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Reisereporter Von Naturcoolen und Feierabenteurern
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11:40 22.08.2011
Vorfahrt für Freerider: Flims gilt vor allem für die Akrobaten unter den Fahrern als europäische Topadresse, aber auch für Freizeitradler. Quelle: Weisse-Arena-Gruppe
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Flims

Grüezi mitenand! Grüezi mitenand! Grüezi mitenand!“ Dario Linder ist ein netter Mensch. Während er auf dem Mountainbike eine Gruppe Wanderer überholt, schafft er mindestens fünfmal, bei größeren Gruppen auch öfter, ein kerniges „Grüezi mitenand!“ zu wünschen. Auf Darios buntem Trikot steht „Bikeguide“, er leitet Unkundige durch sein Revier, die Wälder und Berge um die Orte Flims, Laax und Falera in Graubünden.

Das Gebiet zwischen Bündner und Glarner Bergen sowie dem Vorabgletscher ist so groß, dass sich Wanderer und Biker eigentlich aus dem Weg gehen könnten. Doch auf den reizvollen Strecken mit guten Aussichtspunkten begegnen sie sich immer mal wieder. Die Biker sind dann zur Rücksicht angehalten, und ein fröhliches „Grüezi mitenand“ kann da nie schaden.

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Die Mountainbiker haben ohnehin Ziele, die nicht für Wandersleut‘ gedacht sind. Denn die 330 Kilometer Bikestrecken im und rund um den Flimser Wald beinhalten viele sogenannte Single Trails. Schmale Strecken, auf denen man nicht nebeneinander fahren kann, kaum einen halben Meter breit und oft abwärts – oder downhill, wie der Mountainbiker sagt. Ohnehin werfen die Mountainbiker wie auch die Skate- und Snowboarder mit Fachbegriffen um sich. Stylish, lässig, waghalsig – nennen wir es naturcool. Das passt in jeder Hinsicht.

Den Bikern ist eigentlich keine Piste zu schwierig

Flims gilt vor allem für die Akrobaten unter den Fahrern, die sogenannten Freerider, als europäische Topadresse, da viele Trails neben natürlichen auch künstliche Prüfsteine haben. Sie heißen Drops, Corners, Wallrides oder Northshores, bringen den Freerider in Verzückung, allerdings auch manchen Anfänger zur Verzweiflung.

In Fahrradlotse Dario kommt in diesem Moment der Abenteurer durch. Wenn er, oft redend, meist lachend, die steilen Trails hinunterdonnert, sagt er Sätze wie „Das Rad sucht sich seinen Weg“, oder er sagt schlicht: „Hey – easy!“ Dario könnte hier vermutlich auch mit verbundenen Augen hinunterfahren, der 37-Jährige ist hier aufgewachsen, sitzt seit seiner Kindheit auf dem Bike und kennt hier buchstäblich jeden Stein. Für die vielen Downhill- oder Freeridefans halten die Gastgeber aber exzellente Routenplanung per Karte oder GPS-Ortung und auch für mehrtägige Touren mit oder ohne Guides bereit.

Das gilt nicht nur für voll verkleidete Tempofreaks – und nicht nur für Gäste. Dass die Einheimischen, die übrigens noch Rätoromanisch sprechen, selbst gern aufs Rad steigen und ihre Gegend im wahrsten Sinne kreuz und quer mit dem Mountainbike durchstreifen, sieht man an Streckennamen wie „Afterwork-Trail“ oder „Rundtour Flimser Wald“. Doch auch für Radler, die es noch gemütlicher mögen und eine gute Aussicht bevorzugen, gibt es Ausflugstouren ohne Klippen, Sprünge, Baumwurzeln und Steine auf der Strecke, dafür aber mit schönen Aussichtspunkten.

Ein solcher ist die Kirche St. Remigius in Falera, zu der es über den sogenannten Planetenweg geht, eine Rad- und Wanderpiste, an der unser Sonnensystem maßstabs- und abstandsgerecht mit Modellen nachgebaut ist. In Falera gibt es noch mehr Himmlisches: eine Sternwarte und ein Megalithenfeld. Diese weiträumige Anordnung von riesigen Steinen, eine Art dezentrales Stonehenge, diente als Kultstätte und zur Berechnung von Kalendertagen. Wer einen tiefen Blick in die gewaltige Rheinschlucht tun will, kann das von einer Aussichtsplattform am Flimser Wald tun. Dass die Steinwände 350 Meter hoch sind, sieht man, wenn unten ein winziger Zug durchs Flusstal fährt.

