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Top-Thema Wir wollen wieder in den Wald
Sonntag Top-Thema Wir wollen wieder in den Wald
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20:06 04.11.2016
Zwischen Naturmystifizierung und pragmatischer Forstarbeit: Das Verhältnis der Deutschen zum Wald war schon immer besonders – und nie gab es mehr Baumkronenpfade und Waldkindergärten als heute. Eine Spurensuche. Quelle: Getty Images

Wer in Jürgen Bergmanns Büro möchte, muss einen steilen Steg nehmen, an der Baumhöhle aus Beton auf Höhe des ersten Stocks vorbei, die Aussichtsterrasse auf der Linde überqueren, durch das Büro im Steinhaus hindurch, weiter hinauf in einen kleinen Raum, der auf dem Wrack eines VW-Transporters thront, das wiederum in die Krone einer Kastanie gesetzt wurde. Dort sitzt der 59-Jährige mit weißem Rauschebart, rotem Hemd und Weste. Die Füße stecken in zwei verschiedenen Socken und zwei verschiedenen Pantoffeln. Das ist keine Gedankenlosigkeit, sondern täglich getragener Nonkonformismus.

Jürgen Bergmann ist äußerlich das Idealbild des Waldschrats und beruflich Kopf eines Betriebes mit weit über 100 Mitarbeitern. Gerade telefoniert er mit einer Bürgermeisterin aus Süddeutschland, die einen Holzspielplatz bei ihm kaufen möchte. Spielpätze und Baumhäuser verkauft die Künstlerische Holzgestaltung Bergmann GmbH in ganz Europa. Zugleich ist der Waldkönig Bergamo, wie er sich selbst gern nennt, auch noch Herrscher im Freizeitpark Kulturinsel Einsiedel. 115 000 Gäste kommen im Jahr hierher.

Dabei begann alles ganz einsam. Mitten im Wald. Wegen des Waldes. Am östlichsten Rand des deutschen Staates, den es nicht mehr gibt, lebte Jürgen Bergmann wie ein Einsiedler. Tief im sächsischen Wald, am sanften Hang der Neiße, konnte die DDR ein Traumland sein. Zumindest eines, in dem sich Kindheitsträume verwirklichen ließen. Zwischen Kiefern, Linden, Birken und Robinien schuf sich der Gärtnersohn aus Zittau so ein Land. "Wir hatten hier unser Kanada", sagt er. Bergmann arbeitete als Holzfäller und Harzsammler, hielt sich eine Schafherde. Aber vor allem schnitzte er.  

Als Holzfäller und Harzsammler hat Jürgen Bergmann ein einsames Leben an der Neiße gelebt – bis er ein Stück sächsischen Wald kaufte und sich dort einen Traum erfüllte. Quelle: Jacqueline Schulz

Irgendwann wollte der Holzfäller Jürgen Bergmann keine Bäume mehr umhauen, sondern gestalten. Mit ihnen arbeiten. Mit ihnen leben. Er machte eine Ausbildung zum Holzbildhauer, das war der Anfang. Nach dem Ende der DDR und dem Tod der alten Bauersleute, die ihm die Einsiedelei vermietet hatten, kaufte er das Grundstück am Hang über der Neiße.

Er ließ Hügel aufschütten, legte Gänge an, pflanzte Bäume, baute riesige Baumhäuser in den Wipfeln. Und er lud Gäste ein. Nach und nach wurden es immer mehr. Und nun schweben nicht nur die Häuser hoch über dem Boden, auch die Preise sind der Lage angepasst. 340 Euro kostet Bergamos Gästenest, innen mit Samt ausgeschlagen mit Platz für sechs Personen, pro Nacht.

Beliebt und fast immer belegt ist es trotzdem. Weil die Deutschen so gerne im Wald sind. In jeder Lebenslage. Der Wald als Ruheort. Der Wald als Abenteuerort. Der Wald als Platz zum Durchatmen, als Ort der Heilung. Nur fünf Minuten im Wald stärken das Selbstbewusstsein und das Immunsystem. Wald lindert Stress. Mediziner und Psychologen haben umfangreiche Studien darüber veröffentlicht. Der normale Mensch weiß es auch so. Weil er es fühlt.

Baumhaushotels im ganzen Land

Von der Neiße aus haben sich die Baumhaushotels übers ganze Land ausgedehnt, nach Bayern und Thüringen, Ostfriesland und Holstein. Bei Hamburg kann man auf der Elbinsel Krautsand in Wipfelhöhe schlafen und nicht nur Eichhörnchen beobachten, sondern auch Containerfrachter vorbeiziehen sehen. Gerade macht sich Bergmann selbst Konkurrenz, im Schwabenland. Im Schönbuch bei Stuttgart baut seine Firma schlüsselfertig ein Baumhaushotel auf, im Zoo von Esch in Luxemburg ein barrierefreies Baumhauscafé.

