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Mode & Stil Blusen für alle
Sonntag Mode & Stil Blusen für alle
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20:01 07.10.2016
Von Christiane Eickmann
Auf den Laufstegen der großen Designer verschwimmen immer öfter die Geschlechtergrenzen. Nur ein kurzlebiger Trend oder der Beginn eines Umdenkens in der Gesellschaft? Quelle: RND / afp

In Virginia Woolfs Roman "Orlando" wacht die Hauptfigur eines Tages auf und ist plötzlich kein Mann mehr, sondern eine Frau. Das literarische Spiel mit den Geschlechtern aus dem Jahr 1928 wirkt bis heute nach, wurde mehrmals auf die Bühne gebracht, verfilmt, von Feministinnen diskutiert und diente vor wenigen Wochen nun auch als Motto für das Modehaus Burberry bei der Londoner Fashion Week.

Christopher Bailey, Chefdesigner der Luxusmarke, steckte männliche Models in Hemdblusen mit Rüschenkragen und samtene Jacketts, kleidete Frauen und Männer in ornamental bedruckte, edle Stoffe. Geht es nach Burberry, dürfen die Pantone-Farben des Jahres 2016 "Rose Quartz" und "Serenity" auch im nächsten Jahr noch getragen werden. Bailey reiht sich mit seiner viel beachteten "Orlando"-Show in eine ganze Reihe von Kollektionen namhafter Designer ein, die Androgynität, also geschlechtliche Uneindeutigkeiten, für ihre Entwürfe wiederentdeckt haben.

Der Trend, der seit rund zwei Jahren zu beobachten ist, wird wahlweise als Genderbending, Crossdressing oder Genderplay bezeichnet. Alle Begriffe kreisen um die Auflösung der Geschlechtergrenzen. Dabei geht es nicht um Travestie oder schrilles Verkleiden, sondern um fließende Übergänge. Zum Beispiel werden Männerjacken mit Blumen verziert, haben aber durchaus klassische Schnitte. Und es gibt Entwürfe, die durchaus von Männern und Frauen getragen werden können.

Luxuriöse Stoffe, schmeichelnde Schnitte, warme Farben: Auch Gucci spielt mit den Geschlechtern. Quelle: afp

Die Strömung befördert haben mehrere Designer. Zu nennen sind unter anderem der Londoner J. W. Anderson, der für das spanische Label Loewe Unisex-Entwürfe präsentierte, oder auch Hedi Slimane, damals noch als kreativer Leiter des Hauses Yves Saint Laurent, mit seinen schmalen Silhouetten. Andere ließen sich inspirieren, so wie Alessandro Michele für Gucci, der die Schluppenbluse für den Mann im Frühjahr auf den Laufsteg brachte.

Auf Instagram wurde der italienische Modejournalist Simone Marchetti zum beliebten Motiv, weil er eine knallrote Schluppenbluse zum klassischen Anzug trug. Auch wenn die meisten Männer so weit im Alltag nicht gehen: Rosafarbene Polohemden oder bordeauxrote, weiche Männerpullis sind häufiger zu sehen.

Der Genderbending-Trend spiegelt sich zwar auch in aktuellen Damenkollektionen mit weiten Hemden und bequemen Anzügen wider, doch in erster Linie sind derzeit Männer die Adressaten der Designer. Dass "männliche Bekleidung im gesamten Verlauf der Geschichte der Mode immer eindeutig fortschrittlicher war als die weibliche", hatte US-Modehistorikerin Anne Hollander einmal formuliert. Für die jüngsten Jahrzehnte kann man dem nur bedingt zustimmen, zu lange waren Herrenanzüge in gedeckten Farben das Maß aller Dinge. Doch dies scheint sich wieder zu ändern.

Das Spiel mit den Geschlechtern ist nicht neu

Unter anderem sind es wirtschaftliche Gründe, die die Branche zu einer größeren Variabilität zwingen. Denn der Markt für klassische Männermode macht weniger Umsatz. Junge Männer wollen sich auch in der Wahl ihrer Hosen, Hemden und Schuhe von den Generationen ihrer Väter und Großväter unterscheiden. Und einige von ihnen arbeiten in Branchen, in denen längst andere Kleidungsregeln herrschen als in der Old Economy.

Das Spiel mit den Geschlechtern ist freilich keine Erfindung unserer Zeit. Es gab sie im Mittelalter, zur Zeit des Sonnenkönigs oder auch in den Goldenen Zwanzigern. In den Siebzigerjahren bezauberte ein androgyner David Bowie Männer und Frauen gleichermaßen, in den Achtzigern trugen Annie Lennox und Grace Jones die Haare raspelkurz, während die Musiker von Duran Duran in weißen Rüschenblusen auftraten.

Und doch hoffen Optimisten, dass der Trend dieses Mal nachhaltiger wirkt und tiefer geht, weil er auch eine allgemeine gesellschaftliche Entwicklung widerspiegelt. Frauen sind – zumindest in der westlichen Welt – beruflich und vom Bildungsstand her gleichberechtigter als noch vor einigen Jahrzehnten. Sie nehmen die gleichen Aufgaben wie Männer wahr. Dass sich da auch die Mode angleicht, ist nur folgerichtig.

Andreja Pejic wurde als Andrej geboren und modelt schon lange erfolgreich für Männer- und Frauenmode. Quelle: afp

Hinzu kommt eine größere Akzeptanz alternativer Lebensentwürfe und transsexueller Menschen, vor allem in den USA. Und so sind auf den Laufstegen nicht nur androgyne Modeentwürfe, sondern auch androgyne Models beliebt. Das bekannteste ist wohl Andreja Pejic, die bis Anfang 2014 noch Andrej hieß, aber schon viele Jahre vor ihrer Geschlechtsumwandlung Mode für beide Geschlechter vorführte.

"Androgynität ist kein Trend mehr. Er ist eine Veränderung von Verhalten und Erwartungen", sagte Eric Korman, Gründer des US-amerikanischen Unisex-Parfümherstellers Phlur, in einem Interview. Mit Blick auf das Wiedererstarken konservativer Kräfte in vielen Ecken der Welt mag das vielleicht ein wenig zu optimistisch klingen.

Die Modewelt ein Hort des Guten? Vielleicht. Ein Hort des Schönen ist sie allemal. "Meine Vorstellung von Männlichkeit ist Schönheit", sagt etwa Gucci-Chefdesigner Alessandro Michele. "Und wenn du schön sein möchtest, kannst du es so sein, wie du willst."

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