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Reisereporter Rundreise durch Japan
Reisereporter Rundreise durch Japan
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17:05 08.10.2012
Der Itsukushima-Schrein auf der japanischen Insel Miyajima.
Der Itsukushima-Schrein auf der japanischen Insel Miyajima. Quelle: Fotolia.com
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Tokio

Ordnung muss sein. Da ist sich der alleinreisende Mittsechziger sicher, der im reservierungspflichtigen Shinkansen die Kontrollmechanismen im Alltag Japans kommentiert. Wir befinden uns in einem Land für Ordnungsliebende. Schlange stehen haben wir im englischen Königreich ausreichend geübt. Doch in Japan weist ein höflicher Angestellter darüber hinaus darauf hin, welchen Winkelverlauf diese Schlange zu nehmen hat.

Saubere Straßen kennen wir von Singapur. Aber dass ich acht volle Tage lang vergeblich nach einem achtlos weggeworfenen Bonbonpapierchen Ausschau halte, das sich eine befreundete Künstlerin als Mitbringsel wünschte (wo immer sie das in ihre Pappmachékonstruktionen einkleben wollte, werde ich nun nie erfahren), darüber werde ich mich weiter wundern. Umso mehr, da Abfallbehälter in Nippons öffentlichen Räumen selten sind.

Wie die Sache mit dem unsichtbaren Müll funktioniert, gehört zu den ersten Regeln, mit denen unsere junge Reiseleiterin die ihr anvertraute Gruppe vertraut macht. „Liebe Gäste, ich danke Ihnen, dass Sie kein Papier und keine Flasche im Bus zurücklassen“, belehrt uns Hikomi lächelnd und mehrfach verbeugend. Ihr Deutsch hat sie in Hamburg gelernt. Und dabei die Ordnungsliebe ihrer Landsleute nicht verlernt.

Das Klischee vom ewig freundlichen Asiaten bestätigt diese Reise nicht nur, die japanische Sonderform der Bücklinge allüberall und die unablässige Wiederholung der „aligatoh gosaimass“ (bedeutet ein höflichstes Dankeschön) steigert es noch. Viele Hundert Male werden wir es hören, jedes Mal mit einer mehr oder weniger tiefen Verbeugung gepaart.

„Japan zum Kennenlernen“ verspricht die Gruppenreise, an der ich teilnehme. Mit Bus und Superexpresszug Shinkansen und mit 33 Reisenden, die sich dem Land der Gegensätze aussetzen.

Wer diese Runde mit den Japanern vergleichen möchte, die in acht Tagen Europa erkunden, der vergleicht durchaus richtig. Nur die Vorzeichen sind verändert: statt Rothenburg ob der Tauber, Eiffelturm und Manneken Pis also die Millionenmetropole Tokio, der Fuji, Hiroshima und Kyoto. Alles Städte in zeitgemäßem Beton und dazwischen eine raffiniertere und exotischere Gartenanlage und grandiosere Tempelanlage nach der anderen - shintoistisch und buddhistisch, friedlich vereint. Geheiratet wird gern nach Shinto-Ritual, zwei Hochzeitspaare haben wir beim Fotografieren sogar entdeckt; bei der Sterbezeremonie bevorzuge man buddhistische Zeremonien, werden wir belehrt.

Die „Lunchbox“, wenig Sushi meisterlich verpackt, besorgt sich jeder an der Autobahn-Raststätte selbst, gegessen wird im Bus. Der Stopp dauert 15 Minuten, inklusive „Biopause“. „Vielen Dank, liebe Gäste, dass Sie pünktlich wieder zurück sind.“ Wir wissen warum: Wir wollen Tempel und Gärten sehen und vor allem fotografieren.

