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Reisereporter Von Elfen und Pulloverschweinchen
Reisereporter Von Elfen und Pulloverschweinchen
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10:59 04.11.2013
Das ganze Jahr über werden im Spreewald traditionelle Kahnfahrten angeboten.
Das ganze Jahr über werden im Spreewald traditionelle Kahnfahrten angeboten. Quelle: imago/Weisflog
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Postdam

Kaum ein Geräusch stört die Stille. Fast lautlos gleitet der Kahn durchs seichte Wasser der schmalen Fließe. Die Luft hat schon den klaren Geruch des nahenden Winters. Es ist kühl auf dem Wasser, und wir genießen die Wärmflasche auf dem Schoß, lassen den Blick gen Himmel schweifen, wo die letzten Blätter leise von den Bäumen fallen, und freuen uns schon auf die Fahrten durch den Spreewald im Winter – ein einmaliges Erlebnis mit heißem Glühwein aus Holunderbeerwein, den dann Ramona Conrad in Thermoskannen mit in den hölzernen Kahn gibt.

Kahnfahrten mit einem ganz besonderen Reiz

An kalten, klaren Wintertagen, wenn die Pappeln, Weiden und Erlen entlang der Wasserarme der Spree weiß bepudert sind, hat eine Kahnfahrt ihren ganz besonderen Reiz. Das war nicht immer so. „Das kam erst ein paar Jahre nach der Wende. Vorher gab es hier keinen Winterbetrieb“, erklärt Hagen Conrad, während er den Kahn mit kräftigen, gleichmäßigen Stößen durchs Wasser stakt. Der Hotelier Heinrich Michael Clausing vom Hotel Zur Bleiche, dem größten Wellnesshotel der Region, habe 1995 als Erster Winterfahrten zur Unterhaltung seiner Gäste in der kalten Jahreszeit gefordert. „Wir haben nicht geglaubt, dass das funktionieren kann“, macht Conrad kein Geheimnis daraus, dass er und seine Fährmannskollegen zunächst skeptisch reagiert hatten. „Wer setzt sich im Winter in einen Kahn, habe ich mich gefragt.“

Doch die Menschen, die zu dieser Zeit den Weg in die einzigartige Flusslandschaft südöstlich von Berlin finden, scheinen daran Gefallen zu finden. „Das Laublose verstärkt das Mystische. Meine Frau sagt immer, dann sehe man hinter jedem Baum Elfen hervorkommen“, sagt der Fährmann und lacht. Die Idee des Hoteliers funktionierte jedenfalls wider Erwarten gut. Heute werden in jedem Hafen zwischen Lübben und Burg Mummel- und Glühweinkahnfahrten angeboten. Hagen Conrad und sein Team sind das ganze Jahr im Einsatz. Dass Kahnfahrt nicht gleich Kahnfahrt ist, spürt man hier, auf den Armen der „kleinen Spree“, besonders. Vor allem, wer die Ruhe und Beschaulichkeit mag, der kommt hier auf seine Kosten.

„Wir bieten eine Abgeschiedenheitsgarantie.“

Für die großen Kähne, die ganze Busladungen voller Passagiere durch die Fließe gondeln, sind die Wasserarme hier zu eng. „Jetzt ist es hier so schön ruhig. Man hat den Spreewald ganz für sich”, sagt Hagen Conrad. „Wir bieten eine Abgeschiedenheitsgarantie.“ Und nichts verstellt dem Fahrgast die Sicht. Im Sommer beschränkt das Laub der Bäume den Blick auf natürliche Weise. Nun eröffnet die Tiefe der Landschaft ganz neue Ansichten durch „andere Sichtachsen“. Dabei fasziniert nicht nur die Weite, die sich plötzlich auftut. Auch die Tiere des Spreewaldes lassen sich nun leichter beobachten. „Rehe im Sprung oder eine Wildschweinrotte, wie wir sie schon gesehen haben – das erlebt man nur im Winter mitten am Tag“, sagt Conrad.

Ein Spreewald-Dorf wie aus dem Bilderbuch

Zwischenstopp auf der Tour ist in Lehde, einem Spreewald-Dorf wie aus dem Bilderbuch. Hier ersetzen seit jeher Kanäle die Straßen, und Fußgängerbrücken verbinden unzählige Inseln, auf denen dunkle Holzhäuser nah am Wasser stehen. Post, Müllabfuhr und, man glaubt es kaum, sogar die Feuerwehr kommen mit dem Kahn. Theodor Fontane bezeichnete das heute denkmalgeschützte Freilandmuseum Lehde in seinen „Wanderungen durch die Mark Brandenburg“ einst als „bäuerliches Venedig“. Einheimische zeigen den Besuchern im Freilandmuseum alte Handwerkskunst: etwa, wie die charakteristischen Kähne noch immer in sorgfältiger Handarbeit entstehen.

Fährmann Conrad erzählt auf der Weiterfahrt vor allem seinen jüngsten Gästen immer wieder gerne von den Tieren, die man im Spreewald finden kann, den „Spreewaldhirschen ohne Geweih“ (Pferd) und den kuschelig anmutenden „Pulloverschweinchen“ (Schaf) auf der Wiese. „Viel Ahnung von Tieren hast du ja nicht“, müsse er sich dann meist als Antwort anhören.

Anspruchsvolle Unterhaltung

Der 46-Jährige kann sein Publikum aber auch anspruchsvoll unterhalten. „Mitte November septemberlich, nachdem uns seit Wochen Nebel umschlich. Welch festlicher Morgen, von Raureif verschönt! Das Schilf am Fließrand knistert und tönt“, rezitiert der Fährmann frei nach Eva Strittmatter, während er das vier Meter lange Rudel, so heißt die Stange aus Eschenholz, die er zum Staken benutzt, ins Wasser taucht. Goethe, Rilke, von Eichendorff, Hebbel und Mörike sind nur einige der alten Dichter, deren Verse Hagen Conrad auf Wunsch der Gäste bei passenden Gelegenheiten vorträgt.

Spezialitäten der Region zur Erinnerung

Eigentlich schade, dass wir nach eineinhalb Stunden den Kahn schon wieder an den dicken Eichenbohlen am Steg von „Hagens Insel“ festmachen. „Das ist für die Jahreszeit die richtige Dauer“, versichert Conrad und gibt seinen Gästen noch einen Shoppingtipp mit auf den Weg. Im Hofladen präsentiert „Kräuterhexe“ Ramona besondere Spezialitäten der Region wie Hanföl und Leinöl, Honig, Meerrettich, Kräuter-Pesto – und natürlich den Holunderglühwein, bei dessen Genuss sich die Gäste dann auch zu Hause an eine wunderbare kleine Auszeit im Spreewald erinnern können.

Hin und weg

Die Winterkahnfahrten „mit Sitzheizung und Holunderglühwein“ kosten für Gruppen ab zehn Personen sechs Euro pro Stunde. Neben den Standardfahrten bietet Veranstalter Hagen Conrad auch individuelle Fahrten für jeden Anlass und unterschiedliche Themenfahrten an, zum Beispiel eine „Kuschelkahnfahrt für zwei“, eine „Meditative Kahnfahrt“, Sonnenaufgangsfahrten oder eine „Poetische Kahnfahrt“, bei der der Fährmann zahlreiche Gedichte deutscher Dichter rezitiert.

Weitere Informationen:

www.hagens-insel.de

Rudi Stallein & Anke Benstem

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