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Reisereporter Wo Bildung in den Sand gesetzt wird
Reisereporter Wo Bildung in den Sand gesetzt wird
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00:25 18.02.2012
Von Stefan Stosch
Nur eine Taxifahrt von Dubai entfernt: das Emirat Schardscha. Quelle: SCTDA
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Schardscha

Und jetzt sind wir in Schardscha“, ruft der Taxifahrer. Und woran, bitte schön, soll man das erkennen? Auf einer vielspurigen Schnellstraße sind wir unterwegs in den Vereinigten Arabischen Emiraten, graue Hochhäuser links und rechts.

Okay, so spektakuläre Gebäude wie hinter uns in Dubai sind nicht dabei. Das welthöchste Gebäude dort, den Burj Khalifa, kennt jeder, seit Tom Cruise in einem „Mission Impossible“-Film an dessen spiegelnder Fassade herumgeklettert ist.

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Woher also soll man wissen, dass man soeben die Grenze zum Emirat Schardscha passiert hat, das längst mit Dubai zusammengewachsen ist? „Die Mieten sind niedriger“, sagt der Taxifahrer. Deswegen wälzen sich ja morgens und abends die Blechkolonnen über die Betonpisten. Mitunter braucht man Stunden für wenige Kilometer, denn: In Schardscha wohnt man, in Dubai arbeitet man. Sprit spielt bei Kosten von rund 30 Cent pro Liter sowieso keine Rolle. Noch sprudelt das Öl in den Emiraten.

Es gibt aber noch mehr Unterschiede: Schardscha gilt als das wohl konservativste unter den sieben Scheichtümern. Im Hotel liegt ein Leitfaden für Gäste bereit, in dem von „anständigem Benehmen“ und „unsittlichem Verhalten“ die Rede ist. Da heißt es zum Beispiel: Die Knie dürfen in der Öffentlichkeit weder bei Frauen noch bei Männern zu sehen sein, von nackten Schultern ganz zu schweigen. Auch Ausländer dürfen keinen Alkohol trinken, weshalb bessere Restaurants phantasievolle, süße Fruchtcocktails kreieren.

2914 Hauptstadt der islamischen Kultur

Gleichzeitig präsentiert Schardscha Besuchern stolz seine Errungenschaften: 2014 soll es zur Hauptstadt der islamischen Kultur gekürt werden. Warum ihm dieser Titel gebührt, wird deutlich beim Besuch des großzügigen islamischen Museums. Schon von Weitem ist es an seiner goldenen Kuppel zu erkennen. Mehr als 5000 Artefakte – medizinisches Besteck, Himmelsscheiben, Weltkugeln – künden in dem prächtig restaurierten Marktgebäude von den wissenschaftlichen Leistungen des Islams und auch von der Kunst, die er hervorgebracht hat.

Insgesamt verfügt Schardscha über mehr als 20 Museen. Kultur zählt hier viel. Im maritimen Museum etwa ist alles über das harte Leben der Perlentaucher zu erfahren. Als die Japaner in den zwanziger Jahren des vorigen Jahrhunderts begannen, Perlen zu züchten, war mit dem Tauchen kaum mehr Geld zu verdienen.

Von nun an fristeten die Einwohner mit Handel und Fischerei ihr Leben – bis Erdgas und Öl gefunden wurden, vorzugsweise in Abu Dhabi und Dubai und nicht im kleinen Schardscha, wo heute eine knappe Million Menschen lebt. Nur zehn Prozent davon sind Einheimische. Die Mehrzahl der Bewohner kommt aus weit mehr als 100 Nationen. Die Zuwanderer werden als Arbeitskräfte benötigt – als Baustellenarbeiter, Unternehmer oder auch als Ärzte oder Lehrer. Diskriminierung, das sagen alle hier übereinstimmend, gebe es nicht. Untereinander verständigt man sich auf Englisch.

