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Top-Thema Das Wir ist unsere Stärke
Sonntag Top-Thema Das Wir ist unsere Stärke
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20:06 12.08.2016
Angst kann eine Gesellschaft zusammenschweißen, doch dieses Wir-Gefühl ist nicht von Dauer. Wie können wir nachhaltige Gemeinsamkeit jenseits der Freund-Feind-Einteilung erreichen? Quelle: Fotolia
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Auf dem Rasen liegen Blumen. Kerzen brennen. "Die Tränen, die ich wegen Dir weine, die siehst Du nicht mehr", steht auf einem Zettel. "Uns wird in diesen Tagen sehr viel zugemutet", sagt der Pfarrer, "Gewalt und Tod." Die Leute stehen auf den Straßen. Sie nicken manchmal ohne Grund, weil sie kaum sprechen können. Der Pfarrer sagt: "Es wird hier nie mehr so sein, wie es einmal war."
Und daran ist, bei allem Schlimmen, auch etwas Gutes. Die Menschen sind sich so nah wie selten zuvor.

Ein Unglück war passiert. Aber es war kein Terroranschlag, obwohl es drei Tage später einen gab, den furchtbarsten bisher. Am 8. September 2001 stiegen in Dolgelin in der äußersten Ecke Brandenburgs vier Mädchen in einen roten Opel Corsa, um im nahen Strausberg den Jungs vom heimischen Fußballverein zuzujubeln. Das taten sie auch. Und auf dem Rückweg kamen sie von der B 1 ab, prallten gegen einen Baum und waren sofort tot, alle vier.

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Jeder kannte die Mädchen. Das ganze Dorf kam zum Trauergottesdienst. Das ganze Dorf weinte. Aber man stellte auch fest: In Schmerz und Fassungslosigkeit ist der Zusammenhalt im Ort gewachsen. Die Anschläge des 11. September in den USA haben die Dolgeliner durchaus mitbekommen und als grauenvoll erlebt. Aber ihr Gefühl war vor allem bei ihnen zu Hause, bei Blumen und Kerzen und den Tränen, die die Mädchen nicht mehr sehen konnten.

Gefahr schweißt zusammen

Katastrophen verändern uns. Und sie verringern den Abstand zwischen Menschen. Gefahr schweißt zusammen. Seit anderthalb Jahren tut sie das in Westeuropa in früher ungekanntem Ausmaß. Von dem Überfall auf die Satirezeitschrift "Charlie Hebdo" im Januar 2015 über die Attentate vom November 2015 in Paris mit 130 Toten, von den Bomben in Brüssel bis zum Anschlag von Nizza und dem Axtangriff bei Würzburg.

Vom Amoklauf in München und der Bombe in Ansbach bis zu dem grausamen Mord an dem Priester Jacques Hamel in Saint-Étienne-du-Rouvray bei Rouen, mitten in der Messe – der Terror ist längst nicht mehr irgendwo. Er ist hier. Und die Liste ist noch nicht mal vollständig. Weltweit gab es allein in diesem Jahr bereits 70 Terrorattacken. Man hat schon Angst, morgens das Radio einzuschalten.

Das ist das Stichwort: Angst. Nach etlichen dieser Anschläge meldete sich hinterher der sogenannte Islamische Staat und verkündete, es seien seine Soldaten gewesen, die das alles getan hätten. Weil er möchte, dass wir vor ihm Angst haben. Es geht nicht um Religion. Es geht die Ausübung von Macht. Der sogenannte Islamische Staat nährt sich vom Schrecken der Menschen.

Das Wir-Gefühl dauert nicht an

Aber immer hat dieser Schrecken auch zur Folge, dass die Menschen zusammenrücken. Mahnwachen und Demos werden organisiert, Tenor: Wir denken an die Opfer und stehen zueinander und lassen uns nicht einschüchtern. Nach den Anschlägen von Paris riefen acht muslimische Religionsgemeinschaften in Deutschland zum gesellschaftlichen Miteinander auf.

Nach Brüssel twitterten Staatschefs, sie stünden an Belgiens Seite. Nach Nizza beschwor Joachim Gauck die Werte des Westens. Angela Merkel verkündete nach Ansbach und Würzburg ihren Neun-Punkte-Plan gegen den Terror. Damit sagte sie: Wir sind eine Gemeinschaft, wir lassen uns nicht einfach so angreifen.

