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Top-Thema Der Iran entdeckt die neue Freiheit
Sonntag Top-Thema Der Iran entdeckt die neue Freiheit
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20:04 16.10.2015
Von Lars Ruzic
Künstler der Gratwanderung: Für immer mehr Frauen im Iran ist das Kopftuch kaum mehr als ein Accessoire, das so weit gen Hinterkopf gezogen wird, wie es die Sitten maximal zulassen. Quelle: imago

Es ist ein lauer Sommerabend in Teheran. Wie so viele in diesem 12-Millionen-Moloch südlich des Elburs-Gebirges. Ihr Fest zu 25 Jahren Wiedervereinigung kann die deutsche Botschaft getrost im riesigen Park auf ihrem Gelände veranstalten. Frieren wird an diesem Oktoberabend keiner der 1800 Gäste. Und trotzdem hat die Botschaft eine große provisorische Garderobe auf den Rasen gestellt.

Wie jedes Jahr gibt es Hunderte Gäste, die dort lange Mäntel und Tücher abgeben. Nicht weil ihnen hier, auf deutschem Territorium, plötzlich warm ums Herz würde. Sondern weil sie hier frei sind von Kopftuchzwang und lückenloser Körperbedeckung. Und es gibt nur wenige iranische Frauen, die an diesem Abend keinen Gebrauch von der Garderobe machen. Und wenig Männer, die hier nicht auf das Alkoholverbot pfeifen, das außerhalb der Botschaftsmauern gilt – und beherzt zu deutschem Dosenbier greifen.

Künstler der Gratwanderung

"Der Iran ist längst ein Land mit zwei Gesichtern", sagt Reza Asghari, Professor für Unternehmensgründungen an der TU Braunschweig und selbst Exiliraner. Da gibt es den Mullah-Staat mit seinen strengen islamischen Gesetzen, die schon für sittenwidriges Verhalten drakonische Strafen vorsehen. Und da gibt es eine Bevölkerung, die sich längst ihre Nischen gesucht und ihre ganz eigene Art des passiven Widerstands gefunden hat.

"Die Iraner sind Künstler der Gratwanderung", umschreibt es Asghari. Die jungen Frauen haben das Kopftuch im Laufe der Jahre immer weiter nach hinten wandern lassen. Heute bedeckt es mitunter nur noch das hintere Drittel des Kopfes und wirkt eher wie ein modisches Assecoire denn wie ein religiöses Muss. "Große Teile der Bevölkerung empfinden sich heute als europäisch und den arabischen Nachbarn gegenüber weiterentwickelt", sagt der deutsche Botschafter Michael von Ungern-Sternberg.

Das gilt vor allem für die jüngere Generation, und die stellt im Land längst die Mehrheit. Gut 70 Prozent der fast 80 Millionen Iraner sind jünger als 40 Jahre. Die Babyboomer aus der Zeit des iranisch-irakischen Krieges sind längst erwachsen geworden und wollen ihren Teil vom Kuchen. Sie sind es vor allem, die den Reformer Hassan Rohani gewählt haben. Er soll die politische und wirtschaftliche Isolation des Landes beenden.

Land im Aufbruchsstimmung: Junge Iraner haben genug von den wirtschaftlichen Sanktionen, die ihr Land schwer zu schaffen machen und von den kulturellen Zwänge. Sie empfinden sich eher als europäisch und engagieren sich politisch für einen Wandel.   Quelle: Atta Kenare/afp

Mit dem Wiener Abkommen vom Sommer hat Rohani geliefert. Der Atomstreit ist beigelegt. Die Sanktionen gegen das Land werden – wenn sich alle an die Vereinbarungen halten – Anfang nächsten Jahres fallen. An diesem Sonntag, wenn das Abkommen in Kraft tritt, wird die junge Mehrheit des Landes deshalb auch ein wenig sich selbst feiern.

Denn sie hat in den vergangenen Jahren besonders darben müssen. Die Sanktionen haben dem Iran Rezession und Hyperinflation gebracht. Die iranische Währung Rial – alle großen Scheine mit dem Konterfei von Ajatollah Khomeini – hat in den vergangenen Jahren um den Faktor 2,5 an Kaufkraft eingebüßt. "Es war ein sehr schmerzhafter Prozess für die Bevölkerung", berichtet von Ungern-Sternberg. Gerade viele junge, bestens ausgebildete Iraner fanden keine Jobs. Die einen verdingen sich seitdem als Taxifahrer, die anderen haben das Land längst verlassen. 150 000 sollen es pro Jahr sein. Sie alle sind jetzt in Wartestellung. Mit dem Fall der Sanktionen hoffen sie auf gute Arbeit – und so mancher Auslandsiraner auf die Rückkehr in die alte Heimat.

"Das Land ist in Aufbruchstimmung", sagt der niedersächsische Wirtschaftsminister Olaf Lies. Gerade war der SPD-Politiker mit einer 100-köpfigen Delegation von Unternehmern und Managern im Iran. Ein Besuch, der bei vielen Teilnehmern bleibenden Eindruck hinterlassen hat.

