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Überregional Ballack absolviert letztes Bundesligaspiel
Sportbuzzer Fußball Überregional Ballack absolviert letztes Bundesligaspiel
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19:38 04.05.2012
Von Stefan Knopf
Foto: Der einzige Weltstar, als der Sport Carsten Ramelow und Christian Wörns aushalten musste: Michael Ballack war lange Zeit der prägende deutsche Fußballer.
Der einzige Weltstar, als der Sport Carsten Ramelow und Christian Wörns aushalten musste: Michael Ballack war lange Zeit der prägende deutsche Fußballer. Quelle: dpa
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Den Blumenstrauß zu seiner Verabschiedung hat Michael Ballack am vergangenen Sonnabend überreicht bekommen, und wie so oft in seiner Laufbahn wurde man dabei den Eindruck nicht los, dass irgendwas nicht ganz passte. Ballacks Bundesligakarriere endet ja erst am heutigen Sonnabend; weil Bayer Leverkusen aber ein Auswärtsspiel in Nürnberg hat, gab’s die Blumen bereits vorab. Der offizielle Abgang von einem der spektakulärsten Fußballer, die Deutschland in den vergangenen Jahren hatte, wird vermutlich also eher unspektakulär verlaufen.

Ballack hat sich noch nicht endgültig geäußert, was seine Zukunftspläne betrifft. Die Zeit in der Bundesliga ist vorüber, so viel steht fest; vieles deutetet darauf hin, dass er seine Karriere in den USA ausklingen lässt, was für viele gleichbedeutend ist mit dem Fußballruhestand. Und so stellt sich die Frage, was eigentlich bleibt von Michael Ballack, woran man sich noch erinnern wird in zehn oder zwanzig Jahren.

Wenn man ein paar Jahre zurückschaut, kann man fast zu dem Schluss kommen, dass das Leben nie ganz fair war zum Fußballprofi Michael Ballack. Er ist viermal deutscher Meister geworden, dreimal Pokalsieger, einmal Meister in der englischen Liga, dreimal englischer Pokalsieger. Es gibt Tausende von Fußballern, die wären froh, wenn sie nur einen dieser Titel gewinnen würden, aber für Ballack gelten besondere Maßstäbe, weil er ein besonderer Fußballer war. Er war über Jahre hinweg die prägende Figur des deutschen Fußballs, der einzige Weltstar in einer Zeit, als der Sport Carsten Ramelow und Christian Wörns aushalten musste. Spieler wie Ballack werden an großen, an internationalen Titeln gemessen; es war der große Traum, den er immer gejagt hat und sich nie erfüllen konnte, weil in den entscheidenden Momenten immer irgendetwas dazwischenkam.

Das begann schon in der Bundesliga; als Leverkusen im Sommer 2000 vor dem letzten Saisonspiel bei der SpVgg Unterhaching den Meistertitel sicher zu haben schien, unterlief ausgerechnet Ballack das Eigentor zum 0:1-Rückstand, von dem sich Bayer nicht mehr erholte. Zweimal stand er im Endspiel der Champions League; 2002 war Bayer gegen Real Madrid die bessere Mannschaft, aber Zinedine Zidane entschied das Finale mit einem Geistesblitz, und 2008 musste Ballack hilflos zusehen, wie John Terry, sein Kapitän beim FC Chelsea, den entscheidenden Schuss im Elfmeterschießen gegen Manchester United an den Pfosten setzte.

2002 spielte er eine überragende Weltmeisterschaft und führte die Mannschaft von Teamchef Rudi Völler gemeinsam mit Oliver Kahn bis ins Finale. Doch um den Titel konnte Ballack nicht mehr mitspielen: Im Halbfinale gegen Südkorea nahm er ein Foul in Kauf, für das er die Gelbe Karte sah und so für das Endspiel gegen Brasilien gesperrt war. 2006 platzte der WM-Traum in der Verlängerung des Halbfinals gegen Italien, 2008 verlor die deutsche Elf das EM-Finale gegen Spanien.

Stets war es Ballack, der die Mannschaft zu Triumphen führen sollte, bis 2010 eine Revolution einsetzte, die nicht nur ihn überraschte. Ballacks schwere Verletzung im englischen Pokalfinale kurz vor der WM 2010 machte den Weg frei für junge Talente; die Nationalelf, der kaum jemand Chancen eingeräumt hatte, wirbelte ohne ihren Leitwolf mit einer Leichtigkeit durch das Turnier in Südafrika wie selten eine deutsche Mannschaft zuvor. Und plötzlich war Ballack nur noch ein Leidwolf: Bundestrainer Joachim Löw sortierte ihn stillschweigend aus, in Leverkusen brachte er es nach seiner Rückkehr - auch wegen weiterer Verletzungen - selten über die Jokerrolle hinaus.

Wenn Ballack heute in Nürnberg den Bundesligarasen verlässt, ist das auch ein Sinnbild für ein Umdenken im deutschen Fußball. Die Nationalelf der WM 2010 war stilprägend für viele Bundesligavereine, die auf ein starkes Mannschaftsgefüge mit „flachen Hierarchien“ setzen, wie es der Bundestrainer formuliert. Spieler mit einem unumstritten Führungsanspruch wie Ballack wirken in diesen Teams wie Fossilien, Profis aus einer anderen Zeit.

Zu ahnen war das alles nicht; als er vor zwei Jahren seinen Vertrag in Leverkusen unterschrieb, hatte die deutsche Mannschaft kurz zuvor mit einem Zitterspiel gegen Ghana die Vorrunde der WM überstanden, und viele fragten sich, wie das Team ohne Ballack wohl das Achtelfinale gegen England überstehen solle.

Darüber sprechen heute nur noch wenige. Für viele wird Ballacks Bild geprägt von den letzten beiden Jahren. Das ist die größte Ungerechtigkeit in seiner Karriere.

10.05.2012
03.05.2012