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Gastkommentar Lieblingsstück statt Wegwerfmode
Sonntag Gastkommentar Lieblingsstück statt Wegwerfmode
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20:01 02.09.2016
Wer faire Mode will, muss fair zur Mode sein: Sina Marie Trinkwalder über die immer noch unhaltbaren Zustände in der globalen Textilindustrie und Wege zu mehr Gerechtigkeit. Quelle: iStock

"Alles wird interessant und wichtig, wenn man lange genug hinsieht", sagte schon Gustave Flaubert, einer der bedeutendsten französischen Schriftsteller des 19. Jahrhunderts. Die Medien ließen uns 150 Jahre später hinsehen, lange und ausgiebig: Am 23. April 2013 liefen auf allen Kanälen erschreckende Bilder und Meldungen über den Einsturz eines Nähereigebäudes in Bangladesch.

1127 Menschen wurden getötet, 2438 verletzt. Es war nicht das erste Unglück dieser Art, aber es war das schwerste. Gleichzeitig wurde das Unglück das Realität gewordene Abbild unseres neoliberalen, globalisierten Raubtierkapitalismus: ein Trümmerhaufen. Rana Plaza als Sinnbild. Leider sinnlos.

Zwar klagen gerade vier Brandopfer aus Pakistan, die bei einem anderen Unglück verletzt worden sind, gegen den Textildiscounter Kik. Allgemein aber regt sich kaum noch jemand über die Arbeitsbedingungen der Textilarbeiter auf, die für unseren Hunger nach billiger Kleidung ihrer Tätigkeit in den Produktionsstätten in Asien, Osteuropa, in der Türkei oder Südamerika unter unwürdigsten Umständen nachgehen müssen.

Blinder Aktionismus statt echter Veränderung

Die trügerische Stille verleitet zu dem Glauben, es hätte sich etwas getan. Schließlich gab es nach dem furchtbaren Unglück in Bangladesch einen geradezu blinden Aktionismus: Kurzerhand wurde durch den Handel und Nichtregierungsorganisationen (NGOs) ein Brandschutzabkommen auf den Weg gebracht, für mehr Sicherheit am Arbeitsplatz.

Das Fazit drei Jahre später? Es gibt keine Verbesserung bei denen, die es betrifft: den Arbeitern selbst. Die Zertifizierer für Gebäudesicherheit füllen sich derweil die Geldsäcke, die NGOs werben mit dem angeblich erfolgreichen Brandschutzabkommen munter Spenden ein, und bengalische Fabrikbesitzer kassieren für die Beseitigung der Missstände ordentlich bei ihren Auftraggebern ab. Viel Lärm um nichts also.

Anschließend nahm sich der deutsche Entwicklungshilfeminister Gerd Müller persönlich des Themas an und rief den "grünen Knopf" ins Leben. Zunächst weigerten sich Unternehmen und NGOs, daran teilzunehmen. Nachdem jedoch die Ziele des Bündnisses heruntergeschraubt worden waren und das Ministerium großzügig Projektfinanzerungen durchgewunken hatte, fanden sich mehr und mehr Unterzeichner. Was bisher passiert ist? Nichts, außer einem Papierkrieg. Und Papier ist bekanntlich geduldig.

Wir vergessen zu schnell

Es gibt keine signifikante Änderung. Keine ernsthafte Verbesserung ist erfolgt, obgleich die Politik und verschiedene Aktionsbündnisse tätig sind. Denn: Keine dieser Initiativen verändert uns. Zu wenige sehen einen Zusammenhang zwischen ihrem Konsumverhalten und den Produktionsbedingungen – und eine daraus erwachsende Verantwortung. Und die vielen, denen "die armen Teufel da drüben" nahegehen, vergessen zu schnell.

Noch mehr: Sie haben niemals am eigenen Leib erlebt, was eine bengalische Näherin täglich im Vollakkord bei einer 14-Stunden-Schicht und Sechs-Tage-Woche leisten muss. Wie auch? Schließlich wird in unseren Breitengraden längst nicht mehr produziert. Hier wird nicht mehr wertgeschöpft, hier wird abgeschöpft – und achtlos weggeschmissen.