Am ersten Tag in Tokio lasse ich mich allerdings von den wuseligen Einkaufsgassen, die zum Senso-ji-Tempel hinter unserem Hotel führen, mehr faszinieren als von der Nachbildung der 1651 errichteten Holzkonstruktion. Vor den Augen der Passanten zubereitetes Reisgebäck muss probiert werden. Ebenso das Grüntee-Eis und der (Salzwedeler bitte darüber hinweglesen) Grüntee-Baumkuchen. Er ist tatsächlich so grün wie taufrisches Moos.

Erprobte Japanreisende kennen die kulturellen Höhepunkte längst, die uns nonstop präsentiert werden. Es sind die Klassiker: der Meiji-Schrein in Tokio, die monumentalen Buddhas in Nikko, die in die Tausende gehenden Kinderbuddhas in Kamakura, der Korakuen-Garten in Okayama, der steinerne Zen-Garten vom Ryoanji-Tempel in Kyoto oder der Itsukushima-Schrein auf der heiligen Insel Miyajima. Sein rotes, in den Fluten des Pazifiks stehendes Tor ist auf Millionen Fotos längst verewigt; mein amateurhafter Schnappschuss zählt nun auch dazu. Eindringlichere Erinnerungen habe ich jedoch an all die wilden Rehe, die sich frei auf Miyajima bewegen. Schon an der Fähre warten sie - auf Kekse. Wer nicht schnell genug einen bereithält, der bekommt einen sanften Stups zu spüren.

Die Rehe auf Miyajima sind ebenso heilig wie das Rotwild im Nara-Park bei Hiroshima. Heilig ist der Berg Fuji, dessen Spitze wir von unseren Hotelfenstern im Fuji-Hakone Nationalpark aus sehen. Shinto-Gottheiten, die ursprünglichste Religion Japans, wurzeln in der Natur. Wer ihnen einen Wunsch anvertrauen möchte, klatscht zweimal in die Hände, damit der Gott weiß, wo der Gläubige steht.

Japans Tourismusexperten haben seit der Atomkatastrophe von Fukushima recht viel klatschen müssen. Noch hat es nicht viel geholfen. Die Besucherzahlen sind eingebrochen, um mehr als ein Drittel. Das F-Wort wird nicht einmal ausgesprochen: Statt von Fukushima spricht man von der Erdbebenkatastrophe. Die ist Teil der Natur, das geht in Ordnung. Aber kein Atommeiler, für den Menschen verantwortlich sind. Am Sandstrand von Iwaki in der Präfektur Fukushima sollen derweil wieder die ersten Badegäste planschen. Nur nicht das Gesicht verlieren, ein altertümlich anmutender Ausdruck, der in Japan zum alltäglichen Wortschatz gehört. Jedenfalls hörten wir ihn mehrfach von unserer Hikomi.

Umso ausgiebiger erläutert unsere Fremdenführerin, wie die Amerikaner die erste Atombombe auf Hiroshima warfen. Ihren Vortrag hält sie allerdings nicht im Friedenspark im Angesicht der Gedächtnisstätten, die der vom Bauhaus inspirierte Meisterarchitekt Kenzo Tange entworfen hat, sondern in der klimatisierten Einkaufspassage unter dem Mahnmal für den Frieden. Die Zikaden waren einfach zu laut, bei 35 feuchten Celsiusgraden.

Je mehr wir sehen und erleben, umso stärker ahnen wir, wie unendlich vieles wir nicht kennen. Wie müssen sich japanische Touristen nach einer Woche zwischen London, Wien und Rom fühlen? Vielleicht ähnlich verwirrt wie unsereins. Pech für sie, denn uns bietet sich zur abendlichen Entspannung ein Besuch im hoteleigenen Onsen an. Das ist ein öffentliches (Thermal-)Bad mit 40 Grad heißem Wasserbecken, in dem sich - Männer und Frauen getrennt - völlig ungeordnet über Mangas und Sumoringer nachsinnen lässt. Und darüber, weshalb wir kein Auto mit dem ein oder anderen Kratzer entdeckt haben. Fahren die Japaner wirklich so ordentlich?

Alexandra Glanz

Sonja Fröhlich 29.09.2012
Oliver Weiße 04.10.2012