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Reisereporter Wo sich die Affen gute Nacht sagen
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Von Michael Pohl
Blick auf den Felsen von Gibraltar: Im Hafen liegen die großen und kleinen Jachten friedlich nebeneinander.Fotos: Pohl (3)
Blick auf den Felsen von Gibraltar: Im Hafen liegen die großen und kleinen Jachten friedlich nebeneinander.Fotos: Pohl (3)
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Gibraltar

Im Englischen gibt es einen hübschen Begriff für etwas skurrile Dinge, die man aber eigentlich trotzdem ganz gern hat: „quirky“. Angesagte Viertel in London oder Manchester gelten heutzutage als „quirky“. Und auch für manch extravaganten Künstler ist es fast schon eine Auszeichnung, so bezeichnet zu werden.

Auch Gibraltar ist in gewisser Weise ein bisschen „quirky“. Bei einem Aufenthalt hier im Süden Spaniens begegnet einem dieses sympathische Modewort durchaus öfter. Das könnte an der Tatsache liegen, dass die vierspurige Einfahrtstraße mangels Platz mitten über die Landebahn des Flughafens führt und deswegen für jedes Flugzeug kurzzeitig gesperrt werden muss. Vor allem aber liegt es an einer insgesamt ungewöhnlichen Kombination: Mediterran bis maurisch anmutende Häuserzeilen prägen die kleine Innenstadt, es herrschen warme Temperaturen von teilweise mehr als 30 Grad, die Sonne scheint an mindestens 300 Tagen im Jahr. Im Grunde ganz so, wie man das in dieser Gegend auch erwarten würde. Doch quer durch dieses entspannte südländische Flair hat sich über Jahrhunderte typisch britische Lebensart etabliert.

Englisch ist noch vor Spanisch Alltagssprache. In den Pubs werden Pints ausgeschenkt - und zwar die ganze Palette britischer Biere, die man auch in Birmingham oder Cardiff findet. Den Fish-and-Chips-Shop gibt es ebenso wie das obligatorische Marks-and-Spencer-Kaufhaus und natürlich die typische rote Telefonzelle. In den Regalen des großen Morrisons-Supermarkts steht so ziemlich jedes Produkt, das diese Einzelhandelskette auch in Großbritannien vertreibt - inklusive britischem Toastbrot. Und bezahlt wird passenderweise mit Pfund - wenn auch mit eigenen Münzen und Noten, deren Kurs aber an das britische Pfund gekoppelt ist.

Gibraltar, der nur 6,5 Quadratkilometer große Zipfel rund um den berühmten Felsen, ist bereits seit 1704 britisches Überseegebiet. Und die Bewohner lassen keinen Zweifel daran aufkommen, dass sie sich der Krone auch heute noch mehr als verpflichtet sehen. Zuletzt sprachen sich 2002 in einem Referendum eindrucksvolle 98,5 Prozent der Einwohner dafür aus, weiter unter britischer Herrschaft stehen zu wollen. Tendenz eher steigend als fallend.

Gino Sanguinetti sieht in dieser Mischung mehrerer Kulturen eine Inspirationsquelle für Künstler. Er ist Kurator der Fine Arts Gallery am Casemates Square, die sich vor allem Werken örtlicher Kunstschaffender widmet. Fühlt man sich angesichts dieses Mischmaschs der Kulturen hier in Gibraltar überhaupt als Brite? Sanguinetti zögert nicht lang: „Unsere Werte kommen aus Großbritannien“, sagt er. „Aber ich empfinde mich eher als Kosmopolit.“ So viele Kulturen kämen hier zusammen, so viele Religionen - alles friedlich, versteht sich.

Für Jens Dambi war bei seinem Umzug nach Gibraltar vor allem eines ausschlaggebend: das gute Wetter. Eines Tages habe er seinen Wagen gestartet und sei einfach in Richtung Süden gefahren, sagt der in Rheda-Wiedenbrück geborene Aussteiger. In Gibraltar ist er schließlich hängen geblieben und führt dort heute Touristen durch die von der Armee angelegten Tunnel im allgegenwärtigen Felsen. Insgesamt 52 Kilometer lang sind die Gänge, die in mehreren Epochen in den Stein gehauen wurden, zuletzt während des Zweiten Weltkrieges. „Die Briten befürchteten damals Angriffe auf Gibraltar und wollten vorbereitet sein“, verdeutlicht Dambi. Entstanden ist deswegen so etwas wie eine ganze Stadt im Berg. Die Angriffe aber blieben aus.

