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Reisereporter Wilder Westen? Milder Osten!
Reisereporter Wilder Westen? Milder Osten!
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14:14 08.09.2012
Von Marina Kormbaki
Stattlich: Der Gouverneurspalast in Williamsburg. Quelle: Kormbaki
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Williamsburg

Druckfrisch liegt die neueste Ausgabe der „Virginia Gazette“ auf dem Tisch. Sie kündet von Sieg und Landgewinn, aber die Truppen George Washingtons werden noch sechs Jahre kämpfen müssen, bevor der amerikanische Unabhängigkeitskrieg vorbei ist, denn wir schreiben den 24. Januar des Jahres 1777. So steht es oben links auf Seite eins der Zeitung, die der Setzer soeben aus der Handpresse gehoben hat. Seine feierlichen Worte sind kaum zu vernehmen, denn draußen vor seiner kleinen Werkstatt rattert und dröhnt es laut. Washingtons Kavallerie? Doch nicht. Nur der Rasenmäher, mit dem der Gärtner von Colonial Williamsburg den Wiesenweg stutzt.

Colonial Williamsburg - das ist eine Zeitreise zurück ins 18. Jahrhundert; es ist historische Siedlung und Freilichtmuseum zugleich, mit vielen beschaulichen Läden, Werkstätten und Wohnhäusern; 120 Hektar Land, auf dem der Gründungsmythos der USA sehr lebendig ist. Ein Dasein in Freiheit und Bescheidenheit - das ist es, was die rund 2000 historisch kostümierten Frauen und Männer, die in Colonial Williamsburg wohnen und arbeiten, seit vielen Jahren schon den Touristen vorleben. Wer hier sein Geld verdient, der hat sich ganz der Vergangenheit verschrieben. Männer, Frauen und ihre Kinder tragen immerzu altertümliche Kleidung, tagsüber werkeln sie in den Lädchen, abends schlafen sie in den zweigeschossigen Einfamilienhäusern. Und selbst dort dürfen Besucher reinschauen, wenn der Union Jack am Hauseingang gehisst ist.

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Mit einiger Berechtigung zählt der restaurierte Teil der idyllischen Kleinstadt Williamsburg im Südosten des Bundesstaats Virginia zu den wichtigsten historischen Stätten der USA. Immerhin ließen sich in dieser sumpfigen Gegend die ersten englischen Siedler zu Beginn des 17. Jahrhunderts nieder - Jahre bevor die Pilgerväter weiter im Norden vor Anker gingen. Williamsburg war Keimzelle revolutionärer Umtriebe, es wurde 1776 Hauptstadt des neu gegründeten, unabhängigen „Commonwealth of Virginia“. Zu der Zeit erhielt die Stadt ein stattliches Kapitolsgebäude, einen Gouverneurspalast und natürlich auch eine Kirche. Und viele Häuschen drum herum.

Fast alle verfielen sie im Laufe der Zeit, bis sich in den zwanziger Jahren der örtliche Pfarrer William Goodwin ihrer annahm. Im Hause Rockefeller trieb der Geistliche großzügige Spenden ein, mit denen 88 marode Gebäude wieder hergerichtet und weitere 400 nach Vorlagen rekonstruiert wurden. Als Präsident Franklin D. Roosevelt den Ortsteil Colonial Williamsburg im Jahr 1934 für Besucher eröffnete, nannte er die quer durchs Dorf führende Duke of Gloucester Street „die geschichtsträchtigste Straße in ganz Amerika“.

Andere waren weniger begeistert. Amerikas Jahrhundertarchitekt Frank Lloyd Wright fühlte sich abgestoßen von einer „rührseligen Sentimentalität, die einer Zeit gilt, die ganz und gar nicht gut war“. Einige Historiker sprachen nur noch vom „republikanischen Disneyland“, womit sie der Siedlung allerdings unrecht taten, denn anders als die Themenparks in Florida will Colonial Williamsburg seine Besucher nicht mit Fun und Entertainment berauschen - sie sollen auch etwas lernen.

