Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Top-Thema "Ich verstehe nicht, was Gott von mir will"
Sonntag Top-Thema "Ich verstehe nicht, was Gott von mir will"
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
20:05 01.04.2016
Von Marina Kormbaki
Durchgangsstation: Wer in Griechenland angekommen ist, ist noch lange nicht am Ziel. Besonders deutlich wird das in der Zeltstadt in Idomeni an der Grenze zu Mazedonien. Quelle: Armando Babani / dpa

Die Huptöne der Autos verkeilen sich zum wütenden Akkord. Die Luft ist fettig von den Hähnchenlappen, die seit Stunden am Spieß rotieren. Fußpaare eilen aufeinander zu und weichen im letzten Moment zur Seite. Eine intuitive Choreografie direkt vor Rimas Augen, aber Rima sieht sie nicht. Sie kauert auf dem Fevsipasa Boulevard und weilt doch sehr weit weg vom drangvollen Treiben im Zentrum Izmirs. Rimas Gedanken sind auf der Flucht übers Meer.

Sie sitzt auf einem Mauervorsprung, abgeschirmt vom großen Kinderwagen mit den beiden Jüngsten und von einem prall gefüllten Müllsack. Durch die graue Plastikhaut schimmert das Orange der Schwimmwesten. Rima wartet auf den Schmuggler, der sie, ihren Mann und die drei Kinder an einen einsamen Küstenort fahren soll. Heute Nacht wird die syrische Familie im Schlauchboot zur griechischen Insel Lesbos übersetzen. So hat es Rimas Mann beschlossen. "Ich habe Angst", sagt Rima.

Marktplatz für den Menschenhandel

Sie war einst Lehrerin, brachte Kindern Fremdsprachen bei. Doch Rimas Vergangenheit liegt in Schutt und Asche. Sie und ihr Mann waren in Syrien, in Aleppo, zu Hause. Von ihrem Haus ist nichts geblieben, Bomben haben es zerstört. Brüder, Schwestern, Cousins haben die Stadt verlassen. Die meisten haben es bis nach Deutschland geschafft. Sie haben Geld gesammelt, für Rimas Schlepper. "Wir sind allein zurückgeblieben", sagt Rima, eine junge Frau mit fast kindlich weichen Zügen. "Wir möchten zu unserer Familie."

Aber Rima fürchtet das Meer. "Ich kann ja nicht mal schwimmen." Sie hat die letzten beiden Nächte nicht geschlafen. Rima will Kontakt halten. Ein Zettel, darauf ihre Nummer. Rima sagt: "Bete für mich." Die Abendsonne wirft lange Schatten über den Fevsipasa Boulevard. Rima wartet.

Izmir ist eine Stadt mit sehr vielen Flüchtlingen. So wie jede andere türkische Großstadt auch. Schließlich leben mehr als drei Millionen von ihnen in der Türkei. Nach Izmir kommt jedoch kaum ein Flüchtling, um hier ein neues Zuhause zu finden. Wer nach Izmir kommt, will weiter. Nach Europa. Izmir ist eine Durchgangsstation. Ein Marktplatz für den Menschenhandel.

Eine Stadt auf dem Sprung

Politiker reden jetzt viel davon, dass sie Schleuserringe zerstören, den Schmugglern das Handwerk legen wollen. Wenn sie vom "Schlepperwesen" sprechen, klingt es immer auch ein bisschen so, als sprächen sie von einem listig getarnten Insekt, das im Verborgenen sein widerliches Werk verrichtet. Doch beim Spaziergang auf Izmirs zentral gelegenem Fevsipasa Boulevard gewinnt man schnell den Eindruck, dass skrupellose Geschäftsleute hier auf offener Straße ihrer Arbeit nachgehen, dem Handel mit Menschenleben.

Auf der verdreckten Außenterrasse des "Sindibat Café" schieben Männer in staubigen Sandalen Männern in spitz zulaufenden Lederschuhen Dollarnoten zu. Laden für Laden bieten Händler Schwimmwesten an: Männer zahlen 28 Euro, Frauen 22 Euro, Kinder 15,50 Euro. In den meisten Westen steckt bloß Schaumstoff. Abends sammeln weiße Transporter Familien wie die von Rima am Straßenrand ein, während die Polizei den Verkehr regelt. Eine Stadt ist auf dem Sprung.