Das Baumhaus ist vom Kindertraum zum Wellnessobjekt geworden. Da ist es beruhigend, dass es das träumende Kind immer noch gibt. Unter der großen Aussichtsterrasse von Bergmanns Bürowohnhaus hat sich sein elfjähriger Sohn verwirklicht, eine selbst gezimmerte Leiter führt auf ein kleines Plateau im dunklen Blättergewand. Bergmann freut sich sehr über seinen Jüngsten. "Kürzlich hat er mir eine lange Liste gezeigt, was er alles für einen Survivaltrip im Wald braucht", erzählt er voll Vaterstolz.

Als Gastgeber zwischen Luxus und überbordender Fantasie betreibt Jürgen Bergmann unter anderem das Baumhaushotel im Freizeitpark Kulturinsel Einsiedel. Quelle: Jacqueline Schulz

Der Wald als mystischer, dunkler Ort voller Geheimnisse und Erfahrungen, so soll es sein. Der Wald steht schwarz und schweiget, und in seinem Dickicht können große und kleine Jungen unzählige Abenteuer erleben. So etwas funktioniert überall, nicht nur an der Neiße, am Rand von Europas größtem zusammenhängenden Waldgebiet, das sich weit nach Polen hinein erstreckt und an dessen Rändern Warnschilder stehen: "Langsam! Wölfe!"

Der Mythos des Waldes erschließt sich zur Not auch zehn Schritte neben einer vierspurigen Ausfallstraße, oben auf einer Berliner Kieferndüne. Dort steht eine Hütte, ein dreieckiges Zelt aus dicken Ästen, sauber sind sie nebeneinandergelehnt. Hier hat sich jemand wirklich Mühe gegeben. Es ist eine Abenteuerhütte, in der ein Kindergartenkind bequem stehen kann.

Und da kommen sie auch gleich angerannt, ein Dutzend aufgedrehter Vorstadtgören in gelben Warnwesten. Kein Waldkindergarten (davon gibt es inzwischen weit mehr als 1000 in Deutschland), aber immerhin: "Montags ist bei uns immer Waldtag", erklärt die Erzieherin. Schon die Kleinsten lieben den Wald. Aber lernen sie ihn wirklich kennen? Wissen wir, was wir da lieben?

Der Ruheforst hat Schule gemacht

Hunderttausende haben die Bücher des Eifel-Försters Peter Wohlleben gekauft, der "Das geheime Leben der Bäume" entschlüsselt haben will. Tausende Bäume mussten für den Druck sterben, damit die Leser wieder näher an den Forst herangeführt werden können. Bei Wohlleben ist der Wald eine Familie, mit strenger Erziehung der Kinder durch Licht und Schatten. Er ist nicht nur Öko-, sondern auch Sozialsystem.

Aber die Motorsäge oder der Harvester, die Vollerntemaschine, stören darin. Wohlleben hat für seinen Wald im Eifeldorf Hümmel die Konsequenzen gezogen: Er nutzt seine Bäume als Einnahmequelle, ohne sie zu fällen. Er verkauft Gräber zu Füßen der Bäume. Wohllebens Ruheforst hat Schule gemacht, inzwischen gibt es gut 100 Baumbegräbnisstätten in Deutschland. Für immer im Schoße des Waldes. Aber müssen wir deshalb alles von ihm wissen?

"Kompletter Blödsinn", sagt Jürgen Bergmann, der doch selbst alles über Bäume weiß. Der mit ihnen seinen Lebensunterhalt verdient, sie in ganz Europa zusammenkauft für seine Holzhäuser. Der aber immer noch jeden einzelnen Baum liebt. "Warum muss ich wissen, wie eine Blume heißt, um sie schön zu finden? Warum muss ich jeden Baum kennen? Geheimnisse braucht es, nicht Bestimmungen. Wir sollen empfinden, wie schön es im Wald ist. Wir müssen nicht alles erklärt bekommen. Wir müssen die Natur wieder mehr mystifizieren!"

