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Promi-Talk Lieben Sie Paris, Zaz?
Sonntag Promi-Talk Lieben Sie Paris, Zaz?
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20:01 24.06.2016
Sie gilt als neue Édith Piaf und sorgt mit ihrer Stimme für Gänsehaut – Zaz ist in diesem Sommer auch auf deutschen Bühnen zu sehen. Quelle: Warner Music

"Magst du einen Kaffee?", fragt Zaz im Alten Hamburger Hafenamt, das jetzt ein muckeliges Hotelchen ist, und füllt ihn auch gleich ein. Dann singt sie erst mal: "Ich bin hier, nur für dich. Ich bin Zaz", das kommt mit einer so bluesigen Stimme, dass man um ein Haar sein eigenes Grüßgott zurückgesungen hätte. "Santé", ruft sie, die Kaffeegläser krachen zusammen, und schon vibriert da diese Kraft, die man von Zaz' Auftritten kennt.

Es ist eine Woche vorm Start der Europatour in Krakau, verschwörerisch beugt Zaz sich nach vorn: "Ich habe zurzeit noch mehr Energie als sonst", verrät sie, und zappelt heftig in ihrem Sessel. "Ich habe mit dem Rauchen aufgehört. Vor vier Wochen. Mir geht's super. All diese Energie vom Nichtrauchen – die muss ich dringend kanalisieren."

Sie scheinen immer voller Energie. Selbst wenn Sie im neuen Video zu "Si jamais j'oublie" mit den Händen im Waldboden wühlen, sieht das extrem lustvoll aus. Hände im Dreck – gar nicht pariserisch.
Ich bin ja eigentlich nicht mehr Pariserin als der Besen da in der Ecke. Und die Natur ist doch wohl die tollste Lehrerin, die der Mensch hat. Ich bin mit ihr verbunden, ich genieße das, es macht Spaß, in der Erde zu graben. Wir existieren, weil es die Erde gibt, nicht umgekehrt.

Zeigt sich in diesem Video auch eine Sehnsucht nach der Rückkehr zu Dingen, für die einem Star kaum noch Zeit bleibt?
Mit meiner Medialisierung musste ich mich länger auseinandersetzen, das war echt hart. Man sagt ja erst mal zu allem Ja und Amen. Inzwischen weiß ich, wie Nein geht. Gerade hatte ich sechs Wochen Urlaub. Sechs Wochen! Mann, das habe ich schon sehr genossen. Alles wieder gut.

Es war also vorher nicht gut?
Ich war am Anfang des Urlaubs im Eimer, da ging nichts mehr. Ich habe viel Zeit an einem stillen See verbracht, wo ich einen Freund besucht habe, der Maler ist. Der hat mir das Malen beigebracht. Dort habe ich auch gekocht, superlange her, dass ich das getan habe. Ich bin durch den Wald gelaufen, habe den Vögeln gelauscht. Ich habe mir alle Zeit genommen, die ich brauchte, um zu mir zu finden. Und hier bin ich.

Wenn Sie lachen, ist immer noch Staunen in Ihren Augen, wohin Sie gelangt sind.
Das ist ja auch komplett surreal. Ich singe auf Französisch, das ist nicht die Pop-Muttersprache. Und dann singen diese Leute in Bulgarien alle mit. Ich dachte, das wären nur Mundbewegungen, dass hinterher einer käme und sagte: War nur ein Witz. Kam aber keiner.

Singt auf Französisch im Pop-Mutterland: Zaz mit ihrer Band live in London. Quelle: PhoneGigPics / CC BY 2.0

Verstehen die bulgarischen Fans Ihre Texte? Oder singen sie nur nach Gehör?
Ich bekomme Briefe aus Russland, aus Brasilien und zuletzt auch aus Japan. Die Leute schreiben auf Französisch, dass sie wegen mir Französisch lernen. Liebe ist darin zu spüren – zu Frankreich und Paris.

Sie sagen "Ich lebe meinen Traum". Wäre der "Straßenmusiker wird Weltstar"-Traum in Tours oder Bordeaux auch zu leben gewesen?
Na ja, nicht ganz. Paris ist nun mal die Hauptstadt. Da passiert am meisten. Klar, geschehen auch in Tours und Bordeaux Dinge, aber speziell für mich war in Bordeaux nicht so viel los. Es ist der Pariser Traum, den ich lebe. Wie es auch den amerikanischen gibt.

Wie unterscheiden die sich?
Keine Ahnung. Für mich funktioniert erst mal der Pariser Traum, den habe ich erfolgreich geträumt. Und wie der amerikanische Traum ist, sag ich dir, wenn ich auch in den USA groß rausgekommen bin. Was in ungefähr zwei Jahren der Fall sein wird, nein, halt, in anderthalb Jahren (lacht laut und herzlich).

