Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Genuss & Leben Zelten wie ein König
Sonntag Genuss & Leben Zelten wie ein König
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
18:15 20.08.2015
Von Sophie Hilgenstock

Der Dosenöffner kann zu Hause bleiben. Der Blasebalg hat ausgedient. Klappspaten, Kühlbox, Campingkocher, Wasserkanister? Überflüssig. Wer heute campt, der glampt. Das bedeutet: Man macht Outdoor-Urlaub ohne die damit verbundenen Unannehmlichkeiten, also ohne die muffige Enge in Vatis Dreimannzelt, ohne verstopfte Gemeinschaftsklos, durchweichte Schlafsäcke, aufgeplatzte Reißverschlüsse, vergessene Heringe.

Glamping ist Camping für Faule und Feine. Für Aktivurlauber, die Entspannung suchen. Für Naturliebhaber, die nicht in die Büsche machen wollen. Glamper müssen sich um nichts sorgen: Die Ausrüstung ist da, das Zelt steht, das Kingsizebett ist bezogen, die Minibar gefüllt.

Campen wie die Stars

Strom, fließend Wasser, WC, Whirlpool, WLAN – beim "glamorous camping" ist der Name Programm. Geprägt wurde der Begriff in den USA. Seit den Neunzigerjahren finden in den Vereinigten Staaten die ersten Glampingzelte mit richtigen Möbeln, Kochzeilen und Duschen ihre Anhänger, auch unter Promis wie Brad Pitt, Kate Moss oder Leonardo DiCaprio. "Seinen Ursprung hat der Trend aber in Ostafrika", sagt Klaus Schneider, Geschäftsführer des deutsch-holländischen Glamping-Anbieters Vacanceselect.

Britische Kolonialisten und betuchte Großwildjäger machten es im 19. Jahrhundert vor, Meryl Streep und Robert Redford in "Jenseits von Afrika" später populär: Draußen im Busch, auf Safari, schläft man nicht zwangsläufig im Dreck – solange ein Tross Diener riesige Zelte, Betten, Badewannen und mobile Küchen hinterherträgt, braucht man selbst in der Savanne nicht auf Komfort zu verzichten. Inzwischen schleppt niemand mehr schweres Equipment durch die Wildnis. "Ein Koffer mit Kleidung, mehr braucht man als Glamper nicht", sagt Schneider.

Bloß nicht die Hände schmutzig machen

Denn ob auf der Erde, am Wasser, im Gebirge, auf dem Baum: Die heutigen Glamping-Unterkünfte sind massiv und komfortabel ausgerüstet. Der Glamper braucht schließlich Ruhe. Er sucht das Naturerlebnis, will sich aber nicht die Hände schmutzig machen. "Für ihn ist Campen seit der Kindheit etwas Wildromantisches. Im Alter aber will er auf die Strapazen verzichten", sagt Christoph Laugsch, Geschäftsführer des Luxusreiseanbieters Welcome Beyond. Glamper wollen draußen sein, ohne das Zuhause zu vermissen. Meist seien es besserverdienende Städter, Jetsetter, junge Eltern und Nichtcamper im Allgemeinen, die seine Glamping-Angebote buchen, erklärt Laugsch.

Ob Jurte in Norwegen, Safarizelt in Australien, Erdhütte in Schweden oder Baumhaus in Tansania – die Art der Unterkunft ist das Wichtigste. "Glamping macht man an Orten, an denen es keine Hotels gibt. In Naturparadiesen", sagt Laugsch. Doch die haben ihren Preis: Bis zu 550 Euro pro Nacht zahlt man bei Welcome Beyond für Luxusurlaub im Nirgendwo.

Sorgenfreies Camperleben

Glamping geht aber auch günstiger. Beim Familienreiseanbieter Vamos etwa kostet eine Woche im Vier-Personen-Safarizelt beispielsweise 1190 Euro, in der Nebensaison sind es 690 Euro. Die Glamping-Lodges stehen zwar nicht im australischen Busch, dafür in der Toskana, unweit des Mittelmeers. 45 Quadratmeter Wohnfläche, Terrasse, Wohnküche mit Gasherd, verglaste Dusche und ein Himmelbett, aus dem man die Sterne funkeln sehen kann. "Gerade mit Kindern eignet sich Glamping: Man ist viel an der frischen Luft, muss den Babybrei aber nicht über dem Campingkocher erhitzen", sagt Beate Dalkowski von Vamos.