Auf Augenhöhe mit den Wipfeln: Der Baumkronenpfad Beelitz führt durch geschützten Naturwald – und zur Ruine des einstigen Lungensanatoriums, das die Natur sich langsam zurückholt. Quelle: HPG Projektentwicklungs GmbH

So verrückt Bergmann danach ist, Baumhäuser zu bauen und die Wälder aus der Wipfelperspektive zu betrachten – von einem jungen Trend  hält er gar nichts: "Baumkronenpfade tun so, als wollten sie etwas erklären. Dabei geht es den Leuten einzig und allein um die Höhe." 22 Pfade von mehreren Hundert Metern Länge gibt es inzwischen in Deutschland, von Rügens Steilküste bis zum Alpenrand.

Alles begann im Hainich, in Thüringens Nationalpark. Dort überspannt der Pfad knapp über den Wipfeln ein Stück Naturwald, der nicht betreten werden darf – und dank des Höhenweges doch erlebbar wird. Mit Hängebrücken und Abenteuerspielplätzen verhehlt aber auch er nicht sein eigentliches Ziel – Entertainment im Wald.

In Beelitz-Heilstätten nahe Potsdam heißen die 300 Meter Wipfelpfad "Baum und Zeit". Hier geht es eigentlich gar nicht um den Wald, obwohl natürlich auch hier jeder Baum mit Schildern erklärt ist. Es geht vielmehr um das, was der Mensch zurückgelassen und die Natur zurückerobert hat. Der Pfad umrundet die Ruine des Frauensanatoriums der ehemaligen Lungenklinik. "Brandenburger Zauberberg" wurden die Heilstätten auch genannt. Und dass die Ruine unter dem Namen "Alpenhaus" bekannt war, passt wie Borke auf Baum.

Waldsterben war gestern

Bei den letzten Kämpfen des Zweiten Weltkriegs brannte das Haus 1945 aus. Auf den Dächern und aus den Fenstern wächst jetzt der Wald. Drinnen sind vereinzelte Graffiti zu sehen und das Stahlgerüst eines Liegestuhls. Aus 20 Metern Höhe erlebt der Besucher gruselige und ehrfürchtige Momente zugleich. Im Gedächtnis bleibt weniger die Winterlinde oder die Frucht des Ahorns, sondern die Kraft des Waldes, der das Alpenhaus nach und nach umschließt.

Oben auf Wipfelhöhe sind wir nur zu Gast, sei es in König Bergamos samtener Hütte oder auf den Planken der Baumkronenpfade. Wir sehen uns einmal auf Augenhöhe mit den Bäumen, doch auch hier oben schweigt der Wald noch genauso geheimnisvoll wie am Boden. Der Wald und wir, das ist eine Beziehung wie die der Schwedischen Akademie zu Bob Dylan: Wir wollen ihn preisen, aber er ruft nicht zurück.

Dabei wollen wir so viel von ihm. Er soll Erholung bringen, Holz liefern, ein Bollwerk gegen den Klimawandel sein, gefährdete Arten beherbergen, Totholz zersetzen und vor allem wachsen, wachsen, wachsen. Das alles kann er erstaunlich gut. Das Waldsterben, Wort des Jahres 1983, hat sich ins Gegenteil verkehrt. "Dem deutschen Wald geht es so gut wie lange nicht", freut sich Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt.

"Der Wald ist eine Wunschmaschine"

Aber wir muten dem Wald inzwischen zu viel zu, meint jedenfalls Ulrich Schraml, Professor für Forst- und Umweltpolitik aus Freiburg. "Der Wald ist eine Wunschmaschine", sagt er und erzählt die Kindergeschichte vom Sams mit den Wunschpunkten im Gesicht. Die sind irgendwann verschwunden, Mäßigung wäre angesagt. "Der Wald kann so viel, aber wir sollten ihn nicht überfordern", warnt Schraml.

Der Freiburger Professor von der Forstlichen Versuchs- und Forschungsanstalt Baden-Württemberg sprach auf dem Ersten Deutschen Waldtag, den Forstminister Schmidt kürzlich in Berlin ausrichtete. Es kamen die Anzugträger aus Politik und Lobbyismus, Waldadlige im Lodenjanker und 22 Waldarbeiterinnen und Waldarbeiter in Arbeitskleidung, grün und signalorange. Sie sollten für ihren Einsatz in Deutschlands Wäldern geehrt werden.

Es hätte schnell peinlich werden können, das nicht im Wald zu machen, sondern die Forstarbeiter als Exoten in einen Konferenzsaal Unter den Linden umzutopfen. Es wurde dann aber sogar ein bisschen feierlich, was am Minister lag. Der erzählte von seinem Patenonkel, ebenfalls Waldarbeiter, dem eines Tages ein vom Sturm geknickter Baum den Oberschenkel zertrümmerte. "Bleiben Sie gesund!", schloss Schmidt seine Rede.

