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Überregional Das Wembley-Stadion: Deutsches Finale im englischen Fußballtempel
Sportbuzzer Fußball Überregional Das Wembley-Stadion: Deutsches Finale im englischen Fußballtempel
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17:36 24.05.2013
Von Stefan Knopf
Foto: Das Wembley-Stadion in seiner imposanten Neubau-Pracht.
Das Wembley-Stadion in seiner imposanten Neubau-Pracht. Quelle: dpa (Archiv)
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London

Dieser Lärm. Sobald jemand die Kabinentür öffnet, kriecht er in den Raum. In den letzten Minuten vor dem Anpfiff sind die Spieler in der Kabine noch unter sich, Mannschaftsbesprechung, doch irgendwann müssen sie raus, hinaus in das Brodeln, das sich in der Ferne so ungeduldig ankündigt. Die Tür geht auf, die Füße setzen sich in Bewegung, und mit jedem Schritt scheint der Lärm die Spieler mehr zu umhüllen. Es sind nur wenige Meter bis zum Tunnel, in dem sich die Mannschaften treffen, um Seite an Seite ins Stadion zu marschieren. Dann gibt der Schiedsrichter das Zeichen, der Blick wird frei auf die monströse Tribüne auf der anderen Seite, die sich über die Köpfe erhebt wie ein Hochhaus; es geht hinaus auf den Rasen und hinein in das Tosen, das über die Spieler hereinbricht und für das die Engländer sogar einen eigenen Namen haben: Wembley roar, Wembley-Brüllen.

Wembley, da sind sich fast alle einig, die in diesem Stadion je ein Fußballspiel erlebt haben, ist ein extremer Ort. In Wembley erscheinen die Spiele noch spektakulärer als andernorts, der Rasen leuchtet noch ein bisschen grüner. Was dabei Erlebnis ist und was Einbildung, ist vermutlich nicht immer ganz klar, aber wahrscheinlich ist das auch nur schwer zu trennen. Es gäbe schlechtere Schauplätze für das erste deutsche Champions-League-Finale zwischen Borussia Dortmund und Bayern München am Sonnabend.

Wembleys Geschichte teilt sich in zwei Kapitel: in das alte Stadion mit seinen markanten Zwillingstürmen im Art-Deco-Stil, das 1923 anlässlich einer Kolonialausstellung gebaut und im Jahr 2000 abgerissen wurde. Und in das neue Wembley, eine 2007 eröffnete moderne Multifunktionsarena mit lauter Superlativen der Architektur. Wer heute nach Wembley kommt, der steht vor einem Koloss von einem Stadion, das immer noch ein bisschen größer und glitzernder wirkt, weil das Drumherum so trist ist. 133 Meter hoch spannt sich ein Bogen über die Arena, der einen Teil der Dachkonstruktion trägt und fast bis ans andere Ende der Stadt zu sehen ist, innen bietet das Stadion bis zu 90.000 Besuchern einen Sitzplatz. Nur ein Stadion in Europa ist noch größer, das Camp Nou in Barcelona mit rund 99.000 Plätzen. Doch wer den Mythos begreifen will, der sich um dieses Londoner Stadion rankt, wer verstehen will, warum alleine der Name Wembley bei Millionen Menschen auf aller Welt ein Kribbeln auslöst, der muss sich auf eine Spurensuche begeben nach dem alten Wembley; nach dem Ursprungsstadion, das bei seiner Eröffnung noch Empire Stadium hieß.

In der Saison 1992/93 wurde erstmals der Champions-League-Titel ausgespielt. Vorher firmierte der Wettbewerb unter Europapokal der Landesmeister. Der Pokal war der selbe.

