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Reisereporter Tausend Töne Blau
Reisereporter Tausend Töne Blau
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00:31 08.11.2014
Von Mathias Begalke
Perfekter Liegeplatz: Die drei Holzstühle am Ufer des Lac Beauvert in der Jasper Park Lodge bieten eine tolle Aussicht auf die schneebedeckten Berggipfel.Fotos: Begalke (3)/Piper (2)
Perfekter Liegeplatz: Die drei Holzstühle am Ufer des Lac Beauvert in der Jasper Park Lodge bieten eine tolle Aussicht auf die schneebedeckten Berggipfel.Fotos: Begalke (3)/Piper (2)
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Banff

Ob es tatsächlich ein Elk ist? So ein Poltern hatte niemand von uns zuvor gehört. Der Sound des Wapiti-Hirsches hallt durch alle vier Schlafzimmer unserer Lodge. Es ist kurz vor drei, und jeder der vier Männer im Halbschlaf denkt das Gleiche: Hey, wir sind in Kanada, solche Geräusche werden hier, in den Rocky Mountains, normal sein. Stand doch schon auf den Schildern am Highway: „Willkommen im Schneelawinen-Land!“ Achtung: Man sollte überall mit wild lebenden Tieren rechnen.

Es klingt, als tanzten der Elk und seine Freunde Wolverine und Squirrel, also Vielfraß und Eichhörnchen, den Touristen in tiefster Nacht Szenen aus „Dirty Dancing“ vor. Die vier mutigen Männer bleiben in ihren Betten liegen - trotz des mutmaßlichen Naturschauspiels auf ihrer Veranda. Sie sind nach dem Flug in die andere Zeitzone einfach zu müde. Schon bei ihrer Ankunft in der Jasper Park Lodge wähnten sie sich in der Ferienanlage am See aus dem Film mit Patrick Swayze und Jennifer Grey. Jetzt, wo der Elk-Spuk vorbei ist und sie wieder einschlummern, sind sie sich sicher, genau dort zu sein.

Westkanada in zehn Tagen: Das klingt nach großer Eile, und ja, es ist ein ambitioniertes Vorhaben. Die Entfernungen sind riesig, doch die Reise ist überhaupt nicht strapaziös, sondern sanft und besinnlich - wenn man auf das Gespür der Canadian Pacific Railway für „One-Million-Dollar-Views“, für spektakuläre Ausblicke, vertraut. Die Eisenbahngesellschaft hat Ende des 19. Jahrhunderts nicht nur Montreal im Osten des Landes und Vancouver im Westen miteinander verbunden, sie hat auch an den schönsten Plätzen entlang ihres Streckennetzes Hotels gebaut. Die schlichten Herbergen von einst sind heute Fünf-Sterne-Häuser. Einige sind selbst wahre Postkartenmotive wie das Château Lake Louise direkt am Seeufer oder das Banff Springs Hotel inmitten von weiter Wildnis, aus der jederzeit ein Schwarzbär purzeln könnte.

Das Hotel hoch über den Baumwipfeln, das einem schottischen Schloss ähnelt, ist eine architektonische Ikone. Dort abzusteigen ist nicht billig, doch wer sich den Luxus gönnt, fühlt sich aus dem Stand in eine vermeintlich heile Marilyn-Monroe-Welt versetzt. Die Schauspielerin wohnte dort tatsächlich mal, 1954, während der Dreharbeiten zu dem Western „Fluss ohne Wiederkehr“. Bei einem Apfel-Amaretto-Punsch erfährt man, dass auch die Royals und Robbie Williams schon da waren, na klar, sowie viele Regierungschefs, nur Barack Obama noch nicht. Man meint, noch immer den Big-Band-Sound von Moxie Whitney in den Fluren hören zu können, der in den fünfziger Jahren für die Hotelgäste spielte. Hier möchte man bleiben, den eigenen Alltag ausblenden, für ein paar Tage einfach mal wegswingen.

Am Anfang reisten wohlhabende Besucher aus dem viktorianischen England mit dem Zug an, um in den heißen Quellen zu baden. Seit 1911, seit die Straße fertig ist, kommen auch die weniger reichen. Die heutigen Touristen wollen Ski fahren oder mountainbiken, klettern, wandern, reiten oder paddeln.

„A fat bear is a dead bear“, ein Bär, der sich satt gefressen hat, ist ein toter Bär, sagt Michael Turcot. Der 54-Jährige führt Wanderer durch den Banff-Nationalpark. In den Siedlungen ist es verboten, seine Hunde draußen zu füttern, es gibt keine Vogelhäuschen in den Vorgärten, öffentliche Abfallbehälter haben spezielle Sicherungen. Würde sie ein Bär plündern, käme er auf den Geschmack nach mehr und wäre eine Gefahr für die Menschen. Das Tier würde wohl erschossen werden.

