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Top-Thema Zeigt her Eure Hände
Sonntag Top-Thema Zeigt her Eure Hände
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20:06 02.12.2016
Von Daniel Behrendt
Fasziniert von Gesichtern und Händen: Der Fotograf Walter Schels porträtiert seit Jahrzehnten Menschen. Ein Gespräch über Persönlichkeit, subjektive Schönheit und die Prägungen, die das Leben hinterlässt. Quelle: Walter Schels

Herr Schels, sind Hände das zweite Gesicht des Menschen?
Ich betrachte sie eher als Teil unseres Gesichts. Unsere Hände machen etwas über uns sichtbar, genauso wie die Ohren oder die Iris unserer Augen. Sie zeigen das Gleiche wie ein Bluttest oder eine Genanalyse. Die Rillen, Linien, Formen, Muster in unseren Händen sind Ausdruck unserer einzigartigen genetischen Anlage. Der Unterschied ist: Eine Genanalyse würden wir nicht veröffentlichen. Unsere Hände tragen wir aber offen mit uns herum. Wenn wir die Hände anderer Menschen betrachten, hinterlässt das bei uns einen intuitiven Eindruck. Wir beginnen unweigerlich zu interpretieren. Das geschieht unbewusst.

Sie haben sich intensiv mit dem Handlesen beschäftigt – wie übrigens auch der Physiker Carl Friedrich von Weizsäcker, der neben vielen anderen bedeutenden Persönlichkeiten des Zeitgeschehens Eingang in Ihr neues Buch "Hände" gefunden hat. Ist es nicht irritierend, dass ein derart rationaler Mensch an etwas derart schwer zu Beweisendes wie das Handlesen geglaubt hat?
Wer beim Handlesen an die Zigeunerin auf dem Jahrmarkt denkt, den wird das natürlich irritieren. Kurze Lebenslinie, kurzes Leben, mit 35 kommt das große Geld, eine rothaarige Frau wird Ihnen Unglück bringen: Diese Art von Zukunftsdeutereien über Gesundheit, Geld und Liebe hat diese uralte Kunst, die für unsere Vorfahren etwas ganz Selbstverständliches war, in Verruf gebracht. Ich kenne Menschen, die eine schlechte Jahrmarktprognose nicht mehr aus dem Kopf gekriegt haben, selbst wenn Sie davon überzeugt waren, dass Handlesen Unfug ist. Ich habe für dieses Buch gemeinsam mit meiner Frau, die als Wissenschaftsjournalistin den Buchtext geschrieben hat und das Handlesen viel skeptischer betrachtet als ich, einen Anthropologen in Wien besucht. Er hat das Handlesen als Erfahrungswissenschaft bezeichnet. Das finde ich passend. Es ist eine Kunst der Interpretation, die sich auf Intuition einerseits und auf Erfahrung und Überlieferung andererseits gründet. Natürlich ist das Ergebnis höchst subjektiv. Aber wenn Sie in der Schulmedizin ein Großes Blutbild machen, also eine vermeintlich objektive Bestandsaufnahme, und es mehreren Ärzten zeigen, können Sie ja auch durchaus verschiedene Befunde erhalten. Dabei ist es dasselbe Blutbild, in dem dieselben Informationen stecken.

Woher rührt Ihre Faszination mit Händen?
Die begleitet mich schon ein Leben lang. Als Jugendlicher hat es mich beschäftigt, wie sehr sich die Hände meiner fünf Geschwister voneinander unterschieden, obwohl wir doch die gleichen Eltern hatten. Ich habe mich auch mit Grafologie beschäftigt, also der Analyse von Handschriften. Es war ja die Zeit, in der man noch Briefe schrieb, und für mich war die Handschrift eines Menschen immer wichtig, als Ausdruck seiner Persönlichkeit. Zu dieser Zeit war ich noch kein Fotograf. Ich habe diesen Beruf ja erst spät, mit 30, ergriffen. Das Thema Hände war schon da, lange bevor es Teil meiner Arbeit wurde.

Bundeskanzlerin Angela Merkel, porträtiert von Walter Schels. Quelle: Walter Schels

Und wie ist aus der privaten Passion ein berufliches Projekt geworden?
Der eigentliche Auslöser war eine Serie von Geburten, die ich über Jahre im Auftrag der Zeitschrift "Eltern" fotografiert habe. Als ich die Hände der Neugeborenen sah, erinnerten sie mich an die Hände sehr alter Menschen. Alles war schon da. Das hat mein Interesse geweckt, Hände zu dokumentieren. Ich las damals die Bücher von Ursula von Mangoldt, einer bekannten Handleserin. Ich fing auch an, mich mit meinen eigenen Handlinien zu beschäftigen, immer mit der Frage im Kopf: Warum ist der Mensch so, wie er ist? Einige der Babys von damals habe ich später immer wieder porträtiert, als Kinder, als Erwachsene. Dazu habe ich die Porträts – Hände und Gesichter – ihrer Eltern gestellt. Mich interessierte, ob sich Merkmale vererben. Die Hauptlinien unserer Hände sind ja schon im vierten Schwangerschaftsmonat voll ausgebildet, noch bevor beim Fötus die Muskulatur entsteht. Sie bilden sich also nicht durch beständiges Beugen der Hände, wie viele Menschen glauben.

