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20:01 04.09.2015
Von Mathias Begalke
Foto: Eine Schallplatte
Vinyl ist wieder in Mode. Der Absatz steigt von Jahr zu Jahr, und das, obwohl die LP Mitte der Neunzigerjahre bereits als erledigt galt. Quelle: Andrea Warnecke/dpa
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Tobias Schwarz schwärmt für Schallplatten. "Ja", sagt der 42-Jährige, "ich liebe Vinyl." Wenn die Kinder im Bett sind, nimmt er sich die Zeit und legt eine Platte auf. Manchmal schafft er nur die A-Seite. Doch sein Wohnzimmer, wo seine 2000 LPs und die Stereoanlage stehen, wird in dieser intensiven halben Stunde zur Ruhezone.

Viele Vinyl-Fans erzählen ähnliche Geschichten wie der Mann, der das Ende der Vinylära als Jugendlicher erlebte. Er sei nie auf moderne Wiedergabeformate umgestiegen. Denn der Sound von CDs oder digitalen Dateien kommt ihm kühl vor, ja, "richtig minderwertig". Die kaum vermeidbaren Nebengeräusche beim Abspielen einer Schallplatte stören ihn dagegen nicht. Im Gegenteil. Sie begleiten ihn, seit er seine erste LP, "Bochum" von Herbert Grönemeyer, kaufte. "Es knistert, es knackt. Das finde ich gut", sagt er. "Es erinnert mich an damals."

Vinyl ist wieder in Mode. Der Absatz steigt von Jahr zu Jahr, und das, obwohl die LP Mitte der Neunzigerjahre bereits als erledigt galt. Es ist ein starkes Comeback – aber in der Nische. Denn die absoluten Verkaufszahlen sind im Vergleich zur digitalen Konkurrenz gering. 1,8 Millionen LPs waren es hierzulande 2014 – dem gegenüber stehen 19 Millionen Downloads kompletter Alben und 87 Millionen CDs.

Der wohl bekannteste Vinylenthusiast heißt Jack White. Sein Album "Lazaretto" von 2014 ist mit weltweit 60.000 Einheiten die meistverkaufte Langspielplatte seit 20 Jahren. Der 40-Jährige ist als Sänger und Gitarrist der amerikanischen Band White Stripes bekannt geworden. Auch als Solokünstler hat er mit seinem rückwärtsgewandten Mix aus Bluesrock und Punk großen Erfolg.

Jack White während eines Konzertes im März 2015. Quelle: dpa/EPA/FELIPE TRUEBA

Seinen Retro-Tick lebt er in Nashville mit eigenem Label, Tonstudio und Shop voll aus. Sein bisher letzter Coup: Anfang des Jahres ersteigerte er die ersten beiden Aufnahmen von Elvis Presley. 300.000 Dollar waren ihm die Originale von "My Happiness" und "That’s When Your Heartaches Begin" bei der Auktion in Grace­land wert. White veröffentlichte sie im April am Record Store Day, dem Tag des Plattenladens, wieder. Auf Vinyl.

Plattenladeninhaber wie Ralph Bochmann aus Hannover haben sich gegen Mediamarkt, Saturn, Amazon und iTunes behauptet. Auch Streamingdienste wie Spotify, die nächste Bedrohung, machen ihm keine Sorgen. "Wir jammern seit 15 Jahren, sind aber immer noch da", sagt der 54-Jährige. Es läuft sogar gut bei 25 Music an der Lister Meile. Auch, weil seine Kunden wieder Langspielplatten kaufen. Vinyl macht etwa ein Drittel des Sortiments aus, vor zehn Jahren waren es nur 5 Prozent. Auch der Plattenladen an sich erlebt eine Renaissance.

Kunden und Verkäufer feiern sich dort auch ein bisschen selbst: ihre Leidenschaft für Musik, ihre Antipathie gegenüber den sterilen Musik-Supermärkten am Stadtrand und im Internet, auch ihr Anderssein im Allgemeinen. Denn wer Vinyl liebt, hebt sich ab von der Masse. Obwohl er auf eine alte, eigentlich vom Fortschritt mehrfach überholte Technik zurückgreift, gilt er nicht als kauzig, sondern als cool. Das ist schon verwunderlich. Warum tun das immer mehr Leute? Gibt es den typischen Vinylkäufer?

Plattenverkäufer Alexander Lewecke unterscheidet zwei Typen von Vinyl-Liebhabern: die Nostalgiker und die Hipster. Quelle: Philipp von Ditfurth

"Freaks sind die Ausnahme", sagt Bochmann. Die gab es schon immer. Genauso wie DJs und Hip-Hop-Künstler. Sie retteten einst dem Vinyl das Leben, indem sie nicht darauf verzichten wollten. Heute nutzen nicht wenige von ihnen digitale Systeme. Zwei neuere Gruppen von Vinylkunden sorgen inzwischen für den Hauptumsatz. Laut Statistik bestehen beide vor allem aus Männern – zu knapp 80 Prozent. Alexander Lewecke (40), Plattenverkäufer bei 25 Music, beschreibt die beiden Typen in groben Zügen:

  1. Der Nostalgiker: Er ist Mitte 40 bis Mitte 50, die Kinder sind erwachsen, er hat die Zeit und das Geld, seine alte Liebe zu reanimieren, er steht auf Rock/Pop, kauft auch manches von früher noch einmal, wohl zur Selbstvergewisserung, gern als aufwendige Super-Deluxe-Edition.
  2. Der sogenannte Hipster: Er hat die neuesten Bands der Sparten Indie, Hip-Hop und Electro im Blick, nicht unwahrscheinlich, dass er Jack-White-Fan ist, manch einer trägt die LP zu Röhrenjeans und Bart wie ein modisches Accessoire, er ist eigentlich zu jung, um nostalgisch zu werden, er weiß aber, dass Vinyl etwas Gutes von früher ist.

