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WM Merkel und der Fußball: "Mutti" ist immer am Ball
WM Merkel und der Fußball: "Mutti" ist immer am Ball
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21:55 16.06.2014
Angela Merkel in der Kabine der deutschen Nationalmannschaft.
Angela Merkel in der Kabine der deutschen Nationalmannschaft. Quelle: Bundesregierung
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Sie ist Ehrenmitglied des FC Energie Cottbus, aber der einstige Vorzeigeklub des Ostens ist leider schon wieder abgestiegen aus dem deutschen Fußball-Oberhaus. Sie war ein glühender Fan des niederländischen Fußball-Virtuosen Johan Cruyff, bis der die Fußballschuhe an den Nagel hängte. Jetzt ist sie gern multikulturell: „Ich lese Ihnen mal ein paar Namen von sehr erfolgreichen Mitbürgern vor: Mario Gomez, Oliver Neuville, Miroslav Klose, Kevin Kurany, Lukas Podolski.“ Allesamt aktive und gewesene deutsche Fußball-Nationalspieler. Angela Merkel ist nämlich auch das Fußball-Feier-System aus dem Kanzleramt. Das zeigte sie beim Portugal-Spiel im Blickpunkt der TV-Kameras: Sie klatschte, jubelte und sang laut im Stadion bei der Hymne mit. Das Ganze natürlich elegant im roten Kostüm.

Das Ritual ist stets das gleiche. Ein, zwei spitze Freudenschreie, kurz aufspringen, die linke oder auch die rechte, gerade so wie es sich ergibt, kurz zum Fäustchen geballt. Ekstase, wie sie die Kanzlerin liebt. Ohne übergroße Kenntnis des taktischen Rüstzeugs weiß die laut „Forbes“ mächtigste Frau der Welt ganz genau, was Tore auf dem Platz und Männerschweiß in der DFB-Kabine zu bieten haben: nationale Freude, gepaart mit Stressabbau.

Schwarz-Rot-Gold in „Muttis“ Zeiten. Wenn es authentische Momente in der Politik gibt, dann sind es vielleicht diese. Das glauben zumindest die deutschen Fußball-Jungs, allen voran Basti „Fantasti“ Schweinsteiger und Philipp Lahm, die sich wie kleine Spitzbuben freuen, wenn die Regierungschefin wieder einmal überraschend planmäßig kurz nach Spielschluss in der Umkleidekabine auftaucht. Sie kommt, wenn es sich irgendwie einrichten lässt, um sich zu bedanken, um zu trösten, um staunend mit großen Augen die Kicker aufzusuchen. Als peinlich empfindet das mittlerweile niemand mehr, seit der oft übellaunige Theo Zwanziger als DFB-Boss abgelöst ist.

Angela Merkel hat sich zwar auch vorgenommen, zum Finale noch einmal an die Caipirinha-Bucht zu kommen, aber sie hat erkannt, was beim Publikum ankommt und mit was man durchfällt: „Die Menschen würden es sofort durchschauen, wenn ich diese Freude instrumentalisieren würde.“

Verhaltenswissenschaftler haben längst die ganz tiefen Geheimnisse des Sportlerschweißes ergründet: Männliche Ausdünstungen führen bei Frauen zur deutlichen Stressreduzierung, sie haben entspannende Wirkung und beeinflussen sogar die emotionale Aufgeschlossenheit des weiblichen Geschlechts. Das zumindest behauptet Professor Charles Wysocki, der in einem entsprechenden Forschungsteam an der US-Universität von Pennsylvania arbeitete. Nach männlichen Schweißproben unter der Nase hätten sich Frauen eindeutig entspannter und glücklicher gezeigt, so sein Befund. Aber Vorsicht, wer jetzt möglicherweise auf unziemliche Gedanken kommt. Wissenschaftler Wysocki sagt auch: „Es gab bei den Frauen keine Zeichen von erhöhter sexueller Erregung.“ Alles eine Frage der Motivation, der Emotion, der nationalen Befindlichkeit und natürlich auch eine Frage der Wirkung auf das Publikum.

Politiker können gar nicht anders, als Rücksicht auf ihre Wirkung zu nehmen. Seit Angela Merkel die DDR-Zeit hinter sich gelassen hat, hat sie eine Menge dazugelernt. Früher, als kleine Kultursachbearbeiterin in der lokalen FDJ-Gliederung, war sie einigen, die sich erinnern, als „durchaus flotter Feger“ bekannt. Jetzt lässt sie in ihren dosierten Jubelposen auf den Ehrentribünen der Stadien dieser Welt kurz aufblitzen, zu was sie fähig sein könnte, wenn nicht immer alle Welt bei ihr alles ganz genau beobachten würde. Fußball und Politik, das ist für die Kanzlerin eine Medaille. Hier wie dort gebe es „Spannung bis zur letzten Minute“. Als Trainer wisse man: „Gewinnen kann man mit ganz unterschiedlichen Mannschaften.“ Und auf dem Platz ist entscheidend, den Kopf zu benutzen, die innere Freiheit auszuleben und über das notwendige Maß an Selbstvertrauen zu verfügen. Angela Merkel wäre sicherlich auch eine gute Fußballtrainerin geworden.