Seither haben Sie die Hände von vielen teils weltberühmten Menschen fotografiert. Sind sie mit Ihrem Anliegen immer auf Offenheit gestoßen? Schließlich sind Prominente ja eher Kopf- als Handporträts gewohnt …
Manche Prominente waren zuerst überrascht oder skeptisch, wenn ich sagte, dass ich gerne auch ihre Hände fotografieren möchte. Dabei war dieses Interesse noch vor gar nicht langer Zeit weitverbreitet. Viele Künstler haben sich mit Händen beschäftigt, denken Sie an Dürer oder den Bildhauer Rodin. Bis ins 20. Jahrhundert hinein war es üblich, von großen Persönlichkeiten wie Enrico Caruso, Thomas Mann, Albert Einstein Handabdrücke oder Handzeichnungen anzufertigen. Helmut Schmidt habe ich mit diesem Argument überzeugen können: Bei einer wichtigen Person der Zeitgeschichte wie ihm war das Bild seiner Hände einfach Teil eines historischen Dokuments. Ich sagte ihm, dass ich auch die Hände von Karl Popper, Kardinal König und Sergiu Celibidache, dem berühmten Dirigenten, fotografiert hatte – alles drei Persönlichkeiten, die Schmidt verehrte. Er fragte mich über meinen Fototermin mit Karl Popper aus, seinem Lieblingsphilosophen, dann hob er seine Hände.

In Ihrem Buch schildern Sie, dass Sie überrascht waren von Helmut Schmidts Händen …
Ja, weil sie so weich gepolstert waren. Auch sein Händedruck war überraschend weich. Das passte für mich nicht zu seinem forschen, nüchternen Auftritt als Staatsmann. Er war ja als "Schmidt-Schnauze" bekannt. Aber Schmidt hatte ja noch eine andere Seite. Er war zugleich ein sensibler, musischer Mensch. Er spielte Klavier, so gut, dass er sogar mit Justus Frantz und Christoph Eschenbach auftrat. Von ihren gemeinsamen Bach-Konzerten gibt es Schallplattenaufnahmen. Wenn man die hört, ist der Eindruck, den Schmidts Hände auf mich machten, absolut stimmig.

Gibt es Hände, die überhaupt nicht zur Persönlichkeit passen?
Ja. In meinem Buch zeige ich die Hände – und auch Handabdrücke – von Hugo Enomiya-Lassalle. Er war Jesuitenpater und Zen-Meister. Ein hoch konzentrierter Mensch. Betrachtet man seine Hände, zeigen sie ein unglaubliches Gewirr von feinsten Linien und Verästelungen, ein fast chaotisches Bild. So etwas habe ich nur sehr selten gesehen, und zwar bei Menschen, die man irgendwie als verrückt bezeichnen könnte. Aber Lassalle war das komplette Gegenteil: absolut klar.

Starpianist Alfred Brendel, porträtiert von Walter Schels. Quelle: Walter Schels

Das bedeutet, dass Hände nicht immer die Wahrheit verraten?
Nein, das bedeutet, dass der Lebensweg eines Menschen durch seine Erbanlagen zwar beeinflusst, aber nicht festgelegt ist. Es ist bei jedem Menschen offen, was er konkret aus seinen Anlagen macht. Eine genetisch bedingte Behinderung oder Krankheit kann sich etwa auch in der Hand zeigen. Aber ob ein Mensch damit depressiv wird oder eine Medaille bei den Paralympics gewinnt – darüber enthalten seine Hände keine Informationen.

Gab es Menschen, bei denen Sie Hemmungen hatten, um ein Handporträt zu bitten?
Früher war ich dafür oft zu schüchtern. Weil Sie immer eine Erklärung dazu abliefern müssen: Warum wollen Sie die Hände fotografieren? Wozu ist das gut? Außerdem brauchen Sie dafür Zeit – und die haben viele Prominente nicht. Ich war zum Beispiel bei Andy Warhol in seiner "Factory" in Manhattan. Wir verstanden uns gut. Aber ich wagte es nicht, ihn um ein Handporträt zu bitten. Auch bei Joseph Beuys verpasste ich diese Chance. Heute bereue ich, dass ich damals so feige war.

Woran lag das?
Ich war noch nicht so erfahren im Umgang mit Menschen. Ich traute mich damals auch noch nicht, so nah an die Porträtierten heranzurücken. Heute ist diese Nähe ja ein entscheidendes Merkmal meines Stils. Den musste ich mir erst erarbeiten – nicht so sehr in technischer Hinsicht, sondern vor allem auf menschlicher Ebene.

