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Top-Thema Abitur ist Pflicht
Sonntag Top-Thema Abitur ist Pflicht
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20:17 29.04.2016
Von Heike Manssen
Das Abitur ist heute zur Selbstverständlichkeit geworden – für Schüler ebenso wie für ihre Eltern. Ist das sinnvoll? Quelle: Fotolia
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Die Mutter hat Tränen in den Augen. Die Augen sind fest und stolz auf ihre gerade volljährige Tochter gerichtet. Da steht es, das Kind, auf der Bühne des Kleinstadtgymnasiums, kerzengerade mit dem Zeugnis in der Hand. Das ist die Zukunft. Das Reifezeugnis, das Abitur – es wird der 18-Jährigen alle Chancen der Welt eröffnen. Davon ist die Mutter, Jahrgang 1936, überzeugt. Ein Meilenstein ist erreicht. Die Grundlage für den sozialen Aufstieg der nächsten Generation ist gelegt.

Über 20 Jahre ist das her. Heute hat die junge Abiturientin von damals selbst zwei Kinder im schulpflichtigen Alter. Und irgendwie ist klar, dass die beiden eines Tages Abitur machen werden. Die Eltern wissen es, die Kinder wissen es. Auch die Kollegen am Arbeitsplatz, überwiegend Akademiker, haben Kinder, die ganz selbstverständlich auf die Hochschulreife zusteuern. Alles andere wäre ein Ausdruck des Scheiterns, nicht nur fürs Kind, auch für die Eltern. Real- oder gar Hauptschulabschluss sind kein Thema.

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Wir leben schließlich in einer Zeit, in der schon Neugeborene Strampler geschenkt bekommen, auf denen "Abi 2035" steht, in der Zehnjährige bereits in der Grundschule darüber diskutieren, ob sie nach dem Abi lieber nach New York oder Neuseeland fahren wollen. "Den Schulabsolventen geht es meist darum, den Status der Eltern zu reproduzieren", sagt der Bildungssoziologe Steffen Schindler von der Universität Bamberg. Kann das mit der Massenware Abitur noch gelingen?

Allein die Note zählt

Wer heute bei Elterngesprächen genauer hinhört, merkt schnell: Es geht meist gar nicht mehr darum, dass die Kinder das Abitur überhaupt schaffen. Es geht darum, wie gut sie abschneiden. Das Abitur an sich? Es ist wenig wert, wenn die Note nicht stimmt. Die Note ist der Gradmesser für – fast – alles, nicht zuletzt für den Numerus clausus (NC), den viele Universitäten in Deutschland für die begehrtesten Studiengänge vorgeben. Und tatsächlich bestehen immer mehr Schüler die Reifeprüfung mit der Traumnote 1,0.

In Niedersachsen etwa, das zeigen Zahlen des Kultusministeriums, hat sich die Zahl der Schüler, die mit Bestnote abschließen, in den vergangenen sieben Jahren fast verdoppelt. Gründe dafür gibt es zuhauf: Experten machen unter anderem einheitliche Abi-Prüfungen, das gesunkene Niveau oder das stärkere Engagement der Eltern dafür verantwortlich.
Die Fixierung auf die Note treibt aber inzwischen merkwürdige Blüten.

Da werden Kinder später eingeschult, weil Studien festgestellt haben wollen, dass ältere Schulanfänger statistisch gesehen den besseren Abi-Schnitt schaffen. Eltern schicken ihre Kinder trotz guter Noten zur Nachhilfe. Sie lassen es sich einiges kosten, um aus der Drei auf dem Zeugnis eine Eins zu machen. Eine Forsa-Studie zeigt, wie groß der Ehrgeiz der Erwachsenen ist – und wie hoch die Erwartungen sind, die sie mit den Bildungsleistungen ihrer Kinder verknüpfen.

Schlechte Abiturienten blockieren Studienplätze

Ein bedenkliches Detail belegt, unter welchen Druck sich Familien setzen: 83 Prozent aller befragten Väter und Mütter sind sogar dann besorgt, wenn die Schulnoten stimmen. Sie können sich vorstellen, ihr Kind dennoch zur Nachhilfe zu schicken. Bei Schülern mit sehr guten Noten signalisieren sogar 86 Prozent diese Bereitschaft.

Was heißt das für die Kinder? Druck. Mindestens zwölf lange Jahre. Sie pauken für ein Einserabitur, um den Numerus clausus zu schaffen – das Nadelöhr für das begehrte Studium. Das Ärgernis von Studentengenerationen. Der NC sagt nichts über den Schwierigkeitsgrad der Hochschulinhalte aus, nur über den Boom bestimmter Fächer. Das ist verkehrte Welt.

