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Top-Thema Die Indianer kehren zurück
Sonntag Top-Thema Die Indianer kehren zurück
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14:17 16.11.2016
Von Stefan Stosch
Zu Gast bei den "First Nations", den kanadischen Ureinwohnern
Über Generationen hat die kanadische Regierung einen kulturellen Genozid an den Ureinwohnern betrieben. Langsam beginnt die Aufarbeitung des Unrechts – und die Angehörigen der "First Nations" beleben ihre Traditionen neu. Quelle: iStock
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Dunkel ist es in der fensterlosen Hütte. Stockdunkel. Nur der Singsang und die Trommelschläge des Zeremonienmeisters sind zu hören. Die feuchtheiße Luft ist durchdrungen vom Geruch nach Tabak, Salbei und Tannenzweigen, die den Boden polstern. Eben noch ist Wasser zischend auf glühend heißen Steinen verdampft. Ein Reinigungsritual hat begonnen, auf einer winzigen Insel im Lake Kempt in der kanadischen Provinz Québec.

Ein paar Stunden wird diese "Sweat Lodge", die Schwitzhütte, dauern, und sie ist wahrlich nichts für Klaustrophobiker. Nur auf allen Vieren ist Fortbewegung möglich, der Nachbar schwitzt hautnah. Die Gäste aus Deutschland und die Gastgeber vom Stamm der Atikamekw sitzen Seite an Seite.

Auch die Besucher haben ihre Vorfahren geehrt, ein wenig Tabak dem Feuer übergeben und dann den gelassenen Umgang von Zeremonienmeister Jean-Guy mit Adlerfeder, Pfeife und anderen heiligen Utensilien bestaunt. Zwei junge Stammesangehörige, Jakob und Davon, gehen dem 66-Jährigen zur Hand. Nun sollen die Teilnehmer im Dunkeln ihren Wünschen, Hoffnungen, Ängsten freien Lauf lassen. Die Saunawitze der Gäste sind längst verstummt.

"Man prügelte den Indianer aus uns heraus"

Das hier ist eine ernste Sache, gleichbedeutend mit der Rückkehr in den Bauch von Mutter Erde. Jean-Guy leitet die Zeremonie mit ruhiger Würde, wenn auch in T-Shirt und Trainingshose. Für die Atikamekw geht es nicht nur um individuelle Gefühle. Das Ritual soll auch von kollektivem Schmerz und Leid befreien. Vor wenigen Jahrzehnten noch durften die First Nations, wie die Ureinwohner Kanadas sich selbst bezeichnen, weder ihre eigenen Sprachen sprechen noch ihre Bräuche praktizieren. Eine Zeremonie wie diese war strikt verboten.

Über Generationen hat die kanadische Regierung einen kulturellen Genozid betrieben. So befand es die von der Regierung eingesetzte Wahrheits- und Versöhnungskommission im vergangenen Jahr. Assimilation der Urbevölkerung an die Sitten der europäischen Eroberer und Einwanderer, das war das Ziel gewesen, um jeden Preis. "Man prügelte den Indianer aus uns heraus", sagen Betroffene. Schon im Kindesalter, über Generationen hinweg.

Mehr als 150 000 Kinder wurden in staatliche Internate gesteckt. Kontakte zu den Eltern waren unerwünscht, körperliche Gewalt, Stromschläge und sexueller Missbrauch gehörten zum Alltag. Mindestens 6000 Kinder starben in den "Residential Schools" an den Folgen der Gewalt, oder sie begingen Selbstmord. Betrieben wurden die Internate zumeist von den Kirchen.

Spektakel für den Zusammenhalt und für Touristen: Powwow-Treffen mit Tänzen, Gesängen und traditionellen Ritualen in Calgary. Quelle: Getty Images

Die "Survivors", die Überlebenden, wie sie sich heute nennen, verloren ihre kulturellen Wurzeln, ohne neue schlagen zu können in der Welt der Weißen. Das erste Indianer-Internat wurde 1883 eröffnet, das letzte schloss 1996. Allein 20 000 indigene Kinder wurden gegen den Willen ihrer Eltern zur Adoption freigegeben.

