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Mode & Stil Keine Lust auf Rentnerbeige
Sonntag Mode & Stil Keine Lust auf Rentnerbeige
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20:01 12.08.2016
Bloß nicht farblos werden: Modeblogs wie "Advanced Style" feiern Stilikonen im vorgerückten Alter – und zeigen, dass graue Haare und außergewöhnlicher Street Style sich nicht ausschließen. Quelle: Ari Seth Cohen / Advanced Style

Farbforscher der Bergischen Universität Wuppertal wollen den Beweis erbracht haben: Mit zunehmendem Alter entfärbt sich der Mensch, weshalb Senioren bei der Kleidung das vielbespöttelte Rentnerbeige bevorzugen. Alte Leute wollten "optisch nicht so laut" sein, schlussfolgerten die Wissenschaftler.

In den Einkaufsstraßen und Parks, auf den Strandpromenaden und Marktplätzen der Welt ergibt sich allerdings ein anderes Bild, wenn man genau hinschaut. Die Publizistin Susanne Mayer hat in dem Zusammenhang in ihrem unlängst erschienenen Buch "Die Kunst, stilvoll älter zu werden" ein paar hilfreiche "Übungen zum Wahrnehmen älterer Damen und Herren" aufgeschrieben.

Ari Seth Cohen braucht auf diesem Feld keine Nachhilfe mehr. Der New Yorker Blogger fotografiert seit acht Jahren betagte Frauen und Männer, deren Kleidungsstil alles andere als unscheinbar ist. Der "Senior Street Style" macht der jungen Szene Konkurrenz.

Alter trifft Schönheit

Cohen, selbst erst Mitte dreißig, will mit seinem mittlerweile höchst erfolgreichen Blog "Advanced Style" zeigen, dass Alter und Schönheit einander nicht ausschließen. Frauen hätten es schwerer als Männer, wenn sie alterten, weil sie viel stärker für ihr Äußeres kritisiert würden, ist Cohen überzeugt. Daher sind seine "Models" vorwiegend weiblich.

Viele sind extravagant und teuer gekleidet. Sie tragen Hüte, Handschuhe, High Heels und jede Menge Schmuck, andere wiederum pflegen zurückhaltende Eleganz in weißer Bluse oder kleinem Schwarzen, manche präsentieren sich als Paradiesvögel in selbst kreierten Kombinationen, die alle Farben des Regenbogens vereinen. Von schrill bis still sind alle erdenklichen Looks dabei.

Doch Cohen, der inzwischen seinen zweiten Bildband ("Advanced Style – Older & Wiser") herausgebracht hat, lenkt zuweilen auch den Blick auf jene, die erst beim zweiten Hinschauen ihren ganz eigenen, liebevoll zusammengestellten Stil erkennen lassen. Kaum eine der von Cohen porträtierten Frauen und Männer geht mit der aktuellen Mode. Sie kleiden sich individuell. Dabei werden nicht selten jahrzehntealte Sachen aufgetragen und mit Accessoires jüngeren Datums neu in Szene gesetzt. Lebenslust und Nostalgie gehen hier eine hübsch anzusehende Verbindung ein.

Vier Looks, vier Temperamente (v. l.): Colleen Heidemann, Suzi Click, Gretchen Schields und Irene Coyazo aus Los Angeles. Quelle: Ari Seth Cohen / Advanced Style

Bei allem Facettenreichtum haben die reifen Models jedoch eines gemeinsam: Sie sehen alle angezogen aus. In einer Zeit, in der die Mode mehr zeigt als verdeckt, fällt das durchaus auf. Dass selbst Frauen mit blauen Haaren oder Pfauenfederröcken nicht geschmacklos aussehen, liegt auch daran, dass sie so wenig Haut zeigen. Schultern ja, Dekolleté nein. Tätowierte Unterschenkel? Hat was, solange der Rocksaum nicht über das Knie rutscht. Und die Gesichter? Rote Lippen, ausdrucksstark umrandete Augen. Falten sind Nebensache.

Judith Boyd aus Denver zählt ebenso wie Cohen zu den derzeit populärsten Bloggern, die sich vornehmlich Senioren widmen und eine Inspirationsquelle für all jene bieten wollen, die den Herbst ihres Lebens nicht in Rentnerbeige verbringen wollen. Boyds Seite "Style Crone" spielt mit dem englischen Wort für "altes Weib" und huldigt vor allem Kopfbedeckungen. Sie selbst kreiert auch Hüte, insbesondere für Menschen, die nach einer Chemotherapie ihr Haar verloren haben, so wie einst Boyds Mann, der inzwischen dem Krebs erlegen ist.

Gute Kleidung ist auch ein Schutzschild vor dem Altern: Der körperliche Verfall lässt sich mit schönen Stoffen, komfortablen Schnitten und außergewöhnlichen Accessoires kaschieren – und besser ertragen. Eine von Cohens weisen Damen geht sogar noch einen Schritt weiter: "Man denkt, wenn man gut angezogen ist, kann man den Tod vielleicht austricksen."

Der Druck, ein Hingucker zu bleiben

Designerin Fanny Karst ist durchaus ähnlicher Ansicht: Die Französin kreiert Mode für Best Ager. Der Name ihres Labels "The Old Ladies Rebellion" ist Programm. Sie entwirft schlichte, modische Kleidung für Frauen, die selbstbewusst zu ihrem Alter stehen, ohne für scheintot zu gelten. "Old Is the New Gold" lautet der Aufdruck eines von Karsts T-Shirts aus der aktuellen Kollektion.

Den Leitspruch haben sich auch andere Designer in der jüngsten Vergangenheit auf die Fahnen geschrieben. So warb "Céline" 2015 mit der betagten amerikanischen Literatin Joan Didion für Sonnenbrillen und Saint Laurent setzte im vergangenen Jahr die kanadische Folk-Legende Joni Mitchell für eine Fotokampagne in Szene.

Als dann noch "Sports Illustrated" Anfang dieses Jahres die 56-jährige Nicola Griffin mit schneeweißem Haar und goldenem Bikini zeigte, wähnten nicht wenige Kolumnisten den Jugendwahn in der Mode als bezwungen. Doch es ist ein Pyrrhussieg, denn in Wahrheit wächst der Druck, auch im Alter immer noch ein Hingucker zu sein. Dank Bloggern wie Cohen gibt es immerhin Orientierungshilfen, um auch das noch im Leben zu erreichen.

Ari Seth Cohen: "Advanced Style: Older & Wiser". powerHouse Books; 272 Seiten, 23,99 Euro

Von Kerstin Hergt

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