Also wollen Sie den Menschen nackt zeigen – nicht entblößt, aber doch frei von jedweder Fassade?
Nackt? Nein, das wirklich nicht. Aber offen und unverstellt, also möglichst frei von Mimik. Lächeln stört dabei nur. Lächeln ist eine gesellschaftliche Konvention. Eine Maske, hinter der Menschen ihre eigentlichen, womöglich auch negativen Gefühle verbergen. Ich warte immer auf den Augenblick, in dem mein Gegenüber loslässt, die Gesichtszüge entspannt, einen neutralen Blick zeigt. Erst in dieser Absichtslosigkeit sprechen die Spuren, die das Leben in Gesicht und Hände eingeschrieben hat, für sich selbst. Denn natürlich formen die Regungen unserer Gesichtsmuskeln über die Jahre unseren Ausdruck, geben dem Gesicht seinen Charakter.

Es gibt diese bekannte Redensart: Hände besehen bringt Streit. Haben Sie sich schon mal nach dem tieferen Sinn dieser Behauptung gefragt?
Ich kenne die Redensart, aber ihren Sinn verstehe ich nicht. Vielleicht steckt irgendein Aberglaube dahinter? Auf jeden Fall widerspricht dieser Satz meinen Erfahrungen. Mir hat das Händebesehen vor allem viele gute Gespräche beschert. Denn viele Menschen werden dann doch neugierig, wenn man sich für ihre Hände interessiert. Sogar der Dalai Lama hielt mir seine Hände hin und fragte: "What can you see?" So wurde aus einem Fünf-Minuten-Termin immerhin eine halbe Stunde. Vergleichbares habe ich öfters erlebt.

Seine Heiligkeit, der 14. Dalai Lama, porträtiert von Walter Schels. Quelle: Walter Schels

Hat Sie Ihre lebenslange Beschäftigung mit Händen einen anderen Zugang zu Menschen gelehrt?
Ja. Ich habe mehr Verständnis für die Eigenarten anderer Menschen entwickelt. Übrigens habe ich die Erfahrung gemacht, dass viele Menschen ihre eigenen Hände nicht mögen. Das habe ich sogar bei Handmodellen erlebt, also bei Menschen, die aus der Sicht anderer perfekt geformte, makellos gepflegte Hände haben. Selbst die finden immer noch irgendetwas, das ihnen nicht passt: Hier, der Daumen ist zu dick! Oder: Der Nagel vom Ringfinger ist eckiger als die anderen! Normalerweise ist die Beschaffenheit der Hände kein Gesprächsthema. Aber wenn man solche scheinbaren Nebensächlichkeiten zum Anlass nimmt nachzufragen, erfährt man oft erstaunlich viel über sein Gegenüber.

Ihre eigenen Hände haben Sie als Kind auch nicht besonders gemocht. Warum?
Ich fand sie nicht formschön. Sie erschienen mir zu grob. Außerdem sind meine kleinen Finger krumm – ein Familienerbe. Ich habe meine Hände damals oft in den Hosentaschen versteckt. Auch noch als junger Mann habe ich mir andere Hände gewünscht. Feinere, elegantere. Heute habe ich mich an sie gewöhnt. Meine Beschäftigung mit ihnen, mit den Handlinien und der Handform, hat mir meine Stärken und Schwächen gezeigt. Sie hat mir geholfen, mich so zu akzeptieren wie ich bin.

Interview von Daniel Behrendt

Zur Person

Walter Schels Quelle: dpa

Walter Schels wagt viel Nähe. Der Fotograf und Sammler F. C. Gundlach bringt die Kunst des 1936 in Landshut geborenen Walter Schels so auf den Punkt: "Selbstbewusst schauen die Porträtierten aus dem Bildraum dem Betrachter entgegen, der sich gerade bei den großformatigen Arbeiten mit der eindringlichen physiognomischen Landschaft des einzelnen Gesichts konfrontiert sieht. Dennoch ist Schels' Blick kein distanzierter, kein emotionsloser, kein rein analytischer, sondern bleibt im höchsten Maße eindringlich, einfühlend und wahrt trotz aller Nahsichtigkeit gegenüber dem Porträtierten stets respektvolle Diskretion."

Seine Kunst ist seit Beginn seiner mehr als fünf Jahrzehnte umspannenden Karriere als einer der bedeutendsten Fotografen Deutschlands von dem Wunsch beseelt, zu verstehen, was den Menschen, was seine Existenz im Innersten ausmacht. Aber auch die Mitgeschöpfe des Menschen hat der in Hamburg lebende Schels, der als junger Mann zunächst als Schaufensterdekorateur arbeitete, mit derselben liebevollen Akribie studiert ("Die Seele der Tiere", 2000) – mit dem Ziel, Tiere als Persönlichkeiten sichtbar werden zu lassen.

Großes, bis heute andauerndes Aufsehen erregte das gemeinsam mit seiner Frau, der "Spiegel"-Reporterin Beate Lakotta, realisierte Projekt "Noch mal leben", bei dem das Paar in ebenso einfühlsamen wie eindringlichen Porträts und Protokollen die letzte Lebensphase von Hospizpatienten bis zum Tod dokumentierte.

Walter Schels und Beate Lakotta: "Hände". S. Fischer. 192 Seiten, 40 Euro. ISBN: 978-3100025470.

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