Nostalgie werde unter anderem bei negativen Gefühlen ausgelöst, wenn Menschen sich unsicher fühlen, einsam oder traurig, sagt der Journalist und Volkswirt Daniel Rettig. Es sei wissenschaftlich erwiesen, "dass es ihnen besser geht, wenn sie in Erinnerungen schwelgen oder auf nostalgische Produkte zurückgreifen". In seinem Buch "Die guten alten Zeiten – Warum Nostalgie uns glücklich macht", erklärt er, warum Menschen retro einkaufen, warum sie etwa auf bewährtes Vinyl setzen oder beim Versandhandel Manufactum bestellen, dessen Slogan "Es gibt sie noch, die guten Dinge" lautet.

"Das Unternehmen spielt ganz bewusst mit dem Charme der Vergangenheit", sagt Rettig. "Eine Zeit, in der es noch keine Geiz-ist-geil-Mentalität gab, keine Ramschware, keine Billigprodukte." Deshalb hafte vielen Produkten der Vergangenheit eben der Reiz an, besonders authentisch und wertvoll zu sein – und das erhöhe die Zahlungsbereitschaft. "Nostalgie wärmt die Herzen und öffnet die Portemonnaies." Darauf hofft der investitionsfreudige Elvis-Fan Jack White sicher auch.

Retromania birgt wohl etwas Heilendes. Es ist, als würde der damit verbundene Rückblick auf vermeintlich weniger sorgenvolle Lebensjahre und auf bereits Erreichtes vor der viel zu komplizierten Gegenwart schützen.

Doch nicht nur die Welt mag bisweilen chaotisch wirken, auch das allgemeine Lebenstempo erscheint heute höher als früher. Wer die Geschwindigkeiten vergleicht, mit denen die deutschen WM-Teams bei ihren Titelgewinnen 1974 und 2014 Fußball spielten, erkennt, wie stark es angezogen hat.

Die Nadel eines Tonarms auf einem Plattenspieler tastet eine Vinyl-Schallplatte ab. Quelle: Oliver Berg/dpa

Auch auf Musik konnte man früher nicht so schnell wie heute zugreifen. Ein Mixtape zusammenzustellen dauerte. Es ging nur in Echtzeit. Heute lassen sich Songs aus digitalen Musikbibliotheken in Sekundenschnelle zu Wiedergabelisten kombinieren. Wer das Tempo mitgehen will, muss mit seinen Gedanken ständig auf Ballhöhe und häufig online sein. Selbst bei jungen Leuten, die in der Überallerreichbarkeit aufgewachsen sind, scheint es eine Sehnsucht nach Entschleunigung zu geben.

Im Plattenladen ist man offline. Dort kann man Pause machen, stöbern, Gleichgesinnte treffen, plaudern – über Musik und die Welt. Man kann die Zeit vergessen und zur Ruhe kommen, was genauso für das Hören von Platten zu Hause gilt. Das einst von vielen als lästig empfundene umständliche Auflegen und Umdrehen der Scheiben zwingt automatisch zur Langsamkeit.

Jack White hat es im "Rolling-Stone"-Magazin so formuliert: "Vinyl ist die romantische Art, Musik zu hören, es ist das andächtigste Format. Du musst teilnehmen, aufstehen, die Nadel platzieren. Wie ein Lagerfeuer, in das man hineinstarrt, es bewegt sich etwas. Schlimm genug, dass es Plattenspieler mit Abdeckungen gibt."

Neue Plattenspieler

Immer noch fertigen Dutzende Hersteller Plattenspieler. Doch was macht ein gutes Gerät aus? Vier Vorschläge.

Pioneer PL-30: Der vollautomatische Pioneer PL-30 bietet unter anderem einen zuschaltbaren Vorverstärker und ist für knapp 300 Euro zu haben. Zusätzlich ist er mit einem Hochleistungsmagnetsystem ausgerüstet und gilt als laufruhig.

Denon DP-300F: Auch der Denon kommt im Retro-Look daher. Für knapp 300 Euro ist der Vollautomat mit integriertem Phono-Vorverstärker zu haben – auch in Schwarz. Kunden berichten von einem gut verarbeiteten und günstigen Einsteigermodell (ca. 280 Euro).

Pioneer PL-30: Der vollautomatische Pioneer PL-30 bietet unter anderem einen zuschaltbaren Vorverstärker und ist für knapp 300 Euro zu haben. Zusätzlich ist er mit einem Hochleistungsmagnetsystem ausgerüstet und gilt als laufruhig.

Music Hall mmf-2.2: Ein Tipp für Vinylwiedereinsteiger. Der in New York entwickelte Music Hall mmf-2.2 hat einen isolierten, laufruhigen Antrieb und einen guten Klang. Für den Plattendreher mit einzigartig dämpfenden Sandwichchassis muss man knapp 400 Euro bezahlen.

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