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Top-Thema So retten wir die Liebe
Sonntag Top-Thema So retten wir die Liebe
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20:06 21.10.2016
Von Dany Schrader
Verliebtsein allein genügt nicht: Die Paarcoaches Eva-Maria und Wolfram Zurhorst über das Risiko Alltag, die Beziehung als Abenteuer und warum die Liebe Zeit, Einsatz und Aufmerksamkeit braucht. Quelle: Unsplash/João Silas

So also sieht ein Profipaar aus. Gelassen, heiter, souverän. Vielleicht ist es gekonnte Pose, vielleicht zwingt ja der gemeinsame Beruf als Paarcoaches Eva-Maria und Wolfram Zurhorst zum betont harmonischen Auftritt. Wahrscheinlich aber ist es mehr. Die beiden wirken jedenfalls so, als ob sie mit sich selbst und ihrer Ehe im Reinen sind. Sie scheinen zu wissen, wie man eine glückliche Beziehung und ein erfülltes Leben lebt.

Sogar an diesem Nachmittag sind sie, ein gepflegtes Paar mittleren Alters, noch fröhlich und gelassen. Dabei waren sie den ganzen Tag unterwegs durch die halbe Republik, Züge hatten Verspätung, der Interviewtermin musste um Stunden verschoben werden. Deshalb sitzen die beiden Bestsellerautoren für unser Gespräch jetzt nicht an einem Tisch, sondern schmiegen sich auf der Rückbank eines fahrenden Autos aneinander – damit das Mikrofon der Freisprecheinrichtung auch wirklich die Stimmen aller beider einfängt.

Vielleicht ist die erste Frage schon zu komplex. Trotzdem sollten wir es versuchen. Frau Zurhorst, Herr Zurhorst: Was ist Liebe?
Beide lachen.
Eva-Maria Zurhorst: Also, ich habe da keine Standardantwort. Aber: Liebe ist so ziemlich alles nicht, wofür wir sie halten.

Was ist sie dann?
Eva-Maria Zurhorst: Viele Menschen, die zu uns ins Paarcoaching kommen, erwarten, dass die Liebe ihnen etwas Angenehmes gibt. Sie erwarten, dass die Liebe ihnen einen besonderen, für sie perfekten Menschen bringt. Aber so ist das nicht. Das ist auch gar nicht die Liebe, die für uns erstrebenswert ist. Viel erstrebenswerter ist eine Liebe, die der ähnelt, die man beispielsweise durchlebt, wenn man ein Kind geboren hat. Wenn man monatelang nicht schläft, über sich selbst nicht mehr bestimmen darf – und man trotzdem liebt. Das Herz öffnet sich, und aus lauter Liebe wächst man über sich hinaus.

Gibt es eine solche Liebe denn auch zwischen zwei Erwachsenen?
Eva-Maria Zurhorst: Ja, unbedingt. Ich beobachte das immer wieder bei Paaren. Manchmal stehen zwei Menschen emotional vor einer Mauer aus tiefgrauem Beton. Beide denken: Das soll der Mensch sein, den ich mal so toll fand? Und jetzt ist nichts davon geblieben. Doch wenn es die beiden dann gemeinsam schaffen, die Mauer zu durchbrechen, die Wunden zu heilen und wieder zueinanderfinden, dann lernen sie langsam die Liebe kennen. Diese Liebe geht meist viel tiefer als alles, was die beiden sich vorher auch nur vorstellen konnten. Eine wirklich verstandene Krise schält Krusten ab, macht weicher und mitfühlender und sorgt für mehr gegenseitiges Verstehen. Zwei können einander verzeihen, loslassen und auch ihre Angst vor dem Alleinsein zulassen. Am Ende eines solchen Prozesses merken sie: Das ist alles gar nicht so schlimm, weil wir zusammen sind. Liebe ist also auch etwas, das dich wachsen lässt.
Wolfram Zurhorst: Ich hätte da noch eine kleine Ergänzung zu der ausführlichen Beschreibung meiner Frau. Ich habe über Jahre Liebe und Verliebtsein verwechselt. Dann habe ich gelernt, Liebe ist für mich der Mut, sich weiterzuentwickeln und ehrlich zu sein – mit sich selbst und dem Partner.
Eva-Maria Zurhorst: Ach, mein Mann sagt alles immer so schön kurz.
Wolfram Zurhorst: (lacht) Nein, nicht immer. Aber ab und zu fasse ich mich tatsächlich kürzer. Noch mal zu der Frage: Verliebtsein ist nur die Phase am Anfang einer Beziehung. Die Liebe kommt erst danach.

