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Reisereporter Urlaub im Cowboystaat Texas
Reisereporter Urlaub im Cowboystaat Texas
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10:14 19.11.2012
Von Felix Harbart
Von Beruf „Trickroper“: Kevin schwingt das Lasso.
Von Beruf „Trickroper“: Kevin schwingt das Lasso. Quelle: Harbart/circuitoftheamericas.com
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Bandera

Cowboy sein war früher leichter. Vor ein paar Jahren wollten sie den traditionellen Pferdetreck wieder aufleben lassen, die Freizeitcowboys von Bandera, Texas. Die alte Strecke nach Dodge City wieder entlangreiten, wie einst die Vorfahren. Aber an der Staatsgrenze zu Oklahoma wollte man sie nicht durchlassen, es fehle an Verkehrssicherungs-maßnahmen, sagte die Polizei, und den texanischen Brauchtumshütern begann der Spaß zu vergehen. Dann schaltete sich der texanische Gouverneur ein, man brachte Blinklichter an den Hinterteilen der Pferde an, und es konnte weitergehen. Wie das ausgesehen hat, darüber reden sie bis heute nur ungern in Bandera. Als sie wieder zu Hause waren, entschieden die Bandera-Boys, dass das bis auf Weiteres der letzte Gedächtnisritt nach Dodge City war.

Sie könnten in dem 975-Seelen-Örtchen Bandera in Zentraltexas darüber lamentieren, dass kaum noch jemand sein Geld mit dem Treiben von Vieh verdient wie ehedem. Das aber wäre so gar nicht amerikanisch, und texanisch schon gar nicht. Die Zeiten haben sich geändert. Heute lebt das kleine Bandera zu guten Teilen vom Tourismus, aus Farmen sind Gästefarmen geworden. Da bringen sie den Touristen den traditionellen Linedance bei, geben Reitstunden, und für das Lokalkolorit kommt abends Kevin Fitzpatrick vorbei. Dessen offizielle Berufsbezeichnung ist „Trickroper“, was sich am ehesten mit Kunstlassowerfer übersetzen lässt. Danach lässt Kevin auch die Peitsche knallen und ist durch und durch Texaner.

In den USA-Reiseplänen deutscher Touristen spielt Texas bisher meist eine Nebenrolle. Dabei hat der Cowboystaat Fans der amerikanischen Lebensart einiges zu bieten - darunter vieles, das nicht dem hutüberschatteten Klischee entspricht, das sie in Bandera so mühevoll pflegen. Vor allem die südtexanische Metropole San Antonio und die Hauptstadt Austin haben stimmungsvolle, temperamentvolle und überaus liberale Seiten, die Europäer in Texas kaum vermuten würden. Es gibt die bei Touristen so beliebten Möglichkeiten zum günstigen Einkaufen, wie das riesenhafte Outletcenter San Marcos. Und dann sind da natürlich die Texaner selbst, die allein den Trip über den Atlantik lohnen, wenn man sich auf sie einlässt.

Mickey Henges zum Beispiel war früher beim Militär in Rammstein, genau bis zu seinem ersten Herzinfarkt. Mittlerweile hat er sechs davon überlebt, und immerhin, der letzte sei schon fünf Jahre her, sagt Mickey. Jetzt ist er Rentner und führt nebenher Touristen durch die vier Missionen von San Antonio. Im 18. Jahrhundert errichteten Franziskanermönche diese Forts, um die örtlichen Indianerstämme zu missionieren und auf die Seite der spanischen Siedler zu ziehen.

Mickey kommt bald ins Schwitzen, wenn er so mit ausladenden Gesten durch die Mission Espada wetzt. Dabei erzählt er abwechselnd von den Indianern im Fort, die sich dereinst durch Missbrauch bestimmter Kräuter immer mal wieder ins „La-La-Land“ verabschiedeten, und seiner Militärzeit in Rammstein, die nach Herzinfarkt Nummer eins im Militärkrankenhaus Landstuhl endete. Mickey Henges freut sich, wenn er deutsche Touristen zu betreuen hat, weil die wissen, wovon er spricht, wenn er von deutschem Bier und Autobahnen erzählt.

Seine Heimatstadt San Antonio ist ein echter Geheimtipp unter den US-amerikanischen Großstädten. In der südtexanischen Stadt haben die Stadtplaner es vermocht, dem kleinen San Antonio River eine prägende Funktion zukommen zu lassen. In der City der Millionenstadt haben sie kleine, künstliche Seitenarme angelegt und an ihren Gestaden ein florierendes Geschäfts- und Gastroviertel etabliert. So lässt sich San Antonio wunderbar zu Fuß erschließen. Eine Eigenschaft, die für US-Städte nicht unbedingt typisch ist.

