Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Reisereporter Eisige Schönheit
Reisereporter Eisige Schönheit
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
15:37 29.03.2015
Von Stephan Fuhrer
Warm anziehen: Mit der richtigen Kleidung können Touristen, wie hier nahe dem Gullfoss-Wasserfall, auch im isländischen Winter Spaziergänge genießen. Quelle: Fuhrer
Anzeige

Er ist türkisblau, aalglatt und fühlt sich eiskalt an. So kalt, wie man das von einem Gletscher auch erwarten kann. Keine Spur von der Hitze, die bei dem Vulkanausbruch noch vor fünf Jahren unter diesem Eisgiganten geherrscht haben muss. Das ist jetzt also der Eyja- fjallajökull, jener Gletscher, der Flugreisende und Nachrichtensprecher in ganz Europa zu Wut- und Schweißausbrüchen getrieben hat? „Ja, das ist er“, sagt Reiseführer Þorvarður Ingi Þorbjörnsson, kurz Ingi genannt, und streichelt das Eis beinahe zärtlich. Isländer und ihre Natur - das ist eine echte Liebesbeziehung.

In diesen Wintermonaten ist es allerdings alles andere als leicht, an Islands bekanntestes Naturschauspiel zu gelangen. Eine geteerte Straße gibt es zu der ins Tal ragenden Gletscherzunge nicht. Und selbst die notdürftig angelegte Schotterpiste verliert sich irgendwann in der von Schnee und Eis bedeckten Ebene. Hier schoss im Februar 2010 die Flutwelle aus geschmolzenem Gletschereis in Richtung Küste, riss Felsbrocken, Geröll und Straßen mit sich und formte eine neue Landschaft. Die Auswirkungen sind noch immer zu spüren. „Das sieht hier jede Woche anders aus“, sagt Ingi, während er seinen Supergeländewagen über Bäche und krachende Eisplatten lenkt. Obwohl er mit seinem Geländegänger mittlerweile regelmäßig Touristen durch das weite Þórsmörk-Tal führt, muss er immer wieder neue Wege finden.

Anzeige

Der Tourismus boomt

Island und sein Eyjafjallajökull - das ist eine schicksalhafte Verbindung. Dabei ist der Ausbruch des Eyjafjöll, des Vulkans unter dem Gletscher, bei Weitem nicht der heftigste in der jüngeren Zeit. Der bis vor Kurzem aktive Bárðarbunga im Inselzentrum förderte zuletzt deutlich mehr Lava zutage - doch weil der Eyjafjöll unter dem Eis ausbrach, war dieser deutlich explosiver. Die folgende Aschewolke, die tagelang den Flugverkehr über weiten Teilen Europas lahmlegte, hat dem kleinen Land zu einem Zeitpunkt Aufmerksamkeit beschert, als es gerade im Begriff war, sich neu zu erfinden. Nach dem Finanzcrash 2008 und der Beinahe-Staatspleite suchten die Isländer einen Ausweg aus der Krise - und fanden ihn unter anderem im Tourismus. Im vergangenen Jahr kamen eine Million Besucher und damit doppelt so viele wie noch vor dem Ausbruch. Das sind dreimal mehr Menschen, als das Land Einwohner hat.

Manche von ihnen wollen alles ganz genau wissen. Für Guðný Valberg und Olafur Eggertsson war es mit der Ruhe im Süden der Insel jedenfalls vorbei, nachdem direkt hinter ihrem Hof der Eyjafjöll ausgebrochen war. Zuerst mussten sie vor der schwarzen Aschewolke fliehen und durften nur unter Militärschutz zurück, um die Kühe zu melken. Danach kamen die Journalisten, und dann standen immer mehr Touristen auf ihrem Hof. Dabei hatte das Ehepaar auch so genug zu tun. Zwar hatten sie Glück, dass die Lavaströme ihr Haus verschont hatten. Doch die meterdicken Asche- und Schlammmassen mussten nach und nach entfernt, die Strom- und Wasserversorgung wieder aufgebaut werden. Der Andrang belastete das Paar. „Wir hatten ja nicht mal genügend WC-Möglichkeiten für die ganzen Leute“, erzählt Guðný Valberg.

Schwarze Lavastrände an der Südwestküste

Aus der Not heraus entstand die Idee, unweit ihres Hauses ein kleines Museum aufzubauen. In einem Film zeigt das Ehepaar den Besuchern nun die Geschichte ihrer Familie. Mehr als 40 000 Gäste kamen im ersten Jahr nach der Eröffnung, 2014 waren es bereits mehr als 70 000. Mittlerweile ist aus der Eigeninitiative ein profitables Geschäft geworden. Auf dem Kassentisch stehen kleine, auf Holzsockel geklebte Lavabrocken zum Verkauf.