Kanada, das so liberale Land, ein Hort der Demokratie, erscheint aus der Perspektive der First Nations auch knapp 150 Jahre nach der offiziellen Staatsgründung 1867 in einem düsteren Licht. Mühsam knüpfen die indigenen Völker nun die abgerissenen Fäden zur Vergangenheit wieder neu. Beinahe vergessene Sprachen werden wiederbelebt, manche müssen über Tonaufnahmen aufwendig rekonstruiert werden. Schüler lernen im Unterricht wieder ihre Stammessprachen, schwer tun sich vor allem die Erwachsenen.

Die politischen Institutionen stellten sich den Folgen der Verbrechen eher zögerlich. Erst 2008 entschuldigte sich der damalige Regierungschef Stephen Harper offiziell für begangenes Unrecht. Noch immer sind nicht an alle "Survivors" Entschädigungszahlungen geflossen.

Kampf mit Vorurteilen

Der junge liberale Premierminister Justin Trudeau, seit November 2015 im Amt, gilt ihnen als Hoffnungsträger. Er hat eine weitere Kommission eingesetzt, die die Ermordung von mehr als Tausend indigenen Frauen aufklären soll. Viele Frauen verschwanden über die vergangenen Jahrzehnte, ohne dass ihre Fälle ernsthaft von den Behörden bearbeitet worden wären.

Noch immer fühlen sich die Ureinwohner – dazu zählen auch die Inuit im arktischen Nordosten und die Métis, die Nachfahren europäischer Pelzhändler und indianischer Frauen – bevormundet. Wählen dürfen sie erst seit gut einem halben Jahrhundert.

Vielfach haben sie mit Vorurteilen zu kämpfen: "Sie interessieren sich tatsächlich für die First Nations?", fragt die Beamtin bei der Einreise nach Kanada verwundert. Sie nehme deren Angehörige nur als traurige Gestalten wahr, die alkoholisiert und zugedröhnt in Großstädten wie Québec oder Vancouver ein trostloses Dasein fristen.

Im Land der 600 Völker: Besuchte Reservate in Kanada und ehemalige Stammesgebiete. Quelle: RND

In unschöner Regelmäßigkeit wird die kanadische Nation erschüttert von Berichten über Selbstmordwellen in abgeschiedenen Reservaten, wo Familien zusammengepfercht leben und wo es praktisch keine Arbeit gibt – geschweige denn Kinos oder Clubs für Jugendliche.

In diesem Frühjahr eskalierte die Situation in der Gemeinde Attawapiskat in Nord-Ontario: Im März wurden 28 Selbsttötungen registriert. Auch eine ganze Gruppe von Kindern und Jugendlichen wollte sich offenbar umbringen, der Gemeinderat rief den Notstand aus. Die Polizei brachte die Betroffenen zu deren eigenem Schutz in die Krankenstation und ins Gefängnis. Die Provinzbehörden entsandten Sozialarbeiter und Psychologen. Hinterher war von einem "Suizidpakt" die Rede.

Was den Jugendlichen fehlt, ist eine Zukunftsperspektive. Wenig deutet darauf hin, dass irgendetwas für sie besser werden könnte. "Die psychische Gesundheit der jungen Menschen ist verheerend", sagt die kanadische Gesundheitsministerin und Ärztin Jane Philpott. 300 Millionen Dollar pro Jahr hat die Bundesregierung bereitgestellt, um jungen Menschen psychologisch zu helfen. Kritiker bezweifeln, dass das Geld reichen wird.

In Schulbüchern tauchen die First Nations kaum auf

Mehr als 700 000 Kanadier zählen sich zu den Angehörigen der First Nations; von den 600 Stämmen sind gut 200 allein in der Provinz British Columbia an der Pazifikküste angesiedelt. "Aber in Schulbüchern existieren die First Nations praktisch nicht", sagt die junge Wissenschaftlerin Rachel L'Abbé. Sie tauchten lediglich als Alliierte der verfeindeten Europäer in Kolonialzeiten auf.

