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Überregional Bielefeld wird doch nicht etwa ...
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21:43 06.04.2015
Hüpfende Arminen: Die Bielefelder Profis feiern nach dem Elfmeterschießen im Pokal-Achtelfinale gegen Hertha BSC.Fotos: imago (3)/Harfst Quelle: imago sportfotodienst
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Bielefeld

Michael Gehre hat so gut wie alles erlebt in 45 Jahren mit Arminia Bielefeld - viele Höhen, noch mehr Tiefen. Anfang der Siebziger gründete er einen der ersten Fanklubs - zehn Abstiege hat er seither ertragen müssen. Und dennoch: Bei nur 50 Heimspielen ist sein Stammplatz auf der Westtribüne, Block H, Reihe 10, Platz 7, seitdem leer geblieben. Wenn so einer sagt, dass das Viertelfinale seiner drittklassigen Arminia morgen um 19 Uhr im DFB-Pokal gegen den Champions-League-Aspiranten Borussia Mönchengladbach nur eine schöne Zugabe ist, weil einzig die Liga und der angepeilte Aufstieg wichtig seien, hat das also seinen Grund. Doch egal, wie sehr der treue Gehre tiefstapelt: Arminia Bielefeld steht vor dem größten Spiel seiner jüngsten Vereinsgeschichte.

Am vergangenen Dienstag, als der Verein 4500 Karten für das Spiel auf den Markt wirft, stehen Tausende Schlange vor dem Fanshop an der Schüco-Arena, dem Stadion, das alle nur die Alm nennen. Einige haben die Nacht vor dem Stadion verbracht, versorgen sich vom mitgebrachten Grill. „Stur, hartnäckig, kämpferisch“, heißt ein neues Vereinsmotto.

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Als Drittligist haben die Arminen erst Zweitligist SV Sandhausen (4:1) aus dem Wettbewerb gekegelt. Es folgten die Bundesligisten Hertha BSC (4:2 i. E.) und Werder Bremen (3:1). Gelingt Trainer Norbert Meier nun der nächste Scoop? Ostwestfalen ist wieder stolz auf seine Arminia.

„Niemand erobert den Teutoburger Wald

Das ist auch auf dem Trainingsgelände, einige Kilometer entfernt vom Stadion, zu spüren. „Niemand erobert den Teutoburger Wald“, sagt Fan Jerome Steinkühler (21) und grinst. Ist Ostwestfalen morgen auch Endstation für Gladbach - so wie einst für den römischen Feldherren Varus, der an den Germanen von Klubnamensgeber Arminius scheiterte? „Hauptsache Europa League“, scherzt Steinkühler. Trainer Meier begrüßt einige der ein Dutzend Anhänger, die das Training verfolgen, ruft: „Lächeln!“. Heute will er eventuell Elfmeter trainieren lassen. Man weiß ja nie.

Wie sich die Zeiten ändern. 2009 stieg Bielefeld zum letzten Mal aus der Bundesliga ab. Vor der laufenden Saison folgte sogar der Abstieg in Liga 3, nach an Dramatik nicht zu überbietenden Relegationsspielen (3:1 und 2:4 nach Verlängerung) gegen Darmstadt 98. Den entscheidenden Treffer erzielten die Darmstädter in der Nachspielzeit der Verlängerung des Rückspiels. Ein Knock-out, an dem manch ein Klub zerbrochen wäre. Nicht Arminia. Tabellenführer ist man, hat sieben Punkte Vorsprung auf den Relegationsplatz. Der Aufstieg? Formsache. Aber pssst, in Bielefeld hören sie das nicht gerne.

Für ein Spiel ist der Verein schon jetzt zurück auf der großen Fußballbühne. Das Duell gegen Gladbach - es könnte ungleicher nicht sein. Der Marktwert des Bielefelder Kaders liegt bei 7,55 Millionen Euro, allein Patrick Herrmann ist mehr wert. Gladbachs Gesamtmarktwert: 130,45 Millionen Euro. Arminias Kapitän und Torjäger Fabian Klos (27) hat vor sechs Jahren noch in der Niedersachsenliga gespielt, bei der Borussia stehen zehn Nationalspieler im Kader. Bielefeld-Trainer Meier will vor dem Spiel alles so normal wie möglich gestalten. „Wir werden in der Kabine keine China-Böller knallen lassen“, sagt er.

Ein Sieg brächte 2 Millionen Euro

Arminias Geschäftsführer Marcus Uhlig sitzt in seinem Büro im Stadion. Den 23. der ewigen Bundesligatabelle will er dauerhaft unter die besten 25 Mannschaften Deutschlands führen. „Auf Dauer ist die 3. Liga nicht möglich“, sagt er. Zu groß sind die Schulden (rund 25 Millionen Euro), zu klein die Einnahmen in der untersten Profiliga. Da kommt der DFB-Pokal gerade recht. Etwa 2 Millionen Euro soll Bielefeld allein durch das Erreichen des Viertelfinales eingenommen haben. Ein Sieg gegen Gladbach - und weitere 2 Millionen kämen dazu. Man wird ja noch träumen dürfen …

Der Aufstieg des Geschäftsführers. Sinnbildlich für das sympathische Bielefeld - und woanders eher undenkbar. Erst leitete er eine Medienagentur, wurde dann Arminias Pressesprecher und Teammanager und rückte 2011 zum Chef auf. Vorbei die Zeiten, in denen die Bosse den Fans das Blaue vom Himmel versprochen und nichts davon gehalten haben. Uhlig ist Realist, Optimist, Macher. Er will Kontinuität erreichen für den Verein. „Man muss Dinge auch mal durchhalten“, sagt er. Trainer Norbert Meier durfte trotz des Abstiegs bleiben. Potenzielle Neuverpflichtungen werden analysiert nach Charakter, Sozialisation und Elternhaus. Uhlig hat den Verein neu erfunden. Mit Vorstand, Fans und Sponsoren habe man herausgearbeitet, was Arminia Bielefeld ist. Ein Ergebnis ist das Klubmotto „stur, hartnäckig, kämpferisch“, weil man diese Attribute den Ostwestfalen nun mal zuspreche. „Wir sind halt nicht aalglatt“, sagt er.

Aufstieg als Pflicht, der Pokal als Kür

Michael Gehre gefällt das. Er arbeitet heute ehrenamtlich für den Verein, aus Dankbarkeit, weil der Klub „auch in persönlich schwierigen Situationen ein Anker war“. Er führt Besucher durch das Vereinsmuseum, hilft in der Geschäftsstelle aus. Manchmal zweifelt er natürlich an seinem Klub. Gehre hat Manager erlebt, die den Rasen auf der Alm lila einfärben wollten, weil eine Schokoladenfirma mit Werbeeinnahmen lockte. In seiner ersten Saison als Fan war Bielefeld in den Bundesligaskandal verwickelt. „Aber das mit den Zweifeln dauert nie lange“, sagt er. Der 57-Jährige freut sich auf das Gladbach-Spiel, und am 18. April folgt in der Liga schon das Derby gegen Preußen Münster, ein Spiel, das Bielefeld vielleicht noch ein kleines bisschen mehr elektrisiert. Der Aufstieg als Pflicht, der Pokal als Kür.

Trotz aller Rückschläge hält Gehre an einem Traum fest: Einmal möchte er Arminia Bielefeld in einem internationalen Wettbewerb sehen. „Und wenn’s in Reykjavík ist.“ Ein Sieg gegen Gladbach, und er dürfte weiter träumen.

Von Sebastian Harfst

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