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Technik & Apps Ist der Kaffee noch zu retten?
Sonntag Technik & Apps Ist der Kaffee noch zu retten?
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20:01 04.11.2016
Wettlauf gegen die Zeit: Kaffeekonzerne und Wissenschaftler arbeiten daran, Kaffeepflanzen widerstandsfähiger gegen die Folgen des Klimawandels zu machen. Quelle: Shutterstock

Alles ist gut, wenn man eine Tasse Kaffee hat, die warm in der Hand liegt, und aus der heraus Dampfkringel duftend aufsteigen. Seit Kurzem trinkt man den aromatischen Schwarzen auch noch ohne Reue. Denn die meisten der dem Wirkstoff Koffein lange zugeschriebenen Gesundheitsschädigungen werden inzwischen bezweifelt oder als falsch eingestuft. Entwarnung gibt es etwa beim Herzinfarktrisiko, mehr noch: Kaffee wird gar als Schutzhelfer vor Diabetes Typ 2 gehandelt.

Gewiss ist der Wachmacher Koffein im Grunde ein Gift, aber die rund 100 Tassen, die man pro Tag bräuchte, um sich damit ernsthaft in Gefahr zu bringen, verleibt sich auch der ausuferndste deutsche Konsument nicht ein. Mit durchschnittlich gut 160 Litern pro Jahr sind wir laut Deutschem Kaffeeverband derzeit allerdings auf Platz drei der Vieltrinker – nach den Amerikanern und Brasilianern.

Kaffee ist uns unentbehrlich, kein Tag ohne Bohne. Die Menschheit trinkt täglich 2,25 Milliarden Tassen Kaffee, der jährliche Zuwachs beträgt 5 Prozent. Das zweitwertvollste Handelsgut der sogenannten Entwicklungsländer ist ein Zukunftsmarkt. Noch. Bis zum Jahr 2060 aber, so ein Bericht des unabhängigen australischen Climate Institute (CI), könnten die Anbaugebiete um mehr als die Hälfte geschrumpft und Kaffee ein Genussmittel der Luxusklasse geworden sein.

Pflanzungsgebiete werden unbebaubar

Die Pflanze, mit der heute 125 Millionen Menschen ihren Lebensunterhalt verdienen, wächst in 70 Ländern, vornehmlich entlang eines schmalen Bandes nahe des Äquators. Der befürchtete globale Temperaturanstieg um zwei Grad würde dort, so die Einschätzung des CI, viele der bisherigen Pflanzungsgebiete unbebaubar machen. Die meist an der Armutsgrenze lebenden Kaffeebauern würden in die Städte abwandern.

Die in tieferen Lagen ansässige Robusta-Pflanze (30 Prozent der Weltkaffeeernte), hielte länger durch. Die empfindlichere Arabica (70 Prozent) indes gedeiht nur bei moderaten 18 bis 21 Grad Celsius. Mexiko, heißt es im CI-Report, müsse sich schon 2020 aus dem Bohnengürtel verabschieden. Viele Länder würden folgen. Würde man die Felder weiter nach Norden oder Süden verlegen, würden andere Ökosysteme mit ihren Biodiversitäten vernichtet. Darunter wären in Äthiopien die letzten Regenwälder, in deren Unterholz wilder Kaffee wächst – eine unschätzbare genetische Ressource für neue Züchtungen.

Kostbare Kirschen im Korb: Die Erntemengen in Nicaragua sind, wie in anderen Anbaugebieten auch, seit Jahren rückläufig. Quelle: Getty Images

"Das alles passiert jetzt schon", weiß Claudia Brück, Pressesprecherin von Fairtrade Deutschland. "Was die kleinen Bauern über Jahrhunderte gelernt haben, gilt nicht mehr. Es regnet öfter und zu anderen Zeiten, Bäume und Sträucher sind dadurch anfälliger für Parasiten." Brück verweist auf den Kaffeerost, einen Pilz, der in Guatemala und weiten Teilen Mittelamerikas zwischen 2012 und 2014 zu Ernteverlusten von bis zu 85 Prozent geführt habe. "Es gab Märsche von ruinierten Bauern, sodass die Regierungen einiger Länder sogar Hilfsprogramme aufstellten, was sie zuvor nie taten, weil Bauern vom Land traditionell keine Lobby haben."

Fairtrade berät Farmerkooperativen und bewegt zugleich die großen Kaffeeröster zur Unterzeichnung langfristiger Partnervereinbarungen. Wer von Fairtrade zertifiziert ist, erhält Prämien für Investitionen und Weiterbildung, und hat damit die Möglichkeit, sich auf aktuellen Wissensstand zu bringen. Tchibo und Co. bleiben den Fairtrade-Bauern auch gewogen, wenn mal eine Ernte ausfällt.