Die Irokesen etwa kämpften auf britischer Seite, die Huronen an der Seite der Franzosen. Die Stämme zahlten einen hohen Blutzoll in Kriegen, mit denen sie kaum etwas zu schaffen hatten. Noch viel mehr Angehörige aber starben an eingeschleppten Krankheiten wie Pocken oder Masern. "Später scheinen die First Nations irgendwie unsichtbar geworden zu sein", sagt Rachel L'Abbé.

Ein Schlüssel zur Verbesserung der Lebensumstände liegt in der Erinnerung – und da spielt der Tourismus eine zunehmend wichtige Rolle. Immer mehr Hotels, Restaurants, Museen oder Kulturzentren werden von Angehörigen der First Nations betrieben. Das Eigene wird wiederentdeckt, um es anderen zu präsentieren. Wie entsteht aus einem mächtigen Zedernstamm ein schnittiges Kanu? Welche Köstlichkeiten lassen sich aus wilden Beeren zubereiten? Und was bedeutet der Donnervogel an der Spitze des Totempfahls?

Tourismusprojekte zur Identitätsfindung

Rachel L'Abbé hat in Montréal ihre Doktorarbeit über die identitätsstiftende Wirkung von nachhaltigem Tourismus geschrieben – am Beispiel der Gemeinde Manawan, die das Camp auf der Insel im See Kempt betreibt. An jenem idyllischen Platz schlagen die Atikamekw seit Generationen ihre Tipis auf. Jetzt paddeln dort Touristen im Kanu umher, lassen sich in die Schnitzkunst einweisen, lauschen uralten Geschichten über die Entstehung der Welt und bekommen Elch zum Abendessen serviert, den ihre Gastgeber selbst geschossen haben.

Was hat sich durch das vor sieben Jahren gestartete Tourismusprojekt verbessert? "Das Selbstbewusstsein ist gestärkt worden", sagt Rachel. "Gerade die jungen Leute lernen, sich zu ihrer Herkunft zu bekennen. Sie entdecken den Stolz auf das, was sie sind und was sie können." Der gewaltsam ausgetriebene Selbstrespekt kehre zurück. Zerstörte soziale Bindungen würden neu entstehen.

Singt am liebsten von der Lust am Leben: Der junge Atikamekw Jim von der Trommelgruppe "Black Bear" am Lake Kempt. Quelle: Stosch

Und tatsächlich: Es geht schon auf Mitternacht zu, da tauchen die jungen Leute am Lagerfeuer auf. Jakob erzählt von seinen spirituellen Erfahrungen als Jäger in verschneiten Wäldern. Jim erklärt, wie viel ihm die Musik seiner Vorfahren bedeute. Am Abend zuvor hat sein Vater Pascal hier gesungen. In dessen melancholischen Liedern ging es um die Folgen des Alkoholismus, die er am eigenen Leib erlitten hat. Als Kind war Pascal drei Jahre in einem Internat eingesperrt.

Jim aber, der Sohn, singt in der in ganz Kanada bekannten Trommelgruppe "Black Bear", am liebsten von der Lust am Leben. Einem Leben, das sich auch aus den alten Regeln, den Ritualen und den Werten der Atikamekw speist. Ohne die Vergangenheit zu verherrlichen.

Bewusste Pflege der Vergangenheit

Auch Wendake, ein properes Örtchen mit schmucken Holzhäuschen am Rande von Québec, setzt inzwischen auf Reisende aus aller Welt, auf Neugierige. Wendake ist die einzige Huronen-Gemeinde in ganz Kanada, die Anbindung an die Großstadt macht das Leben für die Bewohner einfacher. Die wenigen Tausend Mitglieder sind Nachfahren jenes versprengten Häufleins von 400 Flüchtlingen, die Anfang des 17. Jahrhunderts den Kriegen und Krankheiten rund um die Great Lakes entkommen waren.

In Wendake wird die Vergangenheit bewusst gepflegt. Hinweisschilder am Wegesrand preisen die einzelnen Sippen. Sie heißen Wolf-, Schildkröten- oder Bären-Clan, jedem Tier werden Eigenschaften zugeschrieben, die den Zusammenhalt in der Gemeinde stärken sollen. Bären, zum Beispiel, wird in den Mythen ein besonderer Sinn fürs Medizinische zugeordnet.

