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Reisereporter Viele Wege führen auf den Watzmann
Reisereporter Viele Wege führen auf den Watzmann
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11:56 30.07.2013
Jetzt wird es steil: Während das Watzmannhaus (hinten links) immer kleiner wird, geht es für Autor Bernd Haase zum Hocheck – 720 Höhenmeter über felsiges und schroffes Gelände. Quelle: Berchtesgadener Land Tourismus
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Berchtesgaden

Schnee fällt, Nebelfetzen jagen durch das Bild. Dann stürzt Tauwasser in den Abgrund. Plötzlich liegen Kühe auf jetzt grünen Wiesen und verschwinden wieder, Insekten umschwirren Bergblumen, ein Unwetter zieht auf, weitere Wassermassen stürzen in Abgründe. In zwölf Minuten ist das Jahr vorbei. Im Zeitraffer - so erlebt man das Jahr am Gipfel des Watzmanns im Haus der Berge in Berchtesgaden. Und zwar am Ende eines Rundgangs durch das für 19 Millionen Euro erbaute und kürzlich eröffnete Naturerlebniszentrum. Dann sitzt man in der sogenannten Vitrine vor einer 15 Meter hohen Leinwand und erlebt den Berg im Wandel des Jahres.

Nach der Vorführung drehen sich die Lamellen der Riesenleinwand - und geben den Blick nach draußen frei, auf einen der bekanntesten Berge Deutschlands. König Watzmann gibt sich die Ehre, steinerner, sagenumwobener Herrscher über das Berchtesgadener Land und dessen uneingeschränktes Wahrzeichen. Der Legende nach hat Gott selbst ihn geschaffen, indem er einen grausamen König, dessen Weib und fünf Kinder als Strafe für Missetaten versteinerte. So geht zumindest die Ode.

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Nüchtern betrachtet handelt es sich beim Watzmann um einen Gebirgsstock aus eher bröckeligem Ramsau-Dolomitgestein, der es an der Mittelspitze auf 2.713 Meter bringt und damit zweithöchster Berg Deutschlands ist. Der Watzmannkönig im Osten besteht eigentlich aus drei Spitzen - neben der Mittelspitze sind es noch Südspitze und Hocheck. Die sogenannte Watzmannfrau begrenzt den Stock auf der Westseite - ihr Gipfel neigt sich dem König in einer Form ewiger Verbundenheit zu. Dazwischen liegt ein Kar, eine kesselförmige Eintiefung am Berghang. Dessen Ausformungen gehen als Watzmannkinder durch.

Unterschiedliche Wege führen zum Berg

Die Faszination, die von diesem Gesamtensemble ausgeht, kann Bergführer Toni Grassl erklären. „Wenn man den Watzmann von allen Seiten betrachtet, sieht er jedes Mal komplett anders aus. Von zwei Seiten ist er richtig schön.“ Man kann sich dem Berg auf unterschiedliche Weisen nähern. Die einfachste ist die Fahrt mit den Ausflugsschiffen über den stillen und erhabenen Königssee nach Sankt Bartholomä. Man steht dann vor einem der bekanntesten und meistfotografierten Panoramen der Alpen - der mächtigen Ostwand mit der kleinen Wallfahrtskapelle davor. Mehr als 400.000 Menschen pro Jahr bescheiden sich mit Schiffsfahrt und Staunen von unten. Die Ostwand selbst gilt mit ihren steilen fast 2.000 Metern als höchste der Ostalpen und ist nur was für echte Alpinisten. Zynischerweise ist der Mythos einer solchen Kletterroute oft mit der Zahl der Opfer verbunden - am Watzmann ist vor zwei Jahren der Einhundertste in den Tod gestürzt.

Unbezwingbar ist der Berg aber nicht. Die beliebteste Route beginnt in Ram-sau. Sie führt durch die wilde Wimbachklamm und auf gut ausgebauten Wanderwegen über Stuben- und Mitterkaseralm zum Watzmannhaus in 1.930 Metern Höhe. Hin- und Rückweg lassen sich an einem Tag schaffen. Dann allerdings verpasst man eine Übernachtung in dem Haus, das in diesem Jahr 125. Geburtstag feiert. Eigentlich, so erzählt Wirt Bruno Verst, sei dies nicht sein Traumhaus. Er sei „bloß hochgegangen und irgendwie hängen geblieben“, als sein Vorgänger aufhörte. Aber wenn das Hüttengulasch und der Kaiserschmarren gegessen sind, die Sonne langsam über die Reiteralpe Richtung Untergang sinkt, wenn auf der anderen Seite Hoher Göll, Hohes Brett und Jenner im Abendlicht liegen und die Schreie der Bergdohlen langsam abebben, dann darf man vermuten, dass die Szenerie Verst doch nicht ganz kaltlässt.