Die arabische Gastfreundschaft führt zu überraschenden Begegnungen: Wer etwa am Strand versehentlich einer gänzlich fremden Picknickgruppe zu nahe rückt, entkommt kaum deren Freundlichkeit. Eine gegrillte Hähnchenkeule gefällig? Etwas von der selbst gemachten Torte? Die hat die Oma selbst gebacken. Und hier noch eine Tüte Clementinen und eine Cola als Wegzehrung. Dieses Großzügigkeit hat Tradition: In der Wüste war es überlebenswichtig, einander zu helfen.

Von der Studentin Manar Mohamed al-Ali kann man sich zeigen lassen, wie Willkommensrituale bis heute den Alltag beeinflussen. Die 26-Jährige empfängt Gäste im Handwerkerhaus in der Altstadt, die momentan in großem Stil mit originalen Baumaterialien wie Mangrovenholz und Korallengestein restauriert wird. Einen ganzen Stapel von winzigen Tassen hat Manar in ihrer Rechten, eine Schnabelkanne in der Linken. Bestenfalls zur Hälfte füllt sie die Tassen mit dem mit Kardamom und Rosenwasser versetzten, heißen Gebräu – dann aber gießt sie so oft nach, wie der Gast das wünscht. Würde die Tasse ganz gefüllt, hieße das so viel wie: Trink aus und verschwinde! Aber das ist kaum zu befürchten.

Die selbstbewusste junge Frau kann man nach vielem fragen, auch nach westlichen Reizthemen. Gar nichts hält sie von arrangierten Ehen. Die seien zwar noch immer üblich, und auch ihr selbst habe die eigene Familie schon Kandidaten präsentiert. Dreimal habe sie abgelehnt, das sei kein Problem. „Und je mehr ich lerne und studiere, desto höhere Ansprüche habe ich an die Männer“, sagt Manar und lacht.

Scheich spendiert großzügig Stipendien

Studieren kann man in Schardscha in wahrhaft prächtiger Umgebung: Am Rand der Stadt hat der Staatschef eine Märchenuniversität in den Wüstensand gesetzt. Eine fünf Kilometer lange Allee, begrünt mit Blumen und Palmen, führt zu in arabischem Stil gebauten, schneeweißen Palästen. Das Studium ist kostenlos, knapp zwei Drittel der 22 000 Studierenden sind Frauen. Als nebenan in Dubai in den Neunzigern der damals höchste Turm der Welt in den Himmel gebaut wurde, investierte Schardschas Staatschef Scheich Sultan bin Mohammed al-Quasimi lieber in Bildung.

Ihren Abschluss möchte Manar im Fach Marketing machen, und zwar an der zweiten Lehrstätte im Wüstensand, der amerikanischen Universität. Dort wird nicht nach Männern und Frauen getrennt gelehrt. Das Studium kostet 5000 Dollar pro Semester und mehr. Doch der Scheich spendiert großzügig Stipendien – auch für Auslandsaufenthalte seiner Landeskinder. Er selbst hat in Agrarökonomie und Geschichte promoviert und nennt einen Ehrendoktortitel der Universität Tübingen sein Eigen, verliehen für sein Engagement für Wissenschaft und Kultur.

So bietet Schardscha ein widersprüchliches Bild: Einerseits wirkt es für westliche Besucher gelegentlich befremdlich, andererseits steht das Scheichtum Neuem aufgeschlossen gegenüber. Manchmal dokumentiert sich dieser Gegensatz schon in der Kleidung: Die Abaya, der schwarze Umhang, wird zum Tausende von Euro teuren Luxusartikel, besetzt mit Perlen und Stickereien.

Und auch die Angehörigen des regierenden Scheichclans sind nicht immer in ihrer dienstlichen Wüstentracht unterwegs. Man trifft sie auch in Jeans, etwa abends beim Riesenrad an der Amüsiermeile Al Qasba, wenn sie das neueste Porsche-Modell zur Schau stellen. Im Zweifelsfall auch auf dem Fußweg. Ein Scheich darf das.

Stefan Stosch

Weitere Informationen
www.sharjahtourism.ae