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Gastkommentar Weshalb sollen wir noch lesen?
Sonntag Gastkommentar Weshalb sollen wir noch lesen?
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10:13 15.03.2016
Es werden immer mehr Bücher verkauft, aber immer weniger gelesen: Bei Denis Scheck löst dieser Umstand Melancholie aus. Quelle: Shutterhacks / CC BY 2.0
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Oft werde ich gefragt, was man lesen soll. Nie, warum man lesen soll. Die Frage beantwortet sich im Land der Dichter und Denker offenbar von selbst. Mein Verdacht ist: Es geht mir mit den Menschen, die ich treffe, so wie Profiköchen mit ihren Gästen.

Die Heldinnen und Helden am Herd werden auch immer nur nach Rezepten, exotischen Zutaten und Bezugsquellen gefragt und bekommen selten ins Gesicht gesagt, dass ihr Gegenüber einer jener Durchschnittsdeutschen ist, die ihre Küchen lediglich für Erwärmungsprozesse nutzen, jährlich pro Kopf sage und schreibe rund 90 Tiefkühlpizzen vertilgen und dabei wie zum Hohn offenbar unentwegt Kochsendungen sehen – vom Nachvollzug des darin Vorgestellen freilich noch weiter entfernt als Pornokonsumenten von Sex.

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Gut ein Drittel der deutschen Gesellschaft beantwortet die Frage nach dem Lesen mit einem klaren und entschiedenen Nein. Rund 35 Millionen Menschen hierzulande lesen gar nicht oder schlagen seltener als einmal im Monat ein Buch auf. Alarmierend ist, dass die Zahl der radikalen Nichtleser in den letzten fünf Jahren um gut 10 Prozent auf über 16 Millionen gestiegen ist, während im selben Zeitraum das Häuflein der mehrmals in der Woche zu einem Buch Greifenden um fast zwei Millionen auf rund 12,5 Millionen zusammenschmolz.

Viel verkauft, wenig gelesen

Wir Leser werden weniger. Das ist eine Melancholie auslösende Diagnose. Mich vermögen darüber weder die Erfolgsmeldungen des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels zu trösten, wonach hierzulande Jahr um Jahr immer mehr Bücher verkauft, wenn auch nicht gelesen werden, noch die Einsicht, dass Lesen schon in der Antike ein recht elitäres Vergnügen war und dies bis heute geblieben ist.

Seit Johannes Gensfleisch, genannt Gutenberg, in Mainz vor gut fünf Jahrhunderten den Buchdruck mit beweglichen Lettern erfand, ist die Zahl der Lesenden in Deutschland kontinuierlich gewachsen. Nun in einer Gesellschaft mit schrumpfender Leserschaft zu leben ist mir peinlich, ja, offen gestanden reagiere ich auf diesen statistischen Befund mit Ekel und Widerwillen.

Es geht mir damit nicht viel anders, als müsste ich zur Kenntnis nehmen, dass größere Teile meiner Mitmenschen von einem Tag auf den anderen beschlossen hätten, sich nicht mehr zu waschen. Ich bin ungern unter Menschen, die nicht lesen. Genauso ungern wie unter Menschen, die sich nicht waschen. Deshalb meide ich in Köln den öffentlichen Nahverkehr.

Nicht cool, aber wünschenswert

Aber sei es, weil man sich dumpf daran erinnert, dass unsere Kultur von Buchreligionen geprägt ist, sei es, weil man noch weiß, wie scharf die Waffe Buch einst im Kampf um bürgerliche Emanzipation in der Feudalgesellschaft war: Lesen gilt auch im Deutschland des Jahres 2016 zwar nicht als cool, immerhin aber als wünschenswert. Die meisten Eltern sehen ihre Kinder lieber über ein Buch gebeugt als über ein Smartphone.

Die Reichen und Schönen unseres Landes, also Wirtschaftsführer, Politiker und Schlagersternchen, lassen sich zwar selten mit einem Buch in der Hand in der Öffentlichkeit erwischen, umso lieber sehen sie ihre Konterfeis aber auf den Titelbildern von Büchern. Just diese Bücher sind es dann wiederum, die vielen Menschen die Lust am Lesen verleiden. So etwas nennt man einen geschlossenen Regelkreis.