Odyssee durch die Türkei: Im Leichenschauhaus von Izmir hat der Afghane Sakhi Sedighi gerade seine tote Schwägerin und zwei ihrer Kinder identifiziert. Quelle: Kormbaki

Es bleiben aber auch viele zurück. Ein Ort, der davon Zeugnis ablegt, ist das Gebäude der Gerichtsmedizin von Izmir. Sakhi Sedighi bewahrt die Adresse in der Innentasche seiner Daunenjacke auf.

Sein Leben lang hat der Afghane Sakhi sich an Orten wiedergefunden, an denen er nicht sein wollte. Er war in den Folterkellern der Taliban, in deutschen Abschiebegefängnissen, in verarmten türkischen Provinzstädten, die für ihn und seine Familie nur Verachtung übrig hatten. "Ich verstehe nicht, was Gott von mir will", sagt er mit einer von Zigaretten aufgerauten Stimme. Izmir ist eine weitere Stätte, in der der kleingewachsene Mann mit den verschatteten Augen eine schwere Prüfung zu bestehen hat.

Sakhi wollte nie nach Izmir. Er hat in einem schäbigen Haus in Istanbul Unterschlupf gefunden. Es ist drei Uhr in der Nacht, als ihn der Hilferuf ereilt. "Bruder, wir ertrinken! Bruder, schick Hilfe! In Didim – da sind wir ins Wasser gegangen!" "Was? Wo?" Sakhi ruft seine Fragen immer wieder ins Telefon. Als könnten sie hindurchschlüpfen durch die schmalen Zwischenräume im Tonsignal für abgebrochene Verbindungen.

Enttäuschung im Krankenhaus

Sakhis Schreie schrecken die zwei kleinen Kinder aus dem Schlaf. Seine Frau packt das Nötigste in ihre Handtasche. Seine drei Neffen im Teenageralter stopfen ein paar Jeans in ihren einzigen Rucksack. Sieben afghanische Flüchtlinge suchen im nächtlichen Istanbul ein Taxi, das sie in dieses Didim fährt.

Sakhi weiß nicht, dass der Küstenort siebeneinhalb Autostunden entfernt ist. Und selbst wenn er genauere Kenntnisse von der Geografie der Türkei hätte, würden er und seine Familie wohl kaum auf den nächsten Bus dorthin warten. Er muss helfen. Die Reise zehrt an seinem Ersparten.

Die türkische Küstenpolizei hat in dieser Nacht 15 Menschen vor dem Ertrinken gerettet. Sie kenterten in einem Schlauchboot, das unterwegs war zu einer griechischen Insel. Nach Farmakonisi, vielleicht auch Leros. Sakhi sieht sich die Überlebenden im Krankenhaus von Didim an. Jeder Blick eine Enttäuschung. Sein Bruder Hamayon, dessen Frau Bibiqasi und ihre drei Kinder sind nicht dabei.

Die Überfahrt von der Türkei auf die griechischen Inseln ist gefährlich, vor allem für Frauen und Kinder. Für die Schlepper ist das Geschäft mit den Verzweifelten trotzdem lohnend. Quelle: AFP

Sie wollten es nach Griechenland schaffen, ehe Europa und die Türkei neue, strengere Regeln gegen Flüchtlinge erlassen. Der Polizeikommissar drückt Sakhi einen Zettel in die Hand, darauf eine Adresse: "Fahren Sie nach Izmir. Die Toten liegen dort in der Gerichtsmedizin."

Im Busbahnhof von Izmir drängen sich Sakhi und seine Familie wieder in ein Taxi. Als der Taxifahrer begreift, wo diese Fahrt enden soll, schaltet er das Taxameter aus. Beim Aussteigen hält Sakhi dem Mann ein paar Lira-Scheine hin, doch der schnalzt mit der Zunge und fährt weg. Die drei Jungs, Sakhis Neffen, schauen schweigend hoch zum riesigen Justizzentrum. Sein Sohn Mohamed dreht sich im Kreis, seine schwerbehinderte Tochter Zuhal stürzt und weint.

