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Reisereporter Tradition ist „in“: Mit dem Didgeridoo durch Perth
Reisereporter Tradition ist „in“: Mit dem Didgeridoo durch Perth
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15:46 11.02.2011
Blick vom Kings Park auf Perth: Das Erholungsgelände ist mit rund vier Quadratkilometern der größte innerstädtische Park der Welt. Quelle: Tourism Western Australia
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Auf den ersten Blick scheint es nichts Besonderes, was Sheila Humphries da mit Kreide auf ihre Leinwand zeichnet; ein paar kleine Striche, Kreise und Schlangenlinien. Doch jeder Kreidestrich hat seine Bedeutung. Die langen Wellen stellen ein Gewässer dar, die parallelen Linien Wanderrouten, die Häkchen Fußspuren von Tieren aus dem Busch – alles zusammen ergibt eine Geschichte, Sheila Humphries’ Geschichte. Und die Künstlerin aus Perth in Westaustralien hat eine Menge aus ihrem Leben zu erzählen.

Der Besuch bei Humphries ist regelmäßiger Höhepunkt der „Urban Indigenous Tours“, einer Tagesführung durch die Geschichte der Aborigines rund um die Millionenstadt Perth – jener Ureinwohner, die Australien schon vor 40.000 bis 50.000 Jahren als Erste besiedelt haben, lange bevor sich Briten und Niederländer zum entfernten Kontinent aufmachten. Die Künstlerin kennt sich nur zu gut damit aus – denn sie gehört selbst zu den sogenannten Noongar, den Aborigines aus dem Südwesten.

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Mit dem Didgeridoo durch Perth: Die Millionenstadt vereinigt modernen Großstadtflair mit den Traditionen der Aborigines. Südlich von Perth liegt die einzigartige Landschaft der Pinnacles, eines der Wahrzeichen Australiens.

Beim Zeichnen erzählt sie in aller Seelenruhe eine Seite dieser Geschichte, die Urlaubern für gewöhnlich verborgen bleibt: Im Alter von vier Jahren sei sie ihren Eltern entrissen und in ein Waisenhaus in New Norcia gebracht worden, eine Kleinstadt nördlich von Perth. 14 Jahre habe sie dort verbracht, erinnert sich Humphries, und holt ein altes Schwarz-weiß-Bild hervor, ein Gruppenfoto mit einer Schar barfüßiger Aborigines-Kinder und einer Handvoll adrett gekleideter Nonnen. Sie wird ruhiger, als sie das Bild betrachtet und auf ein kleines Kind zeigt: „Das bin ich“, sagt Humphries und starrt ins Leere, während sie vom einstigen Alltag in diesem Waisenhaus berichtet: von Misshandlungen und Missbrauch, von Dreck, Leid und Hunger.

„Stolen Generation“

„Forgotten Australians“, vergessene Australier, nennt man diese Jahrgänge von Ureinwohnern heute, oder auch „Stolen Generation“, die gestohlene Generation. Ihre Deportation zwischen den zwanziger und sechziger Jahren durch Regierung und Kirche hatte System. Die Kinder sollten zu „britischen Australiern“ erzogen werden, sich von ihrer Tradition lösen. Erst Ende 2009 bat die Regierung in Canberra dafür offiziell um Entschuldigung. Für viele zu spät, um mit den traumatischen Erlebnissen umgehen zu können.

Es ist eine neue Tendenz im australischen Alltag, sich ganz offen mit den teils düsteren Seiten der eigenen Geschichte auseinanderzusetzen – wenn sie sich auch nur schleppend durchsetzt. Die Jungunternehmerin Rebecca Casey immerhin hat daraus ihre Lebensgrundlage gemacht. Mit den „Urban Indigenous Tours“ bringt sie Touristen und Ureinwohner zusammen, gibt einen Einblick in die Kunst, Lebensweise und Kultur, sie führt kleine Gruppen regelmäßig zu Künstlerin Humphries, genauso wie zur Probierstunde von australischem Buschessen, bei dem Touristen vorsichtig an Gerichte wie Känguruteigtaschen und Buschtomaten herangeführt werden.

