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Reisereporter Stille Nacht auf dem Stellplatz
Reisereporter Stille Nacht auf dem Stellplatz
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09:41 10.01.2011
Familie Vehling aus Hannover hat den Weihnachtsbaum direkt vor dem Wohnwagen aufgestellt.
Familie Vehling aus Hannover hat den Weihnachtsbaum direkt vor dem Wohnwagen aufgestellt. Quelle: Sedelies
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Für Michael Leimbach ist das Schippen von Schnee keine Arbeit. „Es ist die pure Erholung“, sagt der Blankenburger, atmet tief den eisigen Dezemberwind ein und wieder aus, und räumt gemächlich den Weg um seinen Campinganhänger frei. Seit vier Jahren steht dieser auf dem Campingplatz Kreuzeck im Oberharz zwischen Goslar und Clausthal Zellerfeld. Und Leimbach kommt so oft es geht auf den Platz zwischen den hohen Bäumen, um sich einfach nur zu erholen.

„Sobald ich auf dem Platz ankomme, schalte ich sofort mein Handy aus“, sagt der Selbstständige aus der Immobilienbranche. Er ist für niemanden mehr erreichbar. Er ist raus. Raus in den Harz. „Hier kann ich den Alltag vergessen, hier habe ich meine Ruhe“, sagt er. Und atmet wieder tief ein und aus, schippt, mit einem Lächeln.

Leimbach hat recht. Es ist auffällig still auf dem Campingplatz. Der dicke Schnee scheint jedes Geräusch zu ersticken. So stellt man sich einen Spaziergang im dichten Winterwald vor. Aber man steht mitten auf einem Campingplatz. Und der ist über die Feiertage wie fast jedes Jahr ausgebucht. Es gibt nur noch ein paar Notstellplätze für ganz spontane Besucher. Mehr als 1000 Gäste sind derzeit da. Nur zu hören sind sie kaum.

Man trifft sie eher zufällig bei einem gemütlichen Spaziergang, auf den Langlaufpisten, die direkt am Campingplatz vorbei verlaufen, oder auf dem Weg in die „Waldschänke“, einem urigen Restaurant, wo die meisten Besucher essen gehen. Der Campingplatz wirkt wie ein ruhiges Stadtviertel, wo man sich kennt und freundlich grüßt, sich aber ansonsten seine Ruhe gönnt.

Weihnachten und Silvester im Wohnwagen zu feiern, mutet zunächst exotisch an. Aber für die meisten Gäste ist es längst eine gern gepflegte Tradition geworden. Sie stellen Weihnachtsbäume vor ihre Wagen, schmücken die Scheiben mit weihnachtlichen Fensterbildern und kaufen im kleinen Campingplatzsupermarkt Silvesterberliner und Glühwein ein. An Heiligabend spazieren viele von ihnen durch den winterlichen Wald in die nah gelegene Gemeinde Hahnenklee und besuchen die Christmesse.

Eigentlich kommt auch jedes Jahr der Weihnachtsmann zu den Campern und verteilt an die Kinder auf dem Platz kleine Geschenke. Nur in diesem Jahr ist der Weihnachtsmann krank geworden. „Und wir wollen nicht irgendeinen Weihnachtsmann, sondern einen richtig guten“, sagt Renate Weckauf. Darum verteilt sie die Nüsse, Äpfel und Kekse in diesem Jahr stellvertretend für den Weihnachtsmann selbst.

Vor etwa zehn Jahren haben Renate Weckauf und ihr Mann Theodor den Platz von Vorbesitzern übernommen. Die Familie kam als begeisterte Camper aus dem Sauerland und hatte lang nach einem geeigneten Platz gesucht – und ihn schließlich im Harz gefunden. „Wir haben unsere Leidenschaft einfach zum Beruf gemacht“, erzählt der 73-jährige Theodor Weckauf, der die Leitung des Campingplatzes mittlerweile seinem Sohn Oliver und dessen Freundin Sarah übertragen hat. „Und zurück wollen wir nicht!“, sagt Renate Weckauf bestimmt.

