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Top-Thema Höchste Eisenbahn
Sonntag Top-Thema Höchste Eisenbahn
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20:06 02.12.2016
Ausgerechnet die Deutsche Bahn will uns die Pünktlichkeit lehren: Mit ihrer Tür-zu-Initiative lässt der Dienstleister die Reisenden zur Erfüllung der unternehmenseigenen Verspätungsquoten eilen. Quelle: iStock

Ein moppeliger Mann kämpft sich zu pathetischer Musik mit einem Fahrrad die Rolltreppe hinauf, eine grauhaarige Frau mit Rollator sieht sich gehetzt in der Bahnhofshalle um. Eine junge Frau im knappen Kostüm eilt das Gleis entlang, die Einkaufstüten fallen ihr aus der Hand. Eine Schaffnerin bläst unerbittlich in die Trillerpfeife. Die junge Frau mobilisiert ihre letzten Kräfte – und knallt mit voller Wucht gegen die soeben geschlossene Tür.

Diese Szene stammt aus dem satirischen Film "Last Minute", mit dem Studenten der Münchner Hochschule für Fernsehen und Film der Deutschen Bahn mehr Selbstironie empfehlen wollten. Nun scheint das Szenario jedoch Wahrheit zu werden: Der Konzern möchte als Teil einer Kampagne für mehr Pünktlichkeit künftig die Türen der Züge früher schließen.

Getestet wird die Schließung eine Minute vor Fahrtbeginn, um so eine planmäßige Abfahrt zum Zeigersprung zu gewährleisten. Wer erst in der letzten Sekunde eintrifft, hat das Nachsehen. Wer zu spät kommt, den bestraft die Deutsche Bahn. Wobei zu spät hier ja sogar derjenige ist, der pünktlich zur Abfahrt kommt. Diese Überkompensation ist charakteristisch für das merkwürdige Verhältnis der Deutschen zur Pünktlichkeit.

Chefmobilisierer der Nation

Allein schon das Wort: Pünktlichkeit. In diesem Begriff manifestiert sich das Streben, die Zeit auf den Punkt zu bringen, sie in den Griff zu bekommen. Tatsächlich wurde das Konzept der Pünktlichkeit erst mit dem Siegeszug der Eisenbahn im 19. Jahrhundert populär. Der Fahrplan, an dem sich Menschen in verschiedenen Städten orientieren konnten, machte es erforderlich, die zuvor von Ort zu Ort variierenden Zeiten zu synchronisieren. Die Greenwich Mean Time wurde 1884 eingeführt.

Einerseits wird die plangerechte Ankunft am Arbeitsplatz oder bei anderen Terminen hierzulande eingefordert wie wohl kaum sonst wo. Wenn Prestigebauten wie der Berliner Flughafen oder die Hamburger Elbphilharmonie nicht pünktlich fertig werden, fühlen sich die Deutschen blamiert.

Die Deutsche Bahn als bundeseigener Betrieb und logistischer Chefmobilisierer der Nation wird eben besonders in der Pflicht gesehen: Wer bei Google den Begriff Pünktlichkeit eingibt, dem werden "Garantie" und "Bahn" als Suchbegriffe vorgeschlagen. Offenbar gibt es hier eine Erwartungshaltung. Unsere Gesellschaft ist von einem Zeitregime geprägt, das als selbstverständlich vorausgesetzt wird und meist unausgesprochen bleibt. Pünktlichkeit ist eine stillschweigende gesellschaftliche Verabredung.

Zwiespältige Tugend

Andererseits ist die Pünktlichkeit nur mehr eine Art vegetative Tugend, deren Huldigung aus der Mode geraten ist. Sie war einst eine feste Größe auf dem Erziehungslehrplan für anständige Kinder, etwa bei Gotthold Ephraim Lessing Ende des 18. Jahrhunderts: "Bester Beweis einer guten Erziehung ist die Pünktlichkeit."

Anfang des 20. Jahrhunderts hieß es in Else Urys Backfischromanen über das ungezogene "Nesthäkchen" noch: "Annemie, du wirst doch niemals Pünktlichkeit lernen. Rasch, rasch, in drei Minuten geht der Zug." Im Nationalsozialismus wurden die preußischen Tugenden, zu denen neben Gehorsam auch Disziplin, Pflicht­bewusstsein und Ordnungsliebe zählen, gar als Instrumente eines menschenverachtenden Ordnungs- und Vernichtungssystems missbraucht und nachhaltig diskreditiert.

Die 68er-Bewegung degradierte den von ihr verachteten bürgerlichen Wertekanon schließlich zu "Sekundärtugenden". Der deutsche Schriftsteller Carl Amery, Gründungsmitglied der Grünen, schrieb damals: "Ich kann pünktlich zum Dienst im Pfarramt oder im Gestapokeller erscheinen, ich kann mir die Hände nach einem rechtschaffenen Arbeitstag im Kornfeld oder im KZ-Krematorium waschen." Aus diesen Worten spricht die tiefe Skepsis gegenüber einem Ideal, das sich beliebigen Wertesystemen anschmiegt. Sie hält bis heute an.