Nachhaltigkeit – also Ressourcenbewusstsein und Überwindung sozialer Ungerechtigkeit – haben sich inzwischen viele, nicht alle, in der Branche auf die Fahnen geschrieben. "Die großen Röster wissen, sie haben nur dann eine Wirtschaftsbasis, wenn ihr Rohstoff auch morgen und übermorgen wachsen kann und gepflückt wird", sagt Brück.

Kaffeekonzerne finanzieren Forschung

Auch bei Lavazza. Das in vierter Generation familiengeführte Turiner Unternehmen, das zuletzt die kompostierbare Kaffeekapsel vorstellte, hat gemeinsam mit dem Konkurrenten Illycafé die Erforschung des Arabica-Genoms finanziert. Laut Susanne Renner, Inhaberin des Lehrstuhls für Systematische Botanik und Mykologie an der Universität München, ein wichtiger Schritt für die Zukunft des Kaffees. "Man hat ja schon mit gewöhnlicher Züchtung sehr viele Sorten für unterschiedliche Bedingungen geschaffen", so die Professorin. "Aber die Kenntnis der Genome trägt zur Beschleunigung der Züchtungsanstrengungen bei."

Die Zeit drängt, die beiden Unternehmen wollen – und zwar erklärtermaßen ohne Anwendung von Gentechnik – möglichst rasch Kaffee haben, der den kommenden Unbilden der Natur gewachsen ist. Die Erkenntnisse sollen öffentlich zugänglich sein, alle Anbauer von ihnen profitieren – eine ungewöhnliche Großzügigkeit.

"Es wird keine wirkliche radikale Veränderung geben, solange wir nicht gewahr werden, dass das Problem uns alle betrifft", gibt Vizepräsident Giuseppe Lavazza sein Credo aus. Im gerade veröffentlichten Corporate Social Responsibilty Report (CSR) seines Unternehmens ist überall von Nachhaltigkeit die Rede.

Ein nicaraguanischer Kaffeebauer mit einer Kaffeepflanze, die eines von vielen vom Kaffeerost geschädigten Exemplaren ersetzen soll. Quelle: afp

Mit anderen Firmen arbeitet man beispielsweise an der sogenannten Coffee & Climate-Initiative. Hier wird der Einfluss des Klimawandels auf die Kaffeeproduktion erforscht, auch hier sollen allen Erzeugern die jeweils neuesten wissenschaftlichen Erkenntnisse frei zur Verfügung zu stehen. "Derzeit erreichen wir damit 70 000 Kaffeebauern", sagt Giuseppe Lavazza. "Unser Ziel ist es aber, in den kommenden Jahren durch internationale Zusammenarbeit 25 Millionen zu erreichen."

Auch andernorts wird der Kaffee für morgen gerettet. Im kolumbianischen Forschungszentrum Cenicafé, hat man 2005 Castillo gezüchtet, eine speziell für kolumbianische Verhältnisse gezüchtete Robusta-Pflanze, die gegen Kaffeerost resistent ist, und sich 2016 auch als wehrhaft gegen die in afrikanischen Anbaugebieten grassierende Kaffeekirschenkrankheit erwies.

"Nachhaltiger Kaffee wird verstärkt gekauft"

Und den Kaffeekirschenkäfer, dessen Bohnenfraß ganze Ernten von Mexiko über Hawaii bis Indien zerstört, hält womöglich bald ein geflügeltes Insekt namens Karnyothrips flavipes in Schach, das sich vorzugsweise von den Eiern und Larven des Schädlings ernährt. Forscher des Lawrence Berkely National Laboratory in Kalifornien haben 2015 zudem Bakterien in der Darmflora des Käfers entdeckt, die dessen Koffeinaffinität erklären. Jetzt werden Wege gesucht, die Mikroben auszuschalten.

Das interessiert den Kaffeegenießer hierzulande nicht die Bohne? Abwarten und Kaffee trinken sind nicht genug, findet Claudia Brück: "Das Wissen über Nachhaltigkeit wächst, nachhaltiger Kaffee wird verstärkt gekauft", sagt sie, und rät: "Mal das Auto stehen lassen, umweltfreundliche Energie nutzen – weil man bei jedem Schluck weiß: Wir verursachen die Treibhausgase, die anderswo in der Welt den Kaffee bedrohen."

Von Matthias Halbig

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