Sie haben 2014 dieses Album voller klassischer Paris-Lieder aufgenommen. Ein Liebesbekenntnis zur Traumstadt?
Das war ein Danke an die Stadt, aber vor allem auch an all die Leute, die das Album wollten. Auf Tour kamen immer wieder Fans, die sagten "Nimm doch mal bitte alte französische Chansons auf". Die haben einen regelrecht schikaniert damit. Erst waren es nur Gedankenspiele. Dann kam die Idee, Quincy Jones zu fragen …

… den amerikanischen Bandleader und Produzenten, der mit Frank Sinatra und Michael Jackson aufgenommen hatte.
Die Idee hatte ich schon beim Album vorher. Traute mich aber nicht. Diesmal hatte ich den Mumm doch, und – zack – es ging. Wenn ich mit solchen Visionen komme, sagen sie immer: "Ja, Isa, jetzt spinnst du wieder herum." Und wenn es klappt, haben es alle gleich gewusst.

Quincy Jones war 81, den wähnte man eigentlich im Ruhestand.
Außerdem hat er einen ganzen Schreibtisch voller Anfragen. Warum also gerade ich? Das weiß ich auch nicht – es war vielleicht die intuitive Antwort auf eine intuitive Anfrage.

Er liebt Paris, das Jazz-Paris.
Ja, er war dort in den Fünfzigern gewesen, er hat auch all die großen Chansonniers produziert – Aznavour, Brel. Er war lange nicht mehr in Paris gewesen, schlug zwei Fliegen mit einer Klappe.

Wie war das dann im Studio?
Die Treffen liefen ab wie Kinderspiele. Wir sprachen nicht dieselbe Sprache, wir haben also mit Händen und Füßen kommuniziert. Ich hatte immer das Gefühl: Total verrückt, diese großen Leute nehmen mit dir auf, das kann eigentlich nicht sein. Und doch – es ist passiert.

Zaz mit dem Musikproduzenten Quincy Jones (links) und dem Jazzbassisten John Clayton. Die Musiklegenden stecken hinter der "Paris"-Platte der Sängerin. Quelle: Warner

Als das Album im November 2014 erschien, lagen die Anschläge auf "Charlie Hebdo" und das Bataclan noch in der Zukunft. Hätten Sie "Paris" auch nach diesen Terrorakten herausgebracht?
Ja. Erst recht. Wir waren ja beide Male in Japan, als in Paris die Anschläge passierten. Beim zweiten Mal, als das Bataclan angegriffen wurde, kamen Japaner nach dem Konzert auf uns zu und drückten ihr Beileid aus. Was da bei mir eintraf, klang, als wäre ganz Frankreich ausgelöscht worden. Die Medien in Japan vermittelten ein komplett schwarzes Bild von der Situation zu Hause. Dort hat man all die Leute nicht gesehen, die gleich wieder den Kopf erhoben haben und gesagt haben, wir machen weiter. Für die hätte ich das Album gemacht.

Das ist die Haltung, von der Sie in Maurice Chevaliers "Paris sera toujours Paris" (Paris wird immer Paris sein) singen.
Ja. Überall, wo ich hinkam, fragten die Leute: Ist dieser Pariser Geist, diese Leichtigkeit mit diesen Anschlägen jetzt für immer tot und verloren? Und ich sagte: Im Gegenteil, überall geht es voran. Was soll ich sagen? Die Medien lieben die negativen Seiten der Dinge. Und vermitteln die eben. Wenn Dinge gut funktionieren, wie nach den Anschlägen, interessiert sie das nicht so. Es entsteht ein falsches Bild, und das vermittelt den Menschen erst die Angst. Es gibt bösen Dingen Macht über uns.

Im Bataclan ist auch die Musik angegriffen worden. Viele Konzergänger tragen heute Sorge, dass ihnen etwas zustoßen wird. Macht Sie das wütend?
Ja, es war ein Angriff auf die Kultur, ein Angriff auf den Geist der Freiheit. Genau das wollten die. Das war schrecklich, und in meiner Umgebung kennt jeder ein Opfer. Aber wenn uns das von der Kultur abhalten würde, hätten die ja gewonnen. Nein, diese Leute gewinnen auf keinen Fall. Ich sehe nur noch Menschen, die sich nicht unterkriegen lassen, die weitermachen – für die Freiheit.

Der Pariser Freiheitswille hat sich vielfach bewiesen. Im Zusammenhang mit der Nazi-Besetzung Frankreichs haben Sie den Begriff "légèreté" (Leichtigkeit) benutzt, um die Haltung der Pariser zu beschreiben. Man hat Ihnen daraufhin medial beschieden, dass Leichtigkeit damals höchstens aufseiten der Nazis zu finden war. Jemand empfahl Ihnen sogar den Künstlernamen Naz. Wie haben Sie diese Schmähung empfunden?
Das war extrem hart. Vor allem, weil so eine Sache immer größer wird. Ich hatte auf einmal ein Bild von mir, als trüge ich echt ein Hakenkreuz auf der Stirn. Wenn Worte aus dem Kontext gerissen werden, ist alles möglich. Ich wollte mit "légèreté" eigentlich nur sagen, dass auch während des Krieges das Leben in Paris, so gut es ging, weiterlief wie davor. Wie zu allen Zeiten. Natürlich kann man jemandem, der das Konzentrationslager erlebt hat, nicht mit "légèreté" kommen. Ich glaube aber, einige Journalisten haben mich missverstehen wollen. Man steht im Rampenlicht, und irgendwann ist es so weit, dann kommen auch Leute, die dich attackieren.