Geradezu begeistert erzählt die Mittzwanzigerin Laurie-Anne im Freilichtmuseum von der früheren matriarchalischen Gesellschaft in den "Long Houses". In diesen mächtigen Holzbauten – und nicht in Zelten – spielte sich das Leben der Huronen-Familien rund um das überlebenswichtige Feuer ab. Erfahrene Clan-Mütter hatten das Sagen. "Sie entschieden, wer Häuptling wurde", sagt Laurie-Anne. "Und sie setzten den Häuptling auch wieder ab, wenn er seinen Job schlecht machte."

Landlos, obdachlos, chancenlos? Nicht nur in Kanada gibt es Proteste gegen eine Politik, die die Rechte von Ureinwohnern vernachlässigt. Quelle: afp

Das ist lange her. Offen brandmarken die Jüngeren heute die Korruption, die mancherorts seit Jahrzehnten in den Selbstverwaltungen der Reservate herrscht. "Gerade jene Generation hat das Sagen, die in den Internaten früher am schlimmsten gelitten hat", sagt Pakesso Mukash. "Ihnen ist jede Liebesfähigkeit ausgetrieben worden. Mancher begann, seine Herkunft zu hassen und damit letztlich auch seine Kinder." Jetzt aber nehme die nächsten Generation Anlauf, die Dinge zu ändern.

Pakesso ist ein 40-Jähriger vom Stamm der Cree, er ist aufgewachsen an der Hudson Bay. Seine Jugend war geprägt von der Auseinandersetzung mit schier übermächtigen Energieversorgungskonzernen, die gigantische Kraftwerkprojekte auf dem Land der First Nations errichten wollten.

Vielerorts in Kanada gab und gibt es ähnliche Kämpfe gegen Kupferminen und Ölleitungen oder, ganz aktuell, gegen Lachsfarmen auf Stammesterritorien. Die Bewegung "Idle no more" – übersetzt etwa: Wir halten nicht mehr still – veranstaltet Protestmärsche und scheut auch vor Straßenblockaden und Hungerstreiks nicht zurück.

Kampf gegen Großprojekte und Umweltzerstörung

Pakesso, hauptberuflich Musikproduzent, will sich aber nicht von der Wut treiben lassen. "Wir First Nations sind lustige Leute und schauen auch keinesfalls so stoisch drein, wie man uns aus Western im Kino kennt", sagt er. "Ich will anderen die Schönheit dieses Landes, seiner Menschen und seiner Natur nahebringen und nicht immer nur von Verlust und Schmerz erzählen."

Die Musik ist dabei wichtig: An der Pazifikküste auf Vancouver Island zum Beispiel, 5000 Kilometer westlich vom Camp im See Kempt, zählt die K'ómoks First Nation nur noch 330 Köpfe. Der Stamm lebt von der Verarbeitung von Meeresgetier und Landwirtschaft. Der ganze Stolz der K'ómoks aber ist ihre Tanzgruppe.

Gästen präsentieren sie den "Grizzlybärtanz", den "Friedenstanz" oder den "Frauentanz". Als sein Großvater die Truppe in den Fünfzigern gegründet habe, sei die Nachfrage bescheiden gewesen, sagt Andrew Everson. "Heute gibt es an Nachwuchs überhaupt keinen Mangel."

Trommeln vor der imposanten Kulisse Vancouvers: Wesley Nahanee begrüßt den Tag. Quelle: Stosch

In den Tänzen und Liedern geht es immer wieder darum, sich zu beinahe verlorenen Traditionen zu bekennen und die Natur zu respektieren – und das ist nicht nur bei den K'ómoks so. Man muss nur mal dem Squamish-Angehörigen Wesley Nahanee am frühen Morgen zuhören, wenn er vor der imposanten Waterfront-Kulisse von Vancouver mit seiner Trommel den Tag begrüßt.