Zum Beispiel, wie damals die „Virginia Gazette“ entstand, eine der ersten Tageszeitungen in den USA - mit Bleisatz, lederbespanntem Druckerballen und Muskelkraft. Im Häuschen nebenan klopft derweil der Waffenschmied das Eisen, die Tischler schleifen am Holzornament. Ein paar Türen weiter warten die Schneiderinnen auf die Erfindung der Nähmaschine, während dankenswerterweise die Klimaanlage surrt.

Der Anspruch auf originalgetreue Rekonstruktion stößt nun mal an Grenzen, was aber nicht von Nachteil sein muss. So gibt es in Colonial Williamsburg glücklicherweise keine Sklavenhaltung, die Klospülung funktioniert, und neben Cookies nach altem Rezept verkauft die Bäckersfrau auch Cola.

Colonial Williamsburg ist die bedeutsamste Wegmarke im „America’s historic triangle“ - dem historischen Dreieck zwischen den Orten Williamsburg, Jamestown und Yorktown. Fährt man den Colonial Parkway einige Meilen nach Süden, vorbei an Wiesen, Wäldern und dem vielen Wasser des James River, sieht man schon bald Segelmasten in den Himmel ragen. Die Schiffe der ersten Siedler liegen hier vor Anker, in Jamestown Settlement. Es sind natürlich Nachbauten jener Schiffe, die ein paar Dutzend Engländer im Jahr 1607 über den Atlantik brachten. Sie trafen hier auf die Powhatan, den Stamm der Häuptlingstochter Pocahontas. So zeigt die Freiluftstätte Jamestown Settlement nicht bloß die Anfänge europäischer Zivilisation in der Neuen Welt, sondern gibt auch einen Einblick in den 400 Jahre zurückliegenden Alltag der Powhatan-Indianer.

Das ist Johns Job. John, 54, trägt Nickelbrille und einen grauen Zopf, sein fransiges Lederkleid hängt ihm über die Schulter. John flicht einen Korb, als unter seinem Kleid das Handy klingelt. Er muss kurz weg, ist aber schnell wieder da und setzt seinen biografischen Bericht fort. Es ist eine sehr amerikanische Biografie, verzweigt und verschlungen. Banker in Wisconsin ist John einst gewesen, sagt er, dann Polizist, und für eine Großkanzlei hat er auch mal gearbeitet, bevor er Teilzeit-Indianer wurde. Worauf er hinauswill: „Ich habe genug Geld, ich muss diesen Job hier nicht machen - aber ich will ihn machen.“ Warum? „Weil es mir Freude bereitet, die Menschen für Amerika zu begeistern, ihr Bild von unserem Land zu erweitern.“

Das Bild von der amerikanischen Vergangenheit, das Jamestown Settlement und Colonial Williamsburg vermitteln, ist eines aus heutiger Sicht. Nachkoloriert und weich gezeichnet; statt Wilder Westen milder Osten. Es geht mehr um ein Ideal vom eigenen Ursprung denn um historische Präzision. Und so bleibt beim Verlassen des Historiendreiecks der Eindruck, nebenbei eine Menge über die Wünsche, Hoffnungen und das Selbstbild der USA im 21. Jahrhundert gelernt zu haben.

Anreise

Flug nach Washington D.C., Dulles International Airport, weiter mit dem Mietwagen nach Williamsburg.

Visum

Ein Visum ist nicht erforderlich, ein gültiger Reisepass und die ESTA-Registrierung dagegen schon.

Beste Reisezeit

Frühling oder Herbst. Die Sommer sind in der sumpfigen Gegend recht schwül.

Unterkunft

In Williamsburg empfiehlt sich das Wedmore Place – ein ländlich gelegenes Hotel im Kolonialstil mit Weingut.

Weitere Informationen

www.williamsburgcc.com