Pförtner und Polizisten werfen abschätzige Blicke auf die Afghanen. Sakhi hält einem Mann im Anzug den Zettel aus Didim hin, fragt in seiner Muttersprache Farsi, wo er hin muss. Der Anzugträger schickt ihn wortlos nach links in eine dunkle Unterführung. Dort liegen braune Klappsärge herum. Sakhi und die Jungen brechen in Tränen aus. Sie sind hier falsch. Ein Polizist zischt die Gruppe an, der Eingang sei auf der anderen Seite.

Sieben Jahre in Deutschland

Sakhi und sein Neffe Rashed betreten die Empfangshalle der Gerichtspathologie. Der Oberarzt kommt. Hände in den Kitteltaschen, Blick über den Brillenrand. Er sagt: "Wir haben 25 Leichname. Bei 20 steht die Identität fest, sie hatten Ausweise bei sich. Fünf nicht. Warten Sie. Wir werden Sie Ihnen zeigen." Sakhi nickt, bedankt sich. "Tesekkür" ist das einzige türkische Wort, das er kennt.

Stunde um Stunde vergeht. Sakhis zerkratztes schwarzes Handy klingelt ständig. Eine einstimmige, leiernde Melodie. Brüder, Cousins und Tanten in Afghanistan stellen Fragen, auf die Sakhi keine Antworten hat. Plaudernde Ärztinnen durchschreiten mit Kaffeebechern in der Hand die Wartehalle. Ihre Schritte hallen von den hellbraun gefliesten Wänden wider. Es riecht nach nichts.

Sakhi erzählt von Deutschland. Er war längst dort, wohin sein Bruder Hamayon wollte. Sieben Jahre lang lebte er in Bayern, reihte Duldung an Duldung, bis er 2007 aus München nach Afghanistan abgeschoben wurde. Aber er hegt keinen Groll auf Deutschland, er würde gern hierher zurückkehren.

Folter nach der Abschiebung

Er schwärmt von seinem einstigen Chef in einer Metallverarbeitungsfirma, vom Hefeweizen, von deutscher Disziplin. "In Deutschland arbeiten die Menschen acht Stunden am Tag. Sie kommen und sie gehen pünktlich", erklärt Sakhi seinem Neffen. Rashed versteht kein Wort, denn sein Onkel spricht plötzlich deutsch mit ihm. Der Junge lächelt milde.

Kaum war Sakhi nach Kabul zurückgekehrt, nahmen ihn sich die Taliban vor. Sie übten Rache an ihm, weil er einst für die Regierung der ihnen verhassten Mudschaheddin gearbeitet hatte. Als Bote. Sakhis Oberkörper ist eine Kraterlandschaft, verwüstet und zerpflügt von Peitschenhieben, Prügeln, Schnitten, Verbrennungen.

Die Blätter einer milchverglasten Schiebetür teilen sich. Der Arzt bittet Sakhi und Rashed zu sich. Hinter ihm sind fünf Liegen aufgereiht. Darauf fünf Körper, bedeckt mit schwarzer Plane. Sakhi und Rashed wanken in den Raum, die Hände ans Gesicht gepresst. Der Arzt führt sie von Liege zu Liege, schlägt das Laken zurück, zeigt das Gesicht der Ertrunkenen.

Beten für die Toten: Die Familie Sedighi hat die Gräber für ihre ertrunkenen Angehörigen selbst ausgehoben. Quelle: Kormbaki

Beim Anblick seiner Schwägerin Bibiqasi entfährt Sakhi ein kehliger Schrei. Rashed weint lautlos über seinem siebenjährigen Cousin Ahmad Naweed. Seine vierjährige Cousine Hadeya will er berühren und zieht die Hand dann doch zurück. Die zwei anderen aufgebahrten Kinder kennt er nicht.