Der Masseur knetet Kälte weg

Die Familie hat viel in das Gelände investiert. Es gibt eine Sauna, ein Kino, ein Solarium, Ruhe- und Spielzimmer für Kinder und sogar einen Raum für eine Hüpfburg. Die Duschen sind für einen Campingplatz relativ groß und es gibt einen Masseur, der bei Bedarf auch ein wenig die Kälte wegknetet. Manchen Besuchern scheint das nicht zu reichen. Immer wieder errichten sie kleine Iglus.

Das Serviceangebot auf dem Platz erinnert ein wenig an ein Hotel, aber dorthin wollen die Camper auf keinen Fall. „Da fehlt mir die Unabhängigkeit!“, sagt Schneeschipper Leimbach. Und auch Maike Degen-Schmonsees verbringt ihre freie Zeit lieber im Wohnwagen. „Es ist gemütlicher“, sagt sie. Es sei eine kleine eigene Wohnung – in der es auch Probleme geben kann, die typisch für eine Wohnung sind. So ist Degen-Schmonsees vor Kurzem die Heizung ausgefallen. „Also habe ich bei minus sechs Grad im Wagen gesessen und habe mit meinem Mann eine zweite Heizung angeschlossen“, erzählt die Camperin.

Aber es sind auch genau diese Herausforderungen im Umgang mit der Natur, die das Leben als Camper so spannend machen. So kämpfen Annemarie und Rudolf Vehling fast jedes Jahr um die Lichterkette ihres Weihnachtsbaumes. „Besonders Waschbären spielen damit gern rum“, sagt Rudolf Vehling. Das Paar berichtet aber auch von Begegnungen mit Füchsen, Eichhörnchen und Vögeln. Besonders Vögel lutschen gern an den langen Eiszapfen, die am Wohnwagendach hängen.

Die Vehlings kommen schon seit 1975 auf den Campingplatz Kreuzeck. Die Hannoveraner lieben die Natur, die Langlaufpisten und die frische Luft. „Seitdem wir hier sind, sind wir kaum noch krank“, sagt der 76-Jährige. Am Silvesterabend sei es besonders schön. „Wir haben früher immer eine Bar aus Schnee gebaut“, erinnert sich Vehling. Einige Bewohner würden dann auch den Grill anwerfen – aber mit den Klischees von Dauercampern hat die Platzgemeinschaft nur wenig zu tun.

Die meisten wollen einfach ruhige, schöne Tage in der Natur genießen – die gibt es für Vehling nur in seinem Wohnwagen. „Was soll ich denn in einem Hotel? Da liegt man ja immer in einem anderen Bett!“, sagt Annemarie Vehling.

Jan Seldelies

Info:

Auf dem Campingplatz Kreuzeck im Harz haben die Gäste mehrere Möglichkeiten zu übernachten. Am Fuß des Bocksbergs gibt es Stellplätze für Wohnwagen, Zelte und Wohnmobile. Diese sind mit Stromanschlüssen ausgestattet.

In der Wintersaison bis zum 1. Januar 2011 kostet ein Standard-Campingplatz täglich acht Euro. Dazu kommen Müllgebühren, Strom und Kurtaxe. Man kann auf dem Campingplatz aber auch in einem Ferienhaus wohnen. Auch Dauercamping ist möglich. Im Winter kostet ein halbes Jahr 520 Euro.

Genaue Preisangaben sollte man aber mit der Familie Weckauf klären, weil es auch immer wieder Sonderangebote gibt, die auf der Internetseite des Campingplatzes zu finden sind. Die Familie ist unter (0 53 25) 25 70 erreichbar. Sie hilft auch weiter, wenn im Radio wieder vor verschneiten Straßen gewarnt wird. „Meist kommt man nämlich zu uns noch sehr gut durch“, betont Renate Weckauf.

Ein letzter Tipp für den Campingplatz: Er ist im Sommer mindestens genau so schön.

www.campingplatz-kreuzeck.de