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Promi-Talk "Das Dorf ist zum Sehnsuchtsort geworden"
Sonntag Promi-Talk "Das Dorf ist zum Sehnsuchtsort geworden"
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10:05 15.03.2016
Politisch engagiert: Juli Zehs Beobachtungen der Gesellschaft spiegeln sich in ihren Romanen wieder. Quelle: Thomas Müller

Ihr neuer Roman "Unterleuten" spielt in der brandenburgischen Provinz. Wie viel Wahrheit steckt in Rainald Grebes satirischem Lied "Brandenburg", das sie an einer Stelle zitieren?
Ich liebe dieses Lied. Es wird auf jeder Party hier gespielt. Was Grebe beschreibt, trifft zu fast 100 Prozent zu. Vor allem, weil er es mit Humor und Selbstironie tut. Dies gehört nämlich für mich auch ganz essenziell zur Region dazu.

Sie machen sich im Roman über intellektuelle Städter lustig, die aufs Land flüchten und in "Gemüsebeetfolklore" schwelgen. Sie gehören doch als Ex-Leipzigerin, die ins Havelland gezogen ist, selbst zu dieser Gruppe …
Ich wollte mich über niemanden lustig machen. Der Roman versammelt ganz unterschiedliche Menschentypen, und der Städter mit seinen romantischen Vorstellungen vom Land gehört genauso dazu wie ein verknöcherter Ex-Kommunist oder jemand, der sich als Landwirt durchzuschlagen versucht – ganz ohne Bioromantik. Ich selbst komme in dem Buch als Phänomen nicht vor. Als Schriftstellerin habe ich ohnehin einen ganz anderen Zugang zu meiner Umgebung.

Wie erklären Sie sich den Erfolg der Zeitschrift "Landlust"?
Das Dorf ist für viele Menschen zum Sehnsuchtsort geworden. Als ich mit der Schule fertig war und mir überlegt habe, wo ich gerne leben möchte, war für mich völlig klar: in einer Stadt. Ich hätte mir eher einen Arm abgehackt, als aufs Dorf zu ziehen. In der Stadt war Kultur, da war Politik, da war was los. Ich wollte dabei sein. Das ging allen so, die ich kannte. Jetzt hat sich das komplett gedreht. In meiner Generation hat sich eine Ermüdung breitgemacht: Sie will nicht mehr teilhaben, eine gruselige Entwicklung. Man möchte sich zurückziehen, aus der Stadt, aus der Politik, aus Verpflichtungen und Informationsüberfluss. Die Menschen lesen heute die "Landlust", wie sie im 19. Jahrhundert Liebesromane gelesen haben, als freie Liebe nicht möglich war. Man sucht nach Heimat und einem Ruheort, während man Trockensträuße auf dem Kaminsims neu arrangiert.

Wenn es nicht das ist, was Sie lockt: Was schätzen Sie dann am Landleben?
Es klingt wie ein Klischee, aber es stimmt einfach: das spezielle soziale Leben auf dem Dorf. Ich empfinde das wie eine WG, und ich habe als Studentin immer gern in WGs gewohnt. Man teilt den Alltag und den Lebensraum, ohne unbedingt eng befreundet sein zu müssen. Diese Form des menschlichen Zusammenseins genieße ich sehr.

Haben Sie nicht Angst, dass der ein oder andere Dorfbewohner Ihnen den Roman übel nimmt?
Ich will niemanden bloßstellen. Ich habe grundsätzlich Angst davor, falsch verstanden zu werden, weil es nämlich auch immer passiert. Selbst wenn ein Roman noch so fiktiv ist, trifft man die Realität oft dennoch, was ja eigentlich gut ist, weil man als Autorin glaubwürdig ist. Dann erkennen sich Menschen im Text wieder – selbst welche, die ich gar nicht kenne. Manche Leute freuen sich darüber, andere nicht. Solche Begegnungen hatte ich immer wieder, sie sind mir arg unangenehm.

Der fiktive Ort im Roman heißt "Unterleuten", obwohl einige Menschen hierhin ziehen, um der Zivilisation fern zu sein. Inwiefern ist dieses Unterleuten ein stark verkleinertes Abbild unserer Gesellschaft?
Aus meiner Sicht soll Unterleuten genau das sein. Ich wollte darüber schreiben, wie wir als Gesellschaft heute sind, was uns ausmacht. In einem vergleichsweise kleinen Zusammenhang wie einem Dorf, wo die Beziehungen weniger komplex sind, kann man besser sichtbar machen, wie Konflikte entstehen, woran die Leute glauben, welche Hoffnungen und Ängste sie haben. Unterleuten ist für mich eine Weltbühne, auf der ich meine Geschichte spielen lasse.

