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Reisereporter Völlerei am Perlflussdelta
Reisereporter Völlerei am Perlflussdelta
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10:00 16.04.2011
Asiatische Wurzeln und europäische Prägung sorgen für Vielfalt in der Küche Macaos. Quelle: dpa/tmn
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Zu António Coelho sollte man besser nicht zu spät kommen. Sein kleines Lokal in Macao läuft glänzend, auch der Michelin-Führer hat es schon empfohlen. Als die alte Chinesin um 20.30 Uhr das Lokal betritt, wird es still. Die Gäste ahnen, dass das nicht gut gehen wird. „Ist das hier ‚António’s?‘“, ruft sie in den Raum. Der Namensgeber des Restaurants kommt hinter seinem Tresen hervor. „Sie sind ja kaum zu finden!“, herrscht ihn die alte Chinesin an. Fast eine Stunde sei sie in Taipa Village die Straßen auf und ab gefahren. Reserviert hatte sie für 20 Uhr. „Tja“, sagt António, „der Tisch ist weg, Sie hätten von unterwegs anrufen sollen.“

Die alte Chinesin schnappt nach Luft und rauscht hinaus. Der Patron entfernt das Reservierungsschild vom freien Tisch neben der Theke. António Coelho kann es sich leisten, Gäste abzuweisen, die wie diese Dame aus der neuen chinesischen Oberschicht meinen, alles müsse nach ihrer Pfeife tanzen.

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Macao wurde vor zwölf Jahren von Portugal an China zurückgegeben. Seitdem ist der Landzipfel im Perlflussdelta eine Sonderverwaltungszone wie das benachbarte Hongkong. Wer fünf, sechs Jahre nicht da gewesen ist, erkennt Macao nicht wieder. Mit Unterstützung aus den USA haben die neuen Herren aus der im 16. Jahrhundert gegründeten Stadt ein chinesisches Las Vegas gemacht – mit Hoteltürmen, Themenparks und gigantischen Kasinos. Die Urzelle des Spielvergnügens, das alte Hotel Lisboa, ist in einem Gebirge brandneuer Wolkenkratzer verschwunden.

Mit dem Glücksspiel geht es Macao inzwischen so gut, dass die Regierung jedes Jahr einen Teil der Einnahmen an die 550 000 Einwohner verschenkt. Einfach so, per Banküberweisung. Wenn sie klug sind, und das sind die meisten Einheimischen, geben sie den Bonus nicht wieder fürs Spielen aus, sondern fürs Essen. Denn das ist der wahre Grund, nach Macao zu kommen: Es gibt nur wenige andere Orte in Asien, an denen man an einem Fleck europäische und chinesische Küche in allen Variationen vorfindet – vom portugiesischen Milchkaffee Galão bis zur Pekingente, vom britischen Fünf-Uhr-Tee bis zum kantonesischen Sterne-Menü. Alles zu zivilen Preisen, deutlich günstiger als um die Ecke in Hongkong.

António zum Beispiel serviert Gästen, die er mag, zur Vorspeise gefüllte Taschenkrebse mit Röstbrot und gratinierten Ziegenkäse mit Honig und Olivenöl. Dann Bacalhau, Kabeljau aus dem Ofen. Als zweiter Hauptgang folgt eine mosambikanische Spezialität aus Antónios Globetrotter-Jahren während des Militärdienstes: ein scharf gewürztes „African Chicken“. Zum Nachtisch eine Serradura als üppigere Version von Tiramisu. Oder, wenn Antonió richtig gute Laune hat, in frisch gepresstem Orangensaft getränkte Crêpes Suzettes.

Gegessen werden kann in Macao fast rund um die Uhr. Hinter dem Red Market im Zentrum bereiten schon im Morgengrauen Bratküchen und Imbissstände für ein paar Cent ein üppiges Frühstück zu, zusammengeklaubt aus allen möglichen Küchen dieser Erde: Bratnudeln, frisches Obst, Dim Sum, Mürbeteigkekse. Tagesempfehlung: gedämpfte, blassweiße Reisrollen mit Chili und Sesam-Soja-Soße. Englisch wird kaum gesprochen, aber man kann zeigen und gestikulieren – und wird verstanden.

Zum Mittagessen ein Ausflug in die chinesische Hochküche: Im „Imperial Court“ des Luxushotels MGM Macau gibt es für rund 40 Euro ein achtgängiges Menü, das auch verwöhnte Gaumen aus Peking oder Schanghai zufriedenstellen würde: Riesengarnelen aus dem Wok, feine Gemüsebouillon aus der Provinz Yunnan, gebratenes Rinderfilet mit schwarzem Pfeffer, Zwiebeln und Mangosuppe.

Danach geht es für den Verdauungsspaziergang zunächst mit dem Taxi auf die von Hochhäusern und Kasinos verschonte Insel Coloane. Aber auch hier lockt eine Essensstation: Lord Stow’s Bakery an der Rua da Tassara und sein Garden Café gleich um die Ecke.

Der Brite Andrew Stow, eigentlich Chemiker und beileibe kein Lord, hatte 1989 die Idee, portugiesischen Exilanten ihr Lieblingsdessert Pasteis de Nata zu liefern. Stow besorgte sich Rezepte und experimentierte so lange herum, bis Blätterteigkruste und Vanillefüllung perfekt waren. „Er war furchtlos in der Küche“, sagt seine Schwester Eileen lachend, die sich an zig Fehlschläge erinnert und die Geschäfte seit Andrews Tod vor fünf Jahren allein weiterführt. Das Durchhalten hat sich gelohnt: 3000 köstliche Pasteten gehen Tag für Tag über die Theke.

Wer noch Platz im Magen hat, kann beim europäischen Thema bleiben und zum Afternoon Tea im neuen Mandarin Oriental einkehren. Der „Executive Pastry Chef“ des Hotels, Tony Miller, produziert kleine Wunderwerke aus Schokolade und Sahne. Der durchtrainierte 33-Jährige war Marinesoldat und fuhr auf einem Atom-U-Boot, bevor er auf Konditor umschulte und seine Liebe für Törtchen und Pralinen entdeckte. Offensichtlich zieht Macao Menschen mit Brüchen im Lebenslauf an. In der Spielermetropole Macao überlassen die Einheimischen die Kasinos den Fremden und gehen lieber essen.

Abends zum Abschluss etwas Einfaches, Würziges: Im macanesischen Restaurant „Litoral“ in der Nähe der Kasinos gibt es hervorragende Meeresfrüchte. Eine Alternative ein paar Schritte weiter ist das „A Lorcha“ mit guter Auswahl an scharfem Curry

Frank Rumpf