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Promi-Talk Warum flunkern Sie?
Sonntag Promi-Talk Warum flunkern Sie?
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20:07 28.08.2015
Von Marina Kormbaki
Sophie Hunger singt in vier Sprachen: auf Deutsch, Englisch, Französisch und Schweizerdeutsch. Quelle: EPA/LAURENT GILLIERON

Als Tochter eines Schweizer Diplomaten sind Sie in Ihrer Kindheit und Jugend viel umhergereist, nach einer Auszeit in den USA leben Sie zurzeit in Berlin. Ist Ihnen das Gefühl von Heimweh da überhaupt vertraut?

Ehrlich gesagt weiß ich nicht genau, was Heimat bedeutet. Ich hatte nie ein Gefühl dafür. Wenn andere Menschen darüber reden, merke ich, dass die etwas wissen, von dem ich nichts weiß.

Behagt Ihnen das Wort Heimat nicht?

Zumindest gebrauche ich es nicht oft. Ich hatte ziemlich früh den Eindruck, dass es besonders häufig in Zwangssituationen fällt: Die Mutter sagt zum Kind: Geh nicht, hier bist du zu Hause. Der Liebhaber sagt: Du darfst mich nicht verlassen – du musst doch ein Zuhause haben. Mit „Zuhause“ meinen sie sich selbst. Oder der Präsident, der den jungen Männern sagt, sie müssten in den Krieg ziehen, um die Heimat zu verteidigen – ein kleines bisschen Erpressung schwingt immer mit im Wort „Heimat“. Wer eine Heimat hat, gehört jemandem oder etwas. Das kann bestimmt auch schön sein, aber wer von Heimat spricht, sollte sich der Fülle an Bedeutungen bewusst sein.

Die vielen heimatverliebten „Heidi“-Verfilmungen haben Sie als gebürtige Schweizerin so ganz kaltgelassen?

Ich glaube, ich habe keinen einzigen „Heidi“-Film gesehen. Da hat mir wohl jeder Schweiz-Tourist einiges voraus. Es gibt natürlich Situationen, in denen ich eine große Verbundenheit spüre. Das hat dann aber nichts mit dem geografisch-politischen Abstraktum Schweiz zu tun, sondern mit meiner Sprache: dem Schweizerdeutsch. Wenn ich jemand Schweizerdeutsch sprechen höre, fühle ich mich ihm gleich sehr nah.

Woran merken Sie, dass Sie heimisch sind in Ihrer Sprache?

Schwizerdütsch ist die Sprache, in der ich mich qualifiziert fühle, Leute grammatikalisch zu korrigieren. Im Hochdeutschen würde ich mich das nicht trauen.

Sie singen auf Deutsch, auf Englisch, Französisch und Schweizerdeutsch. Bestimmt die Sprache den Ton, den Sie im Song einschlagen?

Nicht die Sprache an sich, denn Sprache an sich hat ja keinen Charakter. Aber sie bewegt sich in einer Kultur, sie transportiert einen sehr speziellen Kulturraum. Wenn ich auf Französisch singe, bewege ich mich in der französischen Welt mit ihren Erfahrungen und Traditionen. Und wenn ich auf Schweizerdeutsch singe, neige ich dazu, wie es die Schweizer nun mal tun, mich einfach auszudrücken. Deutsche kaschieren ja viel, sie bilden unnötig komplizierte Sätze. In der Schweiz ist das verpönt. Wer sich absichtlich kompliziert ausdrückt, gilt nicht als außergewöhnlich intelligent. Eher im Gegenteil.

Legen Sie beim Songschreiben als Erstes die Sprache eines Stücks fest, bevor Sie sich der Musik und dem Text widmen?

Nein, am Anfang steht meistens ein Wort oder auch ein Satz, den ich gern höre oder sage oder schon immer mal sagen wollte. Auf meiner jüngsten Platte heißt ein Stück „Carbon Fiber“, Kohlenstofffaser. Dieses englische Wort wollte ich seit Langem mal singen.

Klingt jetzt erst mal nicht sehr poetisch.

Im Song heißt es: „My carbon fiber is shatterproof“ – „Meine Kohlenstofffasern sind bruchsicher“. Vor 100 Jahren hätte man in diesem Kontext von der Seele oder dem Geist gesprochen. Vor 50 Jahren wäre wohl von Haut und Knochen die Rede gewesen, um das zu benennen, was einen Menschen ausmacht. Heute lässt sich die Substanz des Menschen wohl am akkuratesten mit industriell hergestellten Faserkabeln beschreiben. Aus ihnen besteht unsere Welt.