Sie wollten immer einen großen Gesellschaftsroman schreiben, heißt es. Weshalb hat Sie das so gereizt?
Weil ich solche Romane unheimlich gerne selbst lese, besonders amerikanische. Als Leserin möchte ich etwas über die Welt erfahren, in der ich mich bewege. Mich interessieren Dinge, die mir neu sind und in denen ich mich zugleich wiedererkenne. Ich lese sehr naiv, ich identifiziere mich mit den Menschen, ich tauche in diese Welt ein. Ich habe ein großes Erkenntnisinteresse in Bezug auf menschliches Miteinander. Die Literatur kann besser als jede Wissenschaft ein Gefühl für Zeitgeist und Mentalität vermitteln. Der Gesellschaftsroman ist nur leider eine der schwierigsten literarischen Gattungen.

Sie sind der Meinung, dass die größten heutigen Konflikte zwischen urbaner und ländlicher Bevölkerung verlaufen. Wieso?
Die Idee für diesen Roman entstand, als ich kurz nach den Bürgerkriegen durch Bosnien gereist bin. Da kam immer wieder die Frage auf: Weshalb gehen Nachbarn aufeinander los? Weshalb führen Familien plötzlich einen blutigen Krieg gegeneinander? Das kann man sich als Friedenskind einfach nicht vorstellen. Ein Konfliktforscher erklärte mir, wenn in einer Gesellschaft die Kluft zwischen dem Stadt- und dem Landleben zu groß wird, dann können Spannungen in Gewalt eskalieren. Über diese Aussage habe ich viel nachgedacht. Es ist tatsächlich so, dass ein Berliner sich heutzutage mentalitätsmäßig mit einem anderen Metropolisten von Tokio über New York bis Moskau besser versteht als mit einem Landei, das 80 Kilometer von seiner Haustür entfernt lebt. Da entsteht eine urbane Weltgemeinde, die sich immer weiter vom Landleben entfernt.

Erleben Sie den nahenden Frühling im Märkischen anders als in der Stadt?
Man erwartet den Frühling noch sehnsuchtsvoller. Der Winter ist in Deutschland ja ohnehin sehr schwer fürs Gemüt und eine höchst depressive Geschichte. Auf dem Land kommt noch hinzu, dass es keine befestigten Bürgersteige gibt, auch keinen Weg zu unserem Haus. Man steht also buchstäblich die ganze Zeit im Schlamm. Die Wohnung ist ständig dreckig, der Hund ist nass und rennt rein und raus. Irgendwann hat man das Gefühl, man lebt im Zelt. Die Sehnsucht nach Trockenheit und Wärme ist noch intensiver. Und es ist dann noch befreiender, wenn es endlich losgeht.

Freiheit ist der zentrale Begriff des Romans. Mal ist das für Ihre Protagonisten die halbanarchische, vorstaatliche Tauschgesellschaft, mal der Kampfbegriff eines gnadenlosen Ego-Systems. Was ist für Sie persönlich Freiheit?
Ich ändere meinen Freiheitsbegriff ungefähr zehnmal am Tag. Obwohl ich politisch unter der Freiheitsfahne aktiv bin, muss ich zugeben, dass ich bisher noch nicht sehr weit gekommen bin bei der Frage, was Freiheit bedeutet. Der kleinste gemeinsame Nenner ist für mich die Freiheit vor äußerem Zwang. Da hänge ich einem klassisch liberalen, vielleicht sogar libertären Verständnis an. Dann kommt man zu vielen komplizierten Fragen wie: Was bedeutet innere Freiheit? Gibt es den freien Willen? Können wir frei von uns selbst sein? Fühlen wir uns in Wahrheit viel wohler, wenn uns jemand sagt, was wir machen sollen? Meine Romanfiguren haben alle unterschiedliche Freiheitsbegriffe, und im Prinzip scheitern sie damit alle.

Freiheit hat im Zeichen des neoliberalen Leistungswahns auch ihre Schattenseiten. Wollen Sie an eine Moral jenseits des Eigeninteresses appellieren?
Ja, das möchte ich tatsächlich. Das ist ein Lebensthema für mich. Menschen haben eine Art Moralorgan und sind dann am glücklichsten, wenn sie in der Lage sind, sich moralisch zu verhalten. Daran möchte ich immer wieder erinnern. Denn es herrscht Orientierungslosigkeit. Seit die Religion nicht mehr Chef ist im Vorgeben von Sittengesetzen, denken viele Menschen, es gäbe keine Moral mehr. Wir müssen diese aus uns selbst schöpfen lernen.

Sie haben mit Schriftstellerkollegen gegen die Überwachung durch die NSA protestiert. In Ihrem Roman schreiben Sie von einer Gesellschaft, "in der es nur noch darum geht, beim großen Ausverkauf der Werte die eigenen Schäfchen ins Trockene zu bringen" und vom "Emotionstheater" der "Politikdarsteller". Sind Sie desillusioniert?
Einerseits sind das Sätze von meinen Figuren, die nicht mit meiner Haltung übereinstimmen. Wenn jemand auf einem Podium von Emotionstheater spräche, würde ich ihn sofort niederbrüllen, weil ich diese Politikerverachtung überhaupt nicht teile. Ich halte sie für demokratiefeindlich. Trotzdem muss ich zugeben, dass ich seit einem Jahr desillusioniert und frustriert bin, was die Lernfähigkeit unserer Gesellschaft anbelangt. Ich habe sehr viel Kraft, Nerven, Geld und Zeit in den Kampf gegen Überwachung investiert, und es ist sehr wenig dabei herausgekommen. Vielleicht sogar gar nichts.

