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Top-Thema Europas größte Baustelle soll London verändern
Sonntag Top-Thema Europas größte Baustelle soll London verändern
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20:43 08.04.2016
Europas größte Baustelle verläuft quer unter der Millionenstadt London. Quelle: Crossrail
Paddington

Paddington. Das Wort allein klingt schon wie eine Verheißung von Abenteuer und Neuanfang. Viele Geschichten nehmen an der Paddington Station ihren Lauf. Miss Marple beginnt hier in Agatha Christies Roman "16 Uhr 50 ab Paddington" eine Zugfahrt, bei der sie einen Mord beobachtet und bis zum Ende des Buches meisterhaft aufklärt.

Die erste U-Bahn rollte in London

Einer der berühmtesten Bären der Literaturgeschichte trägt den Namen Paddington. Erst kürzlich lief in den Kinos die Verfilmung der erfolgreichen Kinderbuchreihe von Michael Bond, in der die Familie Brown einen kleinen Bären aus Peru am Bahnsteig findet und ihn nach seinem Fundort "Paddington Bear" tauft. Am 10. Januar 1863 startete hier die erste U-Bahn der Welt, die Metropolitan Line. Wenige Bahnhöfe sind weltweit so bekannt wie die Londoner Paddington Station.

Auch für Peter Jarman ist Paddington etwas ganz Besonderes. Sein täglicher Weg zum Arbeitsplatz im Bahnhof ist so etwas wie eine Reise in seine eigene Vergangenheit. "Mein Vater hat viele Jahre in Paddington gearbeitet", sagt Jarman, "zuletzt als Taxifahrer." Deswegen sei er schon als Kind immer wieder in dem eindrucksvollen Gebäude gewesen, geprägt von majestätischen Stahlrundbögen und unzähligen feinen Bauelementen aus der viktorianischen Zeit.

Die große Bahnsteighalle, 1854 vom bekannten britischen Ingenieur Isambard Kingdom Brunel entworfen, die schmale Trasse am Rande, die eigens für Taxis geschaffen wurde – Jarman hat noch gut vor Augen, wie der einstige Startpunkt der Great Western Railway einmal aussah. Nun ist in gewisser Weise er es, der Paddington in ein neues Zeitalter führt.

Neue Station unter altem Bahnhof: Paddington ist das Herzstück der Bauarbeiten. Quelle: Crossrail (Zeichnung)

Jarman ist einer der Konstruktionsmanager von Crossrail, dem derzeit ehrgeizigsten Verkehrsinfrastrukturprojekt und gleichzeitig der größten Baustelle Europas. Paddington ist eines der Herzstücke des gigantischen Vorhabens, ein neuer Bahnhof direkt unter dem alten.

Auf den ersten Blick ist Crossrail nur eine neue Eisenbahnlinie; doch sie ist eine der aufwendigsten, die in Großbritannien je entstanden ist. Die 118 Kilometer lange Strecke führt von Reading in Berkshire bis Shenfield in Essex, einmal mitten unter der Hauptstadt London hindurch. Hier liegt auch ihre für die Infrastruktur wichtigste Etappe: Sie verläuft von Europas größtem Flughafen Heathrow bis ins Finanzviertel Canary Wharf im Osten Londons.

Mit U-Bahn oder Auto benötigt man für diese Strecke bislang gut 80 Minuten, Staus nicht eingerechnet – und es staut sich viel und oft hier auf den engen Straßen der größten Hauptstadt der EU. Crossrail soll die Fahrtzeit auf 40 Minuten reduzieren und die Bahnkapazitäten in der Hauptstadt insgesamt um 10 Prozent erhöhen.

Die Züge auf dieser Strecke werden mit 200 Metern etwa so lang sein wie ein ICE 3 in Deutschland und damit doppelt so lang wie die meisten Züge der Londoner U-Bahn. Zur Hauptverkehrszeit sollen auf dem zentralen Abschnitt der Strecke 24 Züge pro Stunde rollen. Die Prognose: 200 Millionen Fahrgäste pro Jahr.

Kosten: 21 Milliarden Euro

London wächst und wächst, zieht Menschen aus aller Welt an. An der Themse wird gebaut wie lange nicht mehr. Die wenigen verbliebenen Baulücken werden geschlossen, moderne Hochhäuser ersetzen alte Gebäude. London erfindet sich mal wieder neu, und deshalb braucht es auch neue Verbindungslinien für Millionen.