Der Arzt klopft Sakhi und Rashed auf die Schulter. Er drückt sie sanft durch die Schiebetür zurück in die Eingangshalle. Dort steht ein Mann, Brille, Klemmbrett, Karohemd. Er hält Sakhi eine grüne Visitenkarte hin. Nach muslimischer Lehre sollen Tote binnen eines Tages bestattet werden. Vielleicht liegt es ja daran, dass der Mann so nachdrücklich auf Sakhi einredet und ihm vorrechnet: 1700 Dollar für die Überführung nach Afghanistan, pro Person. Sakhi vergisst die Summe schnell wieder, sie liegt jenseits seiner Möglichkeiten.

Tage später lässt er Bibiqasi, ihren Sohn und ihre Tochter nahe Izmir bestatten. Die drei Gräber heben Sakhi und Rashed eigenhändig aus. Sakhis Bruder Hamayon wurde nicht geborgen. Auch nicht sein kleiner Neffe Waleed.

"Muss meine Familie ins Gefängnis?"

Rima, die verängstigte Syrerin vom Fevsipasa Boulevard, schreibt. Das Handy vibriert um 2.36 Uhr in der Nacht.

"Hallo. Wir sind an diesem Punkt."

Ein Kartenausschnitt: links Meer, rechts Land, an der Küste pinnt eine rote Stecknadel.

"Es ist sehr kalt. Wir sind 28 junge Erwachsene und 18 Kinder. Ich habe Angst. Ich will zurück, aber es bringt nichts. Es kommen noch 15 Leute mit ihren Kindern. Der türkische Bootsbesitzer sagt, dass wir mehr als 60 Leute sein müssen. Was rätst du mir? Hallo? Bist du da?"
"Ja, ich bin da. Ich weiß ebenso wie du, dass es eine sehr gefährliche Überfahrt ist. Ich will ehrlich zu dir sein. Ich weiß nicht, was ich an deiner Stelle tun würde. Ich hätte eine Riesenangst."

Rima schickt ein gelbes, trauriges Gesicht.

"Rima, rede mit deinem Mann. Versuch ihn von seinem Vorhaben abzubringen. Es muss einen anderen Weg geben."
"Wenn etwas schief läuft, kann ich dir unseren Ort schicken und du rufst Hilfe? Ich habe es versucht, aber vergebens. Er sagt, dass er rüber will, selbst wenn er dabei ertrinkt. Er sagt, ich sei schwach."
"Das bist du nicht. Kannst du mit den Kindern zurückbleiben?"
"Doch, das bin ich, und ich habe Angst um meine drei kleinen Mädchen."
"So würde sich jede Mutter in dieser Lage fühlen."
"Wie soll ich zurückbleiben? Die Küste ist verlassen, nur wir da."
"Müssen wir die Polizei rufen?"
"Wenn sie kommen, muss meine Familie dann ins Gefängnis?"
"Ich weiß es nicht, wirklich nicht."
"Ok. Die Polizei soll kommen. Aber mein Mann darf nicht erfahren, dass der Hinweis von mir stammt. Sonst habe ich ein Problem."

Der Polizei und dem Küstenschutz lagen genaue Daten zum Aufenthaltsort der Flüchtlinge vor. Die Polizei kam nicht. Aber auch der Schlepper kam nicht. Zufall, oder auch nicht.

Wer lacht, ist noch nicht lange da

In dieser Nacht legen Dutzende Schlauchboote von der türkischen Küste ab. Am nächsten Morgen betreten Hunderte Syrer, Afghanen und Iraker erstmals europäischen Boden. Am Hafen von Chios, in Sichtweite der Provinz Izmir, erkennt man die Neuankömmlinge am Gesichtsausdruck. Wer lacht, ist noch nicht lange da. Kinder pusten in Trillerpfeifen, die ihnen Helfer zum Spielen gegeben haben. Die Trillerpfeifen stammen aus den beschlagnahmten Schwimmwesten.

Einige Kilometer weiter südlich, dort, wo kaum vier Seemeilen Chios von der Türkei trennen, kommt Maria wieder nicht dazu, sich und ihrer Familie ein warmes Mahl zu bereiten. Wieder sind Dutzende Flüchtlinge vor ihrer Haustür angelandet. Maria und ihre achtjährige Tochter Ermioni haben alle Hände voll zu tun.