Ein Treffpunkt für alle, ob gemütlich zu Fuß oder waghalsig per Bike, sind die Bergseen. Der schönste ist der Crestasee, nicht erschlossen wie der größere Caumasee, aber naturbelassener. Wer sich nach längerem Aufstieg abkühlen möchte, springt einfach ins Wasser. Das kann anfangs recht frisch werden, Bergsee ist Bergsee, aber man gewöhnt sich daran. Und es erhöht den Naturverbundenheitsfaktor erheblich.

Wer abfahren will, ohne sich den Törn durch eine zünftige Bergaufkraxelei zu verdienen, macht es wie die Skifahrer und nimmt den Aufzug. Schließlich verwandelt sich die Region hier im Winter in ein Skigebiet und ist mit Liften ausgestattet – die auch Bikes transportieren. Außerdem gibt es Busse, die Radler innen und deren Fahrräder außen befördern. Solch ein Transport empfiehlt sich beispielsweise für den Trip hoch zur Bergstation Grauberg auf 2230 Meter Höhe, die man natürlich auch erwandern oder per Bike erreichen kann. Belohnt wird man in jedem Fall mit einem Blick auf ein Unesco-Weltnaturerbe.

Lehrbuch live

Der Segnesboden ist eine faszinierende Flachmoorlandschaft, und die Tektonikarena Sardona bietet ein Felspanorama, an dem sich deutlich ablesen lässt, wie durch Plattenverschiebungen einst Gebirge entstanden sind. Lehrbuch live. Das sogenannte Martinsloch, das dabei entstanden ist, können allerdings nur erfahrene Kletterer erreichen. Wer am Grauberg ein Fahrrad dabei hat, darf sich noch einmal belohnen – mit rund 1100 Metern Straßenabfahrt zurück nach Laax. „Easy“, wie Dario sagen würde.

Schon von Weitem ist das „Rocksresort“ direkt an der Talstation Laax zu erkennen, eine hochmoderne Wohnanlage, die wie in Stein gemeißelt daherkommt – und es in gewissem Sinne auch ist. Die Außenwände wurden mit regional abgebautem Quarzit „getarnt“, innen herrscht schnörkelloses Holzdesign, und die Beleuchtungsideen steuerte der in der Schweiz ziemlich aktive Stararchitekt Frank O. Gehry bei. Ungewöhnlich ist auch das Betriebs- und Investmentkonzept. Wer eins der Apartments zwischen 60 und 115 Quadratmetern Größe kauft (zwischen einer halben Million und 1,3 Millionen Schweizer Franken), darf es 35 Wochen im Jahr selbst belegen, stellt es den Rest der Zeit als Mietraum zur Verfügung und refinanziert so sein Projekt.

Die Weisse-Arena-Gruppe, die auch die Lifte ringsum betreibt, hat quasi ein künstliches Dorf angelegt, mit Gastronomie, Shopping, Marktplatz und Kinderbespaßung. Für die sorgt unter anderem der Ami Sabi, eine Fabelfigur mit Bart und Holz im Haar, der in einem Flusstal mit großer Geste von großen Bergen erzählt. Nicht ganz so alt, aber auch fabelhaft sind die Schwinger.

Wenn die Vertreter dieses Schweizer Ringersports auf dem Marktplatz im „Rocksresort” antreten, wird erst mal ein Sägemehlteppich aufgeschüttet. Dann werden kurze Kartoffelsackhosen angezogen, an denen sich die Kontrahenten packen können. Und dann geht’s rund – bis einer geschultert ist.

Abends wird natürlich gefeiert. Der DJ hat den Helm gegen die Baseballkappe getauscht. „Grüezi mitendand“, sagt er.

Uwe Janssen

Anreise

Mit Flugzeug oder Bahn nach Zürich, Basel oder Friedrichshafen, danach entweder vom Flughafen per Shuttle direkt nach Flims oder per Bahn in die Kantonshauptstadt Chur und von dort aus zum Ziel mit dem „Postauto“, das klein klingt, aber ein ausgewachsener Bus ist – und sogar Fahrräder mitnimmt, wenn sie vorher angemeldet werden.

Mit dem Auto geht’s über die A3/A13 nach Chur und dann weiter über die A19 nach Flims, Laax oder Falera.

Freestyle Academy

Wer sich auf große Sprünge im harten Gelände vorbereiten will, kann mit weichen Landungen anfangen. Die Freestyle Academy in Laax bietet in einer Halle große Schaumstoffbecken, in die Snow- oder Skateboarder, Biker oder Trampolinspringer hüpfen können.

Weitere Informationen

www.flims.com

30.07.2011
Sophie Hilgenstock 22.09.2011