Nijranjan, der Chef der Kooperative in Tansania, die für mich Biobaumwolle anbaut, erklärte mir abends bei einem eisgekühlten Serengeti-Bier die Tragik unseres westlichen Konsums und unserer Ökonomie, während ich lautstark über meine Rückenschmerzen vom Baumwollpflücken jammerte: "Wir müssen wieder lernen, den Schweiß anderer Menschen zu respektieren."

Ein radikaler Systemwechsel in der Wirtschaft ist nötig

Zu diesem Zeitpunkt war ich vollkommen damit beschäftigt, meinen eigenen Schweiß vom täglichen Ernten der Fasern wertzuschätzen. Wochen und viele Gedankenkilometer später jedoch wurde mir bewusst, welch tiefe Kernaussage in diesen einfachen Worten des alten, weisen Inders steckte.

Aus diesen Worten, würde man sie wirklich ernst nehmen, müsste in unserer sorglosen Überfluss-Konsumwelt eine 180-Grad-Wende folgen, ein radikaler Systemwechsel in der Wirtschaft: das Ende des Wachstumsparadigmas, des immerwährenden Mehrs für immer noch weniger Geld. Und der Wandel von der sinnlosen, umweltfeindlichen Sourcing-Politik einer vermeintlich modernen, globalisierten Ökonomie hin zu regionaler Wertschöpfung. Sie stellt die Wertschätzung, die Arbeit, den Aufwand, ein Produkt zu fertigen, an erste Stelle – und nicht den Preis.

Es reicht also nicht, Fair-Fashion-Kampagnen mit einem Mausklick im Netz zu unterzeichnen oder am Aktionstag einen Infostand zu besuchen. Es genügt nicht, grüne Mode oder faire Kleidung zu kaufen, wenn diese wie eh und je nach kürzester Tragezeit in den Abfall wandert, weil sie "aus der Mode" ist.

Der Grundstein ist Wertschätzung

Wer faire Mode möchte, muss selbst fair zur Mode sein und sich wieder auf langlebige Lieblingsstücke statt kurzweiliger Fashionfummel konzentrieren – oder, noch schlimmer, nie getragener Fehlkäufe. Damit wird der Grundstein gelegt für Wertschätzung. Und erinnern wir uns an Nijranjans Worte, dann ist genau dieses Bewusstsein "Zündschnur" für den Systemwechsel, den wir mehr als nötig haben.

Ich selbst konnte mir nicht vorstellen, welch händischer Aufwand in einem Hemd oder in einer Bluse steckt. Bis zu 50 verschiedene Einzelteile werden mit handwerklichem Geschick zusammengefügt. Das gesamte Prozedere dauert mindestens eineinhalb Stunden, ohne dass die Arbeitszeit der Spinner, Weber und Färber berücksichtigt wäre. Ebenso wenig wie die Arbeit jener Hände, die das fertig genähte Kleidungsstück bügeln und zum Verkauf aufarbeiten.

Heute, seit sechs Jahren als regional wertschöpfende Textilunternehmerin tätig, trage ich selbst T-Shirts mit Löchern – so lange, bis sie sich allenfalls noch als Putzlappen eignen. Aus Achtung vor dem Menschen, der es mir genäht hat – und aus Respekt vor dem Rohstofflieferanten: unserer Natur. Wenn jeder bei sich selbst beginnt, fair zu sein, werden wir am Ende womöglich in einer gerechteren Wirtschaftswelt ankommen. Doch dafür braucht es jeden Einzelnen. "Was aber kann ich als Einzelner schon ändern?", fragte sich die Menschheit. "Alles!", sagte die Zuversicht.

Zur Person

Sina Marie Trinkwalder, Jahrgang 1978, ist Gründerin der ökosozialen Textilfirma Manomama, die am Arbeitsplatz benachteiligte Menschen beschäftigt. Ihr jüngstes Buch heißt "Fairarscht: Wie Wirtschaft und Handel die Kunden für dumm verkaufen", Knaur TB, 208 Seiten, 12,99 Euro.

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