Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Überregional DFB und DFL drohen mit Aus für Stehplätze im Stadion
Sportbuzzer Fußball Überregional DFB und DFL drohen mit Aus für Stehplätze im Stadion
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
20:01 11.01.2012
Aktueller Anlass: Am Freitag war es bei einem Hallenturnier in Hamburg zwischen Fans des Regionalligisten VfB Lübeck und des Zweitligisten FC St. Pauli zu heftigen Auseinandersetzungen gekommen.
Aktueller Anlass: Am Freitag war es bei einem Hallenturnier in Hamburg zwischen Fans des Regionalligisten VfB Lübeck und des Zweitligisten FC St. Pauli zu heftigen Auseinandersetzungen gekommen. Quelle: dpa
Anzeige
Frankfurt/Main

Dialog und Deeskalation genießen weiter Priorität, doch im Kampf gegen die zunehmende Gewalt im Fußball wollen die von der Politik unter Druck gesetzten Funktionäre der Dachorganisationen nicht gänzlich auf Drohgebärden verzichten. Nach dem zementierten Verbot von Pyrotechnik haben sich der Deutsche Fußball-Bund (DFB) und die Deutsche Fußball Liga (DFL) vor dem Fan-Kongress am Samstag in Berlin zwar für den Erhalt der Stehplätze in den Stadien ausgesprochen - allerdings nicht um jeden Preis.

Die entfachte Diskussion rührt an den Grundfesten der Fanszene und unterstreicht die nach den Krawallen von Hamburg dringlicher denn je erscheinende Forderung, die Spirale der Gewalt zurückzudrehen. „Stehplätze sind der Teil der Fan-Kultur, die schützenswert ist und um die uns viele in Europa beneiden. Aber wir werden unter Druck gesetzt und laufen Gefahr, die Fan-Kultur zu verlieren“, sagt DFL-Geschäftsführer Holger Hieronymus.

Ähnliche Töne schlägt der DFB-Sicherheitsbeauftragte Hendrik Große Lefert an. „Es geht nicht darum, alles zu beschneiden und auf Repression zu setzen. Aber die Fans müssen auch ein Signal geben, dass sie bereit sind, für den Erhalt ihrer Kultur etwas zu tun. Sonst kommen Hardliner mit Forderungen um die Ecke, die dann Leute treffen, die gar nicht im Fokus stehen“, erklärt der ehemalige Polizeibeamte.

Angesichts des von der Bundesregierung dokumentierten Höchststands von gewaltbereiten Fans und Verletzten bei Fußballspielen in der Saison 2010/11 läuten bei DFB und DFL seit längerem die Alarmglocken. Die Zahl der gewaltgeneigten (Kategorie B) und gewaltsuchenden (Kategorie C) Fans in den beiden Bundesligen ist in den vergangenen zwölf Spielzeiten von 6805 auf 9685 Personen angestiegen. In der 3. Liga sind es aktuell 3024, in den Regionalligen noch einmal 2230.

„Gewalttätige Ausschreitungen bewegen sich seit Jahren auf einem hohen Niveau, jedoch kann langfristig betrachtet eine zunehmende Steigerung der gewalttätigen Handlungen festgestellt werden“, teilte die Bundesregierung auf Anfrage von Abgeordneten mit. Christoph Schickhardt führt dies „eindeutig“ auf fehlerhaftes Verhalten der Clubs zurück. „Problemfans konnten nur salonfähig werden, da sich die Clubs nicht entschlossen genug von ihnen distanziert haben“, sagte der Sportrechtler dem „Hamburger Abendblatt“ (Mittwoch). „Der endgültige und notwendige Bruch mit gewaltbereiten Fans unterblieb mancherorts, um das Verhältnis mit den sogenannten Ultras nicht zu riskieren. Das ist für mich unentschuldbarer Populismus.“

Auch Große Lefert will das von Politik und Polizei geforderte härtere Durchgreifen als letztes Mittel nicht ausschließen. „Priorität haben immer deeskalierende Maßnahmen. Aber es ist kein Tabu, Polizei in die Fanblöcke zu schicken. Das kann in bestimmten Situationen eine denkbare Lösung sein“, sagt der DFB-Sicherheitsmann.

Zumal sich die einzelnen Fanströmungen zunehmend durchmischen und so schwerer kontrollierbar sind. „In letzter Zeit muss festgestellt werden, dass sich ein Teil der gewaltbereiten Hooliganszene in Ultra-Gruppierungen integriert hat“, stellt die Bundesregierung dazu fest. Zudem würden die Polizeibehörden berichten, „dass sie bereits Teile der Ultra-Gruppierungen in die Kategorie B und C einstufen.“

Das Verbot der Pyrotechnik sorgt für zusätzlichen Zündstoff und verhärtet die Fronten weiter. Nach Auskunft der Bundesregierung lehnen Ultras „den Dialog mit DFB, Vereinen und Polizei überwiegend ab“, was Große Lefert bestätigt. Der Zugang zu diesen Kreisen sei fast unmöglich. Große Lefert will zwar am Ball bleiben, gibt sich allerdings keinen Illusionen hin: „Diese Protestkultur lässt sich durch uns nicht auflösen. Das Manifest der Ultras hat für die Mitglieder eine größere Bindung als das Strafgesetzbuch. Und die Kompromissfähigkeit ist aufgrund der Protestkultur gleich null.“

In Frankfurt ist man daher auf alle Szenarien vorbereitet. „Die Gefahr nach dem Motto, jetzt zündeln wir mal richtig, wird an uns herangetragen“, berichtet Hieronymus. Azsgeschlossen bleibe aber eine Legalisierung der Pyrotechnik. „Es liegt nicht in unserer Hand, ob gezündelt wird. Vorfälle werden wir immer haben, episodenhaft auch mal mehr, aber es gibt keinen Spielraum“, meint Große Lefert.

Hieronymus befürchtet: „Es wird weitergehen mit der Unruhe in der Fanszene.“ Gerade deshalb setze man auf den Dialog. „Wir werden uns konstruktiv mit den Dingen beschäftigen, die wichtig sind, und hoffen, durch Gespräche ein Stück Akzeptanz zu finden. Denn wir müssen aufpassen, dass uns bestimmte Themen nicht wegrutschen.“ Momentan erscheint der Ex-Bundesligaprofi des Hamburger SV, wie viele andere auch, aber eher ratlos: „Wir haben keine Lösung des Problems.“

dpa