Der 1855 gegründete Banff-Nationalpark ist das älteste Naturschutzgebiet Kanadas und das drittälteste der Welt. Im Gegensatz zu anderen abgelegenen Parks in Nordamerika gibt es dort Skigebiete und Golfplätze sowie Dörfer wie Banff Town. Autobahn und Gleise führen mitten durch das Weltnaturerbe. Jährlich kommen Millionen Besucher. Es ist ein Abenteuerland mit allerlei Annehmlichkeiten. Ökologisch einwandfrei mutet das nicht an. „Doch!“, beteuert Turcot, man gebe sich extrem viel Mühe, um die empfindliche und weitestgehend unberührte Natur zu bewahren. Privater Grundbesitz etwa ist verboten. Das Land gehört dem kanadischen Staat. Nur wer in Banff Town arbeitet, der darf auch dort hinziehen.

An einem Ort länger zu bleiben, haben wir nicht gebucht. Wir müssen weiter. Um ans nächste Ziel zu gelangen, besteigen wir in Calgary eine Propellermaschine, die uns von der Ostseite der Rockies auf die Westseite trägt. Auf dem bis Juni zugefrorenen Lake Louise hatte es gerade noch geschneit. Wir fliegen aus dem Winter in den Frühling an der Pazifikküste. Vier Erlebnisse von dort, die ganz sicher in Erinnerung bleiben:

1. Die Tea Time auf Vancouver Island, serviert im Hotel The Fairmont Empress in Victoria. In der Hauptstadt der Provinz British Columbia, die früher mal Kronkolonie war, geht es manchmal noch immer very British zu. Das englische Teeritual mit Obst, Gebäck und Sandwiches ist eine Touristenattraktion. Es kostet 59,95 Dollar. Die vier mutigen Männer beschließen, für diesen Preis bis zum Sonnenuntergang in der etwas schwermütigen viktorianischen Kulisse sitzen zu bleiben. Der Plan wird aber nicht verwirklicht, weil alle noch Wale beobachten wollen.

2. Die Busfahrt auf dem Sea to Sky Highway mit Leonard Cohen. Die Straße verbindet die Olympiastadt Vancouver und die einstige Holzfällersiedlung Whistler. 2010 fanden auf den dortigen Skipisten die alpinen Wettbewerbe statt. Die Gebirgskette heißt zu Recht Coast Mountains, denn sie scheint direkt am Pazifikstrand zu beginnen. Wer den Sea to Sky Highway nimmt, meint tatsächlich, vom Meer in den Himmel zu reisen. Musik aus Kanada, die perfekt dazu passt: „Songs of Love and Hate“ von Leonard Cohen. Beides, die Lieder und die Aussicht, bietet tausend Töne Blau.

3. Die Geschichte vom Tree of Life. Vancouver ist von drei Seiten von Wasser umgeben, und auf der vierten stehen die Berge. Klima und Lebenstempo gelten als wunderbar ausbalanciert. Viele Einwohner preisen den „easy going lifestyle“, die Gelassenheit. Es heißt, man steht in Vancouver nicht so früh auf wie in Toronto im Osten, dem New York Kanadas. Wer es sich leisten kann, kauft „organic“ ein, also Bioprodukte. Das grüne Image wird kultiviert. Zyniker behaupten jedoch, dies geschehe nicht unbedingt, um den Planeten zu retten, sondern um die Preise aufpumpen zu können. Da es in der von Meer und Bergen umrahmten Stadt keine neuen Bauplätze mehr gibt, wachsen die Apartmenthäuser in den Himmel.

So wie die Bäume im Stanley Park. Die bis zu 80 Meter hohen Douglasien gehören zu den höchsten Bäumen der Welt. Sie werden locker tausend Jahre alt. Manfred Scholermann, ein ausgewanderter Deutscher, nennt den Küstenregenwald „das größte Vermögen Vancouvers“. Wir sind mit dem früheren Spitzenkoch mit dem Rad unterwegs. Der 74-jährige Fremdenführer scheint wenig „easy going“ drauf zu sein. Er hält - ziemlich deutsch - das Tempo hoch. Für die Geschichte vom Tree of Life aber nimmt er sich Zeit. „Wie kann ein Wald auf Granit wachsen?

Wie schaffen es junge Bäume, die 70 Jahre kein Licht sehen, trotzdem so riesig zu werden?“, fragt er und gibt selbst die Antwort: Wenn ein Baum abstirbt, wird er zum Mutterbaum, zum Tree of Life, der fünf neue Sprösslinge ernährt, die alle auf ihm wachsen. „Dieser Kreislauf des Lebens ist ein biologisches Wunder“, sagt Scholermann. Dann springt er aufs Rad und saust los. Wir hinterher.

4. Endlich, ein Bär. Wir lernen einiges über Bären, zum Beispiel, dass sie bis zu 100 000 Heidelbeeren am Tag finden müssen, um satt zu werden. Sie wären aber auch mit 16 Big Macs zufrieden. Wir begegnen in den zehn Tagen zwar etlichen Elks, aber nur einem echten Bären. Ein Schwarzbär purzelt nahe Whistler aus der Wildnis auf die Straße, und ist gleich wieder im Wald verschwunden. Weil sich die vier mutigen Männer so sehr über ihren einzigen Bären freuen, geben sie ihm den Namen Patrick-Jennifer.

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