Noch ist Crossrail für die täglichen Pendler Zukunftsmusik. Zwar betreibt die gemeinnützige Nahverkehrsgesellschaft Transport for London (TfL) unter dem Namen TfL Rail bereits einen Übergangsbetrieb auf einem Teilstück außerhalb der Hauptstadt. Doch bis das Londoner Zentrum auf der neuen Strecke wirklich unterquert werden kann, dauert es noch bis Dezember 2019 – sofern alles gut geht. Daran hat man bei Crossrail indes keinen Zweifel.

"Wir liegen komplett im Zeitplan", sagt Jarman optimistisch, und Crossrail-Sprecherin Dagmar Dua ergänzt stolz: "Wir liegen auch im Kostenrahmen." Am Ende wird das Projekt mit umgerechnet rund 21 Milliarden Euro zu Buche schlagen. TfL unter dem scheidenden Londoner Bürgermeister Boris Johnson und das britische Verkehrsministerium teilen sich die Kosten. Beide versprechen sich immens viel davon: "Das Projekt ist wesentlicher Teil unseres auf lange Sicht angelegten Plans für den Aufbau einer widerstandsfähigeren Wirtschaft", verkündete im vergangenen Jahr Premierminister David Cameron.

Unternehmen sollten so "in ihrem Wachstum, ihrer Wettbewerbsfähigkeit und bei der Schaffung von Arbeitsplätzen über die gesamte Lieferkette hinweg" unterstützt werden. Soll heißen: Die Regierung sieht Crossrail als Konjunkturhilfeprogramm. Optimistische Schätzungen gehen davon aus, dass Crossrail indirekt zu 55.000 neuen Jobs entlang der Strecke führen wird. 57.000 neue Wohnungen könnten entstehen, außerdem eine Million Quadratmeter neuer Laden- und Bürofläche.

Politisches Prestigeprojekt

Schon einmal ist in London eine solche Strategie aufgegangen: Die ersten U-Bahn-Linien wurden hier im 19. und 20. Jahrhundert teilweise in unbebaute Landschaft verlängert. Wer wusste, dass er Anschluss hat, war bereit, neue Siedlungen zu bauen. Kaum eine andere Großstadt hat neue Wohnflächen nötiger als London: Die Mieten sind längst in kaum bezahlbare Höhen gewachsen. Eine Ein-Zimmer-Wohnung im Zentrum schlägt leicht mit 400 Euro Miete zu Buche – pro Woche.

In politischen Kreisen ahnt man längst: Wenn Crossrail gelingt, können damit Wahlen gewonnen werden. Fahren die Züge erst einmal auf dieser Strecke, kommen Pendler schneller zur Arbeit, Geschäftsleute bequemer in die Finanzviertel. Deswegen wurde es von Beginn an als Chefprojekt ausgewiesen. Nicht nur Premier Cameron nahm sich der Sache an; auch Queen Elizabeth II. besuchte die Baustelle vor einigen Wochen und erfuhr dort: Keine Geringere als sie selbst soll Namensgeberin werden, wenn Crossrail im Dezember 2019 den Vollbetrieb aufnimmt. Dann wird die Strecke Elizabeth Line heißen, angelehnt an Namen der bestehenden Londoner U-Bahn-Linien. Ein Logo gibt es bereits, es ist in Purpur gehalten, einer Lieblingsfarbe der Queen.

Für Peter Jarman haben derzeit ganz andere Farben eine Bedeutung: Weiß, Blau und Schwarz. Das sind die Farben der Schutzhelme auf der Crossrail-Baustelle in Paddington, knapp 40 Meter unter dem Erdboden. Und sie sind ein wesentlicher Teil des Sicherheitskonzepts. Während die meisten Arbeiter weiße Modelle tragen, gibt es einige Aufsichtspersonen mit schwarzen. Sie kontrollieren die Sicherheit und im Notfall sind sie es, denen jeder mit einem weißen Helm zu folgen hat. Dann gibt es noch die blauen – die wiederum achten auf alle Schwarzbehelmten.