Damit ein Gebäude eine Aura entwickeln kann, braucht es eine Reihe wundersamer Geschichten. Je eher, desto besser, und im Fall des Wembley-Stadions begann alles am Tag der Eröffnung, am 
28. April 1923. 120.000 Plätze hat das Stadion zu dieser Zeit, doch zum FA-Cup-Finale zwischen den Bolton Wanderers und West Ham United quetschen sich rund 200 000 Zuschauer in das Stadion. Sogar auf dem Rasen drängeln sich die Massen, die beiden Tore sind kaum zu erkennen. An einen Anpfiff ist nicht zu denken, bis sich der Polizist George Scorey auf seinem Schimmel Billie den Weg zum Anstoßpunkt bahnt. Ganz langsam zieht das Pferd seine Kreise, immer größer, und drängt die Zuschauer Runde für Runde zurück, bis der Rasen frei ist und die Partie vor den Augen von König Georg V. beginnen kann. Bolton gewinnt das Spiel, das als „White Horse Final“ in die englische Fußballgeschichte eingeht, mit 2:0, aber wichtiger an diesem Tag ist: Niemand wird verletzt. Der Mythos Wembley ist geboren.

Wembley wurde gebaut für das Spektakel. Nirgends gibt es im Fußball größere Dramen zu bestaunen als in Endspielen, und Wembley ist außer seiner Funktion als Heimstatt für die englische Nationalelf vor allem das: ein Endspielstadion. Hier kämpfen die englischen Klubs um den FA-Cup oder um den Carling Cup, kein Ligaspiel stört die Aura als Arena für den ultimativen Showdown. Auch Deutschland gönnt sich mit Berlin inzwischen einen festen Finalort für den DFB-Pokal, doch zwischen den alljährlichen Endspielen muss das Olympiastadion allerlei Langweiler mit Hertha BSC beherbergen.

In Wembley ist die Dichte an Fußballdramen besonders hoch. Da ist das FA-Cup-Finale 1953, in dem Blackpool einen 1:3-Rückstand gegen die Bolton Wanderers mit einem fulminanten Endspurt in einen 4:3-Sieg dreht. Das Finale 1956, in dem Manchester Citys deutscher Torwart Bernd Trautmann einen Genickbruch erleidet und trotzdem weiterspielt. Das WM-Finale 1966 zwischen England und Deutschland mit dem berühmtesten Tor aller Zeiten, dem Wembley-Tor zum 3:2 für die Briten. Und das EM-Finale 1996, das Oliver Bierhoff mit dem ersten „Golden Goal“ der Fußballgeschichte für Deutschland entscheidet. Der Lärm der Zuschauer ist ein ständiger Begleiter in diesem Stadion, und beim Bau der neuen Arena sollen die Architekten die Akustik dank modernster Messmethoden und Berechnungen weitgehend kopiert haben. So erzählen es zumindest die Engländer. Abseits davon kämpft das neue Stadion noch darum, die Geschichte seines Vorgängers fortzuschreiben.

Doch der Zauber dieses Ortes ist ungebrochen, nicht nur im Sport. In der Musikszene gilt Wembley als Referenzgröße: Wer es hierher schafft, der spielt noch mal in einer anderen Liga. Take That hat vor zwei Jahren achtmal in Folge im neuen Wembley-Stadion gespielt, so oft wie keine andere Band und kein anderer Künstler zuvor. Michael Jackson hat insgesamt
15 Konzerte in Wembley gespielt, mehr als irgendjemand sonst. 1985 war Wembley Teil von Bob Geldofs Live-Aid-Spektakel, 1988 feierten die Stars hier den 70. Geburtstag von Nelson Mandela und protestierten gegen die Apartheid in Südafrika.

Als das alte Stadion abgerissen war, stockten die Bauarbeiten für die neue Arena, die Kosten verdreifachten sich von 
470 Millionen auf 1,5 Milliarden Euro, aber auf die Idee, auf den überteuerten Tempel zu verzichten, kam in England niemand, jedenfalls nicht öffentlich. Zu viele betrachten Wembley als nationales Symbol.

Eine der kleinen Geschichten, die das neue Wembley bislang geschrieben hat, geht so: Im Jahr 2006 sollen Wembley-Bauarbeiter in einem Wettbüro darauf gesetzt haben, dass das Stadion nicht wie geplant zur (mehrfach verschobenen) Eröffnung 2007 fertig wird.
In der riesigen Arena ist noch viel Platz für sportlichen Stoff. Das Finale am Sonnabend böte eine gute Gelegenheit.

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