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Tipps Die Weichen sind gestellt
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20:40 04.03.2016
Gleis 8, bestehend aus Timo Dorsch, AnNa R. und Manne Uhlig, machen nach dem Krebstod ihres Saxofonisten als Trio weiter. Quelle: Gleis 8

Der Fremde, der vorne auf den beiden Gleis-8-Platten zu sehen ist, wirkt unheimlich. Er trägt Hut und Aktenköfferchen wie schon der "unsichtbare Mann" im Artwork von Pink Floyds Artrock-Klassiker "Wish You Were Here". Nie ist er dem Betrachter zugewandt. Würde er sich umdrehen, da ist man sicher, würde man von dem Anblick den Verstand verlieren.

Sängerin AnNa R. freut sich über diese Beschreibung eines Handlungsreisenden aus der Twilight Zone. "Nein, keine Angst. Das ist kein Spuk. Das ist 'der Suchende', der Mensch, der alle Zukünfte und alle Sehnsüchte hat. Der Jedermann auf den Bahnhöfen des Lebens."

Nein, Gleis 8 wollen ihren Hörern keine Horrorgeschichten erzählen und keine X-Akten vertonen. Sie stehen für Melancholie, das urdeutsche, romantische Gefühl – und singen davon auf ganz allgemein gültige Weise, sodass Millionen Landsleute ihre eigenen Gefühle darin wiederfinden können. Über Gleis-8-Songs schweben ernste Engel mit marmornen Gesichtern, dieselben, die schon über den späten Rosenstolz-Platten kreisten.

Keine Endstation Trübsal

Viel Weh, Ach und Abschied liegt in den hymnischen Liedern, aber immer auch Hoffnung, Aufbruch, Widerstand. Auf "Endlich", der doppeldeutig betitelten neuen Platte, wird nicht nur gelitten und geseufzt, sondern werden Mauern eingerissen, Flügel ausgebreitet. Gleis 8 will kein totes Gleis sein, keine Endstation Trübsal. Ist die Traurigkeit noch so tief, die Weichen werden gestellt. Es geht weiter.

Das war nicht gesetzt. Just als Gleis 8 vor drei Jahren mit ihrem Debüt "Bleibt das immer so" live durchstarteten, erkrankte Bandmitglied Lorenz Allacher an Krebs. Auch Schlagzeuger Manne Uhlig bekam Krebs, erholte sich aber wieder. "Unsere Gefühlswelt änderte sich total", sagt AnNa R., "Wut, Trauer, Trotz empfanden wir in dieser Zeit. Und das ist jetzt zu hören."

Nicht wenige Bands zerbrechen an so viel Schicksal. Gleis 8 hatten Bestand, nicht nur für Lorenz Allacher, der sich bis zuletzt in die Arbeit warf und der noch vom Krankenbett aus via Computer mitdiskutierte. "Für Lorenz war es das Wichtigste – endlich eine eigene gewachsene Band zu haben, vollwertiges Mitglied zu sein, nicht nur bei anderen mitzuspielen", erinnert sich AnNa R. an den Musiker, mit dem sie über 20 Jahre lang eng befreundet war.

Große Romantiker: Die Band blickt nach den Schicksalsschlägen nach vorn. Quelle: Bellafonte

"Das Schlimmste wäre gewesen, zu sagen: Okay, wir graben uns alle ein und vergessen Gleis 8. Das hätte Lorenz uns nie verziehen." Und so wird das Line-up der Band auch nicht aufgefüllt. Gleis 8 machen weiter – als Trio. Allacher, der im Herbst 2014 seiner Krankheit erlag, bleibt Bandmitglied.

Der Song "Wach auf", zehnter im Dutzend von "Endlich", ist anders als die anderen. Es sind zornige Erinnerungen an einen Menschen, der auf ganzer Linie enttäuscht hat. Die Deuter und Verschwörungsfreunde wittern hier gleich Rosenstolz-Luft, aber AnNa R. betont vorweg: "Es geht hier nicht um Peter." Namen nennt sie nicht, es soll keine Abrechnung werden. "Gibt ja in jedem Leben einen, den man an der Jacke zieht, aber der lässt Rettung nicht zu und marschiert einfach weiter Richtung Abgrund."

Apropos Abgrund – wie steht es nun um Rosenstolz, die andere Band von AnNa R., die Anfang der Neunzigerjahre als schrill-schräges Kleinkunstbühnenwunder begann und die am Ende mit ihrer wohlfeilen Melancholie für die Massen die allergrößten Hallen füllte? Auf dem letzten Albumcover "Wir sind am Leben" von 2011 sah AnNa kreuzunglücklich aus, viel war damals vor allem über Peter Plates Burn-out zu hören und zu lesen.

Mehr als nur Rosenstolz-Pausenfüller

"Wir anderen hatten auch Burn-out", verrät AnNa. "Es wurde zu viel und viel zu groß. Keiner von uns hatte noch ein richtiges Leben. Wir hatten nicht früh genug eine Pause gemacht, die lang genug war, um uns in einen entspannten Modus zu bringen."