Britta Gehlhaar bietet in ihrem "Erlebniswald" unter anderem Motorsägenkurse für Landwirtinnen und Hobbygärtnerinnen an. Quelle: Gerlinde Irmscher

Unter den 22 Forstprofis waren auch Janine Birkholz aus Berlin-Grünau, die dort mit ihrem Rückepferd Moritz die Stämme aus dem Wald zieht. Und Britta Gehlhaar aus Trappenkamp in Schleswig-Holstein. Ihr Revier nennt sich "Erlebniswald", und zu den Erlebnissen, die Gehlhaar dort anbietet, gehören unter anderem "Motorsägenkurse für Damen".

So nennt sich das, aber die Damen sind weniger Großstadtgewächse auf der Suche nach Aggressionsabfuhr, sondern Landwirtinnen oder zumindest Hobbygärtnerinnen, die ganz handfeste Ziele verfolgen. "Die wollen nicht nur hinter dem Kerl herlaufen und die Schubkarre schieben, sondern auch selbst die Säge bedienen", berichtet die 51-Jährige. Und was ist der Unterschied zu den Sägekursen für Herren? "Am Ende schnitzen wir zusammen etwas Schönes."

Ganz so selbstverständlich, wie es bei der fröhlichen, zupackenden Britta Gehlhaar klingt, ist es nach wie vor nicht, dass Frauen beruflich die Motorsäge bedienen. Der Prozentsatz von Frauen in der Forstwirtschaft ist geschätzt einstellig. "Ich war die erste, die seit Jahren eingestellt wurde", berichtet Birkholz von ihrem Arbeitgeber, den Berliner Forsten. "Als ich 1994 mit der Lehre anfing, mussten sie mir noch eine eigene Toilette hinstellen", erzählt Gehlhaar. Gelernt hat sie, die aus einer Försterfamilie stammt, bei der Umweltbehörde in Hamburg.

Städter in den Wäldern

Birkholz und Gehlhaar kennen die Wälder der Städte, und sie kennen die Städter in den Wäldern. Zur Genüge. Fast wortgleich erzählen sie Geschichten von Spaziergängern, die Absperrungen ignorieren und mitten in den Holzeinschlag laufen. "Ich gehe hier jeden Morgen lang. Das ist mein Wald. Was fällen Sie hier überhaupt Bäume?" Die Forstwirtinnen nennen das die "Baum ab, nein danke"-Fraktion. Es gibt aber auch die andere Seite: "Warum ist der Wald so unaufgeräumt, warum lassen sie die Kronen und Äste liegen? Da stolpert man doch drüber."

Dann erzählt Britta Gehlhaar ihren Gruppen und Janine Birkholz den Spaziergängern etwas von der segensreichen Rolle des Totholzes, das wieder zu Humus vermodert. Jürgen Bergmanns Hang zur Waldmystik würden die beiden nicht verstehen. Und Peter Wohllebens Vermenschlichung der Bäume findet Britta Gehlhaar erst recht absurd, seit sie gelesen hat, dass der Förster die geliebten Lebewesen in seinem Forsthaus im Ofen verfeuert. Dann redet sie lange von nachhaltiger Waldwirtschaft, heimischer Produktion und Gütesiegeln.

Schonender für den Wald als riesige Harvester: Janine Birkholz aus Berlin-Grünau zieht dort mit ihrem Rückepferd Moritz die Stämme aus dem Wald. Quelle: Gerlinde Irmscher

Mancherorts reicht das nicht. In Reinfeld bei Lübeck kämpft die Bürgerinitiative "Vivawald" seit Jahren gegen die Landesforsten Schleswig-Holstein. Es geht um schweres Gerät auf feuchtem Boden, um Kahlschläge und zu breite Wege. Die Proteste hatten Erfolg: Nun sind weniger Vollerntemaschinen im Waldrevier unterwegs, stattdessen ziehen auch hier, wie bei Janine Birkholz, Kaltblüter die Stämme aus dem Dickicht an den Weg. "Pferde sind Sympathieträger", sagt der Revierförster.

Das gilt, wenn man Jürgen Bergmann an der Neiße folgt, auch für die Stämme, die sie ziehen. "Die Indianer haben sich bei dem Baum entschuldigt, bevor sie ihn gefällt haben. Aber sie haben ihn genutzt." Für seine gewollt windschiefen Bauten nutzt er am liebsten krumm gewachsene Robinien, keine soldatisch geraden Kiefern. Bei ihm soll man den Baum noch erkennen. Auch wenn er gefällt, geschält und verbaut ist.