Oder man fährt mit Bootsführer Mike Willie durch die Fjorde von Vancouver Island, begegnet schlafenden Buckelwalen, dahingleitenden Adlern und tapsigen Grizzlybabys. Mike ist studierter Lehrer, aber dann zog es ihn zurück ins Reservat der Musgamakw Dzawada'enuxw First Nation. "Der Ursprung von allem, was wir sind, ist unser Land", sagt Mike.

"Die Weißen haben es versaut"

Aber die Idylle täuscht. Skipper Mike mag noch so achtsam sein bei der Begegnung mit den wilden Tieren: Die von der Regierung in den Fjorden zugelassenen Lachszuchtfarmen gefährden die Bestände an Wildfischen – und damit letztlich auch die Existenz von Grizzlybär, Adler und Mensch. "Der Lachs ist unsere Lebensgrundlage", sagt Mike. Ohne den Fisch könnten die First Nations nicht existieren. "Es kann keine Versöhnung mit den Weißen geben, so lange sie unsere Bedürfnisse nicht akzeptieren."

Die First Nations kämpfen nicht nur für ihr eigenes Überleben. Ihr Umgang mit diesem Planeten könnte beispielhaft für alle anderen sein. Der Aktivist Pakesso aus der Hudson Bay hat es im Gespräch so formuliert: "Vor 500 Jahren sind die Weißen nach Amerika gekommen. Und was haben Sie uns gebracht? Sie haben die Umwelt zerstört, Flüsse und Böden vergiftet. Sie haben es versaut. Jetzt sollten sie endlich lernen, uns First Nations zuzuhören."

Infos über Reisen zu Kanadas First Nations gibt es unter
www.aboriginalbc.com,
www.tourismeautochtone.com und
www.keepexploring.de

Interview mit Claudia Mitteneder, Geschäftsführerin des Studienkreises Entwicklung und Tourismus

Claudia Mitteneder, Geschäftsführerin des Studienkreises Entwicklung und Tourismus, wünscht sich neugierige, respektvolle Reisende – und selbstbestimmte Gastgeber. Quelle: privat

Frau Mitteneder, Kanadas Ureinwohner, die First Nations, entdecken den Tourismus als Einnahmequelle. Gruselt es Sie bei der Vorstellung, dass Menschen sich in ihrem Zuhause wie in einem Schaukasten präsentieren?
Wenn es so ist – ja. Das ist die denkbar schrecklichste Form von Reisebegegnung, wenn Menschen zur Schau gestellt werden, wenn ihre traditionellen Lebensformen romantisiert und gleichzeitig kommerzialisiert werden. Wenn wir "Indianer angucken" gehen. Die Ideen der First Nations in Kanada wirken aber ganz anders auf mich: Da ist die Bevölkerung nicht nur einbezogen in touristische Entwicklungsprojekte, die Initiative geht sogar von ihr selbst aus. Sie definiert, wie sie wahrgenommen werden, wie sie ihre Kultur vermitteln will. Das schafft nicht nur Eigenverantwortung. Es gibt den Reisenden auch viel tieferen Einblick.

Seite an Seite mit einem Atikamekw in der Schwitzhütte als Bildungserlebnis also?
Ja, genau das ist es. Interkulturelle Verständigung ist nur möglich, wenn ich nicht nur sehe, sondern miterlebe. Über den Alltag, die Arbeit, die Rituale kann ich als Tourist begreifen, was das Leben dieser speziellen Bevölkerungsgruppe für dieses spezielle Land bedeutet. Auf Augenhöhe kann ich Verständnis und sogar Empathie entwickeln.

Und das wollen Sie mit dem Zusammenführen von Entwicklung und Tourismus vermitteln?
Der Studienkreis fördert entwicklungspolitische Bildung im Zusammenhang mit Reisen. Wir werben aber vor allem um einen sozialverantwortlichen Tourismus. Da setzen wir der Umweltverträglichkeit und Nachhaltigkeit, die heute Standard anspruchsvollerer Anbieter ist, noch eins drauf. Sozialverantwortlich heißt immer, dass die lokale Bevölkerung an der Konzeption, den Chancen und nicht zuletzt den Einnahmen durch den Tourismus partizipiert.