"Mein Bild von dem Land hat sich zu 100 Prozent gedreht", berichtet der Geschäftsführer des Schuhherstellers Lloyd, Andreas Hubertus Schaller. "Es ist viel offener, als ich angenommen hatte." Bei Unternehmer-Kontaktbösen konnten sich die Manager vor Anfragen von Iranern kaum retten. "Man wurde förmlich aufgesaugt", umschreibt es Alfons Diekmann, ein Agrartechnik-Unternehmer.

"Der Markt ist frei und leer"

Der absehbare Fall der Sanktionen lässt derzeit fast die ganze Welt Delegationen in den Iran schicken. Von Polen bis Südkorea reicht die Bandbreite, selbst kleine Länder wie Kroatien stehen in der Tür. Was da lockt, ist nicht nur ein Land mit den zweitgrößten Erdöl- und Gasreserven der Welt, sondern auch ein Markt mit gewaltigem Aufholbedarf. So sind die vergleichsweise kleinen Hotelkapazitäten in Teheran schnell ausgebucht, und durch die alten Schah-Paläste werden seit einigen Wochen immer öfter Reisegruppen mit auffallend hohem Anteil an Anzugträgern geschleust.

"Ihr seid herzlich willkommen", ruft Reiseleiter Abbas Pirmoradian. "Der Markt ist frei, und der Markt ist leer." Dabei macht der Iraner, der einst in Berlin studierte, keinen Hehl daraus, dass die Bevölkerung nach dem Fall der Sanktionen vor allem auf Deutschland setzt. "Deutsche Qualität kaufen wir mit verbundenen Augen", sagt er.

In den vergangenen neun Jahren der westlichen Sanktionen hätten sich im Iran vor allen Chinesen breitgemacht, ätzt Pirmoradian. "Das ist alles Mist, die haben uns gefesselt." Tatsächlich spricht der Ex-Berliner damit offen aus, was viele Iraner denken. Mit Deutschland fühlen sie sich nicht nur wegen der Jahrzehnte zurückreichenden intensiven Handelsbeziehungen verbunden. Man sieht sich selbst als ähnlich gebildete, hart arbeitende Nation, als die man Deutschland wahrnimmt.

Deutschland beliebter Wirtschaftspartner

Es hätten ja schon viele Länder Interesse an einer Zusammenarbeit angemeldet, berichtet der iranische Industrieminister Mohammadreza Nematzadeh, "aber Deutschland hat für uns einen besonderen Stellenwert". Eine Zusammenarbeit mit dem Partner von einst – dessen Exporte in den Iran heute gerade noch bei einem Sechstel dessen liegen, was man in besten Zeiten ausführte – habe "Priorität", so der Minister. Die Iraner haben da auch schon konkrete Vorstellungen. Deutsche Firmen sollen sich mit iranischen verbünden, Know-how und Investitionen mitbringen. Die "wertvollen Erfahrungen aus Deutschland" und "die gut ausgebildete iranische Jugend" böten doch Chancen auf "sehr gute Synergien", meint Nematzadeh.

Man lockt mit Steuervergünstigungen und "sehr wohlwollender und flexibler Bearbeitung" bei Auftragsvergaben. Im Verkehrsministerium bieten sie einem deutschen Interessenten gleich eine Handvoll Firmen als potenzielle Kooperationspartner an. Wenn sich für bestimmte Projekte Joint Ventures gründeten, müsse es auch keine öffentliche Ausschreibung mehr geben, verspricht der Berater des Verkehrsministers, Asghar Kashan.

Dabei kann es den Ministerien gar nicht schnell genug gehen. Man müsse den offiziellen Fall der Sanktionen doch nicht erst abwarten, sondern könne schon jetzt Kooperationen vorbereiten, meint Kashan, "so sparen wir Zeit". Allein das Verkehrsministerium will in den kommenden Jahren 10 000 Kilometer Autobahnen durch das Land ziehen. Hinzu kommt gewaltiger Nachholbedarf bei Bahnstrecken, Flughäfen, Müll- und Abwasseraufbereitung. Projekte im Gesamtvolumen von 200 Milliarden Dollar seien in Vorbereitung, heißt es.

Der Tohid Tunnel, ein Wahrzeichen Teherans. Der drittgrößte urbane Tunnel im Nahen Osten ist ein Symbol, für das was der Iran in Zukunft – wieder – erreichen soll. Dabei soll Deutschland als Wirtschafts- und Handelspartner eine wichtige Rolle spielen. Quelle: Borna Mirahmadian

Doch das ist längst nicht alles. Die Energieversorgung soll modernisiert, es soll in Solar- und Windkraft investiert werden. Für die – noch weitgehend verstaatlichte – Großindustrie hat Minister Nematzadeh einen Zehnjahresplan auflegen lassen, der jährliche Wachstumsraten zwischen 10 und 12 Prozent vorsieht. Die Stahlwerke sollen ihren Ausstoß bis 2020 verdreifachen, die Autoproduktion von zuletzt 600 000 auf 3 Millionen Fahrzeuge steigen. Auch hier wären die Iraner lieber heute als morgen mit ihrem Wunschpartner einig: Volkswagen. Die aktuellen Probleme der Wolfsburger sind in Teheran weit weg.