Teilen Sie also die Meinung Ihrer Figur Gerhard Fließ, dass sich Widerstand und Aktivismus nicht auszahlen?
Demokratie bedeutet, die Meinung von 83 Millionen Menschen kompromissfähig zu machen. Wenn ich als Einzelperson glaube, ich habe die Weisheit mit Löffeln gefressen, werde ich mit dieser Meinung nicht durchdringen. Das ist normal. Politischer Aktivismus kann sich nur auszahlen, wenn er über Jahre hinweg möglichst viele Menschen überzeugen kann. Sonst muss man sich die Frage stellen: War die eigene Idee vielleicht nicht anschlussfähig? Bin ich nur eine winzige Minderheit? Das ist schwer zu schlucken, aber kein Systemfehler.

Zur Person

Engagierte sich gegen die massenhafte Überwachung durch die NSA und andere Geheimdienste: Juli Zeh mit Schriftstellerkollegen vor dem Bundestag. Quelle: dpa

Sie debattierte bei Anne Will über Terrorabwehr, bei Günther Jauch über den Spähangriff auf Angela Merkels Handy und sie war erster Gast bei der Neuauflage des "Literarischen Quartetts": Juli Zeh ist als eloquente Intellektuelle, die sich nicht vor unangenehmen Wahrheiten drückt und Positionen jenseits des Mainstreams allgemeinverständlich zu verteidigen vermag, ein gern gesehener Gast in Talkshows.

Die Schriftstellerin wurde 1974 in Bonn geboren. In Leipzig und Passau studierte sie Jura sowie Europa- und Völkerrecht. Die dort erworbenen Kenntnisse flossen in ihren Debütroman "Adler und Engel" (2001) ein, der Geschichte einer Amour fou vor dem Hintergrund des Balkankonflikts und internationaler Drogenkriminalität. Schon Zehs Erstlingswerk wurde zum Welterfolg, inzwischen sind die Bücher der Absolventin des Deutschen Literaturinstituts Leipzig in 35 Sprachen übersetzt.

Ihre Geschichten haben meist etwas Krimihaftes an sich, obwohl sie nicht explizit unter diesem Genre gehandelt werden. Zeh ergründet die menschliche Psyche im Zusammenspiel mit politischen oder gesellschaftlichen Entwicklungen. Der fürs Kino verfilmte Roman "Spieltrieb" (2004) handelt von einem perfiden Experiment: Ein Schüler stiftet eine Freundin an, den Sportlehrer zu verführen. Er nimmt den Fehltritt mit der Kamera auf und zwingt den Lehrer, sich wieder und wieder mit der Schülerin zum Sex zu treffen.

Frontfrau einer neuen politischen Autorengeneration

Die Kosmopolitin Zeh verbrachte viel Zeit in New York und Krakau. Ihre Erfahrungen im kriegsgeschüttelten Bosnien verarbeitete sie in dem Reisebericht "Die Stille ist ein Geräusch" (2002). Auch in Theaterstücken prangert sie Missstände an: In "Corpus Delicti" entwirft sie die düstere Zukunftsvision eines Staates, der seine Bürger zu gesundheitlicher Prävention zwingt. Und in "Mutti" schickte sie 2014 Angela Merkel und ihre Abgeordneten in die Gruppentherapie.

Ihr jüngster Roman "Unterleuten", der am 8. März bei Luchterhand erscheint, handelt von den teils schrulligen Bewohnern eines fiktiven Dorfes in Brandenburg, das überregional nur wegen seiner seltenen Vögel bekannt ist. Als im Ort Windräder gebaut werden sollen, entzweit sich die Dorfgemeinschaft und der schon zuvor unterschwellig brodelnde Konflikt zwischen Wendegewinnern und -verlierern bekommt neuen Zunder.

Zeh selbst zog 2007 von Leipzig ins Havelland. Eigentlich wollte sie mit ihrem Mann, mit dem sie zwei Kinder hat, nach Berlin ziehen. Bei der Wohnungssuche habe man sich "versehentlich in eine Immobilie auf dem Land verliebt", sagt sie.

Zeh gilt als Frontfrau einer neuen politischen Schriftstellergeneration. 2008 reichte sie beim Bundesverfassungsgericht eine Beschwerde gegen den biometrischen Reisepass als Überwachungsinstrument ein. 2013 führte sie anlässlich der NSA-Affäre eine Protestaktion vor dem Bundeskanzerlamt an.

Gemeinsam mit Ilija Trojanow verfasste Zeh die Monografie "Angriff auf die Freiheit. Sicherheitswahn, Überwachungsstaat und der Abbau bürgerlicher Rechte" (2009). Das politische Gen liegt in der Familie: Der Vater der Schriftstellerin, Wolfgang Zeh, war vier Jahre lang Direktor beim Deutschen Bundestag.

Von Nina May

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