Ein Wort oder ein Satz, der es nie in einen Ihrer Songs schaffen wird?

Hm. „Atemlos durch die Nacht“. Das wohl nicht. Ein ausgelatschter Ausdruck, ohne Kraft. Ich suche nach Worten, die vibrieren, die Spannung bergen.

Ein Satz, der nie in Ihren Liedern auftauchen wird? "Atemlos durch die Nacht", sagt Hunger. Quelle: EPA/MAXIME SCHMID

Immer auf der Suche zu sein – nicht nur nach Worten, sondern auch nach passenden Lebensorten –, das schreckt Sie nicht?

Im Gegenteil: Sobald das Leben statisch zu werden droht, schreckt es mich. Deswegen besitze ich auch nur Sachen, die ich überall hin mitnehmen kann. Das Schlimmste wäre, wenn ich plötzlich ein Haus erben würde. Diese permanente Bereitschaft zum Aufbruch löst bei mir viel Kreativität aus. Sie gibt mir viel und bestätigt mich immer wieder. Zum Beispiel kehrte ich vor einigen Monaten aus Kalifornien zurück und hatte ein Album geschrieben.

Und was trieb Sie dorthin?

Zwei Jahre ist das nun her, da war ich gerade 30 Jahre alt geworden, hatte kaum soziale Bindungen, keine Pläne und keine Verpflichtungen. Ich war wirklich frei. Ein sehr spezielles Gefühl.  Und da dachte ich mir: So. Nächstes Kapitel. Bau dir jetzt mal ein neues Leben. Also verließ ich die Schweiz und ging nach Kalifornien. Ich fragte mich: Wer möchtest du jetzt sein? 

Es gibt nicht die eine Sophie Hunger?

Nee. Die Vorstellung, dass man etwas klar Abgeschlossenes ist, habe ich nie verstanden. Eine Illusion, meiner Meinung nach. Man ist doch so viele: Je nachdem, mit wem man es zu tun hat, tritt man doch anders auf. Mit meinem Manager Patrick spreche ich ganz anders als mit Ihnen, wir kennen uns ja erst seit ein paar Minuten. Da kann ich doch nicht dieselbe Person sein wie gegenüber Patrick. Eine komische Vorstellung, die der täglichen Erfahrung eines jeden Menschen komplett widerspricht. 

Und wie stellten Sie sich den Menschen vor, die Sie während Ihrer Zeit in San Francisco kennenlernten?

Na ja, immer ein bisschen anders. Nach Lust und Laune. Ich habe meine Unterkünfte über das Netzportal Airbnb gebucht, war also in Privatwohnungen von Leuten, die gerade verreist waren, von denen ich aber ein bisschen was wusste. Über die Angaben ihres Airbnb-Profils zum Beispiel oder über ihre Inneneinrichtung. Ich gab mich gern als der Mensch aus, in dessen Wohnung ich gerade wohnte. Zum Beispiel war einer früher Konzertpianist und arbeitet heute für ein Finanzinstitut, spannende Geschichte. Und manchmal habe ich auch deren Sachen angezogen.

Sie haben munter drauflosgelogen?

Das ist für mich nicht lügen. Wenn man statt der Wahrheit eine Geschichte erzählt, verrät man doch manchmal viel mehr über sich selbst. Man hinterlässt einen Eindruck, der viel, viel intimer ist als jener Eindruck, den man vermittelt, wenn man faktisch genau erklärt, was man tut. Ich finde das Spiel mit fremden Identitäten überhaupt nicht schlimm.

Transparenz ist doch ein Leitbegriff unserer Zeit – finden Sie, wir sehen das zu eng mit dem Gebot der Aufrichtigkeit?

Es kommt auf die gesellschaftliche Rolle des Einzelnen an. Mir fällt allerdings auf, dass in öffentlichen Debatten nicht genau unterschieden wird, wer gerade was sagt. Wenn ein Komiker etwas Unanständiges kundtut, wird er am nächsten Tag kritisiert. Aber es ist doch ein Komiker! Für ihn gelten andere Regeln! Ein Komiker darf Dinge sagen, die ein Bankdirektor nicht sagen darf, und ein Bankdirektor darf Dinge sagen, die ein Staatsvertreter nicht sagen darf. Es gibt Zigtausende von gesellschaftlichen Rollen, aber viele Menschen scheuen die Mühe, die es macht, genau hinzuschauen.