Greg Nannup kennt sich mit der Lebensweise der Ureinwohner ebenfalls bestens aus. Schließlich ist er selbst einer ihrer Nachfahren. Nannup weiß, welche Bäume im Busch Leben retten können, weil sie Wasser speichern; er kann aus alten Werkzeugen der Aborigines Feuer erzeugen und weiß, welche Früchte aus dem Outback man essen kann. Bei seinen geführten Spaziergängen durch den riesigen Kings Park im Zentrum der Millionenstadt Perth gibt er seinen Besuchern Einblicke in die Feinheiten der australischen Flora und Fauna.

Doch spätestens wenn Nannup aus seiner kleinen schwarzen Sporttasche traditionelle Jagdutensilien seines Stammes hervorholt, fragt man sich, ob ein junger Mann mit flashanimierter Internetpräsenz wie er in der Wirtschaftsmetropole Perth wirklich noch mit Boomerang und Holzspeer zum Jagen aufbricht? „Einige machen das nach wie vor“, sagt Nannup, wenn auch nicht in der Stadt, sondern in abgelegeneren Gebieten. Auch er jage von Zeit zu Zeit mit Freunden. „Die Qualität des Fleisches ist einfach besser als im Supermarktregal.“

Simon Giles steht der Sinn da mehr nach lebendigen Buschtieren, genau genommen deren Geräuschen. „Kriiküüü, kriiküüü“, ruft der junge Mann in den Raum, und strahlt dabei wie ein Kind, das einen Nachschlag vom Geburtstagskuchen bekommen hat. „Kriikrüüü“ sind die Laute, die er auch gleich in sein übergroßes Didgeridoo presst, und was da am anderen Ende herauskommt, hört sich tatsächlich so an wie ein Vogel aus den Weiten der australischen Wildnis.

Pressen und tief Luft holen

Giles lehrt bei Didgeridoo Breath, einem Geschäft mit angegliedertem Kursangebot, wie man das traditionelle Musikinstrument der Aborigines spielt. Außer Vögeln beherrscht Giles auch ein Springgeräusch, das arg an Kängurus erinnert, außerdem den typisch-dumpfen Dauerton des Didgeridoos. Pressen müsse man, tief Luft holen, und dann die Lippen vibrieren lassen wie ein Kleinkind – dann sei es nicht schwer, verdeutlicht Giles.

Bei der „Hardware“ wird es schon komplizierter. Aus von Termiten ausgehöhlten Eukalyptusstämmen müsse ein echtes Didgeridoo hergestellt werden, sagt der junge Strahlemann. Das führt zu einem nicht unerheblichen Preis: Für ein handgefertigtes Exemplar wird man leicht 200 Euro und mehr los. Doch es gibt genügend Fans dieses Instruments – und es scheinen immer mehr zu werden.

Didgeridoo Breath hat sich ganz bewusst einen jugendlich-frischen Anstrich mit modernem Logo gegeben. Von der angesagten Kleinstadt Fremantle vor den Toren Perths aus versendet das junge Team seine Eukalyptusstämme inzwischen in alle Welt. Tradition ist „in“.

Michael Pohl

Anreise
Eine Reihe großer Linienfluggesellschaften fliegt Perth mit einem Zwischenstopp an, den man gut für einen Kurztrip nutzen kann. Beispielsweise Qantas, British Airways und Lufthansa via Singapur oder Emirates via Dubai.

Reisezeit
In Perth herrscht das gesamte Jahr über ein warmes Klima mit Temperaturen zwischen 20 (April bis Oktober) und 30 Grad (November bis März). Es regnet selten, wenn, dann im australischen Winter (dem europäischen Sommer).

Weitere Informationen
Tourism Western Australia
(Diane Below), Am Hochacker 2,
85630 Grasbrunn,
www.westernaustralia.com/de

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