Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Tipps Die verpflanzte Heimat
Sonntag Tipps & Kritik Tipps Die verpflanzte Heimat
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
21:07 08.04.2016
Was bedeutet Heimat? Diese Frage zieht sich seit "Tannöd" durch Andrea Maria Schenkels Romane – auch durch ihr neues Buch "Als die Liebe endlich war". Quelle: RND / Fotolia / iStock

Immer, wenn sie am Ende einer Reise nach Regensburg zurückkehrt, spürt sie es wieder. Diesen Sog der Donau, der Gassen und der Bilder aus ihrer Erinnerung. Wenn sie mit ihren Kindern im Kasernenviertel einkaufen geht, zeigt sie ihnen die Stelle, wo ihre Ururgroßeltern einst einen Gemüseladen hatten. Und da ist das Grab ihrer Mutter auf dem Friedhof Reinhausen. Diese hatte früher die Schule gegenüber dem Gottesacker besucht und wollte nach dem Tod symbolisch in die Kindheit zurückkehren.

Seit 200 Jahren ist die Familie der Bestsellerautorin Andrea Maria Schenkel in Regensburg "ansässig", wie sie sich ausdrückt. Es klingt, als spräche sie von einem Königsgeschlecht. Tatsächlich empfindet es Schenkel in dieser dynamischen Gesellschaft als Luxus, so fest verortet zu sein. "Ich erlebe diese Stadt ganz anders als Touristen. Jeder Stein erzählt ein Stück meiner Familiengeschichte. Das ist sehr beruhigend, ich könnte nicht drauf verzichten. Und ich bin verwurzelt in dieser Sprache", sagt sie mit unaufdringlicher bayrischer Färbung, ein "a" ersetzt das "ein".

Überraschungserfolg mit "Tannöd"

Wie die Autorin Andrea Maria Schenkel, so sind auch ihre literarischen Figuren eng mit ihrer bayrischen Heimat verbunden. Mit ihrem gerade einmal 176 Seiten schmalen Debüt landete die heute 54-Jährige 2006 einen fulminanten Überraschungserfolg: Die Startauflage lag bei nur 1000 Exemplaren, inzwischen sind weltweit mehr als eine Million verkauft.

Der Krimi "Tannöd" basiert auf einem ungeklärten Mordfall im bayerischen Hinterkaifeck aus dem Jahr 1922. Auf einem einsam gelegenen Hof wird eine ganze Familie mit der Spitzhacke ausgelöscht. Schenkel erzählte die Mordnacht immer wieder neu, aus verschiedenen Perspektiven und in tiefstem Bayerisch.

Die Zeugen blenden dabei jeweils Wesentliches aus, sodass die Vorkommnisse bis zuletzt rätselhaft bleiben. Eine ungewöhnliche Erzähldramaturgie, die Schenkel den Deutschen Krimipreis und den Durchbruch als Autorin einbrachten. Sie begründete damit hierzulande den Boom des Regionalkrimis.

Heimat als Sehnsuchtsort

Die Enge des dörflichen Lebens, die Menschen mit ihrem saftigen Dialekt, die Hügellandschaft des deutschen Südens, all das prägt Schenkels Werk. Der Krimi "Finsterau" (2012) spielt mitten im Bayerischen Wald, in "Kalteis" (2007) sucht eine Frau ihr Glück in der Großstadt, doch selbst in München lässt sie das Heimatdorf nicht los.

Der Bayerische Wald ist auch in Schenkels jüngstem Roman "Als die Liebe endlich war" spürbar, selbst wenn die Handlung gerade im Moloch Shanghai spielt. Die Protagonisten – eine jüdische Familie, die in den Dreißigerjahren aus Deutschland flieht – trägt die Schwere und Romantik ihrer bayrischen Heimat in sich. Als Leerstelle, Sehnsuchts- aber auch Angstort.

In ihrem ersten Nicht-Krimi hat die Autorin ein Thema ins Zentrum gestellt, das sich durch den Untergrund ihres Werks zieht: Lässt sich Heimat verpflanzen? Wie prägt uns die Herkunft? Und was sind wir bereit für unsere Heimat aufzugeben? Der Vater des Jungen Carl riskiert lieber sein Leben, statt Frau und Kindern ins Exil ins fremde China zu folgen.