Und das ficht Sie nicht an?
Ich glaube, ab einem gewissen Zeitpunkt muss man ignorieren, was geschrieben wird. Ich habe davor keine Angst mehr.

Haben Sie überhaupt vor etwas Angst?
Nein. Obwohl doch – vielleicht davor, wieder nach Japan zu fahren.

Die Begleiterin von der Plattenfirma steht zum zweiten Mal in der Tür, macht eine Abschneidgeste mit der Hand. Der nächste Interviewer wartet, dann noch ein Kamerateam und die Fahrt nach Berlin. Zaz verabschiedet sich gemäß ihrem Temperament. Statt gehauchter französischer Küsschen zieht sie einen fest an sich, hängt sich kurz an den Hals und hebt die Beine vom Boden. "Schau, wie schwer ich bin." In Wahrheit ist sie ganz leicht. Als würde sie schweben. Alles die Energie vom Nichtrauchen.

Zur Person

"Deutschland ist so etwas wie meine erste große Liebe", sagt Zaz, die eigentlich Isabelle "Isa" Geffroy heißt und am 1. Mai 1980 in Tours zur Welt kam. Das deutsche Publikum war nach dem französischen das erste, das sich in ihr Temperament und ihre unglaubliche Stimme verliebte. "Je veux" hieß der Hit, mit dem die Straßensängerin vom Montmartre 2010 zum Pop-Phänomen aufstieg und schnell zur neuen Piaf ausgerufen wurde. Dass Geld und materielle Reichtümer sie nicht interessierten, sang sie da. Freiheit statt Phrasen – "Ich will mit der Hand auf dem Herzen sterben!"

Das mit der Piaf teilt sich in einerseits und andererseits auf. Sie weiß das Kompliment zu schätzen, will aber doch lieber "die Zaz" sein, singt zwar einige Lieder des "Spatz von Paris" ("Dans ma rue", "La vie en rose", "Sous le ciel de Paris"), aber wollte die allseits geforderte Piaf-Platte partout nicht aufnehmen, sondern widmete ihr drittes Album lieber der Stadt "Paris".

Von Chanson bis Rock 'n' Roll

"Pst! Sie ist verrückt, Isa", sagen die Leute um sie herum mit dem breitestmöglichen Grinsen. In jedem Fall ist sie lebendig, sitzt kaum zehn Sekunden still im Interview und spult 40-Kilometer-Sätze in gefühlt 30 Sekunden ab, sodass sie klingen wie ein einziges, wunderschönes, indes undechiffrierbares Wort und der Übersetzer wohl zuweilen gern eine weiße Fahne schwenkte.

Zaz hat mit vier Jahren zum ersten Mal erwähnt, Sängerin werden zu wollen – so geht die Legende. Sie gilt als Chansonette, aber da "chanson" ja erst mal nur "Lied" heißt, darf man das nicht so eng sehen. Sie kann auch Swing, Folk, Rock, und der legendäre Musikproduzent Quincy Jones liebte ihre bluesige Stimme. Wenn sie "Rock 'n' Roll!!!" schreit, kriegt man jedenfalls Gänsehaut, und wenn ihre Stimme den Text verlässt und nur noch Stimme ist (was sie auf dem aktuellen Livealbum "Sur la Route" mehrfach tut), trägt man Sorge, die Gänsehaut könne für immer bleiben.

Live in Deutschland

Einen großen Teil ihrer Einnahmen steckt sie in die Organisation "Colibris" des Autors Pierre Rabhi, der Konzepte für eine bessere, gerechtere Welt umsetzt. In ihren Konzerten singt sie gern "La légende du colibri" von einem kleinen Vögelchen, das mit einem Tropfen Wasser im Schnabel zum Löschen in ein großes Feuer fliegt. Von anderen Tieren verblüfft über sein Tun befragt, antwortet der Kolibri: "Ich leiste meinen Beitrag." In ihrem jüngsten Hit "Si jamais j'oublie" wünscht sie sich, geerdet zu bleiben.

Die Karriere hat inzwischen Fahrt aufgenommen: Zaz ist längst wer in Osteuropa und Lateinamerika und erobert gerade Japan und andere Teile Asiens. Wer Zaz im Konzert erleben will, der hat demnächst Gelegenheit bei Open Airs. Sie ist wieder "sur la route" – in Köln (28. Juli, Tanzbrunnen), Ludwigsburg (31. Juli, Residenzschloss), Dresden (13. August, Freilichtbühne Großer Garten), Kiel (15. August, Sparkassen-Arena) und Hamburg (16. August, Stadtpark). Abschlusskonzert der Deutschlandtour ist am 17. August auf der hannoverschen Gilde-Parkbühne.

Von Matthias Halbig

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