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Reisereporter Good Morning, Vietnam
Reisereporter Good Morning, Vietnam
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00:37 04.01.2014
Von Anja Schmiedeke
Vietnam – ein Land voller Gegensätze. Quelle: Archiv
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Hanoi

Das hätte sich Wladimir Iljitsch Lenin auch nicht träumen lassen. Die Sonne über Hanoi steht erst eine Handbreit über dem Horizont, und zu den Füßen des sozialistischen Urahnen nimmt das Leben bereits Fahrt auf. Junge Vietnamesen spielen auf dem Platz nahe dem Ho-Chi-Minh-Mausoleum Fußball. Und nur wenige Meter daneben, im Schatten hoher Bäume, tanzt eine Gruppe Frauen und Männer morgens um halb sieben Foxtrott – zu amerikanischen Schlagern, die aus mitgebrachten Boxen dröhnen. Berührungsängste gibt es nicht – weder mit der Musik des einstigen Kriegsgegners noch mit den europäischen Spaziergängern, die der Hauptstadt beim Aufwachen zuschauen. Ein freundliches „Good Morning“ – und schon wird man herzlich eingeladen, sich dem Paartanz anzuschließen.

Für die Hanoier ist der Tanz Frühsport, nur deutlich weniger bedächtig als das populärere Tai-Chi, das überall dort aufgeführt wird, wo ein wenig Grün in der Sechs-Millionen-Einwohner-Metropole aufblitzt. Die fließenden, sanften Bewegungen stehen in einem irritierenden Kontrast zum Lärm, der mit jeder Minute mehr anschwillt. Der berüchtigte Verkehr lässt nur nachts ein wenig nach. Am Tag brausen zigtausend Mopeds durch die Straßen, das Gehen, so scheint es, haben die Hanoier als evolutionäre Stufe hinter sich gelassen. „Wir sind zu faul, um zu laufen“, sagen sie. Allerdings hupen die Vietnamesen auch für ihr Leben gern. „Piep, piep“, rufen sogar die Rikschafahrer, in Ermangelung einer elektrischen Verstärkung.

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Essen als Leidenschaft

Eine weitere Leidenschaft der Vietnamesen, und vermutlich ihre liebste Beschäftigung, ist das Essen. Warm muss es selbst am Morgen sein, so wie die Pho Bo oder Pho Ga, die Suppe mit Rind- oder Hühnerfleisch, die in den dicken Töpfen der Straßenküchen brodelt. Das traditionelle Frühstück aus einer deftigen Brühe mit Reisnudeln, Lauch, Koriander, Minze und Chili wird mittlerweile auch in deutschen Großstädten serviert. Doch das Original schmeckt immer noch eine Klasse besser, und nicht wenige Reisende bekommen beim Schlürfen Lust, der vietnamesischen Kochkunst etwas genauer nachzuspüren.

Dazu lohnt sich ein Abstecher nach Hoi An, bis ins 18. Jahrhundert einer der wichtigsten Häfen in Zentralvietnam. Heute ist der beschauliche Ort südlich des Wolkenpasses Teil des Unesco-Weltkulturerbes. Viele Schneidereien bieten in Hoi An ihre Dienste an und auch Cooking Classes, die Reisende in die frische Küche der Region einführen – Erfolgsgarantie inklusive. „Es wird auf jeden Fall gut schmecken“, verspricht Kochlehrerin Luna, die bei der Cooking School Red Bridge das Messer schwingt. „Ladys, Ladys!“, mahnt Luna zwölf Frauen und Männer, das Zitronengras bloß fein zu hacken und den Reismehlteig über dem Wasserdampf schön dünn auszustreichen. Gekocht wird quasi im Freien, geschützt nur von einem Holzdach, auf das der Tropenregen trommelt.

Die kalten Sommerrollen mit frischem Koriander und Fischsauce, der legendären Nuoc mam, schmecken tatsächlich vorzüglich. Und nachdem Gurken zu dekorativen Beilagen geschnitzt sind, nimmt Lunas Kollege Anh sich die Zeit, die heimischen Kräuter und Gemüse zu erklären: die La-Lot-Bätter, die für die gebratenen Fleischröllchen Bo La Lot unverzichtbar sind, oder auch der Wasserspinat, der als Salat bereitet oder in der Pfanne mit Knoblauch heiß geschwenkt wird.