Sie helfen den Geflüchteten aus ihren durchnässten Sachen, versorgen sie mit Kleidung. Die afghanischen Kinder wollen wissen, was "Hose" und "Jacke" auf Griechisch heißt. "Ich würde ihnen allen ja gern eine Suppe kochen, aber so viele Töpfe habe ich gar nicht", sagt Maria.

Die griechische Insel Chios ist nur vier Seemeilen von Izmir entfernt. Die Einheimischen um Maria (Mitte) stellen sich dem Leid der Flüchtlinge – und helfen. Quelle: Kormbaki

Eigentlich wohnt Maria im Landesinneren. Seit letztem Sommer jedoch, seit Tag für Tag Menschen aus dem Meer steigen, hat Maria ihre Laube im Fischerdorf Agia Ermioni kaum verlassen. Ihr Alltag kreist um die Flüchtlinge. Wenn die kräftige Frau mit dem blondierten Haar und den sehr roten Lippen ein Schlauchboot durchs Fernglas erspäht, ruft sie die Küstenwache. Wenn die Flüchtenden zu ihr kommen, versorgt sie sie mit dem Nötigsten.

Marias Mann Stelios ist Seemann. Als er kürzlich nach vielen Monaten auf See zurückkehrte, fand er seinen Kleiderschrank leer vor. "Nur seinen Hochzeitsanzug habe ich nicht den Flüchtlingen gegeben", sagt Maria. Sie lacht ein lautes, die Laube füllendes Lachen.

Maria war nie in ihrem Leben politisch aktiv oder ehrenamtlich engagiert. Vor 50 Jahren wurde sie auf der Insel geboren, sie hat in einer Schneiderei gearbeitet, bei einem Batteriehersteller, in Hotels. Ihre Großeltern wurden 1922 von den Türken aus dem damals griechisch besiedelten Izmir vertrieben, diese Flucht war immer ein Thema in der Familie. "Aber dass ich eines Tages mal Flüchtlingen helfen würde? Wenn mir das noch vor einem Jahr jemand vorausgesagt hätte, hätte ich ihn für bekloppt erklärt."

"Wir können nicht wegschauen"

Als sie im Sommer 2015 den ersten Flüchtlingen aus dem Wasser half, hielten viele Inselbewohner wiederum sie für verrückt. "Die Leute hatten Angst", sagt Maria, "ich hatte ja selbst kein gutes Gefühl dabei." Ihre Tochter Ermioni wurde in der Schule ausgegrenzt. Mitschüler behaupteten, sie schleppe Krankheiten von Flüchtlingen an.

Inzwischen haben die Bewohner von Chios ihren Widerwillen abgelegt. Sie spenden jetzt viel und gern für die Kleiderkammer, die Maria vor ihrer Hütte hat errichten lassen. Sie hat gemeinsam mit zwei älteren Paaren aus der Nachbarschaft eine veritable Hilfsorganisation auf die Beine gestellt. Oft fragen Helfer und Betreiber der großen Flüchtlingsunterkünfte an, ob Maria ihnen mit Jacken oder Schuhen aushelfen kann.

"Anders als die vielen freiwilligen Helfer, die auf die Insel gekommen sind, haben wir es uns nicht ausgesucht, immerzu nach Booten in Not Ausschau zu halten", sagt Maria. "Aber wir können nicht wegschauen. Wir sind doch Menschen. Und wir wollen Menschen bleiben."

Hoffen auf eine neue Existenz

Rima schreibt. "Wir haben den Schleuser gestern Nacht am Strand Dutzende Male angerufen. Wir wollten den Trip absagen, er sollte einen Wagen schicken. Zwei-, dreimal ging er ran und log uns jedes Mal an. Wir hatten nicht mal Wasser. Wir haben die ganze Nacht gewartet und kletterten bei Sonnenaufgang den steinigen Weg zurück. Wir waren zwei Stunden zu Fuß unterwegs und hatten dann das Glück, auf einen alten türkischen Mann zu treffen, der uns Wasser gab und einen Busfahrer rief, der sofort kam und uns zum Busbahnhof brachte. Es war eine so beängstigende, schreckliche Erfahrung."

