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Reisereporter Washington - im Zentrum der Macht
Reisereporter Washington - im Zentrum der Macht
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16:54 23.11.2010
Das Washington Monument: Knapp 170 Meter ragt der Obelisk in den Himmel. Quelle: fotolia
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Ein bisschen skeptisch ist Eva-Maria Müller schon, als sie die Koffer packt. Barcelona, Prag, Rom – das sind für sie Ziele für klassische Städtereisen. Aber Washington? Die Stadt der großen Politik als Urlaubsziel? Eine Woche zwischen Weißem Haus, Pentagon und Kongress zu verbringen, ist ja etwas anderes, als durch enge, jahrhundertealte Gassen mit Kopfsteinpflaster zu flanieren und in südeuropäischen Cafés den Sommer zu verlängern.

Müller verscheucht die Unsicherheit. Sie fliegt nach Washington, um ihren Sohn zu besuchen, der seit einem Jahr dort lebt. Dass sie auf dem Weg in eine Touristenhochburg ist, kommt ihr vor der Abreise gar nicht in den Sinn.

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Über den gesamten Sommer hält immer wieder eine schwüle Hitze die Hauptstadt am Potomac in ihrem Bann. Aber mitten im November fühlt sich der Gast aus Deutschland mitten im „Indian Summer“. Als Müller das Flughafengebäude verlässt, muss sie einen Moment innehalten, um sich erst einmal zu sortieren. Mit diesen milden Temperaturen hatte sie nicht gerechnet. Dann winkt sie ein Taxi heran, das sie für 70 Dollar ins Stadtzentrum bringt.

Wie die meisten Taxifahrer am Flughafen Washington-Dulles stammt auch Müllers Chauffeur ursprünglich nicht aus den USA. Der Mann erzählt routiniert seine Lebensgeschichte: Er wurde in Addis Abeba geboren und sei heute US-Bürger. Seine Frau und seine sieben Kinder leben weiterhin in Äthiopien, würden ihn aber zweimal im Jahr besuchen. Dank seines Einkommens besitzen sie in Addis Abeba mittlerweile drei Einfamilienhäuser, die er unter anderem an die deutsche Friedrich-Ebert-Stiftung vermietet.

Lebensgeschichten wie die des Taxifahrers begegnen der Besucherin Müller mehrfach bei diesem Aufenthalt in den USA. Die amerikanische Ostküste und speziell die Metropolregion Baltimore-Washington und Alexandria haben sich zu einem Zentrum der jüngsten Einwanderungswellen entwickelt. Der legalen wie der illegalen.

Mit dem Doppeldeckerbus

Am nächsten Morgen hat sich der Gast aus Göttingen halbwegs an die drückende Hitze gewöhnt. Das Abenteuer Washington kann beginnen. Auf Empfehlung ihres Sohnes besteigt sie den knallroten Doppeldeckerbus, der die Touristen kreuz und quer durch das Rom der Gegenwart führt. Wer sich ein Ticket kauft, kann beliebig oft das schwere Gefährt verlassen, die jeweiligen Sehenswürdigkeiten besichtigen, und den nächsten Bus auf dieser knallroten Linie nehmen.

Washington, das spürt Müller schnell, ist eine Metropole, die sich voll und ganz auf Gäste eingestellt hat. Die Touristen kommen allerdings nur zum kleineren Teil aus dem Ausland. Washington ist vor allem eine Wallfahrtsstätte der Amerikaner. Eine Tour durch die Stadt gleicht einer Kurzgeschichte durch die amerikanische Geschichte: Das Washington Monument auf der Verbindungsgerade zwischen dem Kapitol und dem Lincoln Memorial erinnert an die Gründungsväter, das John F. Kennedy Center an den populären Präsident der sechziger Jahre und der Nationalfriedhof Arlington an die schrecklichen Folgen der vielen Kriege, an denen sich die US-Armee in ihrer 200-jährigen Geschichte beteiligte.

Bei diesem klassischen Touristenprogramm wird Müller einmal mehr überrascht: In den meisten Museen wie dem Museum für amerikanische Geschichte oder dem Naturkundemuseum muss sie keinen Eintrittspreis zahlen. Ebensowenig bei vielen Konzerten, die bis kurz vor Wintereinbruch unter freiem Himmel stattfinden.

Zu den häufig besuchten Gedenkstätten zählt auch das Holocaust-Museum direkt am Regierungsviertel. Über die Schrecken des Völkermords während der Nazidiktatur wird auf mehreren Etagen informiert, ergänzt durch eine Halle der Erinnerung, in der ein Schweigegebot gilt. Ein beeindruckendes Haus, das allein 26.000 authentische Artefakte aufbewahrt.

Zu den Gästen in diesem November zählt auch Eva-Maria Müller: „Mit den Schrecken der Nazizeit habe ich mich selbstverständlich viel beschäftigt. Aber in diesem Haus habe ich dennoch einiges Neues über die dreißiger und vierziger Jahre in Deutschland dazugelernt.“

Den vergangenen Jahrzehnten und Jahrhunderten mit all ihren Licht- und Schattenseiten begegnet sie im Regierungsviertel auf Schritt und Tritt. Unzählige Denkmäler erinnern an starke Persönlichkeiten der Geschichte der Vereinigten Staaten. Aber eine unerwartete Ergänzung erfahren diese Monumente in der Massachusetts Avenue, einer der längsten Straßen Washingtons. Dicht an dicht stehen dort Botschaftsgebäude und Repräsentanzen aus aller Welt. In vielen Gärten dieser zumeist historischen Gebäude stehen moderne Skulpturen, zum Beispiel von Mahatma Gandhi oder von der dänischen Königin Margrethe.

Nach zwei Tagen im Regierungsviertel sucht Müller den Kontrast. Sie lässt die Touristenbusse links liegen und gönnt sich ein Taxi nach Georgetown, eines der beliebtesten Viertel der Hauptstadt. Als Adresse gibt sie dem Fahrer lediglich die „M-Street“ an, dort, wo sich Boutiquen, Restaurants und Buchhändler aneinanderreihen. Mit seinen zwei- bis dreigeschossigen Häusern, den engen Straßen und Gassen und dem kleinen Jachthafen hat Georgetown schon vor Jahren einen Trend gesetzt, dem viele andere Städte in jüngster Zeit folgen.

Statt auswärtige Gäste und einheimische Kunden in seelenlose Einkaufszentren am Rande der Kommunen zu locken, entsteht in den alteingesessenen Distrikten neues Leben. Manche sprechen spöttisch vom „european style“, andere genießen es einfach, in italienisch anmutenden Cafés einen starken Kaffee zu trinken.

Für Eva-Maria Müller steht nach den ersten Tagen in Washington fest, dass sie ihren Sohn nun öfters in den Staaten besuchen will.

Stefan Koch