Abiturprüfung unter den Prämissen des Marktes? Die Erkenntnis ist so alt wie der NC selbst: Nicht jeder Einserabiturient wird ein einfühlsamer Psychologe, nur weil er einen Studienplatz ergattert hat. Und natürlich gibt es auch die, die sich das mit dem Studium besser zweimal überlegen sollten. Zum Beispiel die Abiturientin, die nur deshalb Geschichte studiert, weil es an der Wunsch-Uni keinen NC auf das Fach gibt. Jetzt studiert sie mit mäßigem Interesse. Und ein Platz für junge Leute mit mehr Bildungshunger ist blockiert.

OECD-Ziel: 70 Prozent Abiturienten

Gleichzeitig sinkt in Deutschland die Durchfallquote beim Abitur. In Nordrhein-Westfalen beispielsweise lag der Anteil um die Jahrtausendwende bei 4 Prozent. Heute liegt er bei weniger als 2 Prozent. Dabei gibt es regional große Unterschiede: In Rheinland-Pfalz scheiterten nur 1,3 Prozent der Kandidaten, in Mecklenburg-Vorpommern fünfmal so viele.

"Das Abitur nicht zu haben, das ist heutzutage das Besondere", sagt Rainer Bölling, Bildungsforscher und Autor des Buches: "Kleine Geschichte des Abiturs". Da ist es kein Wunder, dass das vermeintlich ganz selbstverständlich zu meisternde Abitur der begehrteste Schulabschluss in Deutschland ist, das Gymnasium die beliebteste Schulform. Vor 40 Jahren ging nicht mal ein Zehntel eines Jahrgangs dorthin. In größeren Städten schließen heute 51 Prozent eines Jahrgangs mit der allgemeinen Hochschulreife ab.

Pro Jahr steigt die Abiturquote um einen Prozentpunkt. Prognose: In 20 Jahren liegt Deutschland bei 70 Prozent. Dann wäre das von der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) vorgegebene Ziel erreicht. Ist damit auch etwas gewonnen?

Andere Länder, andere Bildungsniveaus

Wer nach dem Abitur studiert, erwartet ein höheres Einkommen, ist besser vor Arbeitslosigkeit geschützt, lebt gesünder und trägt somit zu einem höheren Volkseinkommen bei, argumentieren die OECD-Fachleute. Deshalb brauche Deutschland mehr Abiturienten und Akademiker, in anderen Ländern liege ihr Anteil viel höher.

Nur: Andere Länder sind auch anders. Frankreich zum Beispiel. Dort machen 80 Prozent eines Jahrgangs eine Art Abitur, die Jugendarbeitslosigkeit ist trotzdem viel höher als hierzulande. "Die Abschlüsse verschiedener Länder sind kaum miteinander zu vergleichen", sagt auch Rainer Bölling. So sei ein Highschool-Abschluss in den USA qualitativ nicht mit einem deutschen Abitur gleichzusetzen. Die OECD tue aber genau dies, sagt der Bildungsexperte.

Die 70-Prozent-Quote scheint da das falsche Ziel. Was nicht berücksichtigt wird, ist die einzigartige, vielfältige Bildungslandschaft in Deutschland. Unser Schulsystem ermöglicht zumindest theoretisch jedem, nach seinen Fähigkeiten und Interessen einen Abschluss zu machen. Deutschlands Vielfalt an Schulen und pädagogischen Konzepten sowie die Durchlässigkeit zwischen den Schulformen lassen dem Einzelnen viele Möglichkeiten – bis hinein in die Berufsbildung.

Das Abitur darf nicht selbstverständlich werden

Das Ideal von Schule ist es, jedes Kind entsprechend seiner Begabung und Fähigkeiten zu fördern. Aber wenn das Abitur zum Massenabschluss wird, dann findet ein fataler Verdrängungswettbewerb statt. Der mittelmäßige Abiturient, der es nicht an die Uni schafft, schlägt den guten Realschüler im Kampf um einen zukunftsträchtigen Ausbildungsplatz. Die Realschülerin schlägt die Altersgenossin mit Hauptschulabschluss.

Wer dem Abitur ein Stück seiner alten Wertigkeit zurückgeben will, der muss die anderen Schulabschlüsse wieder aufwerten. Das gelingt nur, wenn alle Schüler am Ende faire Chancen auf dem Ausbildungsmarkt haben. Zurzeit aber streben viel zu viele Jugendliche an die Universitäten – egal, ob sie dafür geeignet sind oder nicht.  Noch vor wenigen Jahren absolvierte jeder zweite Schulabgänger in Deutschland eine Ausbildung, heute ist es nur noch jeder vierte. Experten sprechen schon vom Akademisierungswahn.

Natürlich wollen Eltern den besten Schulabschluss für ihr Kind. Aber: Der höchste ist nicht unbedingt der beste. Viele Wege führen zu einem erfüllenden Berufsleben. Das Abitur muss da nicht zur Selbstverständlichkeit werden. Ein bisschen Stolz und feuchte Augen sollen bei der Abi-Feier ruhig wieder sein dürfen.

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