Und das Zusammenrücken funktionierte. Die Menschen verstanden sich in der Straßenbahn wortlos über eine Zeitungsschlagzeile hinweg. Im Büro, im Supermarkt: Alle redeten davon. Nicht alle waren einer Meinung. Aber alle machten sich ihre Gedanken. Schon das Gespräch untereinander erzeugte Gemeinsamkeit. Allerdings konnte man früher sehen und wird auch jetzt wieder beobachten können: Dieses Wir-Gefühl dauert nicht ewig an.

Der eigene Kummer ist nah

Die direkten Angehörigen von Terroropfern, Menschen, die Verwandte und Freunde verloren haben, brauchen Jahre, um den Schmerz zu bewältigen, wenn es überhaupt gelingt. Alle jedoch, die den Schmerz nicht unmittelbar empfinden, sondern als Mitleid verspüren, brauchen nur Wochen. Der eigene Kummer ist nah, der anderer Menschen nicht so sehr. Die Dolgeliner haben auch die Opfer des 11. September betrauert. Aber geweint und Zettel geschrieben haben sie wegen ihrer vier Mädchen.

Logisch, sagt Kai Unzicker, der sich bei der Bertelsmann-Stiftung mit dem Komplex "Gesellschaftlicher Zusammenhalt" befasst. Er vergleicht die Situation mit einer Naturkatastrophe, die Solidarität und Spendenbereitschaft auslöst. Das sei gut. Aber diese Regungen könnten nicht dauerhaft aufrechterhalten werden, das verkrafte kein Mensch, die emotionale Belastung wäre zu hoch. Irgendwann komme der Alltag wieder.

Nach Terroranschlägen beschwören Kommentatoren und Politiker die Zusammengehörigkeit in einem Land. Doch die, sagt der Soziologe Unzicker, könne nicht entscheidend von emotionalen Grenzereignissen geprägt werden. Die Menschen müssten sich schon auch bewusst darüber klar werden, was sie wollten: eine Gemeinschaft, die darauf basiert, dass man mit dem Gegenüber zusammenarbeiten und zusammenleben möchte? Oder wollten sie eine Gesellschaft, die sich ihren Zusammenhalt durch Abgrenzung erkauft, dadurch, dass sie andere zu Feinden erklärt?

Angst spaltet die Gesellschaft

Im letzteren Fall, sagt Unzicker, gründe sich das Miteinander auf Angst. Und das sei eigentlich gar kein Miteinander. Stimmt: Im Extremfall bedeutet es, dass die Gesellschaft, sollte eines Tages der Feind verschwinden, zerbricht, weil sie kein eigenes Fundament hat. Wer in Ausschlusskriterien denke, sagt Unzicker, betreibe letztlich eine Freund-Feind-Einteilung. Und damit eine Spaltung der Gesellschaft.
Er tut mithin genau das, was die Terroristen erreichen wollen.

Unzicker fand es deswegen beruhigend, dass in den öffentlichen Debatten nach den jüngsten Anschlägen in Deutschland meist nicht dem Hass oder der Gewalt das Wort geredet wurde. Das spreche für eine gewisse Reife. Trotzdem wäre es schön, wenigstens etwas von dem positiven Zusammenhalt der Menschen nach den Anschlägen in einen stabilen gesellschaftlichen Alltag zu überführen.

Menschen lernen über Emotionen

Klar ist: Dergleichen muss langsam wachsen – alles, was sich schnell entwickelt, kann ebenso schnell wieder verpuffen. Klar ist auch: Menschen lernen über Emotionen, im Negativen wie im Positiven. Was wir also tun können, ist, uns bewusst positive Gefühle im Zusammenhang mit einer offenen Gesellschaft zu verschaffen.

Wie? Das muss jeder für sich selbst rausfinden. Man könnte einen Spielkreis für Flüchtlingskinder gründen. Man könnte die Syrer am Ende der Straße bei Behördengängen begleiten. Man könnte etwas tun, das gar keinen Bezug zum aktuellen Thema hat, aber trotzdem hilft – eine Stiftung ins Leben rufen oder ein Straßenfest veranstalten oder Sterbenden zur Seite stehen oder Kuchen für den nächsten Kirchenbasar backen. Oder einfach Leute anlächeln. Das einzige Kriterium ist: Es sollte der Gemeinschaft nützen.

Wenn wir das tun, werden wir erleben, dass wir viel mehr zurückbekommen, als wir geben. Und wenn das alle täten, wäre diese Gesellschaft unbesiegbar. Der Terrorismus könnte sie verletzen. Aber er könnte sie nicht zerstören. Weil eine solche Gesellschaft keine Angst hätte. Ja, das ist eine Illusion. Aber die Überzeugung, ein bisschen davon erreichen zu können, das ist keine Illusion. Das ist Zuversicht.

Von Bert Strebe

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