Kulturfrömmelei ist einer der weniger schönen Züge im öffentlichen Leben unseres Landes. Während Schwergewichtsweltmeister eher selten Menschen begegnen, die ihnen versichern, dass sie in ihrer Freizeit passioniert und regelmäßig in derselben Gewichtsklasse boxen, treffe ich unentwegt auf Menschen, die mir erklären, dass sie am allerliebsten den lieben langen Tag läsen – wenn ihnen nur ihre verflixte Tätigkeit als Model oder Ministerpräsident, CEO oder Intendant die Zeit dafür ließe. So ein Pech aber auch.

Was geht mich Lolita an?

Da war es eine erfrischende Abwechslung, als ich am Rande seiner Talkshow Stefan Raab kennenlernen durfte. Stefan Raab liest nach eigenem Bekunden jede Menge. Aber keine Belletristik, sondern ausschließlich Sachbücher. Diese Lektürevorliebe teilt Raab mit der Mehrheit der Männer in Deutschland. Warum, setzte mir Raab die Pistole auf die Brust, solle er sich denn auch mit Literatur aufhalten? Nie habe er begriffen, weshalb er sich für erfundene Probleme erfundener Figuren interessieren müsse – was gingen ihn Hänsel und Gretel, Lolita oder Oskar Matzerath an?

Diese Fragen sind wie Stefan Raab selbst: gar nicht so dumm. Sie stürzen mich durchaus in Erklärungsnot. Warum fasziniert mich das Herzeleid Othellos? Was elektrisiert mich am Gelangweiltsein Emma Bovarys in ihrer Ehe? Warum ist mir die Niedertracht Richard III. oder der rastlose Geiz Dagobert Ducks durchaus nicht gleichgültig?

Literatur lesen heißt, mehr als ein Leben führen zu dürfen, ohne mehr als einen Tod sterben zu müssen. Literatur lesen stärkt unsere Empathie und erschüttert unsere lieb gewordenen Glaubensgewissheiten. Literatur lesen schärft unseren Blick für die Nacktheit der Kaiser in neuen Kleidern. Literatur schützt vor Narzissmus, indem sie den Blick vom eigenen Nabel hinaus in die Welt lenkt.

Literatur ist ein Fluchtmittel

Literatur war für mich immer so etwas wie eine in einen Kuchen eingebackene Feile. Ein Fluchtmittel. Um dem zu entkommen, was den Alltag zum öden Gefängnis macht. Dem ständigen Kreisen um den eigenen Nabel. Den blöden Parolen des Zeitgeists. Genau deshalb ist Lesen, ist Literatur totalitären Machthabern immer ein Dorn im Auge und steht bis heute unter politischem Verdacht.

Lesen ist immer eskapistisch. Das finden keineswegs alle gut. Die Einzigen, die etwas gegen Eskapismus haben, sagte der Autor des "Herrn der Ringe" J. R. R. Tolkien deshalb, sind Gefängniswärter. Ob man mit Robert Louis Stevenson die Südsee durchsegelt oder mit Tania Blixen Afrika entdeckt – ein großer Text lässt einen buchstäblich aus der Haut fahren und das Abenteuer erleben, in die Schuhe eines anderen zu schlüpfen.

Seit Wilhelm Hauffs "Kalif Storch" heißt das Zauberwort aller Literatur "mutabor": ich werde mich verwandeln. Genau das geschieht buchstäblich, wenn man ein Buch aufschlägt. Darin liegt die große Freiheit der Literatur. Und darum lese ich.

Zur Person

Quelle: Hendrik Schmidt / dpa

Denis Scheck, Jahrgang 1964, ist Literaturkritiker, Herausgeber, Literaturagent und einem größeren Publikum als Moderator des ARD-Büchermagazins "Druckfrisch" bekannt. Von 2000 bis 2002 gehörte Denis Scheck der Jury des renommierten Ingeborg-Bachmann-Preises in Klagenfurt an.

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