Es gibt kein böses Blut zwischen beiden. "Wir waren eben nur noch nicht so alt, dass wir sagen mussten: 'So machen wir weiter bis zum Ende unseres Lebens.'" Während des Gesprächs kommt denn auch wie zur Bestätigung eine SMS, in der Plate seiner Kollegin zur aktuellen iTunes-Platzierung von Gleis 8 gratuliert. Wiederholt war von Plate in Berichten zu lesen, dass es Rosenstolz noch gebe. Und auch von AnNa R. finden sich entsprechende Aussagen. Ist Gleis 8 also nur ein Pausenfüller?

"Nein, Gleis 8 meinen es ernst, und wir hoffen, noch 1000 Jahre Musik zu machen", betont AnNa R.. "Es gibt doch auch genug andere Leute, die zwei Bands haben. Momentan ist es für mich nicht vorstellbar, als Rosenstolz unterwegs zu sein. Man weiß aber nie, was kommt."

Im Frühjahr auf Tour

Was bald kommt, ist eine Tour. Zum Warmspielen wird also wieder häufiger der Bahnsteig an Gleis 8 des Berliner Hauptbahnhofs frequentiert werden, von wo aus die Züge nach Hamburg abgehen, der Stadt, in der Schlagzeuger Uhlig und Multiinstrumentalist Timo Dorsch leben. Dieser Bahnsteig hat ihnen den Namen gegeben. "Man schickt sich in dieser Band keine Files. Wir sind da wie ’ne olle Hippiekommune." Und wie bei allen Hippiebands braucht es ein wenig Kryptik in den Texten.

Was es mit der Zeile "42 Abgesänge / trieben uns nicht in die Enge" im Song "Alles auf Anfang" auf sich hat? "Das ist was Internes", freut sich AnNa R. "Zum einen gab es ja viele, die sagten: 'Das kann doch nix werden ohne Peter.' Und dann wollten wir uns ursprünglich '42' nennen, weil das im Roman 'Per Anhalter durch die Galaxis' ja die Antwort auf die Frage nach dem Leben, dem Universum und dem ganzen Rest ist. Also der beste Bandname." Sie lacht. "Dann brachten Warner Bros. aber zeitgleich diesen Baseballfilm '42' heraus. Und mit denen wollten wir uns nicht anlegen."

Eine richtige Spukgeschichte findet sich doch noch auf dem neuen Album. Bei "Engel", einer Coverversion des Songs der befreundeten Band Rammstein, leben die geflügelten Wesen hinter der Sonne und klammern sich an Sterne, um nicht vom Himmel zu fallen. Ängstliche Engel, andere als die, die über den Liedern von Gleis 8 ihre Bahnen ziehen. Das gegenüber dem Original süßere Pop-Arrangement erzeugt umso mehr Gänsehaut.

Der düstere Mystery Train von Elvis Presley (den AnNa R. neben Leonard Cohen und Tom Waits besonders schätzt) scheint jetzt auf Gleis 8 zu stehen. Wie bei dem Kofferträger auf dem Cover spielt AnNa die Gruselwirkung herunter. "Der Text hat eine schöne Aura", betont sie. Und dass sich "Engel" beim Versuch mit dem Klavier "als richtig romantischer Popsong" entpuppt habe. Leises Seufzen.

Wir Hörer aber glauben nicht daran. Wir glauben, dass man in dem Moment, in dem der Koffermann auf dem Cover sich endlich umdreht, hören wird, wie die entsetzten Rammstein-Engel von den Sternen fallen und klirrend aufschlagen.

Von Matthias Halbig

Gleis 8 live

Klaustrophobie habe sie, gesteht Andrea Neuenhofen, geborene Rosenbaum alias AnNa R. (46). Die Kleinkunstbühnen der frühen Tage, "in denen die Leute dir ins Nasenloch gucken können", waren ihr zu intim. Und bei den riesigen Menschenmengen der späten Rosenstolz-Tage "wurde einem klar, wie Stimmung zum Monster werden kann, wie einfach man Menschen beeinflussen kann. Da habe ich mich nicht vor den Leuten gegruselt. Sondern vor mir, dass alles, was ich sage, aufgenommen, bejaht und abgefeiert wird."

Deshalb mag sie die mittelgroßen Klubs, in denen sich die Auftritte von Gleis 8 abspielen.

Die Konzerte:

16. 4. Wolfsburg – Hallenbad
18. 4. Köln – Bürgerhaus Stollwerck
19. 4. Dortmund – FZW
20. 4. Stuttgart – Im Wizemann
22. 4. München – Technikum
23. 4. Kaiserslautern – Kammgarn
25. 4. Frankfurt – Batschkapp
26. 4. Leipzig – Werk 2
27. 4. Dresden – Alter Schlachthof
29. 4. Zwickau – Ballhaus
30. 4. Erfurt – Stadtgarten
2. 5. HamburgMojo
3. 5. Berlin – Astra

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