Wenige Tage später unternimmt Rima mit ihrer Familie einen erneuten Fluchtversuch. Ihr Mann ist von dem Gedanken nicht abzubringen. Dreieinhalb Jahre hat er vergeblich versucht, sich und seiner Familie im südtürkischen Adana eine Existenz aufzubauen. Im ersten Jahr arbeitete er als Klempner. Doch dann wurde es seinem Chef zu heikel, verbotenerweise einen Flüchtling zu beschäftigen, und er entließ ihn.

Quelle: RND

Anschließend half er bei der Ernte, aber das Geld reichte nicht, um eine Familie zu ernähren. Zuletzt verkaufte er auf der Straße Brot, für zehn Euro am Tag. Seit wenigen Monaten dürfen immerhin syrische Flüchtlinge in der Türkei offiziell arbeiten. Doch die Regierung hat die Arbeitserlaubnis für Syrer mit vielen "Wenns" gespickt, um türkischen Arbeitssuchenden Vorrang zu geben. Rimas Mann glaubt nicht an ein gutes Leben in der Türkei. Er will weg.

Auf dem Weg zur Küste, beim zweiten Versuch, fährt der mit Flüchtlingen beladene Transporter an vielen Polizeiwagen vorbei. Die Menschen haben Angst, reden auf den Schleuser ein, fordern den Abbruch der Aktion. Der Schleuser weigert sich, gibt dann nach. Das Geld hat er längst kassiert und rückt es nicht heraus. Rima und ihr Mann brauchen dieses Geld. 2500 Dollar.

"Sie glauben, sie wären am Ziel"

An einem stürmischen Sonntag finden Maria und die Helfer aus der Nachbarschaft Zeit für ein gemeinsames Essen. Das Meer ist wild, da setzt niemand nach Chios über, hoffentlich. Maria hat Kalamaris und Scampis mitgebracht. Froso, die Gastgeberin, tischt gefüllte Weinblätter und Bohnensalat auf. Ihr Mann Dimitris schenkt allen Ouzo ein. Es ist ein herzlicher Nachmittag. Freudig, gar feierlich ist er nicht. Dafür haben sie alle hier in den letzten Monaten zu viel gesehen.

Maria erzählt von dem stillen Baby, das auf ihrem Esstisch wiederbelebt wurde. Von dem Mann, dessen Arm blau und taub war, weil er während der Überfahrt damit ein Loch im Schlauchboot stopfte. Von Frauen, die sich mit leerem Blick von ihr umziehen ließen. "Viele kommen hier mit frischen Wunden von Elektroschockpistolen an. Damit treiben die Schmuggler sie aufs Boot, wenn sie im letzten Moment doch Zweifel haben", sagt Maria.

Gibt es auch Schönes, vielleicht die Erleichterung der Menschen bei ihrer Ankunft? Marias Freundin Silvie sagt: "Es fällt so schwer, den Menschen ihre Illusionen zu lassen. Sie denken, sie hätten das größte Hindernis bewältigt, wenn sie hier ankommen. Sie glauben, sie wären am Ziel. Dabei steht ihnen noch viel Schlimmes bevor."

Wildes Zeltlager im Hafen von Piräus: Athen weiß nicht mehr, wohin mit all den gestrandeten Menschen. Quelle: Kormbaki

Mit der Fähre sind es von Chios nach Athen sechseinhalb Stunden. Jawad, ein junger Syrer aus Aleppo, ist auf dieser Fähre. Nach tagelangem Warten verlässt er Chios. Die Regierung hat den Reisebüros auf den Ägäis-Inseln aufgetragen, nur noch wenige Tickets an Migranten zu verkaufen. Athen weiß nicht wohin mit all den Menschen. Jawad hat vorgesorgt. Er hat sich auf der Insel ein Zelt und eine Decke besorgt, sein einziges Gepäck.