Von Jan Sternberg

Interview mit Philipp Freiherr zu Guttenberg

Philipp Freiherr zu Guttenberg (43) ist Präsident der Arbeitsgemeinschaft Deutscher Waldbesitzerverbände. Seit 2005 engagiert er sich für die Interessen der Waldeigentümer. Er lebt mit seiner Familie in Bayern am Chiemsee. Quelle: privat

"Wir können uns Urwälder nicht leisten"

Herr zu Guttenberg, alle lieben den Wald. Aber wer erklärt ihn uns? Die Waldbesitzer?
Die zunehmend urbane Bevölkerung entfernt sich immer mehr von der Natur. Ich nenne es das Supermarkt-Syndrom. Die Leute glauben, das Schnitzel wächst in der Kühltruhe. Diese Entwicklung haben wir auch beim Holz: Der Stuhl wächst bei Ikea, dafür darf kein Baum sterben. Da sind alle Akteure gefordert, Bildungsarbeit zu leisten. Das muss im Kindergarten losgehen und darf im Erwachsenenalter nicht aufhören.

Sie beklagen, dass einseitig berichtet werde.
Seit dem Waldsterben in den Achtzigerjahren hat sich eine Empörungsindustrie entwickelt, die davon lebt, negative Schlagzeilen zu produzieren. Dabei haben wir eine Erfolgsgeschichte in der deutschen Forstwirtschaft. Dem Wald ging es noch nie so gut wie heute – ökologisch wie ökonomisch. Der Wald wird älter, gemischter, es gibt mehr Totholz, er verfügt über mehr Reserven ... Darüber berichtet keiner. Es wird mit falschen Emotionen gespielt.

Wen meinen Sie damit? Naturschutzverbände wie den Nabu, der Sie als Umwelt-Dinosaurier bezeichnet, weil Sie dagegen sind, dass mindestens 5 Prozent der Waldfläche von Bewirtschaftung ausgenommen werden sollen?
Ich kenne kein Tier, das 3, 5 oder 10 Prozent braucht. Das sind rein willkürliche Größen. Wir fordern einen intelligenten, tatsächlich nachhaltigen Schutzansatz und wollen nicht, dass nur eine bestimmte Flächengröße aus der Nutzung genommen wird. Wir wollen die Biodiversität wahren und steigern. Aber der Wald soll auch die Ressource Holz zur Verfügung stellen. Ich wehre mich gegen eine Segregation, wie es sie in den USA gibt. Hier Nationalpark, dort Fichtenplantage. In einem so dicht besiedelten Land wie Deutschland müssen wir alle Funktionen des Waldes auf derselben Fläche unterbringen. Wir können uns Urwälder nicht leisten. Ich glaube auch, dass die Erholung suchende Bevölkerung gar keine Urwälder will. Denn dort darf niemand hinein.

Ist der Wald für den Klimawandel gerüstet?
Der Klimawandel ist eine scheußliche Blackbox. Niemand kann dort hineinschauen und sehen, was konkret passieren wird. Wir müssen aber das Risiko für den Wald vermindern. Dafür brauchen wir eine große Palette von Baumarten, die widerstandsfähig und vital genug sind. Die Douglasie oder Roteiche zum Beispiel steht seit 150 Jahren in unseren Wäldern. Es ist nichts als Ideologie, sie jetzt als "invasive Art" zu verteufeln. Wir brauchen gesunde, vitale Mischwälder, auch mit einem hohen Anteil von Nadelholz.

Warum?
Aus Laubholz können Sie Spielzeug und Stühle machen, aber kein Haus bauen. Niemand sollte Laubbäume wie die Buche in den Himmel loben und die Fichte als böse hinstellen. Mit den geforderten Buchenreinbeständen produzieren wir an den Bedürfnissen der Menschen vorbei. Wir brauchen eine Balance. Das ist der Kern der nachhaltigen Forstwirtschaft.

Sie warnen davor, "den Wald zu Tode zu lieben".
Der Wald ist nicht nur Refugium für Lurch, Wolf und Schleiereule, sondern auch Arbeitgeber für 1,1 Millionen Menschen, vor allem im ländlichen Raum. Der Wald ermöglicht eine Wirtschaftsleistung von 180 Milliarden Euro jährlich. Die Erholungsfunktion hat er nur, weil er aktiv bewirtschaftet ist, weil die Waldeigentümer die Infrastruktur zur Verfügung stellen. Es ist nicht falsch, einen Baum zu umarmen. Aber die Baumumarmer dürfen unseren Umgang mit dem Wald nicht dominieren, weil dann der Wald insgesamt darunter leidet.

Interview von Jan Sternberg

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Simon Benne 28.10.2016