Bei dem Bau der Crossrail sind Deutsche Tunnelbohrmaschinen im Einsatz. Quelle: Crossrail

Bis zu 300 Arbeiter sind auf der Baustelle Paddington beschäftigt, sagt Jarman. "Im Notfall weiß jeder, auf welche Helmfarbe er schauen muss." Dies scheint eine simple Methode zu sein, um auf sicherem Wege ans Tageslicht zu gelangen, wenn etwas passiert. Ein gewisses Maß an Pragmatismus soll indes dafür sorgen, dass es auch der schnellste ist: "Wenn wir sehen, dass Leute wiederholt Abkürzungen nehmen auf der Baustelle, über Geländer hinweg, dann verbieten wir das nicht unbedingt gleich", sagt der Konstruktionsmanager. Die Bauleitung überlege stattdessen, ob diese Abkürzung sinnvoll sei und deswegen zu einem offiziellen Weg werde.

Nicht lange reden, machen: Das könnte die Maxime des ganzen Projekts sein. Während Kritiker anfangs vor Gigantomanie warnten – unter anderem, als für den Neubau der Station Tottenham Court Road kurzerhand das beliebte Astoria-Theater abgerissen wurde –, sind bereits jetzt Tatsachen geschaffen worden, dreieinhalb Jahre vor der vollständigen Inbetriebnahme.

Acht riesige Tunnelbohrmaschinen von Marktführer Herrenknecht aus Baden-Württemberg haben sich bis zum vergangenen Mai durch den Londoner Untergrund gefressen. Ein waghalsiges Projekt in einer fast 2000 Jahre alten Millionenstadt, in deren Untergrund seit fast 200 Jahren gebaut wird. An einigen Stellen beträgt der Abstand von Leitungen, Röhren, Wänden und bestehenden U-Bahn-Tunneln zur Crossrail-Anlage weniger als einen halben Meter. "Moderne Maschinen arbeiten deswegen mit Millimetertoleranz", erklären Fachleute von Herrenknecht. Sie graben Tunnel mit bis zu 19 Metern Durchmesser und kleiden diese mit vorgefertigten Platten aus, rund um die Uhr, sieben Tage die Woche.

Weiteres Mammutprojekt in Planung

Für Herrenknecht ist Crossrail nicht nur ein wichtiges Prestigeprojekt. Es ist auch eine Möglichkeit, zurück zu den Wurzeln des modernen Tunnelbaus zu gehen, dessen Wiege London ist. Hier wurde von 1825 an erstmals nach heutiger Methode eine Flussunterquerung gebaut. Um des sandigen, weichen Bodens unter der Themse Herr zu werden, entwarf der Ingenieur Marc Brunel mit seinem Sohn Isambard Kingdom Brunel ein Stahlgerüst. In dessen Schutz gruben Arbeiter den Tunnel, während gleich dahinter Maurer die Wände mit Ziegeln verstärkten. Das Grundprinzip der Tunnelbohrmaschinen war erfunden.

Bürgermeister Johnson nutzte Crossrail in den vergangenen Jahren konsequent zur Selbstvermarktung – auch wenn das Projekt weit vor seiner politischen Karriere geplant wurde. Doch es wird für lange Zeit das wichtigste Infrastrukturvorhaben Großbritanniens bleiben, viel beachtet auch im Rest der Welt. Der Konservative Johnson gerät aber zunehmend unter Rechtfertigungsdruck: Derzeit kämpft er an vorderster Front für den Brexit, den Austritt Großbritanniens aus der EU.

Nun war es gerade Johnson, der 2009 die Europäische Investitionsbank (EIB) pries, als diese ihm ein attraktives Darlehen von einer Milliarde Pfund (1,3 Milliarden Euro) für Crossrail gewährte. Kapitalgeber der in Luxemburg ansässigen EIB sind die EU-Mitgliedsstaaten. "Unsere guten Freunde bei der EIB haben uns mit einer Milliarde mehr Gründe ausgestattet, Crossrail mit unaufhaltsamer Kraft fortzuführen", jubelte Johnson damals. Aus Sicht der Brexit-Gegner ist dies ein wunder Punkt in seiner derzeitigen Strategie, Europa Lebewohl zu sagen.

Doch der Verwaltungschef plant längst weiter, ob mit oder ohne Europasterne. Schon jetzt steht eine Erweiterung des Mammutprojekts Crossrail auf dem Papier, Crossrail II: Die Trasse soll nördlich von London in der Grafschaft Hertfordshire beginnen, ebenfalls durch London verlaufen und dort mit der Elizabeth Line und dem bestehenden U-Bahn-Netz verknüpft werden und in der südenglischen Grafschaft Surrey enden. Schatzkanzler George Osborne stellt im neuen Staatshaushalt 2016 insgesamt 80 Millionen Pfund für die Planung bereit, umgerechnet gut 100 Millionen Euro. Transport for London muss noch einmal denselben Betrag beisteuern.