Wie sieht das dann aus?
Ein Negativbeispiel: Vor einiger Zeit haben kenianische Massai Land an einen chinesischen Konzern verkauft. Der hat ein großes Hotel gebaut, mit Bauarbeitern, die aus China geholt wurden; als alles fertig war, hat er auch die Mitarbeiter für das Hotel aus China geholt. Die lokale Bevölkerung hat überhaupt nichts von der Investition, weder haben sich Weiterbildungschancen eröffnet noch Einnahmequellen. Dabei kann der Tourismus in Entwicklungsländern viele Arbeitsplätze schaffen. Wir versuchen, über die Reiseveranstalter Einfluss auf deren Gestaltung zu nehmen und dafür zu sorgen, dass die Einheimischen in den Hotels dauerhaft gute Arbeitsbedingungen finden, dass die Menschenrechte geachtet werden. Das strahlt auch ab auf das Umfeld.

Funktioniert das nur im Großen?
Im Gegenteil, unser "ToDo!"-Preis, den wir einmal im Jahr verleihen, geht an Projekte und Unternehmen, die sich gerade erst in der touristischen Entwicklung sind. Das indische Projekt Kabani etwa setzt auf Tourismus als Nebeneinnahme. Die Familien in ländlichen Regionen sind sehr groß, die Häuser auch. Aber immer mehr Junge ziehen fort, viele Räume stehen leer. Die sind nun für Fremde hergerichtet worden; auf ganz sanfte Art können Touristen Kontakt aufnehmen und lernen.

Geht das leichter als Alleinreisender?
Das kann man halten, wie man will. Solche Reisen werden für große oder kleine Gruppen und Individualreisende angeboten. Reisen mit so intensiven Begegnungen sind sicher nicht für jeden das Richtige. Wer aber wissbegierig ist ohne aufdringlich zu werden, der wird mit reichen Erfahrungen belohnt.

Interview von Susanne Iden

Indianer oder Indigene?

Darf man das noch sagen, Indianer? "Eigentlich nicht", sagt Yvonne Bangert, Referentin bei der Gesellschaft für bedrohte Völker in Göttingen. Aus einem einfachen Grund: Es gibt sie nicht, "die Indianer". Als Christoph Kolumbus auf der Suche nach einer westlichen Route von Europa nach Ostasien aus Versehen Amerika entdeckte, nannte er die Menschen, die dort lebten, kurzerhand "Indios" – weil er glaubte, in Indien angekommen zu sein.

Indianer oder Indios ist seither Sammelbegriff für alle einheimischen Völker Nord-, Mittel- und Südamerikas. Egal, wie unterschiedlich diese Völker, Stämme und Sprachgruppen sind. Welche Sprache aber ist heute politisch korrekt und respektvoll?

Zahlreiche Ureinwohner in Teilen Amerikas, insbesondere in den USA und Brasilien, nutzen das Wort "Indianer" nach wie vor als Selbstbezeichnung. Die meisten aber lehnen es ab, eben weil es ein Relikt der Kolonisierung, der Ermordung und der Entrechtung ihrer Vorfahren ist. "Sie bevorzugen es, mit dem eigenen Volksnamen angesprochen zu werden, also als Navajo oder Shoshone oder Mapuche", sagt Yvonne Bangert. "Oder aber mit neutralen Überbegriffen: Native Americans in den USA, First Nations in Kanada, Indigenas in Südamerika."

Wer auf der sicheren Seite sein wolle, der orientiere sich am besten an der Grundregel von Menschenrechtlern: Es gilt die Eigenbezeichnung eines Volkes, der Name, den Ureinwohner für sich selbst bestimmt haben. Auch dann, wenn es kaum eine passende Übersetzung ins Deutsche gibt? "Auch dann", sagt Bangert. "Wir sollten uns einfach daran gewöhnen – auch wenn im deutschen Sprachraum sicher noch lange von Indianern die Rede ist, weil die meisten dann sofort wissen, von wem die Rede ist."

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