Während sich San Antonio an seinem mexikanischen Erbe orientiert, sieht sich die Hauptstadt Austin als die coole, etwas rebellische, beinahe untexanische unter Texas’ Städten. Längst hat sie sich mit typisch amerikanischem Selbstbewusstsein den Beinamen „Live Music Capital“, Hauptstadt der Livemusik, gegeben. Auf Schlüsselanhängern und Flaschenöffnern wirbt Austin damit für sein Nachtleben, das, sehr konzentriert, auf den Straßen der Innenstadt Lokal für Lokal mit frisch aufgespielter Musik aufwartet. In rund 200 meist urigen Bars und Kneipen lässt sich während der Saison an jedem Abend der Woche problemlos bis in die Morgenstunden feiern. Überraschend vielschichtig zeigt sich das nagelneue Texas State Museum und nicht zuletzt die gerade gebaute Formel-1-Strecke, die an diesem Wochenende das erste Rennen erlebt (siehe Kasten).

In Bandera, Texas, geht ein Tag mit Reiten, Linedance und deftigem Essen dem Ende entgegen. Vor der „Bandera Tavern“ steht ein Schild, das den 50. Geburtstag einer Leslie verkündet. Wer kommt, ist eingeladen. Mag Bandera auch kaum noch echte Kuhhirten beherbergen, hier in der Dorfkneipe tragen sie noch Hut, Stiefel und Karohemd, und sie würden verkleidet wirken, täten sie es nicht.

Drinnen erzählt Farmerin Jeannie, warum ihr Städtchen so besonders ist: „Wir sind so eine kleine Gemeinde, dass sich zwangsläufig eine Gemeinschaft bildet. Wenn jemand ein Problem hat, kann er sicher sein, dass die anderen einspringen. Ob nun dein Haus abgebrannt oder dein Brunnen trocken ist.“

Dann kommt Leslie vorbeigetanzt, und damit ist Schluss mit Plauschen. Jetzt reiht sich Jeannie ein zum Linedance, in Bandera, Texas, wo sie ihren Pferden Blinklichter an den Hintern binden, um der guten alten Zeiten willen.

Formel-1-Premiere

Al Mays breitet die Arme aus, „das hier ist nicht nur eine Rennstrecke.“ Mays arbeitet in der Werbeabteilung des „Circuit of the Americas“ bei Austin, dem jüngsten Mitglied im Rennkalender der Formel??1. An diesem Wochenende findet hier das erste Rennen statt. Die gut 30 Autominuten südöstlich von Austin gelegene Strecke ist gerade erst fertig geworden. Und nicht nur die Formel 1 soll hier unterwegs sein. Schon bald soll der Moto GP der Zweiradfahrer folgen, und sie können sich noch viel mehr vorstellen: Auf der „Grand Plaza“ sollen rund 30?000 Zuschauer Konzerte feiern können, sie wollen ein großes Tennisturnier an die Strecke holen, und ansonsten geht eben einfach alles. „Wir können Fußballplätze hier anlegen und Kart fahren“, sagt Mays.

So hoffen die Investoren, die 400 Millionen Dollar schnell wieder einzuspielen, die sie in die Strecke gesteckt haben. In Texas verspricht man sich davon bis zu 1,2 Millionen Besucher im Jahr, 300 feste Jobs und 1500 Dollar, die jeder Besucher von außerhalb des Staates im Schnitt ausgeben wird. 4,6 Tage sollen die Besucher in der Umgebung bleiben. 120000 Zuschauer finden beim „United States Grand Prix“ der Formel 1 an der Strecke Platz. Außerdem bieten die Betreiber Tagungsräume, medizinische Einrichtungen zur Weiterbildung von Ärzten und Strecken für die Fahrausbildung von Polizisten an.

Kann also nichts schiefgehen bei der Großinvestition. „Nein“, sagt Al Mays. „It’s a win, win, win – for everybody.“ Die Zukunft wird es zeigen.

Anreise:
Flug nach Austin oder San Antonio zum Beispiel mit American Airlines über Frankfurt/Main und Dallas. Weiter mit dem Mietwagen. Nach Bandera sind es, mit einem Stopp in der Outlet-Mall San Marcos, von Austin aus gut drei Stunden, von Bandera nach San Antonio etwa eine Stunde Autofahrt.

Unterkunft:
In Austin citynah etwa im Omni Austin Hotel oder Radisson Inn and Suites, in San Antonio zum Beispiel im Hotel Contessa direkt am River Walk. In Bandera gibt es mehrere Gästeranches wie die „Flying L Ranch“.

Weitere Informationen:
Texas State Travel Guide, PO Box 141009, Austin, Texas, Tel. (001/512) 7 87 14 10 09
www.traveltex.com
www.banderacowboycapital.com
www.visitsanantonio.com
www.austintexas.org

Heike Schmidt 12.11.2012
Stefan Stosch 29.10.2012