Von Michael Pohl

"Überall werden Hochhäuser wachsen"

Christopher Wren ist ein Mann, der hierzulande vielleicht nicht so bekannt ist – in England aber hat er ganze Städte nachhaltig geprägt. Wren, Mathematiker und Architekt, konstruierte gut 100 Gebäude im ganzen Land, darunter zahlreiche Paläste. Sein bekanntester Bau aber ist ein Wahrzeichen von London: St. Paul’s Cathedral. Über Jahrhunderte war der majestätische Kirchenbau das höchste Gebäude der Stadt. Der Grund dafür war ein ganz pragmatischer: Das große Feuer von 1666 hatte fast vier Fünftel des Londoner Zentrums zerstört. Mit dem Wiederaufbau durften Gebäude nur noch so hoch werden, dass im Ernstfall auch die oberen Stockwerke mit einer Feuerwehrleiter erreichbar sein würden. Nur für St. Paul wurde eine Ausnahme gemacht. Die Kathedrale überragte alles.

Chicago? Frankfurt? London! Wenn alle genehmigten Hochhäuser in der City und im Osten der britischen Hauptstadt gebaut werden, verändert sich das Stadtbild nachhaltig, wie eine Simulation des Finanzviertels zeigt. Quelle: Visualhouse-Dan Lowe

In den kommenden Jahren dürfte es zunehmend schwerer werden, einen Blick auf die Kuppel von St. Paul zu erhaschen. Nach einer Untersuchung der Architekturvereinigung New London Architecture sind in London derzeit 436 Gebäude mit mehr als 20 Stockwerken im Bau oder in Planung. Neun sollen mehr als 60 Etagen haben. Die Skyline gerate außer Kontrolle, warnte bereits eine Delegation von 80 Architekten und Städteplanern in einem offenen Brief. "Die Entwürfe bedrohen den einzigartigen Charakter und die Identität unserer Stadt", hieß es darin. Entstanden ist daraus inzwischen die Vereinigung Skyline Campaign, die für den Erhalt der bestehenden Londoner Silhouette eintritt.

Damit stellt sich die Kampagne direkt gegen die Politik von Bürgermeister Boris Johnson, der den Bau von Wolkenkratzern zu einem der wichtigsten Projekte seiner Amtszeit gemacht hat. "Überall werden Hochhäuser wachsen", prophezeite er vor Jahren, und schon jetzt scheint ihm die Realität recht zu geben. In der City of London entstanden in den vergangenen Jahren mehrere Wolkenkratzer, unter anderem der Swiss-Re-Tower, der wegen seiner konvexen Form allgemein Gherkin ("Gurke") genannt wird. Prägnantestes Gebäude auf der Südseite der Themse ist The Shard ("Die Scherbe"), ein spitz zulaufendes, 310 Meter hohes Büro- und Wohngebäude. Auch in den bereits von Hochhäusern geprägten Docklands entstehen weitere Wolkenkratzer.

Im Bordmagazin von British Airways schalten Investoren eine Immobilienanzeige nach der anderen. Tenor: In den schicken neuen Hochhäusern sollte man sich umgehend eine der attraktiven Luxuswohnungen sichern. Die Kosten liegen meist jenseits der Millionengrenze. Eine Eigentumswohnung kostet heute beinahe 70 Prozent mehr als noch vor zehn Jahren.

Genau hier liegt das Problem, warnen vor allem Oppositionspolitiker: In London wird zwar so viel gebaut wie sonst kaum in einer anderen Stadt. Aber zum Großteil handelt es sich dabei um Luxusappartements, überwiegend für Investoren oder wohlhabende Zuzügler aus dem Ausland. Nirgendwo sonst auf der Welt seien Immobilien derart überbewertet wie in London, warnten erst kürzlich mehrere Großbanken, unter anderem die Schweizer UBS. Dass die oft gefürchtete Immobilienblase in London Realität ist, bestreitet inzwischen niemand mehr. Die Frage ist nur: Wann platzt sie?

mp

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