Begründete den Boom des Regionalkrimis: Die Schriftstellerin Andrea Maria Schenkel. Quelle: Bogenberger / autorenfotos.com

Schenkel erobert sich mühelos dieses neue Genre. Zwar gibt es auch hier ein Geheimnis zu entschlüsseln, denn der erwachsene Carl legt im Laufe von eingestreuten Kapiteln, die im Jahr 2010 spielen, die düstere Vergangenheit seiner Frau Emmie offen. Doch ansonsten erinnert die Geschichte eher an einen Historien- oder an einen Abenteuerroman im Stil von Louis Stevensons "Schatzinsel". Ursache dafür sind die vielen Reisen, die Carl von Deutschland nach Shanghai und schließlich nach New York führen.

In dieser Stadt hat Schenkel selbst eine zweite Heimat gefunden, sie verbringt derzeit drei Monate des Jahres im Land ihres neuen Lebensgefährten. "In Regensburg bin ich vor allem Mutter, in den USA arbeite ich. Schreiben ist ein sehr einsamer Prozess, da bin ich tief in meiner Gedankenwelt", sagt die Autorin.

Sie habe sich die Stadt nicht willkürlich ausgewählt, der Vater ihrer Stiefmutter habe lange dort gelebt. "Er erzählte mir von den Vorstädten, und ich fand sie 90 Jahre später fast unverändert vor, in seinen Erzählungen wie in einer Zeitkapsel bewahrt. So habe ich mich sofort zu Hause gefühlt."

Eingeholt von der Wirklichkeit

Der Roman "Als die Liebe endlich war" spielt zwar wie viele von Schenkels Geschichten in der Nazizeit, liest sich aber wie ein Kommentar zur gegenwärtigen Flüchtlingsdebatte. Sie sei beim Schreiben von der Aktualität eingeholt worden, sagt Schenkel. "Wir glauben uns in Sicherheit, doch es ist noch nicht so lange her, dass Menschen aus Deutschland flohen. Die Heimat verlassen zu müssen, ist furchtbar."

Sie habe für den Roman mit Überlebenden des Holocausts gesprochen, die in den USA und Großbritannien um Zuflucht baten. Oft sei diese verweigert worden, wie es auch im Roman anklingt. "Oder es wurden Nummern aus Kontingenten vergeben. Viele waren schon tot, wenn sie an der Reihe waren. Deshalb reagiere ich allergisch, wenn heute von Flüchtlings-Quoten die Rede ist. Ich halte das für zutiefst amoralisch."

Spröde und authentisch

"Als die Liebe endlich war" lebt von einer unumwundenen Sprache, spröden Dialogen und authentischen Figuren. Zu denen gehört auch eine Wahrsagerin in München, die heimlich Abtreibungen vornimmt und sich so bei den Nazis unbeliebt macht. Der Roman entwickelt auch eine Spannung für Leser, die sich für das Thema weniger interessieren.

Vor "Tannöd" hätte sich Schenkel, die schon immer geschrieben hat, nicht vorstellen können, als Autorin Erfolg zu haben. Als Linkshänderin war ihr in der Schule eingetrichtert worden, dass mit ihrem Schreiben etwas nicht stimme. Inzwischen hat sie in der Sprache ihre dritte Heimat gefunden.

Von Nina May

Tipps 60 Jahre Fab Four - To Beatle or not to Beatle?

Kennt niemand mehr Paul McCartney? Neigt sich die Ära der Beatles fast 50 Jahre nach dem Split dem Ende zu? Von wegen. Eine Tributshow und eine neue Netflixserie für Kinder nehmen die nächste Generation ins Visier. Und bei Spotify werden die Beatles von jungen Fans gestreamt wie verrückt.

25.03.2016

In ihren Songs spiegelt sich die Zukunftsangst junger Leute wider. AnnenMayKantereit ist eine außergewöhnliche neue deutsche Band – auch weil sich ihre Musik viel älter anhört, als man von Mitte 20-Jährigen erwartet. Jetzt legen sie ihr erstes Album bei einem großen Label vor.

Mathias Begalke 19.03.2016
Tipps Lieblingsbücher der Saison - Von Malern, Mördern und Marsianern

Albtraumhafte Pannenhilfe, ein Klassiker aus neuer Perspektive erzählt und der Roman eines Flüchtlings: Vor der Leipziger Buchmesse, die am 16. März eröffnet wird, stellen Redakteure ihre Lieblingsbücher der Saison vor. Von Christoph Hein über Peter Stamm bis Stephen King.

11.03.2016