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Reisereporter Savoir-vivre an der Maas
Reisereporter Savoir-vivre an der Maas
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11:00 19.09.2009
Von Bernd Haase
Bei Nacht werden die Kontraste zwischen dem historischen Lüttich und dem des 20. Jahrhunderts deutlich.
Bei Nacht werden die Kontraste zwischen dem historischen Lüttich und dem des 20. Jahrhunderts deutlich. Quelle: Office du tourisme de Liège / Marc Verpoorten
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Wir hatten in dem Viertel Coeur Historique, dem historischen Herzen von Lüttich, zu Abend gegessen. Das Restaurant mit dem schönen Namen „Les petits plats canaille au beurre blanc“ (Die unverschämt kleinen Leckereien mit weißer Butter) hatte sich als eines jener kleinen feinen erwiesen, von denen es in der Altstadt viele gibt. Manche sind auf trendigen Chic gebürstet, manche haben sich ihren erdigen Charme bewahrt. Das von Willy und Bernadette Hella gehört zur zweiten Sorte. Wir wussten längst, dass die Menschen im frankophonen Teil Belgiens, der Wallonie, gute Küche schätzen. Willy und Bernadette hatten uns nicht enttäuscht. Jetzt bummelten wir langsam aus dem Herzen Richtung Ufer der Maas, wo unser Hotel lag. Irgendwer schlug einen Absacker vor.

Das „frühere“ Lüttich stirbt

Kurz entschlossen öffneten wir die Tür des ersten Bistros, das am Weg lag. Eine Wolke von Qualm umfing uns; dass im schlichten Gastraum zumeist parfümierte Zigaretten geraucht wurden, machte die Luft nicht besser. An der Theke standen Männer und Frauen in Cord- oder Jeansklamotten und tranken ihr Leffe-Bier, manche hatten glasige Augen. Wir setzten uns an einen leicht schmierigen Tisch, den der Wirt eher pflichtgemäß mit einem Tuch abwischte. Neben uns vertilgte ein älterer Mann, obwohl es schon nach Mitternacht war, eine riesige Portion Pommes frites mit Mayonnaise. Er trug einen knallengen Wollpullover von einer bemerkenswert ausgewaschenen gelben Farbe mit türkisblauen Längsstreifen. Die Musikbox spielte Lieder von Gilbert Becaud, Sylvie Vartan und Jacques Brel. Als wir auf das Register sahen, fanden wir zwar noch die Beatles und die Stones, aber nichts Moderneres. Zu der Musik tanzte Natalie nacheinander mit allen Männern, die dazu noch in der Lage waren – auch mit uns. Sie war wohl Mitte vierzig, hatte schwarzbraune, lange Haare, leicht dunkle Haut und Augen wie zwei Kohlen. Sie versprühte eine Art von Selbstbewusstsein und Lebensfreude, wie man es bei Frauen in dieser Art von Kneipe nicht oft findet.

Stadt soll ein neues Gesicht bekommen

„Das ist das frühere Lüttich, aber es verschwindet gerade“, sagte unser Reiseleiter Marc Goulier hinterher. Damit meint er nicht die historische Stadt im Herzen Europas, deren Wurzeln bis in die Römerzeit zurückreichen und das seit dem Jahr 980 Fürstbistum war, sondern das Lüttich des 20. Jahrhunderts. Da war es eine Malocherstadt, geprägt von Stahl und Kohle. In den großen Weltkriegen wie in vielen kleineren zuvor wurde Lüttich geschunden. Beim Wiederaufbau gingen die Stadtväter selten weise vor. In fast jede Lücke in der historischen Bausubstanz wurde ein hässlicher Betonblock gesetzt. Wer schlimme städtebauliche Kontraste sehen will, ist hier richtig.

Jetzt soll Lüttich wieder ein neues Gesicht bekommen. Reisende, die mit dem Schnellzug Thalys in die wallonische Hauptstadt fahren, erhalten gleich einen Eindruck. Für ihren nagelneuen Bahnhof haben die Lütticher den spanischen Stararchitekten Santiago Calatrava engagiert. Dessen Bau hat keine Mauern und Wände, sondern besteht nur aus einer kühn geschwungenen Dachkonstruktion aus Stahlträgern, die wie eine riesige Welle in der umgebenden Hügellandschaft liegt.

Aufwendige Renovierungen

Zweiter augenfälliger Ausdruck der Neuerfindung ist der Curtius-Palast am Maasufer. Jean Curtius war ein Waffenhändler im 18. Jahrhundert, der entsprechendes Geld für eine üppige Privatimmobilie scheffelte. Sein Patrizierhaus ist zusammen mit drei benachbarten Häusern aus derselben Epoche zum 50 Millionen Euro teuren Museumskomplex Grand Curtius zusammengefasst worden, der einige der zuvor 40 einzelnen Ausstellungshäuser Lüttichs zusammenfasst. Drittes Großprojekt soll ein Boulevard vom Calatrava-Bahnhof zum Maasufer werden.

Viel Engagement stecken auch Privatleute ins neue Gesicht der Stadt. Altstadtimmobilien werden ebenso renoviert wie die kleinen, dicht an dicht stehenden Häuschen am Hang der innerstädtischen Weinberge. Reben wachsen dort nicht mehr, was damit zusammenhänge könnte, dass das Lütticher Tröpfchen angeblich mit seiner Säuernis Mikroben töten und Löcher in Strümpfen zusammenziehen konnte. Heute ist dort ein Quartier mit Gässchen, kleinen Kneipen, Restaurants und großen Treppen am Hang entstanden, die für Jung und Alt bei Sonne als Tribüne mit Blick auf das Stadtgeschehen dient.

Lüttich definiert sich selbst als Tochter der Maas, als durch den Fluss geprägte Stadt mit Sinn für Savoir-vivre. Wenn sich die Tochter nun einige neue Kleider zulegt, sollte sie die alten nicht ganz abstreifen. Um Kneipen wie die, in der sie noch Jacques Brel spielen und in der Natalie tanzt, wäre es jammerschade.