Eva-Maria Zurhorsts erster Beziehungsratgeber wurde ein Bestseller; ihr jüngstes Buch hat die Expertin mit ihrem Mann Wolfram verfasst. Quelle: Boris Breuer

Dabei ist Verliebtsein doch eigentlich ein wunderschöner Zustand. Die meisten Menschen versuchen, ihn sich so lange wie möglich zu erhalten. Manche sind sogar tief enttäuscht, wenn das Gefühl der Aufregung verschwindet.
Eva-Maria Zurhorst: Dazu habe ich gestern etwas Interessantes von einem Wissenschaftler gelesen. Er hat den Hormoncocktail untersucht, den man in Gehirn und Körper von Frischverliebten vorfindet. Er hat dabei festgestellt, dass die Chemie Frischverliebter derjenigen ähnelt, die Forscher bei Menschen mit Zwangsstörungen und anderen schweren psychischen Defekten vorgefunden haben. Es war ein sehr humorvoller Wissenschaftler, und er sagte: Man müsse sich auf jeden Fall im Klaren darüber sein, dass Verliebtsein ein krankhafter Zustand sei. Es sei sogar gut, wenn dieser wieder aufhörte. Das fand ich ganz süß.
Wolfram Zurhorst: Dieser Zustand ist ja tatsächlich irgendwann vorbei. Deshalb hat Verliebtsein noch nichts mit Liebe zu tun. Der Begriff Liebe bedeutet für mich, dass sich zwei wirklich trauen, sich immer wieder Zeit für sich selbst zu nehmen, sich zu verändern, und sich immer wieder klarmachen: Liebe heißt Entwicklung. Einzeln und als Paar – und zwar dauerhaft.

Das klingt wenig romantisch. Was ist mit diesen Augenblicken, die ja nicht nur im Kino, sondern auch im echten Leben vorkommen: Zwei Menschen sehen sich in die Augen und wissen, der jeweils andere ist der Richtige für sie. Ist das alles etwa nur Chemie?
Eva-Maria Zurhorst: Wir sind meist in unsere eigene Vorstellung verliebt. Anfangs stelle ich mir einen ziemlich idealen Menschen und ein wunderbares Leben mit ihm vor, weil er wunderbare Gefühle in mir freisetzt. Aber das hat mit dem echten Leben und dem echten Menschen meist nicht viel zu tun. Ich kenne den Menschen, in den ich mich verliebe, noch gar nicht richtig. Jeder von uns ist am Anfang einer Beziehung schließlich bemüht, nur seine besten Seiten zu zeigen. Aber die Probleme, das nächtliche Schnarchen, die schlechten Angewohnheiten – all die Eigenschaften, die einen nach einigen Jahren zu stören anfangen, hat dieser Mensch auch in der Phase der ersten Verliebtheit längst. Wir sehen sie nur nicht. Wir verlieben uns in einen Menschen, den wir eigentlich nicht kennen.

Warum sehnen wir uns dann so sehr nach dem Verliebtsein? Der ersten Begegnung, der Berührung, dem ersten Kuss? Wenn man Sie beide hört, klingt es eher so, als sei die Phase danach das eigentlich Spannende ...
Wolfram Zurhorst: Ich glaube, unsere Sehnsucht nach dem Verliebtsein kommt daher, dass die Menschen damit Leichtigkeit und zugleich Abenteuer verbinden. Jeder von uns möchte es natürlich gern leicht und aufregend haben, ganz ohne Probleme. Wir sehnen uns nach der Romantik, die wir in den Medien, in Büchern und in Filmen vorgelebt bekommen. Ich habe allerdings die Erfahrung gemacht, dass die Liebe, so wie meine Frau und ich sie verstehen, ebenfalls sehr aufregend ist. Immer neue Seiten seiner selbst zu erleben an der Seite eines Partners, das ist ein echtes Abenteuer.
Eva-Maria Zurhorst: Da muss man aber auch ehrlich zu sich sein: Auf dem Weg vom Verliebtsein zur Liebe kracht es manchmal gewaltig. Wir sind jetzt über 20 Jahre verheiratet und dieser Prozess, sich zu öffnen, ehrlich zueinander zu sein und sich nicht zu verstellen, ist schwierig. Viele Paare hängen in einem Vakuum fest. Sie sitzen jahrelang gemeinsam vor dem Fernseher, aber bei ihnen entwickelt sich nichts mehr. Sie haben sich arrangiert, sind ein Team geworden und alles funktioniert in festen Routinen und unter permanentem Stress. Und nun meinen sie, sie müssten alles so nehmen, wie es ist. Viele beginnen irgendwann resigniert damit, ihre Abenteuer außerhalb der Beziehung zu leben. Dabei gäbe es so viele Möglichkeiten, auch in einer Beziehung echte Abenteuer zu erleben. Das passiert aber nur, wenn man sich und dem Partner Veränderungen zugesteht. Wenn sich beide entwickeln dürfen – und eben nicht alles so bleibt, wie es ist.

Was läuft in solchen Beziehungen schief?
Eva-Maria Zurhorst: Wir haben viele Klienten, die wahnsinnig viel arbeiten und irgendwann feststellen: Die Beziehung ist tot. Das passiert häufig, wenn alles andere im Leben wichtiger ist als die Liebe. Uns ging es früher mal genauso. Mein Mann arbeitete als Manager.

Wolfram Zurhost war Manager – bis er sich für mehr Zeit mit seiner Frau Eva-Maria entschied. Heute coachen die beiden gemeinsam Paare. Quelle: Boris Breuer

Wie haben Sie damals Ihre Liebe gerettet?
Wolfram Zurhorst: Das Abenteuer kann sein, den Blick neu auszurichten: auf das Hier und Jetzt, auf die gemeinsame Zeit, die man wieder in den Lebensmittelpunkt rückt. Wir haben damals lernen müssen, zu vielem Nein zu sagen, zum Beispiel auch zu Freunden oder zu der Familie. Wir sind aufs Land gezogen. Wir wollten wieder mehr Zeit für uns zu zweit haben. Und wir haben uns damals beruflich neu ausgerichtet. Das ist natürlich nicht jedem ohne Weiteres möglich. Manchmal reichen aber auch kleinere bewusste Grenzen und hie und da ein Ausstieg aus der Komfortzone.
Eva-Maria Zurhorst: Wir hatten jetzt ein Paar bei uns, das beruflich um die ganze Welt reist, der Alltag wird von viel Unruhe, Stress und Jetlags bestimmt. Darunter hat natürlich die Sexualität gelitten. Das ist etwas, das bei sehr vielen Paaren passiert. Die Frau war die Erste, die gespürt hat, dass sie so nicht mehr arbeiten kann, wenn sich etwas ändern soll. Das war eine mutige Einsicht, deren Umsetzung für sie tatsächlich zu einem Abenteuer nicht ohne Risiko wurde. Aber sie war selbst überrascht, was es alles für neue Wege gab, als sie erst mal die ersten Schritte gewagt hat. Wir erleben so häufig, dass Menschen sich verausgaben, weil sie glauben, anders ginge es nicht, und dabei die Liebe mehr und mehr aus dem Blick verlieren, weil sie alles für den Job geben. Dasselbe Problem haben aber auch viele Mütter. Sie opfern sich jahrelang auf für die Kinder und die Familie und sind am Ende selbst leer und erschöpft. Für die Partnerschaft und die Liebe fehlt ihnen schließlich die Kraft. Auch sie müssen das Loslassen lernen.

Wie findet man denn den Ausweg aus einer solchen Situation?
Wolfram Zurhorst: Einer muss den Mut finden, aus dem Trott auszusteigen und mal wieder etwas Neues zu probieren. Sagen Sie Ihrem Partner: Ich will nicht fernsehen. Ich möchte mit dir reden, schmusen, tanzen ... wonach auch immer Sie sich sehnen. Und wenn der Partner erst mal nicht will, dann heißt es alleine weitergehen, auch wenn das erst mal Angst macht.
Eva-Maria Zurhorst: Wir erleben das so oft. Lange Zeit geht alles gut und man denkt, alles ist normal. Meistens merkt dann zunächst nur einer der Partner, dass irgendetwas nicht stimmt. Und der andere hat Angst, die Situation zu verändern.
Wolfram Zurhorst: Meist liegt das dann aber nicht daran, dass dieser Partner zufrieden ist. Oftmals traut er sich einfach nicht, die Situation zu verlassen. Vielleicht, weil er es nie anders kennengelernt hat. Viele Paare heiraten und leben irgendwann mehr oder minder nebeneinanderher. Wir plädieren aber dafür, dass es in einer Langzeitbeziehung nicht eine Soße gibt, sondern immer noch zwei unabhängige Menschen, die jeder für sich, aber auch miteinander wachsen – damit es weitergehen kann.

Ist das das zentrale Problem in Beziehungen?
Eva-Maria Zurhorst: Es ist das, was wir andauernd mit Paaren erleben. Wir stellen fest, dass die Lebendigkeit verschwindet, die Sexualität lässt nach, Routine stellt sich ein. Jetzt kommen die beiden Zahlen, die ich in diesem Zusammenhang oft nenne: Wir sind uns nur zu fünf Prozent unserer selbst bewusst. Die restlichen, unbewussten 95 Prozent entscheiden aber das Spiel. Das heißt: Ich möchte treu sein, aber irgendwann breche ich aus und habe das Gefühl, meine Leidenschaft nur woanders leben zu können. Oder: Ich sehne mich nach Nähe, aber mauere immer wieder. Der bewusste Teil sagt: Ich möchte. Der Unbewusste hält dagegen. In Beziehungen treten viele alte Muster aus der Kindheit zutage. Diese stehen der Liebe im Weg. Zum Paarsein gehört also immer, dass man einen Weg findet, diese alten Geschichten hinter sich zu lassen und Wunden zu heilen.

Das klingt fast so, als könnte man eine Beziehung kaum ohne professionelle Hilfe führen …
Eva-Maria Zurhorst: Die Beziehung ist der beste Paartherapeut, den es gibt. Sie fördert die unbewussten Themen zutage, die einen Menschen ausmachen. Deshalb muss man lernen, sich selbst zu sehen. Wenn ich verstehe, wie ich ticke, kann ich auch mit all meinen Schwächen eine glückliche Beziehung führen. Diese Erkenntnis war auch der Grund für den Erfolg unseres ersten Buches. Das Buch, das jetzt kommt, ist ein Praxisbuch dazu. Es soll zeigen, wie man lernt, mehr zur Ruhe zu kommen, sich selbst wirklich anzunehmen und alte Verletzungen und behindernde Prägungen loszulassen. Der Grundgedanke unserer Arbeit ist, dass die Liebe nicht da draußen zu finden ist. Sondern dass ich sie in mir finde. Je mehr echte Nähe ich zu mir habe, je mehr Nähe erlebe ich mit einem anderen Menschen. Wenn ich meine Wunden heile, dann heilt auch meine Beziehung.

17 Prozent der Deutschen verheimlichen ihrem Partner, dass sie an der Beziehung zweifeln. Jeder oder jede Siebte ist nach Angaben der Partnerbörse Elite Partner unsicher, ob die Liebe wirklich ewig hält. Quelle: Unsplash/Chirobocea Nicu

Nennen Sie doch bitte mal ein Beispiel dafür.
Eva-Maria Zurhorst: Wenn jemand zu mir kommt und sagt "Mein Partner betrügt mich", dauert es nicht lange, und ich frage: "Und wo betrügen Sie sich selbst?" Dann ernte ich meist böse Blicke. Aber wenn wir dann miteinander sprechen, kommt meist heraus, dass die Person schon lange selbst unglücklich ist, dass sie aber Angst hatte, allein zu sein und deshalb den Dingen nicht ins Auge geschaut und nichts geändert hat. Dann ist es höchste Zeit, radikal ehrlich zu mir selbst zu werden und zu schauen, was ich wirklich will – von mir, vom Leben, vom Partner und der Beziehung. Dann wird’s zwar meist erst mal turbulent, aber es kommen festgefahrene Strukturen in Bewegung – und die Chance auf Heilung entsteht.

Einen Therapeuten aufzusuchen ist trotzdem noch immer etwas, das Paare eher heimlich tun. Warum eigentlich?
Wolfram Zurhorst: Ich glaube, es braucht in Bezug auf die Paararbeit ein Umdenken. Deshalb sprechen wir nicht gern von Therapie, da die Menschen, die ihre Beziehung weiterentwickeln wollen, ja nicht krank sind. Wenn Sie Probleme mit Fremdsprachen haben, ist es selbstverständlich, dass Sie Unterricht nehmen. Wenn Sie Tennisspielen lernen wollen, suchen Sie sich einen Trainer. Nicht selten wundern sich unsere Klienten, wie oft sie in einem Coaching mit uns lachen oder die Dinge wieder leichter nehmen können ...
Eva-Maria Zurhorst: ...und das, obwohl sie mit großem Frust und manchmal auch mit großer Verzweiflung zu uns kommen.
Wolfram Zurhorst: Viele stellen bei uns auch fest, dass es gar nicht so ein tiefes Problem ist, das sie da drückt.
Eva-Maria Zurhorst: Deshalb braucht es in unserer Gesellschaft unbedingt einen neuen Blick auf das Paarsein und die persönliche Weiterentwicklung in einer Beziehung. Die Liebe ist schließlich eines der zentralsten Themen in unserem Leben.
Wolfram Zurhorst: Ja, denn wenn etwas in unserer Beziehung nicht stimmt, beeinträchtigt das oftmals auch andere Bereiche in unserem Leben. Viele Menschen erreichen durch die Klärung in sich und in ihrer Partnerschaft dann auch einen Schritt nach vorn im Beruf.
Eva-Maria Zurhorst: Und es gibt noch einen riesigen Effekt: Unsere Kinder lernen nicht von unseren Worten, sondern indem sie unser Verhalten studieren. Ich sage oft zu meinen Klienten: Ihr seid als Eltern nicht dazu da, den Kindern ein perfektes Leben zu bieten. Aber ihr müsst sie auf das Leben mit seinen Schwierigkeiten und Herausforderungen vorbereiten. Wie löse ich Konflikte? Wie gehe ich mit Verrat um? Was mache ich, wenn jemand mich verletzt oder ausgrenzt? Das ist mindestens so wichtig wie den Kindern beizubringen, wie man Fahrrad fährt.

Wo steht die Liebe denn in unserer Gesellschaft? Gibt es die Romantik noch, nach der so viele streben?
Eva-Maria Zurhorst: Die Liebe funktioniert seit Jahrtausenden nach denselben Gesetzen. Der Grundsatz "Liebe dich selbst", zu dem auch wir unseren Klienten raten, ist ein Gesetz, das in vielen Religionen und Traditionen verankert ist. Wir leben aber jetzt in einer Zeit, in der die neuen Medien und Onlinedating scheinbar viele Möglichkeiten schaffen, aber auch für unglaublich viel Verwirrung und Einsamkeit sorgen. Denn die neue Vielzahl potenzieller Partner hilft mir nicht dabei, mich besser auf einen Menschen einzulassen. Jeden Tag werden auf der Welt 2,3 Milliarden Pornos angeklickt. Das führt auch nicht dazu, dass unser Sexualleben erfüllender wird. Ich nenne das "Sex mit Überbrückungskabel": Wir gehen vom Kopf in den Unterleib, aber wir lassen das Herz aus.

Warum schauen dann so viele Menschen Pornos?
Eva-Maria Zurhorst: Das ist so wie Fastfood essen. Es ist leicht erreichbar, es ist schnell. Ich kann auf meinem Handy oder auf dem Computer jederzeit Zugang haben zu Millionen von Pornofilmen. Das ist so praktisch, wie wenn ich mir auf der Autobahn einen Hamburger kaufe. Aber es nährt mich nicht. Stattdessen macht es süchtig.
Wolfram Zurhorst: Der Traum von der romantischen Liebe setzt die Menschen zunehmend unter Druck. Viele denken: Das schaffe ich nie. Da komme ich nicht hin. Pornografie dagegen ist leicht zu konsumieren, man muss sich dabei nicht mit einem echten Menschen auseinandersetzen. Übrigens: Ich finde die Idee der Romantik wunderbar. Aber für mich fehlt da ein großer Teil. Eine Romantik, die Potenzial hat, sich zu einer echten Beziehung weiterzuentwickeln, braucht nun mal einen gewissen Einsatz. Von selbst kommt das nicht.

Wie findet ein Paar den Weg zum Glück?
Eva-Maria Zurhorst: Unser Leben besteht zu 99 Prozent aus Alltag. Der Alltag ist das Trainingscamp der Liebe. Die große Frage lautet: Wie mache ich es mir da schön? Wie kann ich aufmerksam sein und mitfühlend? Wie kann ich für meinen Partner da sein? Es ist schon ein großer Unterschied, ob man sich zur Begrüßung wirklich küsst und wirklich umarmt oder ob man sich unbedacht in Routine begegnet und nebenbei ein paar Worte wechselt. Die Liebe braucht keinen Urlaub auf den Malediven. Sie braucht uns im Alltag.

"Die Liebe braucht keinen Urlaub auf den Malediven": Der Großteil jeder Beziehung besteht aus Alltag. Umso wichtiger, dass die Liebe nicht im Trott versinkt. Quelle: Unsplash/Jenelle Ball

Ein Urlaub kann also keine Beziehung retten?
Eva-Maria Zurhorst: Kürzlich kam ein Paar, das hat die Rettung der Beziehung tatsächlich auf den Malediven versucht. Doch das funktioniert nicht. Sie ist abgereist. Die Leere wurde für sie dort nur noch unerträglicher. Liebe braucht uns. In den vielen kleinen Situationen an jedem einzelnen Tag. Sie ist nichts, das am Strand unter Palmen fertig vom Himmel fällt.

Erwarten wir also zu viel von der Liebe?
Eva-Maria Zurhorst: Ja. Wir suchen ständig nach Idealen: ideale Körper, ideale Beziehungen, ein ideales Leben. Wir stehen unter einem unglaublichen Perfektionsdruck. Dabei ist es in Ordnung, zu scheitern oder Wunden zu haben. Liebe ist keine Reise mit Sonnengarantie. Liebe ist, wenn es regnet, und ich trotzdem glücklich mit meinem Partner bin. Die große Gefahr für die Liebe heute ist, dass wir so wahnsinnig viel in der virtuellen Welt verloren sind. Wir hängen alle an Bildschirmen und Handys. Die Liebe braucht aber unmittelbare Begegnungen. Sexualität bedeutet, dass ich lerne, mich selbst mit meinem Körper auszukennen. Wir blicken aber immer öfter auf andere. Eine Aufgabe, die Paare bei uns oft bekommen, ist, die virtuelle Welt zu verlassen. Gehen Sie einfach mal wieder gemeinsam draußen spazieren.

Wie erkennt man den Zeitpunkt, an dem eine 
Beziehung nicht mehr zu retten ist?
Wolfram Zurhorst: Wir erläutern im neuen Buch ausführlich eine heilsame und konsequente "Trennung in der Beziehung", wie wir das nennen. Hier geht es darum, sich aus einer alten ungesunden Art der Partnerschaft zu lösen und erst mal jeder für sich sein Leben wieder zu sortieren und in die Kraft zu bringen. Unsere eigene Ehe ist damals nach einer Trennung in der Beziehung erst richtig in ihre Kraft gekommen.
Eva-Maria Zurhorst: Der wichtigste Schritt ist, loszulassen. Es gibt so viele Beziehungen, in denen einer immer klammert und der andere sich nicht einlässt. Das ist keine Liebe. Das ist Angst vor dem Alleinsein. An einem solchen Punkt müssen beide Partner ehrlich prüfen: Kann sich der eine auf den anderen einlassen? Oder geht man besser getrennte Wege?

Wenn man Sie hört, könnte man meinen, es gibt für jede Beziehung den richtigen Weg. Könnte gute Beziehungsarbeit die hohe Scheidungszahl senken?
Beide: Ja, auf jeden Fall.
Eva-Maria Zurhorst: So viele Paare, die wir kennen, müssten nicht geschieden werden, wenn beide ein paar Dinge lernten, den Mut fänden, über gewohnte Prägungen hinauszuwachsen, und ihre Beziehung noch mal neu aufstellen würden. Wenn unsere Beziehung eingeschlafen war, dann gibt es bei dem Versuch der Wiederbelebung eine Art emotionalen Muskelkater, wenn wir unsere Gefühlswelt erweitern und erneuern, aus dem Trott und alten Verletzungen heraus wieder echte Nähe suchen. Dann braucht auch die Liebe Training und Übung. Aber wenn jeder für sich seine Hausaufgaben macht, dann kann etwas ganz Neues entstehen. Jeder Mensch hat die Wahl, den Weg in Richtung Liebe zu gehen.

Interview von Dany Schrader

Beziehungshilfe ganz praktisch

Wer seine Beziehung auch auf Dauer lebendig halten will, muss bereit sein zu persönlicher Entwicklung und Veränderung. So lautet einer der Ratschläge, den Eva-Maria und Wolfram Zurhorst Lesern und Klienten mit auf den Weg geben. Das Ehepaar hat Brüche, die manchmal notwendig sind, um etwas zu verändern, immer wieder auch im eigenen Leben erlebt.

Eva-Maria Zurhorst (54) arbeitete viele Jahre lang als Journalistin, unter anderem beim Westdeutschen Rundfunk und der Deutschen Presseagentur, bevor sie nach einer psychotherapeutischen Ausbildung eine Coaching- und Beratungspraxis eröffnete. Ehemann Wolfram (48) arbeitete als Manager, unter anderem in führenden Unternehmen der Textilbranche.

Als Eva-Maria Zurhorst nach einer Ehekrise ihr Selbsthilfebuch "Liebe dich selbst und es ist egal, wen du heiratest" schrieb, änderte sich für das Paar noch einmal fast alles. Das Buch erschien im Jahr 2004 und wurde sofort ein Bestseller. Die Autorin beschreibt darin das Abenteuer Partnerschaft und plädiert leidenschaftlich für die Ehe. Das Buch stand vier Jahre lang auf der "Spiegel"-Bestsellerliste und wurde in 17 Sprachen übersetzt.

Auch Wolfram Zurhorst wurde in dieser Zeit zum Ansprechpartner für Menschen in Beziehungskrisen und wechselte ins Paarcoaching. Seitdem beraten beide Experten gemeinsam mal zu zweit, mal allein Paare, Eltern und einzelne Klienten. Spätestens seitdem werden die Zurhorsts regelmäßig als "Deutschlands erfolgreichste Beziehungsberater" genannt.

Jetzt legt das Paar mit einem gemeinsamen Buch nach: "Liebe dich selbst und es ist egal, wen du heiratest. Der große Praxiskurs. Das Liebesgeheimnis" ist Teil eins eines zweiteiligen Praxis- und Audiokurses zum Erfolgsratgeber. Das Buch mit beiliegender Übungs-CD erscheint am 24. Oktober im Arkana-Verlag.

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