Keine Frage: Kreative Ideen sind hier draußen ein Schlüssel zum Erfolg. Denn während in und um Reykjavík, wo gut zwei Drittel der Gesamtbevölkerung der Insel leben, die Hotels dauerbelegt sind, ist es in weiten Teilen des übrigen Landes menschenleer - gerade jetzt in den kälteren Monaten. Dabei finden Touristen in der Einsamkeit das, was Island so einmalig macht: eine atemberaubende Landschaft, geschaffen aus Feuer und Eis. Kilometerlang ziehen sich die schwarzen Lavastrände an der Südwestküste. An Felswänden und in Flussschluchten stürzen unzählige Wasserfälle hinab, die bekanntesten - etwa der zweistufig ins Tal krachende Gullfoss - ziehen auch jetzt bei Schnee und eisigem Wind zahlreiche Besucher an. Amerikaner zum Beispiel, die auf ihrem Flug nach Europa einen Zwischenstopp auf Island einlegen und von Reykjavík in Bussen zu den erreichbaren Hotspots der Insel gekarrt werden - im wahrsten Sinne, denn auch die aus dem Boden sprudelnden Geysire oder heiße Naturbäder wie die Blaue Lagune nahe dem Flughafen Keflavík gehören zu den Höhepunkten.

Pausenlos sprudelnder Strokkur-Geysir

Doch auch abseits dieser Naturschauspiele nimmt der Fremdenverkehr zu. „Als ich jung war, kannte ich noch jedes Auto, das hier vorbeifuhr“, erzählt der 33-jährige Sölvi Arnarrson. Das habe sich inzwischen geändert. Die Familie erkannte die Chance und stellte ihr Konzept vor anderthalb Jahren komplett auf den Kopf. Seither erwartet Gäste auf dem Efstidalur-II-Hof ein Farmhotel mit Restaurantbetrieb - nah genug an Ausflugszielen wie dem Gullfoss oder dem pausenlos sprudelnden Strokkur-Geysir, und doch irgendwo im Nirgendwo. Im urgemütlichen Gastraum werden köstliche Burger und frische Eiscreme aus eigener Produktion serviert. „Alles naturbelassen“, versichert Solvi. Die Rohstofflieferanten gleich nebenan sehen bizarrerweise zu. Die Bauernfamilie hat in die Wand zwischen Restaurant und Kuhstall Fenster einsetzen lassen.

Reiseveranstalter wie Ann-Cathrin Bröcker von Island Pro Travel freuen sich über so viel Eigeninitiative. Denn außerhalb Reykjavíks mangelt es nach wie vor an touristischer Infrastruktur. „Die ist aber nötig, um den wachsenden Besucherzahlen Herr zu werden, sie besser über das Land zu verteilen und den Gästen auch Touren im Winter zu ermöglichen“, sagt Bröcker. Das schone im Umkehrschluss auch die Natur.

Auch Isländer sehen das so, schließlich genießen viele von ihnen jede freie Minute in der Landschaft, fahren mit ihren Geländegängern am Wochenende in die abgelegensten Winkel und suchen das nächste Naturschauspiel. „Als der Eyjafjöll aktiv war, bin ich wie viele andere mit Freunden hingefahren“, erzählt Tourenführer Ingi auf dem Rückweg vom Gletscherbesuch. Während halb Europa im Verkehrschaos versank, hätten sie sich das Spektakel so oft wie möglich angeschaut - und dabei in aller Ruhe gepicknickt.

Service

Anreise
Verschiedene Fluggesellschaften fliegen von mehreren deutschen Flughäfen aus mehrmals pro Woche nach Reykjavík, zum Beispiel die isländische Fluglinie Wow-Air von Berlin-Schönefeld.
www.wow-air.de
Beste Reisezeit
Die beliebtesten Reisemonate für Island sind Juli und August. Doch auch im Winter lässt sich das Land erkunden, mit ein wenig Glück lassen sich am Himmel dann sogar Polarlichter ausmachen. In Küstennähe herrschen dabei wegen des Golfstroms relativ milde Temperaturen vor. Im Landesinneren ist es deutlich kälter. Ideal ist deshalb eine wetterfeste, warme Kleidung, die nach dem Zwiebelprinzip wieder abgelegt werden kann.
Gletschertouren
Geführte Touren mit dem Geländewagen ins Eyjafjallajökull-Gebiet organisieren verschiedene Reiseanbieter wie beispielsweise Island Pro Travel. Die mehrstündigen Fahrten für vier Personen kosten nach Absprache zwischen 600 und 800 Euro.
www.islandprotravel.de
Weitere Informationen
www.iceland.is
www.secretlagoon.is
www.efstidalur.is
www.bluelagoon.com

Reisereporter Mallorca in der Vorsaison - Alles so schön ruhig hier
Stefan Stosch 17.03.2015
21.02.2015
Reisereporter Gastfreundlich und offen - Iran – im Land der Gegensätze
14.02.2015