Eine Aussicht, die für alle Mühen entschädigt

Unternimmt man die Wandertour mit Bergführer Toni, kann man vor dem Zubettgehen noch was lernen: Bayerns Nationalkartenspiel Schafkopf, vorausgesetzt, man findet noch zwei Gleichgesinnte. Trotzdem geht es am nächsten Morgen früh aus den Federn, dafür sorgt Grassl schon. Es geht zum Watzmannhocheck hinauf - auf 2.650 Meter. „Wer trittsicher und schwindelfrei ist, kann das machen“, sagt er. Bald weiß man, was gemeint ist. Je kleiner das Watzmannhaus unten wird, desto felsiger und schroffer wird das Gelände. Kurz vor dem Ziel muss man bei einem Steilaufschwung die dort angebrachten Seile nutzen. Nur wenig später sieht man das vergoldete Jesuskreuz auf dem Gipfel - und dann eine Aussicht, die für alle Mühen entschädigt: Der Blick reicht von der wilden Gebirgslandschaft des Steinernen Meeres hinaus bis hin zum Alpenhauptkamm, von dem der Großglockner grüßt.

Für Grassl, der schon als 15-Jähriger zum ersten Mal durch die Ostwand gestiegen ist, wäre die sogenannte Watzmannüberquerung eine leichte Übung. Die Route führt über Mittel- und Südspitze sowie das Wimbachgries ins Tal. Uns rät er von dieser Tour ab: Das Ganze ist an einigen Stellen endgültig mit Kletterei verbunden. So wählen wir den einfacheren Weg: Zurück zum Watzmannhaus, und danach geht es über Falzalm und Falzsteig steil bergab. Auf der Kührointalm, wo eine junge Berchtesgadenerin namens Heidi ihr erstes Jahr als Sennerin verbringt, gibt es zwei gute Gründe für eine Rast: Heidi serviert einen erstklassigen Schüttelkäse auf dem Brett. Und von den Holzbänken vor der Hütte lässt sich ganz wunderbar bestaunen, wo man gewesen ist. Das Hocheck und die Mittelspitze - von der Almperspektive aus wirken sie, als wären sie gleich hoch. So betrachtet, war man also irgendwie doch ganz oben - auf dem Haupt des Königs.

Haus der Berge

Der Nationalpark Berchtesgadener Land ist der einzige in den deutschen Alpen. Wer wissen will, warum das so ist, und alles über Flora und Fauna erfahren will, geht ins neue Haus der Berge. Das Motto dort: „Wir wollen begeistern, nicht belehren.“

www.haus-der-berge.bayern.de

Obersalzberg

Das Gebiet in malerischer Bergkulisse war Feriendomizil Adolf Hitlers und anderer Nazi-Größen. Die Propaganda nutzte Bilder von Führer und Berghof, um dessen angebliche Heimatverbundenheit zu illustrieren. Was Hitler zum Obersalzberg zog und was dort wirklich los war, zeigt ein Dokumentationszentrum. Es ist so gut besucht, dass es demnächst vergrößert werden soll.

www.obersalzberg.de

Bobfahren

An der Bobbahn am Königssee kann man sommers wie winters als Beifahrer im Viererbob ausprobieren, warum hinter der Sportart mehr steckt als nur Rutschen durch eine Rinne. Der Spaß ist aber nicht ganz billig: Im Sommer werden 65 Euro pro Abfahrt und Person fällig, im Winter 90 Euro.

www.rennbob-taxi.de

Hin und weg

Anreise

Mit dem Auto geht es über München und die Autobahn Richtung Salzburg bis zur Abfahrt Berchtesgaden. Die Bahn fährt aus dem Norden mit einem täglichen Ferienexpress dorthin. Aus einigen deutschen Städten werden Flüge nach Salzburg angeboten – die Mozartstadt liegt nur 20 Kilometer von Berchtesgaden entfernt.

Reisezeit

Beste Wanderzeit für die Route zum Watzmannhaus ist von Mitte Mai bis Mitte Oktober. Weiter oben liegt im Oktober schon häufig Schnee. Wandern Im Berchtesgadener Land gibt es jede Menge attraktiver Wander- und Tourenmöglichkeiten – vom leichten Spaziergang bis hin zu Extrembergsteigen ist hier alles im Angebot. Die beschriebene Tour zum Watzmannhaus ist auch für sportliche Familien geeignet. Wer weiter will aufs Hocheck, muss entweder Erfahrung, Trittsicherheit und Schwindelfreiheit mitbringen oder sich an einen Bergführer wenden. Wer die Watzmann-Überquerung vorhat und auch nur Restzweifel am eigenen Können und Kondition hegt, sollte in jedem Fall nur mit fachkundiger Begleitung unterwegs sein. Das Watzmannhaus ist häufig sehr gut besucht. Wer nächtigen will, sollte reservieren.

Weitere Informationen:

www.berchtesgadener-land.com

www.watzmannhaus.de

Bernd Haase

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