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Reisereporter Zurück zu den Wurzeln - die griechische Insel Lesbos
Reisereporter Zurück zu den Wurzeln - die griechische Insel Lesbos
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15:34 16.07.2012
Lesbos ist unter anderem bekannt wegen seiner zahlreichen idyllischen Fischerdörfer. Quelle: iStockphoto/vm
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Thermis

Das Staunen beginnt gleich nach der Landung. Schon am einzigen Gepäckband in der winzigen Ankunftshalle des Flughafens von Lesbos fällt dieser umtriebige Mann auf, der anscheinend Freunde abholen will. Viele Freunde. Aus vielen Ländern - denn er begrüßt sie multilingual. Ist er Brite? Franzose? Italiener? Türke? Nein, Deutsch spricht er auch. Und Griechisch. „Yassas!“, heißt Iannis Troumpounis die Urlauber willkommen. Und das nachfolgende „Ti kanete?“ (Wie geht’s?) ist fortan zugleich Sprachtraining für die Gäste und Zufriedenheitscheck für die Gastgeber.

Iannis und seine Frau Daphne leben im Winter in Athen, doch während der Saison entfalten sie auf ihrer Heimatinsel Lesbos, kurz vor der türkischen Küste, wahre Zauberkräfte. Sie können Griechenland-Neulinge in Griechenland-Fans verwandeln, Skeptiker ihres Landes eines Besseren belehren, Gäste zu Freunden machen. „Votsala“, zu Deutsch „Kieselstein“, heißt das Hotel der beiden in Thermis. Iannis hat nach dem Architekturstudium in Deutschland das von seinen Eltern übernommene einstige Motel behutsam modernisiert.

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Ausgerechnet dieser Ort soll die Reize von Lesbos erschließen? Einem Eiland, das halb so groß wie Mallorca ist, aber nur ein Zehntel der Einwohnerzahl von Deutschlands beliebtester Ferieninsel aufweisen kann und statt drei Millionen jährlich nicht einmal 100000 Feriengäste zählt? Einer Insel also, die sich nicht von selbst erschließt, sondern entdeckt werden muss.

Lesbos, das ist eine wilde Wanderlandschaft unterhalb des knapp tausend Meter hohen Olympos. Mit Bergen, die auch Ränder zweier gigantischer Vulkankrater sind: Der Golf von Gera ist größer als das Steinhuder Meer, der Golf von Kalloni riesig wie die Müritz - und beide sind noch weitgehend unerschlossene Surferparadiese. Lesbos, das sind auch Geisterdörfer, versteinerter Wald und Wüste an der Westküste, vor allem aber das schattige Grün von Pinien, Gebirgskiefern und mehr als elf Millionen Olivenbäumen.

Und Lesbos ist die Heimat der Dichterin Sappho, griechische Antike, Heldenepos von Genossenschaftsbauern, türkisch-griechischer Zankapfel bis fast in die Gegenwart. Wer aber bietet seinen Gästen eine Ahnung von diesem historischen Reichtum? Iannis schon mit der Antwort auf die Frage, wer dieser junge Mann auf dem sepiafarbenen Foto in der Rezeption ist, der barfuß, in Kleiderfetzen und doch strahlend in die Kamera lacht. „Das ist mein Großvater am Tag seiner Rückkehr aus Izmir nach Lesbos“, sagt er. In Izmir, dem historischen Smyrna, hatte der Großvater vor dem Bevölkerungsaustausch zwischen Türken und Griechen Anfang der zwanziger Jahre als Koch gearbeitet. „Er hat einfach zu gut gekocht, deshalb haben ihn die Türken erst mit einem halben Jahr Verzögerung gehen lassen.“

Auch diese kulinarische Tradition wird auf Lesbos fortgesetzt. Wer glaubt, dass sich die griechische Küche in Zaziki und Koriatiki, Moussaka und Souflaki erschöpft, erlebt hier Überraschungen - vom Rote-Bete-Salat über gefüllte Tintenfische oder Huhn mit Schafskäse bis zum Walnusskuchendessert. Kredenzt wird das Ganze in der Abendsonne unter den Tamarisken am Strand, zum Abschluss gibt es Ouzo, der eine Spezialität dieser Insel ist, oder auch Café frappé, einen für Griechenland und Zypern typischen kalt aufgeschäumten Kaffee mit Eiswürfeln.

So etwas wie einen touristischen „Hotspot“ gibt es auch auf Lesbos, doch er ist weit entfernt von der beschaulichen Welt Iannis’ und Daphnes: In Molivos auf der Nordwestseite liegt tatsächlich ein knappes Dutzend große Hotels direkt nebeneinander.

Wenn Studenten der Indianapolis State University, die diese Gegend schon seit mehr als zehn Jahren als Basisstation ihres Sommercamps nutzen, einen Sirtaki einüben, dann geht Iannis besorgt von Liegestuhl zu Liegestuhl und versichert: Diese Amerikaner seien ja sehr nett, aber dieser Tanz habe viel mit dem tänzerischen Unvermögen Anthony Quinns in dem Spielfilmklassiker „Alexis Sorbas“ zu tun - und kaum etwas mit Griechenland. Das griechische Lebensgefühl ist dem Hotelier viel zu wichtig, als dass er es mit Klischees und Kitsch vermischt sehen will. Er zeigt damit souveränes Gespür dafür, dass die Griechen mehr zu bieten haben als Sonne, Sand und Meer - nämlich Sinn für Geschmack, Gastfreundschaft und nicht zuletzt Geschichte. Die liegt hier in Thermis nahe, denn die warmen Quellen des Ortes waren schon in der Antike berühmt. In einer archäologischen Grabungsstätte lassen sich 5000 Jahre Historie entdecken, und wer mit Paddel- oder Tretboot hinausfährt, erblickt noch unter Wasser Fundamente der ältesten Besiedelung.

Kein Wunder, dass viele Gäste sich nach zwei, drei Wochen wie von Freunden verabschieden. Iannis lässt es sich nicht nehmen, sie in seinem großen Van zum kleinen Flughafen zu bringen - sei es nur, um Ärger mit streikenden Taxifahrern zu vermeiden. Kein Wunder, dass vielen der Abschied schwerfällt. Und dass spätestens im Herbst, wenn eine Einladung zur Olivenernte auf Lesbos im E-Mail-Postfach landet, mancher schon über den nächsten Urlaub nachdenkt. Natürlich auf Lesbos.

Daniel Alexander Schacht