Was ist die Rolle der Sophie Hunger?

Ich bin Künstlerin. Zu meinem Beruf gehören Illusionen, die Lust an der Fiktion. Bei Ihnen als Journalistin wäre das verheerend. Wir Künstler aber müssen mit unserer Arbeit Vorschläge machen, wie die Dinge sein könnten, wenn sie nicht so wären, wie sie sind.

Sophie Hunger spickt ihre Musik mit Widerhaken

Sophie Hunger lädt zum Gespräch in ein Tonstudio in Berlin-Weißensee, in einen alten Backsteinbau im Osten der Stadt. Zum Zeitpunkt des Gesprächs sind keine Auftritte anberaumt, was auf Freizeit hindeutet, aber Sophie Hunger sagt gleich zu Beginn: „Das Ziel ist doch, nie frei zu haben. Es gibt keinen Anfang und kein Ende in meinem Beruf. Ein Qualitätsmerkmal, finden Sie nicht?“ Und so ist sie gerade mit einer Auftragsarbeit befasst, komponiert und spielt die Musik ein zu einem französischen Animationsfilm, „La vie de Courgette“ heißt er, „Das Leben einer Zucchini“. Sie bezeichnet das Projekt als „dienstleisterische Arbeit“, denn: „Man ist nicht der Chef. Es ist eine Übung in Bescheidenheit.“

Es klingt so, als müsste sich die Schweizerin mühen, auf dem Boden zu bleiben. Der Erfolg ihrer bisher fünf Studioalben, ihrer Touren quer durch Europa und der große Zuspruch in Feuilletons und Pop-Blogs böten auch einigen Anlass abzuheben. Und doch ist im Gespräch mit Sophie Hunger kein bisschen Überheblichkeit zu spüren. Da sitzt eine junge Frau in Jeans, T-Shirt und Lederjacke, die sich auf Fragen viel Zeit zum Nachdenken nimmt und die Stille währenddessen mit einem Knattern zu kaschieren versucht; das Geräusch kommt aus dem Metronom, an dem Sophie Hunger unablässig dreht und drückt.

Sophie Hunger in Montreux: Emotional grundierter Folk-Pop, frei von Gefühligkeit. Quelle: EPA/VALENTIN FLAURAUD

Die Künstlerin ist nach Meinung des „Tagesanzeigers“ aus Zürich die „talentierteste Songschreiberin der Schweiz“, was mitunter darin zum Ausdruck kommt, dass die Melodien ihrer Stücke von bestechender Eingängigkeit sind, ohne sich dabei anzubiedern, ohne gefallen zu wollen. Emotional grundierter Folk-Pop, frei von jeglicher Gefühligkeit. Ein songschreiberischer Drahtseilakt, der Sophie Hunger deshalb gelingt, weil sie ihr Tun als Handwerk begreift. Songs wie das liebestrunkene „LikeLikeLike“ aus dem Album „The Danger of Light“ von 2012 oder das wehmütige Titelstück des aktuellen Albums „Supermoon“ mögen auf Anhieb intuitiv erscheinen, so als wären sie einer Laune, einem bestimmten Gefühlszustand entsprungen, einfach so. Doch bei genauerem Hinhören erweisen sich die Stücke als sorgsam arrangierte Klavier- und Gitarrenkompositionen, ergänzt um flirrende Sounddetails und spielerische Klangfinessen. So wie die Eleganz eines feinen Möbelstücks vor allem darin zum Ausdruck kommt, dass die viele Arbeit, die es zu dessen Vollendung gebraucht hat, unsichtbar bleibt – so zeichnet sich auch die Musik der Sophie Hunger durch subtiles Könnertum aus. Auf ihren Alben finden sich Verweise zum Soul, zum Chanson und sogar zur Neuen Deutschen Welle.

Melancholie und Humor gehen in dieser Musik eine Liaison ein, auch in den eigenwilligen Texten. Sperrige Zeilen sind das meist. „Love Is Not The Answer“ heißt ein Stück auf dem jüngsten Album – ein Bruch mit der Floskelhaftigkeit des Pop. Nein, meint Sophie Hunger da, Liebe sei nicht die Antwort auf alles, und wer anderer Meinung ist, dem rät sie im Song, doch mal bei Romeo und Julia anzufragen, im Sarg. Sehenswert ist auch das Video zum Song: eine Zerstörungsorgie mit frischen Schnittblumen. Ein heiter-melancholisches Inferno. Das passt zu Sophie Hunger.

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