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Überregional Hamburger Becherwerfer wird freigesprochen
Sportbuzzer Fußball Überregional Hamburger Becherwerfer wird freigesprochen
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12:31 25.06.2014
Symbolbild Quelle: dpa
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Hamburg

Mit einem Freispruch für den Angeklagten ist die zweite Auflage des sogenannten Becherwerferprozesses am Mittwoch in Hamburg ausgegangen. Der in erster Instanz wegen gefährlicher Körperverletzung zu einer Geldstrafe auf Bewährung verurteilte 46-Jährige wurde vom Landgericht aus Mangel an Beweisen freigesprochen. Laut Anklage hatte er im Heimspiel des FC St. Pauli gegen Schalke 04 am 1. April 2011 einen Bierbecher Richtung Linienrichter geworfen und damit eine Verletzung des 36-Jährigen billigend in Kauf genommen. Für die Kammer am Landgericht waren die teils widersprüchlichen Zeugenaussagen allerdings zu dünn. Nach Ansicht der Kammer haben sich "schon nach Aktenlage Differenzen" zum Urteil des Amtsgerichtes ergeben.

Dazu kamen die Aussagen zweier Stadionbesucher: Einer sah, dass der Schiedsrichterassistent von einem Becher getroffen wurde, aber nicht, wer den Becher warf. Ein anderer sah den Angeklagten einen Becher werfen, aber nicht, ob dieser Becher auch den Schiedsrichterassistenten traf. Ein Indiz für die Schuld des Angeklagten sei, dass der 46-Jährige aus dem Stadion rannte, nachdem der Schiedsrichterassistent getroffen war. "Vielleicht liefen Sie weg, weil Sie einen Hartplastikbecher aufs Feld geworfen haben", sagte die Vorsitzende Richterin. "Der Becher, der traf, war allerdings ohne Henkel und aus Weichplastik." Dies bestätigte eine Videoaufnahme. Die Staatsanwaltschaft hatte zuvor eine sechsmonatige Haftstrafe auf Bewährung und eine Schmerzensgeldzahlung gefordert. "Am Tatgeschehen, wie es das Amtsgericht beurteilt hat, bestehen nicht die geringsten Zweifel", sagte die Staatsanwältin.

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Da der Angeklagte weder Reue zeige noch bei dem Opfer um Entschuldigung gebeten habe, sei ihm ebenso anzulasten wie die Tatsache, dass der Becherwurf Nachahmer animieren könne. Die beiden Verteidiger des 46-Jährigen hielten die Zeugenaussagen für wenig glaubwürdig. "Erinnerungslücken sind hier teilweise mit Vermutungen aufgefüllt worden", sagte ein Verteidiger in seinem Plädoyer. Er forderte einen Freispruch. Zuvor hatte der getroffene Schiedsrichterassistent von der Tat berichtet. "Ich habe kurz vor Spielende einen heftigen Schlag in den Nacken gespürt", sagte der 39-Jährige. "Dann hatte ich den Gedanken: ,Ich muss hier schnell weg, ich weiß nicht, was noch kommt.'"

Seitdem sei er bei Gegenständen, die aufs Spielfeld geworfen werden, besonders sensibel. Nach dem Urteil sagte der 39-Jährige: "Es ist schade, dass kein Täter zur Rechenschaft gezogen wird." Der FC St. Pauli hält sich in Bezug auf Regressforderungen alle Optionen offen. Der Verein, am Ende jener Spielzeit aus der Bundesliga abgestiegen, musste das erste Zweitliga-Spiel der neuen Saison in Lübeck austragen. Pressesprecher Christoph Pieper sagte auf Anfrage der dpa: "Wir werden uns das Urteil sehr genau anschauen, aber momentan ist es sehr fraglich, ob wir etwas machen werden." Dem Verein ist durch den Becherwurf nach eigenen Angaben ein Schaden von über 400.000 Euro entstanden.

dpa