Drei Kochtraditionen prägen das Land

Beim Gang über den Markt schnuppern die Europäer an Zimtäpfeln und verzweifeln daran, Litschis von den heimischen Rambutans zu unterscheiden. Für weniger robuste Mägen empfiehlt es sich allerdings, in der schwülen Hitze den Schlenker zu Schweinehälften und gerupften Hühnern auszulassen. Koch Anh quittiert die Empfindsamkeit mit einem spöttischen Grinsen. Drei Kochtraditionen prägen das Land: die südvietnamesische Küche mit einer Vielzahl von Gewürzen, die Küche des Nordens mit ihren Suppen oder dem berühmten Feuertopf und die zentralvietnamesische Küche, die im kaiserlichen Hue den höchsten Grad an Raffinesse erreicht hat.

In Hue, wenige Autostunden nördlich von Hoi An, eiferten die vietnamesischen Kaiser einst den chinesischen Nachbarn nach. Sie errichteten sich ein Klein-Peking mit Hofstaat, Eunuchen, Harem und einer zentralen Verbotenen Stadt, zu der nur der Kaiser und sein engster Stab Zugang hatten.

Bis zu 50 Speisen bei einer Mahlzeit

Bis 1945 lebten die Kaiser in aller Pracht: 50 Speisen wurden dem Höchsten zu jeder Mahlzeit angeblich serviert, winzige Portionen mit filigran aus Gemüsen geschnitzten Schwänen dekoriert: Suppen mit Lotussamen, Reismehlpudding in Bananenblättern gedünstet, gehackte Krabben an Spießen gegrillt. Heute ist die Historie zum Event geworden, die wohlhabendere Touristen in Restaurants nachspielen können – 13 Gänge in bunten Seidenroben mit musikalischer Begleitung. Der Genuss bleibt dabei aber auf der Strecke.

Mehr Geschmack bietet die Alltagsküche in der Studentenstadt. Schnörkellos und gut etwa im Restaurant Banana Mango in der Le Loi. Einen intimeren Einblick in das Leben der Mächtigen in der Monarchie gewährt der 61-jährige Pham Ba Vinh, der die geerbten Gartenhäuser restauriert und für Besucher geöffnet hat. Von den hupenden Mopeds ist im lauschigen Hinterhof nichts mehr zu hören. Und während ein starker grüner Tee serviert wird, erzählt der rüstige Architekt vom Leben und den Weisheiten seines Großvaters, der dem vorletzten Kaiser Khai Dinh als Minister gedient haben soll. Wie viel Dichtung und wie viel Wahrheit in den Erzählungen stecken, ist unklar – aber wer will das noch wissen, wenn die gereichten gebackenen Bananen und der scharfe kandierte Ingwer so lecker sind?

Hin und weg

Anreise

Die Fluggesellschaft Vietnam Airlines fliegt achtmal wöchentlich nonstop von Frankfurt am Main nach Vietnam. Mit einer modernen Boeing 777 bedient die Airline an fünf Tagen in der Woche die Strecke FrankfurtHanoi sowie an drei Tagen die Strecke FrankfurtHo-Chi-Minh-Stadt (Saigon). Von dort aus bestehen mehr als 20 Inlandsverbindungen. Hanoi und Saigon verbinden daneben diverse Busse und auch eine Bahnstrecke, für die die Reisenden allerdings Zeit brauchen: Der Zug benötigt für die Überwindung der 1.700 Kilometer zwischen den beiden Städten 35 Stunden.

Reisebeispiel

Reiseveranstalter Indochina Travels aus Frankfurt bietet Gruppen- wie Individualreisen an, die auch Abstecher in das benachbarte Laos oder nach Kambodscha möglich machen. Vietnam lässt sich ganzjährig bereisen. Der Norden ist im Frühjahr und Herbst am schönsten, der Süden in unserer Winterzeit. Der Klimawandel macht das Wetter in der Region weniger berechenbar. Aber mit starken Regenfällen muss im Sommer landesweit gerechnet werden, im Norden auch im Winter.

Kochen

Susanna Bingemer und Hans Gerlach haben für den Gräfe und Unzer Verlag ein preisgekröntes Buch über die vietnamesische Küche gemacht: „Vietnam. Küche und Kultur“. Rezepte von simpel bis aufwendig mit vielen Tipps, wie die Zutaten in Deutschland aufzutreiben sind. Und dazu noch wunderbar bebildert. Preis: 29,90 Euro.

Weitere Informationen

www.indochinatravels.com

www.vietnamairlines.com

16.12.2013
Stephan Fuhrer 22.04.2014