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Gastkommentar Starke Kitas braucht das Land
Sonntag Gastkommentar Starke Kitas braucht das Land
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22:05 21.08.2015
Gastkommentator der Woche: Wasilios E. Fthenakis zum Kita-Streit Quelle: dpa
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Noch immer blicken allzu viele Deutsche auf die Kindertagesstätten herab. Erzieherinnen und Erzieher müssen damit leben, dass viele ihre jüngsten Streiks nur kopfschüttelnd begleiten. Sie haben gesellschaftlich kein sehr hohes Ansehen, ihre traditionell sehr schlechte Bezahlung spiegelt dies schon seit Jahrzehnten wider.

Es ist Zeit für ein Umdenken. Diese Gesellschaft muss endlich begreifen, dass die Bildung der Kleinsten die komplexeste und wichtigste Aufgabe im Bildungsverlauf ist. Diese Aufgabe wird man auf keinen Fall lösen können mit einem Niedriglohn-Modell und mit der denkbar niedrigsten Professionalisierung.

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Von wegen bloße Betreuungseinrichtung

Wenn Deutsche ihre Bildungslandschaft betrachten, schwingt dabei noch immer deren historisches Werden nach: Zuerst wurden die Universitäten gegründet, erst dann folgten nach und nach  die "unteren" Bildungsstufen. Nach dieser Prämisse richtet sich bis heute auch unsere aktuelle Bewertungsskala. Allzu lange hing dem Kindergarten das Etikett der bloßen Betreuungseinrichtung an.

Zur Person

Wasilios Fthenakis leitete jahrzehntelang das Staatsinstitut für Frühpädagogik in München. Er ist als Experte für frühkindliche Bildung Gutachter beim Bundesverfassungsgericht.

Wenn am Morgen die Erziehungsfachkraft ihre Aufgabe angeht, erwartet die Gesellschaft von ihr, dass sie den Kindern beste Bildungschancen bietet, mit den Eltern eng zusammenarbeitet, mit der Grundschule und der Gemeinde kooperiert. Sie hat die Kinder auf eine tiefgehend gewandelte Welt vorzubereiten: auf eine Welt, die sozial komplex, kulturell divers geworden ist, voll von Brüchen, Verlusten und Diskontinuitäten – und nicht zuletzt auf eine Welt, die sich immer weniger in ihrer Entwicklung prognostizieren lässt. Um Kinder auf eine solche veränderte Welt angemessen vorzubereiten, benötigt man eine andere Bildungsqualität und vor allem hochqualifizierte Fachkräfte.

Ausbildung auf Masterniveau

In diesem Punkt hat Deutschland bildungspolitisch versagt. Obwohl das Bildungssystem nach dem Zweiten Weltkrieg vielfach zum Gegenstand von Forschungsprojekten und Reformbemühungen wurde, blieb die Professionalisierung der Fachkräfte der "vergessene Klient" einer jeden Bildungsreform. Bis zur Stunde.

Betrachtet man die Entwicklung in anderen europäischen und außereuropäischen Ländern, werden die Fachkräfte für den vorschulischen Bereich universitär, auf Masterniveau, ausgebildet. Manche Länder haben neue Ausbildungskonzepte umgesetzt, die Pädagogen dazu befähigen, sowohl im vorschulischen als auch im schulischen Bereich tätig zu werden.

Beschämende Situation

Nichts von all dem wurde hier, in diesem Land umgesetzt. Die Fachschule bleibt weiterhin die dominierende Ausbildungsinstitution für den Beruf der Erzieherin. Und es braucht uns dann nicht zu wundern, dass die frühpädagogische Forschung in Deutschland weiterhin in den Kinderschuhen steckt. Neuseeland mit seinen 4,5 Millionen Einwohnern hat mehr Forschungseinrichtungen in diesem Bereich als Deutschland mit seinen 80 Millionen Einwohnern. Und in ausländischen Universitäten findet man sogar Fakultäten für Frühpädagogik vor. Die Situation in Deutschland ist hingegen beschämend.

Es muss darüber hinaus befremden, dass wir nach wie vor Kindern ungleiche, das heißt unfaire Bildungschancen bieten und dass wir offensichtlich daran nichts Anstößiges finden. Es darf zudem nicht weiterhin hingenommen werden, dass jedes fünfte Kind unter Armutsverhältnissen aufwachsen muss und dass wir gegenwärtig der Herausforderung der Bildung von Kindern, deren Eltern um Asyl ersucht haben, mit den gleichen Konzepten der Sprachförderung begegnen, die nachweislich bei deutschen und bei Kindern mit Migrationshintergrund ihr Ziel verfehlt haben.

Chronische Unterfinanzierung

Wenn der Kita-Streit wieder aufflammt, werden die Kinder, die Eltern und die Fachkräfte erneut die Leidtragenden sein. Die eigentlich Verantwortlichen für diese Misere waschen ihre Hände in Unschuld: Sie mischen sich nicht in Tarifverhandlungen ein, obwohl sie die Misere verschuldet haben. Bildungsinvestitionen bringen bekanntlich einen hohen Ertrag, vor allem im vorschulischen Bereich. Trotzdem bleibt dieser Bildungsbereich chronisch unterfinanziert. Fehlende angemessene Professionalisierung und Unterfinanzierung verursachen gleichermaßen die aktuelle Situation.

Es geht also bei diesem Streik nicht nur um eine Anhebung des Gehalts, was an sich selbstverständlich und ohne Streik möglich sein sollte. Es geht vielmehr um die dringende Notwendigkeit, den Erzieherberuf neu zu entwerfen, ihm die Bedeutung beizumessen, die er zu Recht verdient, sowie die Ausbildung zu reformieren und endlich diese Bildungsstufe als das Fundament gelingender kindlicher Bildungsbiografien mit allen Konsequenzen politisch und gesamtgesellschaftlich anzuerkennen.

Unsere Kinder in den besten Händen zu wissen, ist kein Luxus, sondern vielmehr eine pure Notwendigkeit für ein Land wie Deutschland. Dies mit besonderer Sensibilität für die Bedürfnisse jedes Kindes zu tun, jedem Kind eine hohe Bildungsqualität zu bieten, ist ohne gut qualifizierte Fachkräfte nicht zu leisten. Diese verdienen all unseren Respekt für ihren Einsatz, im Interesse unserer Kinder und nicht zuletzt des ganzen Landes.

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