Öffentliche Zeit und privates Zeitgewissen

Der deutsch-israelische Schriftsteller, Politikwissenschaftler und Zeithistoriker Rafael Seligman empfahl im Jahr 2012, Tugenden wie Disziplin, Pünktlichkeit, Arbeitsfreude und Loyalität müssten "in enger Verbindung zu moralischen Werten wie Menschlichkeit, Freiheitswillen und Demokratie stehen".

Eine Gewissenhaftigkeit ohne Gewissen war hierzulande lange verpönt. Heute wird die Pünktlichkeit nicht mehr ganz so ideologisch abgelehnt, jedoch als Tugend auch nicht offensiv propagiert. Nur die Alternative für Deutschland (AfD) forderte im Parteiprogramm von Sachsen-Anhalt jüngst eine Rückkehr preußischer Tugenden als Schulstoff.

Jenseits der AfD macht sich aber eher unbeliebt, wer auf der Pünktlichkeit herumreitet. Denn Zeitdisziplin erscheint dieser Tage als Gegenteil von gelebter, sinnvoll genutzter Zeit. "Uhren zeigen nicht nur die Zeit an, sondern wirken immer auch normativ und funktionieren so als Verhaltenssteuerung", schreibt der Geisteswissenschaftler Rüdiger Safranski in seinem Werk "Zeit. Was sie mit uns macht und was wir aus ihr machen" (2015). Die öffentliche Zeit der Uhren, die Verkehr und Arbeit regeln, verinnerliche der Einzelne zu seinem privaten Zeitgewissen. Das meldet sich, wenn es Fristen einzuhalten gilt.

Die Bringschuld wird abgewälzt

Mit der Bewusstmachung des streng getakteten Alltags in einer beschleunigten Gesellschaft kam der Widerstand dagegen: Der Einzelne strebt heute danach, sich für einen Moment von diesem Druck zu befreien und mit Achtsamkeitstraining und Handyausschalten auf die eigene, innere Uhr zu hören. Dabei verlässt er sich darauf, dass der Zug zum Wellnesswochenende rechtzeitig abfährt. Somit steht die Deutsche Bahn mit ihrem Projekt "Fahrgast im Dienste der allgemeinen Pünktlichkeitsquote" quer zum Zeitgeist.

Ausgerechnet die Deutsche Bahn will uns nun also die Pünktlichkeit lehren. Im Jahr 2000 hatte der Konzern noch viel Hohn für einen Werbespot geerntet, in dem sich Fahrgäste über eine Verspätung von drei Minuten ereifern. Offizielles Ziel der Deutschen Bahn ist eine Quote von 80 Prozent im Fernverkehr. 2015 kam sie auf 74,4 Prozent. Eine siebenseitige Abhandlung mit Daten zur Pünktlichkeit zeigt, wie wichtig dem Unternehmen das Thema ist – und sie passt zugleich ins Bild des peniblen Ordnungshüters, der den eigenen Ansprüchen nicht gerecht wird.

Allerdings belegt die Statistik auch, dass vor allem Unwetter und GDL-Streiks für Verspätungen verantwortlich sind. Wenn also verspätete Fahrgäste eigentlich keine maßgebliche Rolle spielen, ist es besonders vielsagend, dass die Bahn mit der Tür-zu-Initiative die Verantwortung auf den einzelnen Reisenden abwälzt. Damit der Konzern quotenselig die Statistik aufbessern kann, soll der Einzelne eilen. Das dürfte den angeschlagenen Ruf des Ex-Monopolisten, der durch Billigflieger, Überlandbusse und Schienenkonkurrenz zunehmend unter Druck gerät, nicht gerade verbessern.

Das Diktat der Zielquote

Doch wozu die ganze Aufregung? Zwar fluchen Bahnfahrende regelmäßig über Verspätungen, doch wer einmal auf einem anderen Kontinent unterwegs war, wird sich nach dem kleinen Chaos und den regelmäßigen Durchsagen zurücksehnen. Offizielle internationale Vergleichswerte zu Zugverspätungen gibt es jedoch nicht. "Wie misst eigentlich die kasachische Eisenbahn ihre Pünktlichkeit?", fragt die Pressestelle der Deutschen Bahn auf Anfrage zurück.

Allerdings gilt Japan als Mekka legendärer Pünktlichkeit, im Jahresschnitt beträgt die Verspätung gerade einmal 36 Sekunden pro Zug auf der wichtigsten Fernzugverbindung des Landes. Bei der Deutschen Bahn verweist man darauf, dass hierzulande ein großer Teil der Verspätungen durch Suizide am Gleis entstehe, diese Art von Selbstmord in Japan jedoch verpönt sei. Das klingt auf makabere Weise neidisch und zeigt, wie groß der öffentliche Druck ist.

Zur Geburtsstunde der Eisenbahn empfand man das damalige Tempo von rund 30 Stundenkilometern als lebensbedrohlich schnell und befürchtete Schäden für Organe. Rasch gab die Bahn damals jedoch den neuen Takt der Zeit vor. Heute dagegen diktiert sie Zielquoten.

Von Nina May

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