Er baut das Zelt gleich am Hafen von Piräus auf, zwischen den anderen bunten Zelten unter dem großen Banner an Tor 1. Das Banner informiert historisch Interessierte: "2021: 2500 Jahre nach der Schlacht von Salamis." Von dieser Schlacht hat Jawad noch nie gehört. Überhaupt hält sich sein Interesse an Kämpfen in Grenzen. "Ich bin aus Aleppo geflüchtet, weil ich sonst den Militärdienst antreten müsste", sagt Jawad. "Aber ich bin IT-Ingenieur. Ich bin kein Schlachter."

In Athen kapituliert er nach drei Tagen und drei Nächten. "Ich schäme mich, hier zu sein", sagt Jawad, die Kapuze tief ins Gesicht gezogen. "Ich bin eine Nummer, sonst nichts." Er nimmt den Bus nach Norden, fährt an die geschlossene Landesgrenze zu Mazedonien, zum Elendslager von Idomeni. Er sagt: "Ich will Deutschland so nah wie möglich sein."

Die Verzweifelten harren aus

Es wäre vielleicht gut gewesen, wenn Jawad in Piräus die Bekanntschaft des jungen Afghanen Asif gemacht hätte. Asif hätte Jawad von Idomeni erzählen können. Vom Schlamm, der an den Beinen saugt. Von Menschen, die um Essen anstehen. Vom ätzenden Qualm der lodernden Lumpen. Vom Husten all der kranken Kinder. "Ich habe es dort nicht mehr ausgehalten und bin nach Athen zurückgekehrt", sagt Asif.

Sein Vater, Dolmetscher für Nichtregierungsorganisationen, ist von den Taliban ermordet worden. Asif ist vor den Häschern aus Kabul geflohen. Er hat eine zweimonatige, 5000 Dollar teure Odyssee hinter sich. Sie führte ihn über Pakistan, den Iran, die Türkei nach Griechenland, wo er nun in Athen festsitzt. Asif sagt: "Ich fahre erst wieder nach Idomeni, wenn sie die Grenze öffnen."

In Idomeni deutet nichts darauf hin, dass das geschieht. Hinter dem klingenbewehrten Zaun fahren mazedonische Kampffahrzeuge auf und ab. Helfer stellen von Tag zu Tag mehr Großraumzelte und Container auf. Das Provisorium verfestigt sich. Und dennoch harren verzweifelt Hoffende hier aus, kommen immer noch Menschen hier an. "Vielleicht machen sie bei mir ja eine Ausnahme", sagt Jawad.

Rima schreibt. "Der Schleuser hat uns soeben unser Geld zurückgegeben." Rima würde damit gern einen Neuanfang in der Türkei versuchen. Ihr Mann plant die Flucht.

Unsere Autorin Marina Kormbaki hat mit Unterstützung der Sir-Hugh-Carleton-Greene-Stiftung mehrere Wochen in der Türkei und in Griechenland auf den Spuren der Flüchtlinge recherchiert.

Einst waren Wohngemeinschaften ein Lebenskonzept für Studenten – für Menschen eben, die sich noch keine eigene Wohnung leisten konnten. Heute ist die WG bei alleinstehenden Berufstätigen beliebt: Weil Singlewohnungen Mangelware sind und weil geteilter Wohnraum Nestwärme und Ersatzfamilie bietet.

Sonja Fröhlich 03.04.2016

Fast die Hälfte der Deutschen würde gern eine Auszeit vom Job nehmen. Doch nur wenige verwirklichen den Traum von der Freiheit auf Zeit. Weil das Geld fehlt, der Chef Nein sagt oder Arbeitnehmer in vorauseilendem Gehorsam gar nicht zu fragen wagen. Warum es sich lohnt, um das Sabbatical zu kämpfen.

26.03.2016

Es gibt einen neuen Star unter den Feiertagen: Das Osterfest ist den Deutschen lieber denn je. Die Fastenzeit geht zu Ende, es darf gelacht und geschlemmt werden. An Ostern kommen Familie und Freunde zusammen, ohne Erwartungsdruck und Erfolgszwang, entspannter und fröhlicher als zu Weihnachten.

Susanne Iden 25.03.2016