Heute werden Teile der Tunnel als Lager für PC-Server genutzt, in einem anderen Bereich lagern noch immer Treibstoff- und Wasservorräte. Platz ist knapp auf Gibraltar, auch wenn die Größe des britischen Überseegebiets im Laufe der Jahrhunderte durch Landaufschüttung um gut 20 Prozent gewachsen ist. Wem es in den engen Gassen der Innenstadt zu voll wird, der kann sehr leicht auf die eher ruhige Ostseite des Felsens wechseln und hier an einem der wenigen Strände entspannen. Auch wenn er dabei manchmal von einem der typischsten Bewohner gestört werden könnte: den Affen.

Bis heute leben hier im oberen Bereich des Gibraltar Nature Reserve rund 300 Berberaffen in freier Natur. Und nicht nur hier: Vereinzelt kommen sie auf der Suche nach Nahrung hinunter bis in die Stadt oder auch mal in die Hotels an der Küste. Eine Legende besagt, dass die britische Herrschaft über Gibraltar vorbei sein wird, sobald der letzte Affe verschwunden ist. Juristisch belastbar ist diese Ansicht freilich nicht, und angesichts der großen Anzahl der Tiere macht sich hier derzeit auch niemand Sorgen über deren Aussterben.

Die Präsenz der Krone ist gesichert - und das erfreut nicht jeden. So kommt es immer wieder zu Anspannungen mit dem EU-Partner Spanien, zuletzt 2013, als ein Streit zwischen Spanien und Großbritannien um die Fischereigrenzen bis auf EU-Ebene getragen wurde. Dabei wären Vorkehrungen für ein Zusammenrücken getroffen: Der nagelneue Flughafenterminal etwa befindet sich direkt an der Grenze und verfügt über einen eigenen Ausgang auf die spanische Seite. Allein: Geöffnet wurde er bis heute nicht ein einziges Mal.

Dabei haben die Einwohner längst ihren eigenen Weg gefunden, mit der Situation umzugehen: Viele Spanier kommen morgens in Scharen über die Grenze, um in Gibraltar zu arbeiten. Im Gegenzug hat sich mancher Einwohner aus Gibraltar ein Haus am Meer im Nachbarland zugelegt, weil der Grund und Boden dort günstiger ist. Auf ein Zweitappartement am Affenfelsen aber verzichtet indes kaum jemand von ihnen - zu eng ist für viele die Bindung an Englands Vorposten im Mittelmeer.

Und auch Jens Dambi denkt nicht an eine Rückkehr nach Deutschland: „Die Gemeinschaft hier ist einfach perfekt.“ So lassen sich die Gibraltarer gern von außen belächeln als ein bisschen „quirky“, als historische Skurrilität des einstigen britischen Weltreichs. Denn eines ist ihnen stets gewiss: Sie leben dort, wo andere Urlaub machen möchten.

INFOS:

Anreise

Mit British Airways unter anderem ab Hannover, Hamburg, Berlin oder Dresden via London direkt zum Flughafen von Gibraltar. Oder alternativ mit Vueling, Germanwings, AirBerlin oder Easyjet nach Málaga, von dort weiter mit Bus oder Mietwagen.

Beste Reisezeit

Grundsätzlich immer – die Sommer können mit 30 Grad Celsius und mehr heiß werden, dafür sind die Winter sehr mild.

Einkaufen

Auf Gibraltar gibt es keine Mehrwertsteuer, was sich aber nur noch bei Spirituosen und Zigaretten bemerkbar macht – alles andere ist durch den Import aus Großbritannien kaum günstiger als in Deutschland. Vorsicht: Für Gibraltar gelten andere Zollvorschriften als für den Rest der EU.

Unterkunft

Ruhig, an der Ostküste: Caleta Hotel, Sir Herbert Miles Road.

Jachthotel am Hafen, sehr nobel: Sunborn, Ocean Village Promenade.

Traditionsreich, zwischen Fels und Zentrum: Rock Hotel, 3 Europa Road.

Weitere Informationen

www.visitgibraltar.gi