Überhaupt müssen sich Glamper um ihr leibliches Wohl wenig Sorgen machen. Brötchenservice, Restaurants, Take-aways – in den meisten Glamping-Siedlungen wohnt man zwar naturnah, aber keinesfalls abgeschieden. Ob am Gardasee, in Kroatien, Frankreich, Österreich oder Dänemark: Viele Luxuszelte liegen sogar auf herkömmlichen Campingplätzen.

Alternative zum Vier-Sterne-Hotel

Wer dort in einer ­Airlogde, Lodgesuite oder Countrylodge eincheckt, gehört zur besseren Gesellschaft, zahlt aber auch entsprechend dafür: beispielsweise 200 Euro pro Nacht im Viermannzelt. "Gegenüber den Preisen ­eines Vier-Sterne-Hotels ist Glamping immer noch sehr attraktiv", sagt Vacanceselect-Geschäftsführer Klaus Schneider.

Das Ganze geht natürlich auch mobil: Da gibt es durchgestylte Container, aufgehübschte Holzwürfel und futuristische Alu-Eier – transportable Glamping-Unterkünfte lassen sich ebenfalls mieten. Entscheidet man sich für die Ecocapsule, muss der Autoanhänger nicht einmal allzu groß sein. Das "Ei für zwei", entworfen im slowakischen Kreativbüro Nice Architects, misst nur acht Quadratmeter, hat aber alles, was man zum autarken Leben braucht: Bad, Bett, Küche, Solarzellen, Windrad und Wasserfilter.

Die Zahl der Fans wächst

Wir Deutschen sind, im Vergleich zu Franzosen, Engländern und Holländern, in Sachen Glamping noch relativ grün hinter den Ohren. Während die Zahl der Übernachtungen von Otto Normalcampern 2014 hierzulande auf ein Rekordhoch von fast 28 Millionen kletterte, lässt sich über die Zahl der deutschen Glamper nur spekulieren. Lediglich eines ist sicher: Die Zahl der Fans wächst. "Noch vor wenigen Jahren konnten wir unsere deutschen Gäste an einer Hand abzählen. 2015 erwarten wir immerhin schon 25 000", sagt Schneider. Mittlerweile muss man als deutscher Glamour-Camper fürs Naturerlebnis im Safarizelt nicht mal mehr das Land verlassen: Glamping-Plätze gibt es jetzt auch am Blanksee in Mecklenburg-Vorpommern, am Brombachsee in Franken oder im Niemetal bei Göttingen.

Aber ist das alles noch Outdoor? Der Heidelberger Trendforscher Eike Wenzel, der Glamping jüngst zum Haupturlaubstrend des Jahres 2020 ernannt hat, kennt eine mögliche Antwort: "Glamping kann die Landlust der Tourismusbranche werden." Es stillt die Sehnsucht nach Natur, ohne sich zu tief in ihr zu bewegen.

 

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 23:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Die HAZ freut sich am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!
Genuss & Leben Kulinarische Urlaubsmitbringsel - Gruß in die Küche

Die schönsten Erinnerungsstücke an eine Reise gibt es manchmal im Supermarkt – wahrscheinlich sogar für wenig Geld. Ihr tatsächlicher Wert aber ist oft unbezahlbar. Unsere Autoren präsentieren Ihnen ihre kulinarischen Urlaubslieblinge.

20.08.2015
Panorama Vom Kinderzimmer ins Rampenlicht - Promi-Kinder: Von Haus aus schön

Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm: Manchmal stimmt es. Aber auch den Kindern von Prominenten gelingt nicht alles, wie diese Beispiele zeigen.

04.08.2015
Kultur Was wird der Urlaubshit 2015? - So klingt der Sommer

Leicht wie eine Wolke, melodiös wie Meeresrauschen und an jedem Strand der Welt tanzbar: Jeder Sommer hat seinen eigenen Hit. In diesem Jahr ist noch kein klarer Favorit erkennbar, aber die Geschichte der schönsten Sommer-Songs zeigt: Am Ende der Ferien summen alle im gleichen Takt.

21.07.2015