wissen möchte, wie einst die High Society in Winter Park wohnte, kann die Casa Feliz besuchen. Die Villa ist heute ein Museum, in dem sonntags kostenlose Konzerte zu hören sind.

Gatorland

Der Park ist täglich von 10 bis 17 Uhr geöffnet. Besucher ab 13 Jahren zahlen 24,99 Dollar, Kinder ab drei Jahren 16,99 Dollar.

Weitere Informationen unter: