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Top-Thema Warum Patchwork glücklich macht
Sonntag Top-Thema Warum Patchwork glücklich macht
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12:27 20.08.2016
3+1=7: Alexa Hennig von Lange und Marcus Jauer entsprechen mit ihren fünf Kindern nicht dem traditionellen Familienbild – und sind trotz aller Herausforderungen glücklicher als zuvor. Quelle: Gene Glover
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In einer Waldsiedlung nördlich von Berlin leben seit vergangenem Jahr eine rothaarige Schriftstellerin und ihre Familie: Alexa Hennig von Lange, heute 43, scheint die Extreme zu mögen. Vor 20 Jahren führte sie ein selbstzerstörerisches Partyleben in Berlin, bevor ihr mit "Relax", ihrem ersten Roman, der Durchbruch als Autorin gelang. Dann wurde sie schwanger mit ihrer ersten Tochter Mia, heute 17. Später kam Sohn Pontus dazu, heute 13. Alleinerziehend mit zwei Kindern lernte sie den Journalisten Marcus Jauer kennen und lieben. Und bekam noch drei Kinder: Aaron (vier Jahre), Marla (zwei) und Holly (neun Monate).

Die Großfamilie wollte eigentlich in ein zerbröckelndes Gutshaus in Brandenburg ziehen. Jedenfalls wollte das Marcus Jauer. Alexa Hennig von Lange aber war das zu viel der Extreme – oder zu langweilig. Jedenfalls konnte sie sich nicht für die Idee erwärmen, sich eine Ruine zur Lebensaufgabe zu machen. Aufs Land zog die Familie trotzdem, in die wildeste Ecke der Berliner Vororte, in einen quadratischen Neubau mit großem Grundstück. Dort versucht das Paar den manchmal sehr schwierigen Spagat zwischen Arbeit, Paarsein und Familie.

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In dem Dorf haben die Straßen zwar Namen, in Wirklichkeit aber sind sie nur Sandwege und Schlaglochpisten durch den Wald. Bis vor wenigen Jahren standen hier Datschen, dann wurden die Häuser größer. Gegenüber feiert eine Nachbarin ihren 50. Geburtstag. "50 und sexy" steht auf dem Transparent in der Hofeinfahrt. Klingt auch ziemlich wild. Sohn Aaron will gratulieren gehen, Marcus Jauer vertröstet ihn auf später: "Erst backen wir noch einen Kuchen."

Happy mit ihrer Großfamilie und dem Leben auf dem Land: Alexa Hennig von Lange und Marcus Jauer. Quelle: Gene Glover

Zuallererst einmal macht er Kaffee für die Besucher. Im Obergeschoss turnt die Babysitterin mit den drei Kleinen herum, die Eltern sitzen auf der Terrasse beim Interview. Wenn wir beim Gespräch laut lachen, zeigen sich die Kinder am Fenster und fragen: "Worüber habt ihr gelacht?"

Die durchschnittliche Kinderzahl der deutschen Familie liegt bei 1,47. Sie aber haben fünf Kinder zwischen 17 Jahren und neun Monaten. Wenn Sie als Großfamilie zu siebt unterwegs sind, welche Blicke ziehen Sie dann auf sich – belustigte, erfreute, genervte?
Alexa Hennig von Lange: Eigentlich reagieren die Leute durchweg nett und offen, wenn man ein paar mehr Kinder hat als der Durchschnitt. Viele sind vielleicht erst einmal verwirrt und versuchen herauszufinden, wer zu wem gehört, wie die Konstellationen sind.
Marcus Jauer: Die Altersspanne zwischen unseren Kindern ist eben sehr groß. Manchmal wurde unsere älteste Tochter schon für die Mutter unserer jüngsten gehalten.
Hennig von Lange: Und ich für ihre große Schwester. Aber wer ist dann der alte Mann da? (zeigt auf Marcus, beide lachen).

„Stresst ihr noch oder liebt ihr schon?“ heißt Ihr erstes gemeinsames Buch. Das klingt so einfach, so spielerisch. Ich habe selbst vier kleine Kinder und wünsche mir, dass es so wäre. Manchmal sind Sie doch sicher auch schlicht überfordert und ratlos, oder etwa nicht?
Hennig von Lange: Logisch. Abends hängen wir auf dem Sofa, Augenlider auf halbmast. Trotzdem gibt es manchmal auch Momente, in denen man vor Frust am liebsten mit Stühlen schmeißen würde. Ich jogge dann zum Beispiel gerne mal schnell eine Runde hier durch den Wald, während die Nachbarskinder mir "Schneller! Schneller!" hinterherrufen.

Und was machen Sie dann, Marcus?
Jauer: Den Geschirrspüler einräumen. Zu mehr komme ich nicht. Alexa schafft nicht länger als fünf Minuten Jogging. Aber diese Pause gönne ich ihr gern. Aus ganz eigennützigen Gründen: Danach ist sie wieder voll dabei. Ich brauche auch ab und zu eine. Danach bin ich wieder voll dabei. Beim Fußball würde man einen ausgelaugten Spieler ja auch nicht auf dem Feld lassen, sondern auswechseln. Sonst hält man es als Team nicht bis zum Spielende durch.

Und wenn die Ersatzbank leer ist?
Jauer: Alexa und ich schleppen uns ja nicht von einer Verschnaufpause zur nächsten und versuchen, zwischendrin irgendwie durchzuhalten. Dies ist unser Leben. Genau so wollen wir es. Und wenn mal ein Saftglas umkippt, wischen wir das eben auf, und versuchen, keine Drama draus zu machen. Das passiert weltweit am Tag Millionen von Menschen. Daran ist nichts Besonderes.
Hennig von Lange: Es ist nicht gerade stimmungsförderlich, wenn ich mich von morgens bis abends über all die kleinen und großen Dinge ärgere, die wieder mal nicht geklappt haben. So geht es allen. Das ist ein Naturgesetz. Warum sollte ich den Anspruch haben, dass es ausgerechnet in meinem Leben anders läuft? Am einfachsten ist es, wenn ich es sofort wieder vergesse. So nach dem Motto: Schwamm drüber.

Aber diese Gelassenheit funktioniert doch nicht immer.
Hennig von Lange: Meine Kindheit habe ich zumindest in der Rückschau so in Erinnerung. Meine Mutter hat nur selten aus irgendetwas eine große Sache gemacht. Dafür hatte sie allerdings zuweilen Schwierigkeiten, Grenzen zu setzen, wenn ihr etwas zu viel wurde. Als ich mit Mitte zwanzig meine erste Tochter bekam und alleinerziehend war, hat meine Mutter mal zu mir gesagt: "Mein Kind, du bist so gestresst." Ich habe wild an meinen Haaren herumgezwirbelt und total weggetreten gefragt: "Woran merkst du das?" Da ist mir erst bewusst geworden, wie gestresst ich eigentlich war.

Vom Partyleben in die Großfamilie: Alexa Hennig von Lange. Quelle: Gene Glover

Und wenn das sprichwörtliche Saftglas nun wieder und wieder umfällt?
Jauer: Natürlich bin auch ich dann genervt. Allein wegen der ganzen Kleberei. Man sieht im Kind dann leider den fehlerhaften Erwachsenen, der schon wieder etwas vermasselt hat. Als würde ein Kind absichtlich beim Backen das Ei auf den Boden fallen lassen. Bei mir zu Hause hieß es dann: "Das sitzt noch nicht richtig, das muss Marcus noch ein bisschen üben." Bei Alexas Eltern hieß es: "Toll, wie gut Alexa schon Eier aufschlagen kann. Das muss man fördern." Als ich zum ersten Mal bei ihren Eltern in Hannover zu Besuch war, war ich überrascht, dass das ganze Haus voller gerahmter Kinderzeichnungen hing.
Hennig von Lange: Na ja, jetzt übertreib mal nicht.
Jauer: Stimmt doch! Alexas Eltern haben die Zeichnungen ihrer Kinder – und wenn es nur ein paar krakelige Kreise waren – mit Namen und Datum versehen, gerahmt und aufgehängt. Meine Mutter hat meine Kinderkritzeleien nicht aufgehängt, solange darauf nicht wirklich etwas zu erkennen war. Alexas Eltern ging es um etwas anderes. Darum, dass das Kind aus sich selbst etwas erschaffen hat. Dieser begeisterte Blick auf die kindliche Kreativität war für mich völlig neu.
Hennig von Lange: Na ja, aber genau wie deiner Mutter lag auch meinem Vater viel daran, dass wir Kinder uns nicht auf unserer Kritzelei ausruhen, sondern er hat uns ermutigt, uns zu entwickeln und – wie er gerne sagt – "dass wir sauber nach allen Seiten arbeiten". Wenn unsere Eltern jetzt bei uns zu Besuch sind, machen sie gerne irgendwelche Einbauten. Dann gibt es immer ein richtiges Battle zwischen den Parteien, wer strukturierter vorgeht.
Jauer: Was ich an meiner Mutter wiederum bewundere, ist, dass sie bei allem Hang zur Perfektion überhaupt keine festen Vorstellungen hat, was Familienangelegenheiten anbelangt. Dafür bin ich ihr sehr dankbar. Sie hat nie ein Thema daraus gemacht, dass ich mich in eine Frau verliebt habe, die zwei Kinder von zwei Vätern hat.

Marcus, Sie sind neu zu einer Familie gestoßen – bestehend aus Alexa, Mia und Pontus. Sie beide beschreiben diesen Prozess, eine gemeinsame Familie zu werden, ebenfalls als erstaunlich stressfrei. Wie kam das, wie wurden Sie Vater?
Jauer: Zu Beginn unserer Beziehung haben wir uns über Rollen – geschweige denn über meine Vaterrolle – glücklicherweise überhaupt keine Gedanken gemacht. Wir waren einfach alle vier so froh, dass wir uns gefunden haben.
Hennig von Lange: Wir haben ein paar fröhliche Ausflüge unternommen, zusammen gekocht, gegessen, wie ein paar echt gute Freunde, die überrascht sind, wie gut sie sich verstehen. Als zweifach Alleinerziehende und mit einer gescheiterten Ehe hatte ich sowieso mit dem Gedanken abgeschlossen, noch mal eine Familie aufzubauen. Daher kamen die Kinder gar nicht in die Verlegenheit, in Marcus so etwas wie ihren "neuen Papa" zu sehen.

Aber er wurde es schließlich. Wie kommt man in so einen funktionierenden Kosmos aus Mutter und zwei Kindern hinein?
Hennig von Lange: Na ja, so richtig funktioniert hat der Kosmos ja nicht. Erst einmal hatten meine Kinder und ich eine Trennung zu überwinden. Dann kam Marcus, und wir hatten selbstverständlich auch immer wieder unterschiedliche Vorstellungen, gerade was Erziehung anbelangt, weil wir eben unterschiedlich erzogen wurden
Jauer: Der erste Impuls ist, unbedingt die eigene Kinderstube durchdrücken zu wollen. Das klappt natürlich nicht, sondern endet meist im Streit. Also haben wir es mit Reden und Verständnis probiert, um uns so auf eine gemeinsame Erziehungsform zu einigen, in der sich beide wiederfinden und die für die Patchwork-Kinder nicht plötzlich total neu und überraschend ist.

Was waren denn die Knackpunkte in der Patchwork-Familie?
Jauer: Bei uns zu Hause war es zum Beispiel wichtig, dass man immer seinen Teller leer isst. Aus Respekt vor dem Essen. Also habe ich anfangs immer die Teller der Kinder leer gegessen, damit nichts übrig blieb. Und mich danach bei Alexa beschwert, dass sie den Kindern nicht beigebracht hat aufzuessen.
Hennig von Lange: Was daran lag, dass ich aus einer Familie kam, in der gar nicht so üppig aufgetischt wurde wie bei euch. Aus Respekt vor dem Essen.

Und wie bringen Sie ihnen bei, sich nicht zu viel auf den Teller zu tun?
Hennig von Lange: Unsere Kleinen bringen es inzwischen uns bei (lacht). Sie sind zusammen in einer Kitagruppe, und die Erzieherinnen leisten ganze Arbeit. Abends sitzen wir nun auch um den Tisch, halten uns an den Händen und rufen "Piep, piep, piep, wir haben uns alle lieb". Und dann sagt unser Vierjähriger: "Papa! Tu dir nicht mehr auf, als du essen kannst."
Marcus, als die kleinen Kinder dazukamen, haben Sie Ihre Festanstellung als Tageszeitungsredakteur gekündigt, arbeiten nun ebenso wie Alexa freiberuflich. Haben Sie die Entscheidung bereut?
Jauer: Nein. Dabei war mir meine Karriere immer das Wichtigste. Doch als ich Alexa und ihre Kinder traf, erkannte ich, dass ich oft nur um mich selbst gekreist war.

Geteiltes Glück statt einsamer Karriere: Marcus Jauer. Quelle: Gene Glover

Machen Sie auch die Erfahrung, dass man in der knappen Zeit, die einem als Familienvater bleibt, um Texte fertigzustellen, konzentrierter arbeitet und die Texte manchmal besser werden als früher mit unendlichem Zeitbudget?
Jauer: Ja, tatsächlich! Diesen Widerspruch werden sicher auch andere Familienväter kennen. Je mehr Kinder dazugekommen sind, desto produktiver wurde ich. Früher dachte ich, mein Lebensglück wird allein von meinem beruflichen Erfolg bestimmt, entsprechend abhängig war ich davon. Wenn es im Job mal nicht lief, war ich sofort frustriert. Mit meiner Familie hat sich die "enorme" Wichtigkeit meines Erfolges relativiert. Dieser Stress im Kopf ist weg, und dadurch fällt die Arbeit leichter.

Wie kommt man aus der Falle heraus, dass man alles nur noch managen will – Arbeit, Familie, alles gleichzeitig zu machen? Bei mir artet das manchmal in slapstickhafte Situationen aus, wenn man gleichzeitig mit einem Politiker telefoniert, das Mittagessen kocht und dann die Kinder an der Tür klingeln und voller Sand und Matsch sind.
Hennig von Lange: Jeder, der eine Familie hat, wird automatisch zum Organisationstalent. Und obwohl das so ist, läuft meistens nichts nach Plan. Da hilft nur eins: sich den schönen John-Lennon-Satz sagen: Leben ist das, was passiert, wenn man bereits andere Pläne gemacht hat. Es bringt nichts, sich gegen das zu stellen, was ist. Früher, als ich frisch verheiratet war, konnte ich mich noch gar nicht so auf Familie einlassen. Ich war vor allen Dingen mit meinen ganz persönlichen Plänen beschäftigt. Ähnlich wie Marcus. Arbeit. Arbeit. Arbeit. Was ich so alles mit meinen Großen verpasst habe! Osterfeuer, Kitafeste – wenn ich daran denke, blutet mir das Herz.


Viele Eltern sind von der Dauerbetreuung kleiner Kinder überfordert – und später von den pubertierenden Halbstarken. Sie haben nun beides gleichzeitig. Haben Sie übermenschliche Kräfte?
Jauer: Manchmal wünschte ich, es wäre so. Wir haben auch immer wieder mit Schwierigkeiten zu tun, bei denen wir uns fragen, wie wir die jetzt wieder lösen sollen. Dennoch ist es toll zu sehen, wie unsere Großen mehr und mehr Verantwortung für ihr Leben übernehmen. Sie gehen weiter hinaus in die Welt und kommen mit tollen Geschichten und Gedanken zurück, über die wir uns unterhalten. Das schafft noch einmal Verbundenheit, bevor sie für immer das Zuhause verlassen. In der Pubertät geht es um so viel mehr als um Pickel und schlechte Laune.


Hennig von Lange: Für mich persönlich war die Pubertät die berauschendste Zeit überhaupt im Leben. Es war absolutes Drama. Und die größte Feier. So gewaltig und überbordend. Die Welt schien auf mich zu warten, gleichzeitig hat mich dieses Gefühl auch hilflos und lebensmüde gemacht. Es war die pure Not und zugleich eine bombastische Zeit. Alles fühlte sich nach Freiheit an. Jetzt greifen meine Kinder mit vollen Händen ins Leben. Davon möchte ich als Mutter doch direkt profitieren, möchte noch einmal etwas von diesem gewaltigen Lebensgefühl mitbekommen. Mich inspiriert das immer noch beim Bücherschreiben.



Bevor Sie Alexa und die Kinder kennenlernten, waren Sie viel auf Achse. Dann planten Sie eine Hochzeitsreise bis nach Peking. Daraus wurde nichts, ebenso wenig wie aus der Ostsee-Umrundung. Ich musste lachen, als ich das las. Um die Ostsee wollten wir in der Elternzeit mit dem Wohnmobil fahren. Kurz vor Danzig sind wir umgedreht.
Jauer: Hoffentlich ohne das Gefühl, gescheitert zu sein.
Absolut. Bis dahin war es toll. Dann wäre es stressig geworden.
Jauer: Damals wollte ich mir unbedingt beweisen, dass man auch mit Kindern ohne Probleme Weltreisen machen kann. Mit dem Wohnmobil sind wir Richtung Istanbul durch den Balkan gefahren und ich habe Mia, Pontus und Alexa, die auch noch im fünften Monat schwanger war, keine Erholung gegönnt, weil ich im Reiseführer ganz tolle Ziele gefunden hatte, die ich ihnen dringend zeigen wollte. Und als wir schließlich da waren, fand ich auch keine Ruhe, weil ich schon das nächste tolle Ziel im Kopf hatte.
Hennig von Lange: Von mir aus hätte dieser Wahnsinn nicht sein müssen. Ich hätte gerne ab und zu einfach in den Himmel geschaut. Aber Marcus wollte härter und abenteuerlicher sein als alle anderen Väter dieser Welt. (lacht)
Jauer: Meine Familie musste leider ein paar dieser Stressreisen durchhalten, bis ich dann auch verstanden hatte, dass es meistens genau dort, wo man gerade ist, am schönsten ist.

Wir gehen durch den sympathisch wilden Garten. Bei Marcus Jauer zu Hause sah es anders aus: Auf dem Land bei Leipzig wohnte die Familie auf einem Bauernhof. Der Vater leitete die Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaft. Im privaten Garten wuchs mehr Obst und Gemüse, als sie selbst verbrauchen konnten. Der Hof der Jauers half, die Familie zu versorgen. Der Garten der siebenköpfigen Familie dagegen wirkt wie ein verwilderter Märchengarten mit Mücken.

Im Märchengarten: Die Familie ist aus dem hektischen Berlin-Mitte aufs Land gezogen. Quelle: Gene Glover

Jauer: Bis letztes Jahr haben wir in Berlin-Mitte gewohnt. Am lautesten, vollsten, touristischsten Platz überhaupt. Wenn wir da mit den Kleinen die Straße runtergegangen sind, haben wir alle zwei Meter gesagt: Nicht anfassen! Schmeiß das weg! Vorsicht, die Tram! Nicht da reintreten! Hier draußen können sie alles anfassen.
Hennig von Lange: Ja, sogar Blindschleichen. Würg. Die wohnen da hinten in diesem Erdhügel. Manchmal kommt Aaron mit einer an (schüttelt sich). Inzwischen denke ich beim Joggen bei jedem Stock, der auf dem Weg liegt, es ist eine Blindschleiche. Das ist Stress!

Die Kinder finden hier ihre eigene Beschäftigung.
Jauer: Ursprünglich habe ich ja davon geträumt, uns einen alten Bauernhof zu suchen, den wir renovieren können. Ich hatte den Kindern schon mit Pferden, Hühnern und Schweinen den Mund wässrig gemacht. Aber bisher haben wir es ja nicht mal geschafft, Hochbeete zu bauen. Die Kartoffeln in unserem Garten wachsen da nur, weil sie unser kleiner Sohn im Gras versteckt hat.
Hennig von Lange: Ich hatte erst einmal nur den Traum, dass unsere Kinder mit Stöckchen und Steinchen spielen. Ich bin in einer Siedlung aus roten Backsteinhäusern aufgewachsen. Sogar die Wege waren aus rotem Backstein, zwischen denen Grasbüschel wuchsen. Als kleines Mädchen konnte ich stundenlang einfach nur an diesen Grasbüscheln herumzupfen. Das war ein wunderbares Spiel. Diese tiefe Ruhe, die ein Kind in sich spürt, wenn es einfach machen darf – die verinnerlicht es fürs ganze Leben und schafft es auch in heftigen Zeiten, dorthin zurückzukehren.

Interview von Jan Sternberg

Kurzweiliges aus dem Alltag

Gemeinsam schreiben Alexa Hennig von Lange und Marcus Jauer eine Familienkolumne für die Zeitschrift "Nido". Zu erzählen haben sie genug in einem Haushalt mit fünf Kindern zwischen 17 Jahren und neun Monaten. Nun kommen ihre Beobachtungen als Buch heraus. Vom flauen Ikea-Wortspiel-Titel "Stresst ihr noch oder liebt ihr schon" sollte sich niemand abschrecken lassen. Dass die beiden schreiben können, haben sie oft genug bewiesen. Alexa Hennig von Lange (43) aus Hannover kennt man seit ihrem Debüt "Relax". Und Marcus Jauer (41) aus Borna bei Leipzig hat als Journalist Preise gewonnen.

Die beiden erzählen kurzweilig aus ihrer Patchworkfamilie – vom ersten Date bis zum fünften Kind. Und zwar, dass auch die Härten des Großfamilienlebens am besten mit Gelassenheit und Liebe bewältigt werden können. Dass das Glück schon da ist, wenn man es nicht mit Stress verscheucht. Und dass es nichts Schöneres gibt als viel Trubel um einen herum, wenn man innerlich ruhig bleibt.

Von Lange/Jauer: "Stresst ihr noch oder liebt ihr schon?", Gütersloher Verlagshaus, 192 Seiten

Familienbild im Wandel

Was macht Familie aus? Darauf gibt es nicht mehr nur eine Antwort. Die klassische Kombination Vater, Mutter und gemeinsame Kinder ist längst durch viele andere Varianten des Zusammenlebens ergänzt worden. Kinder wachsen bei Alleinerziehenden, bei schwulen und lesbischen Eltern, in alternativen Wohngemeinschaften oder in einer sogenannten Patchworkfamilie auf.

Die Lebensgemeinschaften sind dabei – ähnlich den aus unterschiedlichen Stoffstücken zusammengefügten Patchworktextilien – sehr vielfältig: Nicht immer bekommt das Paar auch noch gemeinsame Kinder zusätzlich zu denen, die sie in die Partnerschaft mitgebracht haben. Manche haben auch Kinder aus mehreren früheren Partnerschaften, sodass der Altersunterschied zwischen dem kleinsten Kind und seinem ältesten Halbgeschwister sehr groß sein kann. Nicht immer leben alle Geschwister und Halbgeschwister unter einem Dach.

Genaue Zahlen, wie viele Patchworkfamilien es in Deutschland gibt, liegen nicht vor. Es wird jedoch angenommen, dass jede siebte Familie mittlerweile eine Patchworkfamilie ist, in den neuen Bundesländern und Großstädten ist der Anteil nach Angaben des Bundesfamilienminsteriums noch höher. Und: Insgesamt ist die Tendenz steigend. In einem Land, in dem jede dritte Ehe geschieden wird, wächst die Bereitschaft, sich nach überwundener Trennung mit einem neuen Partner zusammenzutun und möglicherweise weitere Kinder zu bekommen.

Das Konzept ist nicht neu

Der Begriff Patchworkfamilie schwappte erst in den Neunzigerjahren aus den USA nach Deutschland. Die mit ihm verbundene Form des Zusammenlebens ist allerdings keineswegs so neu wie häufig angenommen. In früheren Jahrhunderten, als Frauen im Kindbett starben und Männer im Krieg fielen, suchten sich Väter und Mütter vor allem aus ökonomischen Gründen neue Partner.

Die Männer mussten und wollten ihrem Beruf nachgehen. Sie heirateten deshalb erneut, damit die neue Ehefrau den Haushalt besorgte und sich um die Kinder kümmerte. Witwen suchten wiederum einen neuen Ernährer für die Familie. Daten aus der Mitte des 19. Jahrhunderts zeigen sogar, dass Stieffamilien damals sehr viel verbreiteter waren als heutzutage.

Doch häufig kam es in Partnerschaften, die vor allem aus wirtschaftlichen Motiven geschlossen wurden, zu Überforderung, Konflikten und daraus resultierender Verbitterung, vor allem der Frauen. Das Klischee der "bösen Stiefmutter" war geboren, das in so vielen Märchen wie "Aschenputtel" oder "Schneewittchen" bis heute weiterlebt. Auch Stiefvätern haftete lange kein positives Image an. Mittlerweile hat sich die Sicht auf Stiefeltern zum Positiven verändert.

Patchwork aus dem Jahr 1983: Peter Weck und Thekla Carola Wied (Mitte) in der ZDF-Serie "Ich heirate eine Familie". Quelle: dpa

Im ZDF war dies bereits in den Achtzigerjahren in der launigen TV-Serie "Ich heirate eine Familie" mit Peter Weck und Thekla Carola Wied zu besichtigen. Credo der Serie: Kinder, Liebe, Verständnis und Familie stehen an erster Stelle, auch wenn sich ein Paar neu zusammenfindet. Um die multikulterelle Nuance bereichert wurde die Idee der zusammengewürfelten Familie dann in "Türkisch für Anfänger". Wie schwierig und konfliktreich ein Patchworkfamiliendasein manchmal ist, konnten die Fernsehserien allenfalls streifen oder ins Komödiantische wenden.

Auch die Berichterstattung über prominente Patchworkfamilien wie zum Beispiel die des ehemaligen Bundespräsidenten Christian Wulff war stets äußerst wohlwollend. In jüngster Zeit hat zudem der viel rezipierte dänische Familientherapeut Jesper Juul versucht, den negativ besetzten Begriff der Stiefeltern durch den der "Bonuseltern" zu ersetzen. "Was wir über Patchwork wissen? Es ist nicht einfach. Aber es ist ja in keiner Familie einfach", schreibt Juul. Seiner Meinung nach kann eine neu zusammengesetzte Familie gut für die Kinder sein, wenn der nicht leibliche Elternteil sich als ein erwachsener Freund begreift.

Würden sich die leiblichen Eltern streiten, könne sich auch mal der "Bonusvater" oder die "Bonusmutter" die Sorgen des Kindes anhören oder etwas mit ihm unternehmen. Juul schreibt aber auch: "Eine Familienzusammenführung braucht so viel Energie, Beharrlichkeit, Verantwortungsgefühl und Kompromissfähigkeit, wie Sie es sich nie hätten vorstellen können. Bis eine neue Familie zusammenwächst, dauert es in 99 Prozent aller Fälle fünf bis zehn Jahre."

Manchmal gehen Experimente schief

Ob es sich positiv oder negativ auf die Entwicklung von Kindern auswirkt, wenn sie in einer Patchworkfamilie aufwachsen, ist individuell höchst unterschiedlich. Die meisten von ihnen bewegen sich zeitweise in zwei bis drei Haushalten – dies erfordert schon von den jüngsten Familienmitgliedern große Flexibilität. Einerseits kann so der Horizont des Kindes erweitert werden, andererseits kann sich das Kind überfordert fühlen. Auch die Eltern müssen ihre Rolle erst finden. Das läuft häufig nicht ohne Konflikte ab, und manchmal geht das Experiment auch schief. Drei Viertel aller Familien, die sich an Familientherapeuten wenden, sind Patchworkfamilien.

Psychologen raten daher Familien, die sich neu zusammenfinden, nichts zu überstürzen und keine zu hohen Ansprüche an Partner und Stiefkinder zu stellen. "Zwischen Kindern und Stiefeltern kann eine vertraute, enge und liebevolle Bindung entstehen – aber so intensiv wie zwischen Kindern und leiblichen Eltern wird sie nicht", betont Familienberaterin Gabriele Setzwein. "Sich zu sagen: Eine 'Rama'-Familie werden wir nicht, aber wir haben eine gemeinsame Basis, teilen Regeln, Werte und akzeptieren einander – das kann die Situation entspannen und ist manchmal einfach realistischer."

Von Christiane Eickmann

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