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Reisereporter Unter Schafen
Reisereporter Unter Schafen
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10:42 04.10.2011
Von Nicola Zellmer
Bevor der erste Schnee fällt: Wenn in Rioja die Herbstzeitlosen blühen, ist es das Aufbruchsignal für die Wanderhirten. Quelle: Zellmer
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Die Oktobersonne wärmt die mit Pinien, Brombeeren und Heidekraut bewachsenen Weiden in der nordspanischen Provinz Rioja und die Rücken der gelblich braunen Kühe, die dort frei in der Landschaft grasen. In der Ferne sind bei klarem Himmel Höhenzüge erkennbar. Ein schöner Spätsommertag, so scheint es. Doch wer genau hinschaut, erkennt die zartvioletten Blütenblätter der Herbstzeitlosen, die allenthalben aus dem Gras sprießen. Die Einheimischen nennen die mit dem Krokus verwandte Blume auch „Hirtenschreck“ – sie zeigt ihnen, dass der Winter nicht mehr fern ist.

Zeit für José Antonio Espiga d’Avila, mit einem Teil seiner Schafherde und Unterstützung seines Bruders Pedro wieder gen Süden zu ziehen, ehe der erste Schnee fällt. Insgesamt hat José Antonio mehr als 1000 Schafe, sein Bruder Espiga gehört zu den letzten Wanderhirten dieser Region. Nicht, weil es sich finanziell lohne, „wegen der Romantik“, wie José Antonio einräumt. Schon als Junge war er mit den Herden unterwegs und mag dieses Gefühl nicht missen. So zieht er jeden Herbst mit seinem Bruder wenigstens zwei Tage lang von den Sommerweiden bei Briera ins 40 Kilometer entfernte San Andrés, wo die kleine Herde die Hauptattraktion bei der „Fiesta de Trashumancia“ ist. Danach verladen die Brüder ihre Schafe auf Lastwagen und fahren sie in die Mancha im Süden, wo die Winter milder sind.

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Zuvor genießen die Espigas aber das Fest, für das sie ihre Leithammel „Caminante“ und „Bellotero“ zuvor mit bunten Wollpompons geschmückt haben. Neben einem kleinen Markt mit Kunsthandwerk gibt es traditionelle Schäfermusik, Puppentheater für die Kinder und typische Schäfergerichte wie die kräftige Bohnensuppe mit Kartoffeln und Hammelfleisch. Eine Köstlichkeit sind auch die aus Brotkrumen, Schmalz, Speck und Zwiebeln gemischten Miegas, die inzwischen fast überall in Spanien als Vorspeise gereicht werden. Und am Rande des Festplatzes informieren Maria Carmen Malumbres und ihr Mann Jésus im Zentrum für Transhumanz über die Geschichte der traditionsreichen Weidewirtschaft.

Der Viehtrieb, die Transhumanz, ist eine jahrhundertealte Tradition im Schafzüchterland Spanien. Im 15. und 16. Jahrhundert begründete vor allem Wolle den Reichtum der Iberischen Halbinsel. Die Spanier sicherten sich ein Monopol auf den begehrten Rohstoff und exportierten ihn vor allem nach Flandern und Italien. Neben Rindern, Ziegen und Pferden waren damals rund 25 Millionen Schafe mit ihren Wanderhirten unterwegs: im Winter auf den vom milden Klima begünstigten Weiden in der Extremadura, in Andalusien oder der Mancha. Im Mai oder Juni, bevor die heißen Sommer das Gras verbrannten, zogen die Herden bis zu 800 Kilometer weit gen Norden. Im Oktober ging es wieder zurück auf die südlichen Weiden, die sich inzwischen erholen konnten. Als Verbindung zwischen den weit entfernten Weidegebieten dienten die Cañadas: bis zu 75 Meter breite Graswege.

Mit der Verbreitung der Baumwolle verlor die Schafzucht jedoch ihre Bedeutung. Im 20. Jahrhundert ging die Anzahl der Wanderhirten stetig zurück. Schafschurhallen, Wollwaschanlagen und Märkte wurden geschlossen, und die Cañadas wuchsen langsam zu. Aus den Schafen wurden zunehmend Fleisch- oder Milchlieferanten, während der Wollpreis auf heute 60 Cent pro Kilo abstürzte. Verloren gingen die fast 124 000 Kilometer langen staatlichen Triftwege durch Spanien aber nicht. Im Gegenteil: Anfang der neunziger Jahre entdeckten Naturschützer das Potenzial der extensiven Weidewirtschaft mit Wanderhirten. 1995 wurden die Durchgangsrechte vom spanischen Parlament per Gesetz festgeschrieben.