Noch zieren sich die potenziellen deutschen Partner – was nicht überrascht. Bislang sind weder die Sanktionen gefallen, noch kann ein deutscher Unternehmer im Iran bislang ein Konto eröffnen. Und den vielen mit Begeisterung vorangetriebenen Projekten fehlt es jenseits des Staates noch an Finanzkraft. Im Iran allerdings wächst die Ungeduld, bis hinaus in höchste politische Ebenen. "Die Iraner haben das Abkommen unterzeichnet. Jetzt wollen sie den anderen Teil des Deals sehen", sagt Botschafter von Ungern-Sternberg.

Wirtschaftliche und kulturelle Öffnung

Die Jüngeren unter ihnen erhoffen sich von der wirtschaftlichen auch eine kulturelle Öffnung. Viele sind den Iran der zwei Gesichter leid. Etwa, dass Pink Floyd verboten ist, aber nicht die Solo-Platten von Frontmann Roger Waters. Oder dass Facebook und Twitter verboten sind, Präsident Rohani aber selbst auf Facebook aktiv ist. Dass Satellitenschüsseln zum Empfang ausländischer Kanäle verboten sind, der staatseigene Propagandakanal Press TV aber über Satellit ausgestrahlt wird. Und dass Männer Frauen vom Auto aus ansprechen und in den Wagen locken müssen, weil öffentliches Flirten nicht erlaubt ist.

Wie weit sich die jungen Iraner inzwischen von den Mullahs entfernt haben, zeigt das Kopftuchverbot. Weil iranische Frauen nur mit ihrem Gesicht reizen können, boomt im Land der Chirurgen inzwischen die Nasenkorrektur. Nach den USA verzeichnet kein Land auf der Welt eine so hohe Anzahl an entsprechenden Operationen. Sich mit einem entsprechenden Pflaster auf der Nase zu zeigen, gilt inzwischen als Statussymbol. Selbst diejenigen, die sich keine OP leisten können, tragen mitunter eins.

Hintergrund: Das Atomabkommen beendet die Isolation

Dieser Sonntag hat für die Iraner eine ganz besondere Bedeutung. Er markiert den offiziellen Abschluss eines jahrelangen Ringens zwischen der Islamischen Republik und dem Rest der Welt über Irans Atomprogramm. An diesem Sonntag tritt das Wiener Abkommen in Kraft, das der Iran, die fünf UN-Veto-Mächte und Deutschland (5+1) sowie die EU nach gut zwei Wochen Dauerverhandlungen Mitte Juli geschlossen hatten. Der mehr als 100 Seiten starke "Joint Comprehensive Plan of Action" zwingt die Iraner zu einer drastischen Reduzierung ihrer atomaren Produktionskapazitäten und sichert dem Land im Gegenzug die stufenweise Rücknahme der Sanktionen zu.

Sie waren 2006 verhängt und nach und nach verschärft worden, weil der Iran die Atomentwicklung stark vorangetrieben hatte und in Verdacht geriet, Atombomben bauen zu wollen. Derzeit ist das Land nicht nur von internationalen Zahlungsströmen abgekoppelt. Es bestehen auch diverse Embargos im Bereich der Energiebranche, Schifffahrt, Metalle, Software und Gütern, die auch für den atomaren Einsatz genutzt werden könnten. Das sind nur die EU-Sanktionen, noch schärfer sind die Einschränkungen der USA. Die Amerikaner können zudem jeden anklagen, der bei ihnen Geschäfte macht und gleichzeitig gegen US-Sanktionen verstößt.

Von diesem Sonntag an muss der Iran beweisen, dass er es mit seinem Teil des Wiener Abkommens ernst meint. Die internationale Atomenergieagentur IAEO wird in den kommenden Tagen damit beginnen, den Rückbau der nuklearen Kapazitäten im Iran zu kontrollieren. Das Land hat sich unter anderem verpflichtet, 97 Prozent seines Vorrats an Spaltmaterial zu neutralisieren. Die Zahl der Zentrifugen, mit denen Uran angereichert wird, wird von derzeit 19 000 auf 6000 verringert. Der Reaktor in Arak wird zu einem Forschungsreaktor umgebaut, kann damit kein zum Automwaffenbau nutzbares Plutonium mehr herstellen.

Erst wenn die IAEO in ihrem Bericht Vollzug meldet, werden die Sanktionen gegen den Iran fallen. Diplomaten gehen davon aus, dass dies im ersten Quartal 2016 der Fall sein wird. So richtig sicher werden sich die Iraner allerdings erst einmal nicht fühlen können. Denn die UN-Verhandler haben sich ein Hintertürchen offengelassen. Der Vertrag sieht einen sogenannten „Snapback“-Mechanismus vor. Danach kann jedes ständige Mitglied im UN-Sicherheitsrat die Sanktionen jederzeit zur Not auch im Alleingang wieder in Kraft setzen, sollten die Mullahs gegen die Auflagen verstoßen.

Stein des Anstoßes für den Atomstreit: Die Atomanlage nahe der Stadt Arak. Quelle: dpa

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