Jésus Garzón gehört zu denen, die sich am meisten für die Neubelebung der Transhumanz eingesetzt haben. Der 64-Jährige interessierte sich schon in der Jugend für bedrohte Tierarten und verbrachte viel Zeit mit Hirten, Jägern und Trappern. „Die Transhumanz ist Zukunft“, sagt Garzón. „In Spanien brennen jedes Jahr eine halbe Million Hektar Fläche ab, weil das Gras nicht bewirtschaftet wird und zu hoch wächst. Würde man statt in Löschflugzeuge in Schafe und Ziegen investieren, hätte sich das Problem erledigt.“ Zudem betrieben die Tiere laut Garzón Landschaftspflege, weil sie unerwünschte Triebe kürzen und Samen verbreiten.

„Mit der Transhumanz ließe sich die Ernährung der Bevölkerung ohne Naturschäden sichern“, glaubt der Naturschützer. Garzón und seine Mitstreiter haben inzwischen erreicht, dass wieder eine Million Schafe und Kühe über die alten Triftwege ziehen – und es sollen noch mehr werden. Von Rechts wegen dürfen sie dabei auch Städte, sogar die Hauptstadt Madrid, passieren. „Im 16. Jahrhundert wurden die großen Avenidas mit ihren Brunnen ja für den Viehtrieb eingerichtet“, erzählt Garzón. Heute wird diese Tradition am letzten Oktober-Wochenende wiederbelebt: Wenn bei der „Fiesta des Trashumancia“ geschmückte Ochsen und Hammel durch die Straßen ziehen, trifft sich ganz Madrid zum Volksfest.

Wer den Wegen der Hirten folgt – oft laufen die alten Cañadas parallel zu den Nationalstraßen von Nord nach Süd –, kommt zu Weltkulturerben wie Segovia, Avila und Cáceres, deren Reichtum sich einst auf dem Wollexport gründete. Die Einnahmen ermöglichten den Bau von Kathedralen, Palästen, Stadtmauern und Wehrtürmen. So ist der alte Stadtkern Avilas von einer zweieinhalb Kilometer langen Mauer mit neun Toren und 88 Türmen umgeben. Innen lohnen neben der Kathedrale und der Kirche San Juan Bautista die Paläste reicher Bürgerfamilien einen Besuch. Die Altstadt von Cáceres bietet römische Bögen, arabische Zisternen und mittelalterliche Kirchen, während Segovia mit einem prachtvollen römischen Aquädukt glänzen kann.

Auch Städtchen wie Sépulveda und Pedraza, die im Mittelalter wichtige Orte für Schafschur und Wollwäsche waren, sind sehenswert. Noch heute sind die Städte für Spezialitäten wie Milchlamm und Spanferkel bekannt. Das „El Soportal“ in Pedraza etwa ist jeden Sonntag ausgebucht – vor allem durch Madrider Familien, die hier ländliche Kost genießen.

Am Ende der Reise stehen die ausgedehnten Steineichenwälder der Extremadura. Hier liegen die traditionellen Winterweiden, denn die Temperaturen sinken auch im Januar und Februar nur wenig unter zehn Grad. Und hier ist Florencio Salguero zu Hause, der mit seinen 1200 Schafen nahe Plasencia lebt. Lange hat er gemeinsam mit seinem Geschäftsführer Juan Francisco de Pablos die Schafe von Nord nach Süd und zurück geführt. Doch inzwischen ist Salguero das Geschäft zu mühsam. „Wir müssen von allen Tieren Blutproben nehmen lassen und Gesundheitsbescheinigungen beibringen“, sagt er. „Und wenn eines krank wird, muss die ganze Herde im Norden warten und läuft Gefahr zu erfrieren.“

Der Verwaltungsaufwand hat den Schäfer zermürbt. „Es ist einfacher, die Tiere mit dem Lkw nach Brüssel zu fahren, als zu Fuß nach Salamanca zu gehen.“ Wenn seine Weiden im Sommer kahl sind, bringt er die Schafe lieber in den Stall und füttert sie mit einer Fertigmischung. Seine Vergangenheit hält Florencio Salguero in einem kleinen Raum am Leben, an dessen Wänden Trinkhörner, Hirtentaschen und Brenneisen hängen. Und wenn er Geschichten von seinen Wanderungen erzählt, merkt man, dass er am liebsten morgen wieder losgehen möchte.